Das halte ich persönlich für das größte Missverständnis bezüglich Historismus, der sich so verbreitet. Wir haben heute praktisch eine komplett industrialisierte Bauindustrie, das heißt jedes Bauteil entstammt einem Massenprozess. Dies würde bei gleicher Deutungsweise heißen, es ist unmöglich mit den heutigen Mitteln künstlerisch besonders werthaltige Werke zu schaffen.
Mir ging es um den Blick vom Historismus zurück in der Architekturgeschichte. Im Historismus finden wir das erste Mal die Situation vor, dass Bauschmuck nicht manuell und somit individuell am oder für den Bau (auf eine Ausnahme gehe ich gleich weiter unten ein), sondern in geradezu unbegrenzter Anzahl für den Massenmarkt industriell gefertigt wurde, aus dem sich jeder wie aus einem Baukasten bedienen konnte. Natürlich kann auch die Komposition der einzelnen Elemente als ein schöpferischer Akt angesehen werden, aber dennoch haben wir hier einen epochemachenden Bruch in der Baukunst, der das individuelle Kunsthandwerk in den Hintergrund drängt.
Nun zu der Ausnahme: Wir finden solche Ansätze bereits in der Backsteingotik, in der normierte Formsteine mit entsprechenden Profilen in großer Zahl vorgefertigt wurden und die dann für allerlei Einsatzzwecke wie Pfeiler, Portale, Fenster bis hin zum Maßwerk eingesetzt werden konnten. Der Unterschied bestand hier allerdings darin, dass es keine industrielle, sondern eine serielle Produktion ist. Die Steine wurden weiterhin manuell hergestellt und die Vorlage wurde dann mehr oder weniger genau getroffen.