Berliner Schloss

  • An dieser Stelle sei auf die schon im TV-Thread genannte neue ARD-Doku „Das Humboldt Forum – Ein Schloss für Berlin und die Welt?“ verwiesen:

    >> Link zur ARD-Mediathek

    Diese Doku finde ich sehr informativ - solange man gedanklich die Kommentierungen der Sprecher ausblendet. Wer beispielsweise öffentlich von (Zitat) "Bismarcks Welteroberungen im Kolonialzeitalter" schwafelt, betreibt Geschichtsfälschung.


    Die Vielzahl der Meinungen von Menschen mit einem tatsächlichen Bezug zum Thema gab hingegen einen guten Eindruck der Hintergründe dieser kontroversen Debatte. Und die Filmaufnahmen bildeten einen interessanten Rahmen.

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    Gutmensch = Gut gemeint, nicht zuende gedacht, schlecht gemacht

  • "In der zweiten Juni-Woche sollen nun die Innenhöfe mit Gastronomie und Shop zugänglich gemacht werden."

    Die Höfe offenbar schon einen Monat eher als das Gebäude selbst.

  • An dieser Stelle sei auf die schon im TV-Thread genannte neue ARD-Doku „Das Humboldt Forum – Ein Schloss für Berlin und die Welt?“ verwiesen:

    >> Link zur ARD-Mediathek


    [...]Die übliche Selbstbeschäftigungstherapie der Protagonisten des Zeitgeists also, alldem Geschwafel zum Trotz wird die Bevölkerung das Humboldtforum lieben.

    Ich hab’s mir angetan, und der letzte Satz trifft’s auf den Punkt. Es ist einmal mehr die Selbstinszenierung und Nabelschau einer abgehobenen Kulturelite, die an allem was mit diesem Bau zu tun hat, doch so sehr zu leiden scheint.


    Von den Autoren der Sendung (Freyer/Schlumbom), über Grütters, Viola König, (die sich beklagen darf, innen „sei zu viel Schloß“, obwohl es noch keinen einzigen rekonstruierten Innenraum gibt (weiß man gleich woher der Wind wehen wird, sollte sich bald tatsächlich die Frage z.B. des Wiedereinbaus der Gigantentreppe stellen) und sie wäre mit ihren genialen Ideen von McGregor übergangen worden etc.), bis hin zu Dorgerloh, der eine recht ernüchternde Sicht hat und das Konzept als eigentlich für überholt hält. Sein Fazit, welches nur so von kulturellen Selbstzweifeln kündet: „Man kann nicht unschuldig rekonstruieren.“ Als ob der Führerbunker und nicht das Schloss rekonstruiert worden wäre. Fast keiner hat irgendwas überwiegend positives zu sagen. Diese armen Krämerseelen. Weiter schwadronieren die Autoren: „Die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit hat den Museen nicht nur eine schwere Hypothek beschert, sondern auch die Möglichkeit eine wichtige gesellschaftliche Debatte führend mitgestalten zu können.“ Eine wichtige gesellschaftliche Debatte also, wichtig zur Selbstbeschäftigung in einem sehr sehr kleinen Kreis. Und dann diese ewige Phrasendrescherei, perfekt fürs Bullshitbingo: „Dialog“, „auf Augenhöhe“, „Kolonialismus“, „imperialistisch“ etc. etc. dazu noch ein bisschen Geschichtsfälschung wie oben von Martintre angesprochen, welche mir ebenfalls aufgefallen ist.


    Einmal mehr wird die Kuppel und das Kreuz in Frage gestellt. Auch hier fällt wieder auf: man berichtet nicht einfach, z.B. dass diese Diskussion hauptsächlich auf diese dubiose Stiftung Zukunft Berlin samt medialem Begleitfeuer zurückzuführen war und hier ausgerechnet Grütters in der „Diskussion“, die ja hauptsächlich aus ein paar Feuilletonartikel und Pressemitteilungen bestand, Unterstützungshilfe geleistet hat (was man sich gar nicht vorstellen kann, wenn man die Passage sieht, in der sie McGregor das Schloss vorstellt und es im Prinzip gleich mal madig macht und typisch deutsch, in ihrem Erklärungsfuror ihn gar nicht zu Wort kommen lässt, wirklich, achtet auf diese kurze Filmsequenz, so schaut der "Dialog" aus, gleich erst mal die Leute einnorden, damit sie wissen, wo es lang gehen soll und was die richtige Meinung ist), oder es auch andere fundierte Meinungen gibt, wie z.B. die in der FAZ veröffentlichte unseres geschätzten Mitforisten. Nein, die Autoren übernehmen die Position der Gegner und stellen in Frage, ob man sich mit Bibelspruch und Kreuz auf Augenhöhe begegnen kann. Die selbstverleugnerischen Tendenzen und das so eine Haltung ja gerade nicht „auf selber Augenhöhe“ bedeutet, fällt ihnen freilich nicht auf.


    Man möchte irgendwann fragen, wenn ihr alle so sehr damit hadert, warum tut ihr euch das an? Die (halb) ehrliche Antwort gibt Gorch Pieken: Zwar trauert er um den Palast der Republik, aber er sei quasi „bestochen worden“ durch die Möglichkeiten, die das neue Humboldtforum bietet. Man darf annehmen, nicht nur durch die Möglichkeiten, sondern wie alle anderen auch durch das reichliche Geld, das fließt.

    (Unwillkürlich muss ich immer bei all diesen sich ganz besonders wichtig meinenden Personen an Claus Peymann denken, obwohl er natürlich nichts mit dem Schloss zu tun hat.)


    Hermann Parzinger wird wiederum geschnitten als er (vermutlich) erklärt, warum die Rückgabe von Kunstgegenständen ein unendlich komplizierter Prozess ist und man eben nicht einfach die Sachen packen und abliefern kann, aber das wäre wahrscheinlich zu viel Ehrlichkeit dem Publikum gegenüber. Wobei ich durchaus mit Heimdalls Idee, einfach alles in Container verpacken und ab die Post, sympathisiere. Aber dann würden diese ganzen "Dialogrunden" und deren staatlich alimentierten Teilnehmer überflüssig. Freilich dürfte auch in den Heimatländern der Gegenstände das Interesse daran gar nicht so groß sein. Man erwartet schließlich eine der „Freundschaft“ entsprechende „großzügige Geste“. (Vollends zur Realsatire wird der ganze Film übrigens, als man einen Nachfahren einer dieser Buschkönige zeigt, wie er gerade durch seine Heimatstadt eine Prozession abhält, sich huldigen und durch seine Handlanger die Luft zufächeln lässt. Nicht, dass ich das an sich seltsam finde, denn es sind Jahrhunderte alte Kult(ur)techniken, die es ja auch bei uns gab und gibt. Aber gerade so etwas steht ja für überkommene Prinzipien und Werte, mit denen die Autoren hierzulande so große Bauchschmerzen zu haben scheinen, und ausgerechnet das bleibt dann unkommentiert, wenn es live und in Farbe vor den Kameras ganz unironisch praktiziert wird? Hier drückt sich einmal mehr die Doppelmoral der „ARTE-Schickeria“ aus: Was westlich ist, soll dekonstruiert, nivelliert, ja atomisiert werden und in der Fremde lockt der „edle Wilde“, das Abenteuer, die Exotik. Auch eine Form von Rassismus.


    Der einzige, der leuchtet in seiner großbürgerlich-liberalen Art, ist wie immer von Boddien aber den hat man eher kurz gehalten.

    Schön auch ein paar Bilder des Entstehungsprozesses der Barockskulpturen zu sehen und die Symbiose von Vater und Tochter Kösler.


    Ob die Bevölkerung das Humboldtforum langfristig lieben wird, wird man sehen, ich hab meine Zweifel, ob die Ausstellungen nach der Anfangseuphorie in den ersten Jahren so der Renner bleiben. Wohlgemerkt unterscheide ich da zwischen Besuchern des Berliner Schlosses allgemein und denen der Ausstellungen, also im engeren Sinn des Humboldtforums. Schon allein wegen der Lage und der Außenarchitektur, aber auch für Fressalien, Events und Ausblick - um es mal platt auszudrücken - wird immer viel los sein. Das Schloss ist jetzt schon ein nicht mehr wegzudenkender Teil des Stadtgefüges. Andererseits steigt der Druck, die Ausstellungen immer mehr von der Präsentation von Weltkulturen in eine Art Antikolonialmuseum mit moralisierender Schlagseite zu verwandeln. Ich bin jedenfalls gespannt, ob die abgefilmten und abgeformten Beninbronzen oder die Südsee-Segelboote in aseptisch wirkenden Räumen in weiß oder schwarz mit moralischen begleitenden Zeigefinger, Projektionen von Fischschwärmen an der Wand oder das innere einer Diskokugel so sehr von Interesse sind und außerhalb von Fachpublikum und zwangsweise durchgeschobenen Schulklassen dauerhaft ein hohes Publikumsinteresse entwickeln werden - oder ob es schon bald heißt: ein neues Konzept muss her...

  • thommystyle™


    Vielen Dank für diese treffende und scharfsinnige Analyse.


    Mir fällt mittlerweile leider auf, dass sich viele Journa-listen in der Rolle des Erziehers der Bevölkerung sehen. Mit moralinsaurem Gesicht und dem erhobenen spitzen Zeigefinger des Lehrers Lämpel wird der scheinbar irregeleitetend, dummen Masse der Menschen erklärt, was politisch korrekt ist, und was nicht. Eigentlich ist das schon wahnsinnig arrogant.


    Insofern finde ich Deine Analyse, thommystyle™, weit aussagekräftiger und interessanter als den Arte-Bericht.


    Ich freue mich riesig über das schöne Schloss. Da können die Gegner noch soviel ungerechtfertigten moralischen Unrat darüber kippen. Im Grunde genommen diskreditieren sich die hysterischen Schlossrekogegner selbst.

  • Ich habe mir die Doku ebenfalls angetan. Es ging mehr um Kolonialismus als um das Gebäude selbst, auch wenn einige interessante Szenen mit Wilhelm von Boddien enthalten waren.


    Mein Highlight war, als jemand mehr oder weniger empfahl, deutsche Kunstschätze ans Ausland zu verschenken, da das dann sozusagen kolonialistische Gleichberechtigung wäre. Hoffentlich hat das jetzt kein Politiker gehört, dachte ich mir nur dabei.


    Der Vorschlag aus der Redaktion, man hätte die barocke Fassade durch moderne Elemente unterbrechen können, um dem preußischen Gedankengut etwas entgegenzusetzen, war aber auch nicht schlecht.

    Obwohl gerade zuvor noch die modernen Fassaden vonseiten der Bildhauer kritisiert wurden.

    "Moderne Architektur heißt seit über 50 Jahren: Rechtwinklig, weiß, kahl, leer, gebaut von immer schwarzgekleideten Architekten."

    -Gerhard Kocher

  • Ich weiß nicht, ob es schon bekannt ist: Der Förderverein wird (im Juni/Juli?) in das Portal IV umziehen und dort auch das Altstadtmodell zeigen. Bis zum Umzug möchte der Förderverein gerne weiterhin den Container als Domizil nutzen. Das habe ich in einem Gespräch mit Herrn v. Boddien vor einer guten Woche erfahren.

    Wissen allein bringt nichts. Nur das angewandte Wissen verändert die Dinge.

  • ArthurV.Aragon


    Vielen Dank für den Link zu diesem wundervollen Film. :love:


    Das Schloss sieht noch weit prächtiger und schöner aus, als ich es bisher auf Photos wahrgenommen habe. Was für ein wundervoller ästhetischer Bau, erschaffen durch enorme handwerkliche Kunst und gegen so viele Widerstände.


    Ich bin überzeugt davon, dass eines Tages auch die Vernunft und der gute Geschmack dafür sorgen, dass das Schlossumfeld angemessen und ästhetisch gestaltet werden.

  • Der vom ARD gewünschte moderne Akzent hätte wahrscheinlich so ausgesehen:

    https://www.dresden.de/media/v…4x490_mhmd_kopfgrafik.jpg

    Hat die Schönheit eine Chance-Dieter Wieland

  • Hier der inzwischen vierte Teil der Serie. Diesmal über die Nordfassade und den Apothekenflügel.

    "Moderne Architektur heißt seit über 50 Jahren: Rechtwinklig, weiß, kahl, leer, gebaut von immer schwarzgekleideten Architekten."

    -Gerhard Kocher

  • Bist du auch der Ersteller des Videos? :smile:

    Leider nein. Laut Kanalinfo handelt es sich wohl um einen Chilenen.


    Die Begeisterung über Architektur scheint keine Grenzen zu kennen. :thumbsup:

    "Moderne Architektur heißt seit über 50 Jahren: Rechtwinklig, weiß, kahl, leer, gebaut von immer schwarzgekleideten Architekten."

    -Gerhard Kocher

  • Auch die NZZ ist nicht immer objektiv. Hier ein Artikel zum Humboldt-Forum mit folgender Einleitung:


    https://www.nzz.ch/feuilleton/…chuld-verliert-ld.1627147

    "Die Entscheidung für ein Schloss – Machtsymbol von Herrschern und Eroberern – steht unter Rechtfertigungszwang. Das Hohenzollernschloss war aus einer spätmittelalterlichen Zwingburg entstanden, die den Berliner Bürgerwillen hatte brechen sollen. Einen Nach- oder Neubau konnte deshalb einzig die künstlerische Qualität des Zerstörten legitimieren. Die rekonstruktiv zitierte Barockhülle musste mit einem Sinn befüllt werden, der jeden restaurativen Verdacht ausschloss."


    Punkt 1: Warum sieht der Autor in einem Schloss nur ein Machtsymbol von Herrschern und Eroberern? Wenn man so will, ist auch das Bundeskanzler*innenamt ein solches Machtsymbol. Übersieht der Autor, dass ein Residenzschloss in erster Linie Regierungssitz und Zentrum der Staatsverwaltung war?


    Punkt 2: Das Schloss wurde als Zwingburg erbaut, war es aber spätestens ab dem 17. Jh. nicht mehr. Seine rekonstruierten barocken Fassaden standen für eine gänzlich andere Funktion (Rekultivierung Preußens nach dem Dreißigjährigen Krieg, Religiöse Toleranz, Frühaufklärung, Kunstförderung anstelle von Kriegsführung). Insofern ist es unredlich, die ursprüngliche Funktion als dauerhafte Charaktereigenschaft zu suggerieren.


    Punkt 3: Wieso muss die Rekonstruktion einer barocken Hülle durch eine sinnstiftende "Befüllung" legitimiert werden? Reicht es nicht, dass sie einfach Architektur von Weltrang war?


    Punkt 4: Wenn der Wert von Kunst sich nach der - gerade herrschenden - Moral bemisst, müssen wir dann nicht 70 Prozent aller Kunstwerke in die Depots der Museen verbannen, weil an ihnen unredlich erworbenes Geld, unrechtmäßige Herrschaft, ein veraltetes Menschen- oder Gesellschaftbild usf. anhaftet?


    Fazit: Wenn der Autor mehr "historische Reflexion" von den Betreibern des Humboldt-Forums erwartet, sollte er bei sich selbst einmal anfangen....

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • ^ Da mögen wieder einige aufschreien, aber für mich ist auch diese journalistische Argumentation ein Ausfluss neomarxistischen Denkens.


    Demnach ist die Geschichte etwas negatives. Erst im künftigen Paradies der Gleichheit wird sich die Geschichte aufgelöst haben, werden alle Konflikte, Kriege, Machtverhältnisse beendet und eine neue Welt der allgemeinen Kooperation entstanden sein.


    1945 war ein wichtiger Meilenstein dahin, aber dieser ist längst auch nicht unumstritten. Stichwort: Restauration, Adenauer-Republik. Muff unter den Talaren. Dann Bimbo-Kohl-Ära. usw. Erst 1968 begann der wirkliche Fortschritt. Aber auch dieser kann heute bereits kritisch gesehen werden, da auch dort noch patriarchale Strukturen herrschten usw. Das Gute ist eben stets nur an der Spitze der egalitären Avantgarde der Gegenwart.


    Demnach ist jeder Bezug auf Vergangenheit (was Rekonstruktionen einschließt) ja schlecht, denn es ist eine Bezugnahme auf das "Problematische", auf eine Welt die scheinbar weiter vom egalitären Paradies entfernt ist, die von Gewalt und Machtverhältnissen geprägt ist.


    Einzig eine historische Bezugnahme wird als positiv bewertet. Das ist der Bezug auf den Klassenkampf (der heute in Form eines Rassenkampfes gegen "alte, weiße Männer" eine neue Häutung erfährt) und auf die jeweilige revolutionäre Avantgarde. Deshalb sind auch Rekonstruktionen von Bauhaus-Gebäuden kein Problem, stellten sie doch zu ihrer Zeit die Avantgarde dar, den größtmöglichen Bruch mit der vorangegangenen Historie.


    Dass natürlich diese Neomarxisten selbst stets Gewalt und Macht ausübten, ist ein Paradoxon. Aber es geschieht ja stets für die gute Sache.


    Um den Bogen zu schließen: Hier merkt man, wie selbst bei der NZZ bereits dieses Gedankengut eingesickert ist. Es geht ganz schleichend und hat bereits fast sämtliche Bereiche des kulturellen Überbaus erfasst. Und es lässt nichts gutes für die Zukunft erahnen, wenn man weiß, wie die vergleichbaren Experimente zuvor ausgingen.

  • Die NZZ denkt womöglich, dass die Expansionsbestrebungen hin zum großen Nachbarn eines neuen inhaltlichen „Tonfalls“ bedürfen. Es fällt seit einiger Zeit ohnehin auf, dass die kritische Haltung, die die NZZ auszeichnete, bei deutschen Themen zunehmend Kompromisse eingeht und sich dem deutschen Mainstream annähert (um nicht zu sagen: anbiedert). Bestenfalls kann man in diesem Fall unterstellen, dass der republikanische Geist der Schweiz Schlössern grundsätzlich kritisch gegenübersteht. Aber es ist wohl eher die Angst vor den eigenen Ambitionen, tatsächlich zu einer publizistischen Alternative in Deutschland zu werden.