Belvedere - Architektur der schönen Aussicht

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Seinsheim wrote:

      ... würde mich interessieren, ob der Dachaufbau des Regimentshauses die Rekonstruktion eines barocken Zustandes ist oder ob es sich um eine barockisierende Ergänzung im Rahmen des Wiederaufbaus handelt.
      Ich denke das Belvedere ist Teil der originalen barocken Planung (vgl. historische Bauzeichnung) und irgendwann später aus irgendwelchen Gründen leider wieder entfernt worden.
      Grundsätzlich ist das Belvedere für mich ein sehr bereicherndes Schmuckkästchen auf dem Dach, wie ich sie in der Toskana und Rom schon zu Hauf gesehen habe und überaus liebe (vgl. z.B. die Medici-Villa Petraia bei Florenz, Foto)
    • Hui, hui, das hätte Seinsheim nicht tun sollen und Henry schreibt die beiden Belverderes würden in natura gut korrespondieren. Ich ergänze noch, nachdem Seinsheim seine römischen Belverderes gepostet hat: Na, angesichts dieser Beispiele aus der Architekturgeschichte würde ich sagen, auch damals gehorchte nicht alles den Harmoniegesetzen und im Umkehrschluß hat Blobel nicht einmal so daneben gegriffen. Das Belvederechen auf dem Regimentshaus läuft allerdings den römischen Beispielen ja echt den Rang ab. Ich wurde nämlich nach den Fotoperspektiven sagen kein einziges Belverdere harmoniert mit seinem Palazzo. Wirken alle irgendwie deplaziert. Entweder zu klein, oder viel zu groß, entweder asymmetrisch oder sonstwas. Also alles war damals erlaubt. Warum auch nicht. Versteht mich bitte richtig. Finde ich nicht schlecht. Beim Belverdere hörte wohl der Ernst der klassischen Architektur auf (schlussfolgere ich jetzt mal voreilig) und es ging, um was es ging, einzig um die schöne Aussicht. Jawohl!
      Also ein Pluspunkt für Blobel. Es lebe die Vielfalt und die Anarchie der Belverderes ... ! :thumbup:
    • Um dem Eindruck der anarchischen Stadt entgegenzutregen: Hier einige Bilder, auf denen das Belvedere entweder ganz dezent ist (Palazzo Cinque Stelle, Rom), sich wunderbar in die Dachlandschaft des gesamten Hauses (Villa Medici) oder ganzen Stadt mit mit ihren Campanili und Kuppeln einfügt bzw. Teil der Fassade ist (Villa Tusculana, Villa Aldobrandini in Frascati, Palazzo Falconieri). Ich hoffe, es ist für jeden etwas dabei.






    • Okay Seinsheim, jetzt haste wieder was gut gemacht. Die beiden letzten Beispiele harmonieren sehr schön. Bei der Vedute über Rom ist mir die Gänsehaut gelaufen. So eine grandiose Ansicht: die ewige Stadt !
      Bei der Villa Medici würde ich nicht unbedingt von einem Belvedere ausgehen. Hier wächst es organisch aus der gesamten Hausarchitektur heraus. Man könnte auch von Flankentürmen mit verbindender Dachterrasse sprechen. Die Funktion ist freilich die eines Aussichtsplatzes. Das dritte Beispiel hat wieder was Improvisierendes, Aufeinandergestapeltes, hinzugefügt Übertriebenes, wie übereinander gestellte Theaterkulissen. Man zeigt halt, was man auf der Banca hat, definitiv viel (Ja, das so zu sehen braucht eine neutrale Herangehensweise, d.h. die Ehrfrucht vor der italienischen Rennaissance- und Barockarchitektur zu überwinden.)
      Das Romanushaus in Leipzig, auf das uns Saxonia aufmerksam machte ist allerdings wieder das gelungenste von allen Beispielen m.A. nach. Wenn auch die Italiener die Ideengeber sind, die Deutschen haben dem eine leichte Note, eine heitere, bewegte Zugewandtheit verliehen. Der deutsche Barock scheint mir fast wie volksnäher/bürgerlicher sich entwickelt zu haben, als er sich von seinen italienischen Vorbildern ablöste. Das Leipziger Beispiel ist ja auch eines aus einer Bürgerstadt, also kein Adelspalais, oder!??
    • Na ja, als Romanophiler bevorzuge ich natürlich das Belvedere des Palazzo Falconieri von Borromini (letztes Foto). Aber ich gebe zu, dass das Leipziger Beispiel sehr gelungen ist. Ein Belvedere wie eine päpstliche Loggia zu gestalten, wäre eben alles andere als bürgerlich. Zugleich wäre ein so luftiges Belvedere im nordalpinen Raum auch unter klimatischen Gesichtspunkten problematisch.
    • Ich denk mehr an so etwas:



      in M.Trübau gibt es auch so was:

      Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
      14. Buch 9. Kapitel
      Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.
    • Lieber @SchortschiBähr, das wäre sicherlich ein eigenes Thema, aber ich fürchte, nach einigen Seiten wäre der Strang erschöpft. Es ist eben kein Thema, das für dauerhafte Diskussionen sorgt wie Frankfurt, Dresden oder das Berliner Schloss. Und die Eröffnung immer neuer Stränge könnten vielleicht den ganze Blog auf Dauer unübersichtlich machen. Wie siehst Du das?
    • Doch Seinsheim, solche Stränge bereichern das Forum. Auch wenn es wahr ist, dass solche Themen nach ein paar Seiten erschöpft sind, erinnert sich jemand nach Jahren wieder daran, wenn er irgendwo zuifällig ein anderes Belvedere findet. Ich könnte ein paar solcher Stränge aufzählen, beispielsweise den Brückenstrang, der ganz sicher noch nicht ausgeschöpft ist.
    • Ich habe nun daraus wie vorgeschlagen einen separaten Strang gemacht.


      SchortschiBähr wrote:

      [...] Bei der Villa Medici würde ich nicht unbedingt von einem Belvedere ausgehen. Hier wächst es organisch aus der gesamten Hausarchitektur heraus. Man könnte auch von Flankentürmen mit verbindender Dachterrasse sprechen. Die Funktion ist freilich die eines Aussichtsplatzes. [...]
      ...und das ist doch das was ein Belvedere zum Belvedere macht, Schortschi. :zwinkern:

      Hier mal ein Beispiel für ein Belvedere, welches hier im Forum recht bekannt sein dürfte.
      Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.
    • Man hat sicher eine schöne Aussicht von da oben, aber das im letzten Beitrag gezeigte Beispiel würde ich eher als 'Söller' bezeichnen.
      Zitat Wikipedia: "...ein hölzerner oder steinerner Austritt am oberen Stockwerk. Der Söller ist bis zum Erdboden untermauert und mit einer Brüstung versehen."

      Ein bekanntes Beispiel aus deutschen Landen ist das Belvedere von Schloß Wörlitz:

      media.archinform.net/l/00012621.jpg
    • MIch würde mal die genaue Begriffsklärung interessieren.

      Unter "Söller" schreibt Wikipedia, es sei dasselbe wie ein Altan, also ein von Arkaden oder Säulen getragener Austritt. Im Studium wurde das immer als avant-corps bezeichnet. Aber im Englischen bezeichnet avant-corps einen Risalit.
      Dann ist die Frage, wie man einen zum Boden herabreichenden Erker bezeichnet.

      Als Belvedere würde ich entweder ein Gebäude bezeichnen, das insgesamt der schönen Aussicht dient (Oberes B. in Wien, B. in Weimar, B. im Vatikan, B. im Park von Sanssouci und auf dem Potsdamer Pfingstberg) oder eben einen Dachaufbau, der als Ausguck dient.

      Stella hatte seinen Ostflügel ursprünglich ja auch als ein Belvedere geplant: mit offener Treppe und Dachbegehung - was sicher die bessere Alternative gewesen wäre als ein Dachcafé auf der Nordwestecke des Schlosses.
    • Belvedere ist sicher einfacher zu definieren, als Begriffe wie Söller oder Altan, zumal letztere häufig synonym verwendet werden.

      Unter Belvedere versteht man üblicherweise – wie von Dir bereits aufgeführt – ein der schönen Aussicht dienendes Bauwerk oder ein separates, dem Hauptbau aufgesetztes Bauteil, das den gleichen Zweck erfüllt. Ersteres kann dann die riesenhaften Ausmaße des (Oberen, vom Unteren ist die Aussicht vermutlich nicht so gut) Wiener Belvedere haben, für die anderen, separaten Bauteile, gibt es ja oben einiges an Bildmaterial.

      Luther verwendet in der Deutschen Bibel das Wort Söller für die flachen Dächer der morgenländischen Bauart, worauf J.G. Krünitz in seiner Oekonomischen Encyclopädie hinweist, die ab 1773 erschien. Dort findet sich auch der Hinweis, daß in einigen Dialekten des Ober- wie Niederdeutschen Söller mit dem Dachboden gleichgesetzt ist. Ein Söller ist also, grob gesagt, dem oben abschließenden Bereich eines Gebäudes zuzuordnen.

      In der Literatur der Romantik findet sich häufiger das zum Klischee gewordene, von einem Söller sehnsuchtsvoll in die Landschaft hinausblickende und die Rückkehr des Geliebten erwartende Burgfräulein, das auch als Bildmotiv in dieser Zeit gegenwärtig ist. Hier ist dann in der Regel mit dem Söller ein balkonartiger Austritt am oder gar die obere Plattform eines Turmes gemeint; das Ausschauhalten in die Ferne macht ja auch nur ab einer gewissen Höhe und mit Rundumblick wirklich Sinn.

      Altan wird von Krünitz definiert als ein oben auf dem Hause befindlicher, unter freiem Himmel offener Platz, also ganz ähnlich wie Söller, wenn dieser eine Plattform auf einem Turm meint.

      Der wesentliche Unterschied zwischen hie Belvedere und dort Söller und Altan scheint mir bei letzteren die komplett offene, nur durch eine Brüstung oder ein Geländer sich abgrenzende Bauweise und bei ersterem das architektonische Umschließen eines Raumes zu sein, welcher oft einem Hauptgebäude zusätzlich aufgesetzt ist.

      Ist das Belvedere mit unverglasten Öffnungen gestaltet, verdient es wohl eher die Bezeichnung Loggia.
    • Oft werden ja auch freistehende, ganze Bauwerke an reizvoller Lage mit Aussicht als Belvedere bezeichnet;


      wie in meiner Heimatsadt Neubrandenburg das (einstige Sommerpalais) Belvedere über dem Tollensesee:

      gemeinfrei, Botaurus: commons.wikimedia.org/wiki/File:Tollensesee-Belvedere.jpg

      Accessfalk bei Wiki, commons.wikimedia.org/wiki/File:Broda%27s_Belvedere.jpg


      Oder das frühere Belvedere auf der Brühlschen Terrasse in Dresden (mein #1-Reko-Kandidat für Dresden derzeit):

      gemeinfrei, commons.wikimedia.org/wiki/Fil…_%26_Sohn_Kunstverlag.jpg


      Oder das gar riesige Belvedere auf dem Potsdamer Pfingstberg:

      Kemmi.1, commons.wikimedia.org/wiki/Fil…_Juli_2014.jpg?uselang=de