Berliner Schloss

  • Die Linearität (vorwärts/rückwärts) und die angebliche Korrektur der Geschichte legt ein bedenkliches Weltbild an den Tag. Seit über 2000 Jahren werden zerstörte Bauten wiederhergestellt und mitunter schreiben rekonstruierte Bauten wie der Markusturm in Venedig oder die Warschauer Altstadt eine neue Geschichte. So ist es ja auch beim Museum Barberini in Potsdam oder dem Berliner Schloß.

    Daß sich durch eine zeitliche Vorwärtsbewegung nicht alles zum Besseren wendet zeigt die Geschichte - berühmtestes Beispiel ist der Verfall des Römischen Reiches inkl. des Verlustes von viel Wissen, u.a. dem Rezept für unter Wasser aushärtenden Beton.


    Ursächlich ist das politische Selbstbild eines Bauhaus-Berufsstandes, das den Anspruch erhebt die Welt und die Menschen zum Besseren zu verändern. Der Nachweis für diese bis dato nach wie vor unwidersprochnen These steht noch aus, schlimmer: nach dem Bauhaus folgten in Deutschland zwei Diktaturen in die in beiden Fällen Bauhäsler mehr als verstrickt waren. Deshalb wäre die Architektenschaft besser beraten Bauten zu entwerfen, die von der existierenden Gesellschaft akzeptiert werden statt - im besten Falle - einem Hirngespinst hinterherzujagen.

    „Kreativität entsteht nicht durch Überfluß sondern durch Mangel.“
    Richard David Precht

  • Gut, dass man hier der Moderne nicht gänzlich vertraut hat, sonst müsste man diesen Ort in 30 Jahren erneut völlig neu bauen.

  • Bei "Humboldt Forum" wird nichts gefunden.

    Korrektes Suchwort: "Berliner Schloss"

    Ich denke "Humboldtforum" wird sich genau so wenig durchsetzen wie einst "Telespargel" (für St.Walter, ) .


    Für die Menschen wird das HF das Schloß bleiben, wie es seit eh und je hieß.

  • Vermutlich wird sogar die Beschäftigung mit der Mythologie zunehmen, bei all den neuen Figuren auf dem Schloss.

  • Ja, ja die Mythologie, die griechische allerdings in diesem Falle und dieser bedienten sich in alten Zeiten die herrschenden Eliten und später das aufgeklärte und gebildete Bürgertum.

    Dieser Tage habe ich mir mein kleines altes Büchlein zur griechischen Mythologie aus dem Regal gezogen und mal die Heldentaten des Herakles nachgelesen. Prangt er doch gleich zweimal am Schloß. An der Westfassde hat er sogar cool das Fell des nemäischen Löwen über den Arm geschwungen und lässig die Keule geschuldert. Die Tötung des nemäischen Löwens, einen Untier in der Nähe von Nemäa ist seine erste Heldentat von zehnen, die ihm König Eurystheus aufgetragen hatte. Schließlich wurden's zwölfe und derweil ua. noch weitere Ungeheuer erlegt. Den Mut und die heldenhafte Kraft eines Herakles täte uns heutzutage gut. Insofern ist der nemäische Löwe auch in unseren deutschen Landen gerade sehr aktuell, oder!? :wink:cool:):opa:

  • Die stoische Philosophie hat Herakles darüber hinaus als Inbegriff des geduldigen Tragens von Mühsal und der heroischen (Selbst-)Aufopferung gedeutet, die Kirchenväter haben später Analogien zu Christus (Herkules Christianus; Bibliothekssaal Stift Melk) oder Petrus gesehen (claviger = Keulenschwinger, aber auch Schlüsselbesitzer; in diesem Sinne wurde beispielsweise ein karolingischer Thron, der antike Elfenbeintafeln mit den Herkulestaten enthält, als die originale Cathedra des Apostelfürsten verehrt).


    In der Staatskunst Karls VI. wurden die Herkulestugenden Fortitudo und Constantia (Tapferkeit und Ausdauer/Standhaftigkeit) durch zwei Säulen verbildlicht: auch in Anspielung auf die Säulen des Herkules bei Gibraltar (damit verbunden der Anspruch auf den spanischen Thron) sowie auf die Säulen des salomonischen Tempels Jachin und Boas, die so ziemlich dasselbe bedeuten (Er steht fest, in ihm ist Kraft). Herausragendes Beispiel: die Karlskirche in Wien.


    Die von Herkules erworbenen Hesperidenäpfel wiederum wurden einerseits mit den Pomeranzen gleichgesetzt, andererseits aber auch mit dem Reichsapfel, weshalb die Herkules-Hesperiden-Ikonographie v.a. bei den Kurfürsten eine besondere Rolle spielte: zu denken wäre hier besonders im als Orangerie errichteten Dresdner Zwinger, an "Pommers-"felden, aber auch an Heidelberg und Mannheim (Reichsapfel im Wappen der Kurpfalz).


    Herkules ist somit das exemplum virtutis schlechthin. Der Figurenschmuck an barocken Schlössern diente also nicht nur der Selbsterhöhung des Herrschers, er war auch ein Fürstenspiegel. Entsprechend sind die Treppenhäuser v.a. des süddeutschen Barock als herkulische Tugendwege gestaltet, die aus dunkler Enge in lichte Weite führen, per aspera ad astra. Herrschaft musste im Sinne adliger Standesethik zumindest formal durch Verdienst erworben werden - anders als in Frankreich genügte die Geburt nicht. Die Adelskultur des Heiligen Römischen Reiches war immer auch meritokratisch-kompetitiv, was sich auch im Wetteifern auf dem Feld der Schlossbaukunst zeigte.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • Als ich die Herakles-Statue von Andreas Schlüter zum ersten Mal sah, stieg sogleich ein anderes Bild vor mir auf: Nemea, der Ort, an dem Herakles, wie SchortschiBähr schreibt, den Nemäischen Löwen getötet hat.


    Ich war hier 1963 auf einer Radfahrt nach und durch Griechenland. Ein glücklicher Ort, gebettet zwischen Olivenhainen, Weinreben und Mandelbäumen in einem weiten grünen Tal. Der Zeustempel lag noch mitten in den Reben, die Trauben waren gerade reif, die Mandeln, mit einem Stein herausgeschlagen, schmeckten wunderbar dazu. Die meisten Säulen des Tempels lagen in Reihen von Trommeln noch auf dem Boden, nur drei oder vier standen aufrecht. Heute hat man weitere aufgerichtet - ich denke, ein Gewinn.


    Heute steht die prächtige Kopie der Statue des Herakles von Schlüter auf dem Großen Risaliten im Schlüterhof mit Keule und dem Fell des Nemeischen Löwen und vervollständigt für mich die alten Erinnerungen in sehr beglückender Weise.


    Der Tempel des Zeus in Nemea:

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

  • Ich denke, es sollte auch nicht unerwähnt bleiben, daß die hellenistische Baukunst in unsere Architektur des Klassizismus Einfluß nahmen.


    Diese sind insbesondere auch beim Schloß zu bemerken.

  • Die ZDF-Doku "Protz, Prunk und Preußen" über das neue Berliner Schloss ist online. Inhaltlich ist neben schönen Fassadenaufnahmen aber nicht viel Neues zu sehen, die Doku ist überwiegend ein Neuzusammenschnitt von Beiträgen, die schon im Rahmen der Eröffnung Mitte Dezember gezeigt worden sind. Aber immerhin, die Berichterstattung ist recht ausgewogen, und das ist in der heutigen Zeit ja schon sehr viel Wert. :wink:


    https://www.zdf.de/dokumentati…otz-und-preussen-100.html

  • Hat sich mal jemand die Kommentare unter dem ZEIT-Artikel durchgelesen? Es ist erschreckend, wie viele dort den Bau nur durch eine pauschale Symbolbrille betrachten können ...