Rekonstruktion oder traditioneller Neubau?

  • Ich stimme Niederländer zu. Auch rekonstruierte Entwürfe waren einmal neu, und haben oft etwas viel älteres ersetzt. Sie waren aber auch qualitativ wertvoll, verschönerten ihre Umgebung und erfreuten letztlich die Menschen über lange Zeit. Das ist was ich von Architektur fordere. Ich könnte auf Rekonstruktionen oft auch verzichten, wenn es einen Geist und eine Praxis gäbe, mit einem neuen Entwurf den Vorgänger in jeder visuell-haptischen Hinsicht zu übertreffen. Stattdessen ist es genau umgekehrt, es muss unterboten werden, bewusst hässlich-provozierend usw. werden.
    Wenn man traditionsbewusstes Bauen komplett ablehnt hätte es wohl Notre Dame nie gegeben, sondern dort stünde wohl noch eine romanische Kapelle oder eine Holzkirche. Ich meine man kann sich darauf zurückziehen und sagen, man fordert ausschließlich Rekos, aber man muss auch den Weg betrachten, der einst diese Gebäude schuf. Die sind ja nicht vom Himmel gefallen.

  • Wenn man traditionsbewusstes Bauen komplett ablehnt hätte es wohl Notre Dame nie gegeben, sondern dort stünde wohl noch eine romanische Kapelle oder eine Holzkirche. Ich meine man kann sich darauf zurückziehen und sagen, man fordert ausschließlich Rekos, aber man muss auch den Weg betrachten, der einst diese Gebäude schuf. Die sind ja nicht vom Himmel gefallen.

    Ja, aber das ist doch nicht der Punkt, um den es in Deutschland geht. Wir haben hier den traumatischen Totalverlust unseres gesamten baulichen Erbes in den größeren Städte erlebt.
    Deutschland ist heute wie ein Italien, in dem es kein Florenz, kein Venedig, kein Siena, kein Neapel, kein Genua, kein Mailand, kein Bologna, kein Verona, kein Mantua, kein Bergamo, kein Perugia mehr gibt.
    So etwas hat es in der gesamten Menschheitsgeschichte noch nicht gegeben, da kann man doch nicht einfach sagen: "Es wurde doch immer neu und gebaut und deshalb kommt es nur auf die Schönheit an, egal ob alt oder neu."


    Man muss in so einer Situation erst einmal das Vergangene zurückholen, bevor man an Neues denken kann.

  • Ich glaube nämlich stark, dass wir auch dann im Jahre 2019 eine nicht unveränderte Altstadt hätten. Ich behaupte, die Forderung von Philon wäre also selbst in einer ideal-heilen Welt nahezu unhaltbar.

    Nein, natürlich hätten wir keine unveränderte Altstadt. Wie schon erwähnt wurde, würde sie aber vermutlich doch so aussehen wie die von Straßburg, Tübingen, Regensburg oder Marburg.


    Der Punkt ist doch, dass die Zerstörungen genau das verhindert haben, worum es dir geht: ein maßvolles Weiterentwickeln und Weiterbauen, das dem Bestehenden eine weitere, neue Zeitschicht hinzufügt und es dadurch bereichert.
    Durch die Zerstörungen sind die früheren Zeitschichten ausradiert worden. Die neue Zeitschicht stellt damit keine Bereicherung mehr dar, sondern nur noch eine Verarmung. Genau das kann man aber nur durch Rekonstruktionen "reparieren", so dass das Neue überhaupt erst wieder zu einer Bereicherung werden kann.

  • Achso, du beschränkst deine Forderung also nur auf Deutschland, und hier wohl auch nur auf bestimmte Städte? Oder gar Plätze, Inseln, Gebäude?


    Ich verstehe dich, aber soweit würde ich nicht gehen. Deinen letzten Satz verstehe ich aber nicht ganz, man soll also erstmal einen Ort rekonstruieren um dann darüber nachzudenken, wie man in neu gestalten könnte?


    Vielleicht ist es bedauernswerter Weise auch so, dass sich eine gewisse Bevölkerungsmehrheit einfach mit den zerstörten und mangelhaft wiederaufgebauten Stadtbildern identifiziert. Ich meine das tatsächlich so, es gibt sicher viele Menschen, denen ist der verbastelte, mit Badezimmerfliesen im Erdgeschoss verkleidete Nachkriegsbau identitätsstiftender als ein Fachwerkhaus, das durch irgend eine Stiftung erhalten und gepflegt wird und für das man zur Besichtigung Eintritt zahlen muss.


    Die Diskussion um das Spendengeld zu Notre Dame zeigt das ja irgendwie, manche verstehen garnicht wieso andere für die Wiederherstellung eines 1000-jährigen Bauwerks spenden und halten dagegen, wieviele Schulbücher, Elektrobusse oder Brunnen man sonstwo dafür beschaffen könnte. Das sind oft ganz ernst gemeinte Gedanken, die den Geist des Geldverschleuderns predigen und dabei meinen, dass sie es damit viel sinnvoller einsetzen würden.


    @Moderation. Das von Philon losgetretene Thema hat eigentlich nichts mehr mit Notre Dame zu tun und sollte ein eigenes Thema werden. Themenvorschlag: "Wozu traditionell bauen wenn man besser rekonstruieren soll?"


  • Durch die Zerstörungen sind die früheren Zeitschichten ausradiert worden. Die neue Zeitschicht stellt damit keine Bereicherung mehr dar, sondern nur noch eine Verarmung. Genau das kann man aber nur durch Rekonstruktionen "reparieren", so dass das Neue überhaupt erst wieder zu einer Bereicherung werden kann.

    Dazu würden doch aber auch Inseln ausreichen, sie müssen geschlossen, überzeugend und vollsinnlich erfahrbar sein. Aber es muss ja nicht eine komplette Stadt sein, oder missverstehe ich dich da völlig?

  • Achso, du beschränkst deine Forderung also nur auf Deutschland, und hier wohl auch nur auf bestimmte Städte?

    Nein, ich beziehe mich auf alle Städte, die einen solchen Totalverlust ihrer gebauten Geschichte erlebt haben. Aber das sind in Europa nun einmal vorwiegend deutsche (und teilweise polnische) Städte.

  • Dazu würden doch aber auch Inseln ausreichen, sie müssen geschlossen, überzeugend und vollsinnlich erfahrbar sein. Aber es muss ja nicht eine komplette Stadt sein, oder missverstehe ich dich da völlig?

    Nein, es müsste schon, wo irgend möglich, die komplette Stadt sein, denn die alteuropäische Stadt selbst bildet ein Gesamtkunstwerk.
    Stelle dir nur einmal vor, Florenz wäre zu 90% zerstört worden und man hätte nur "Inseln" (die aber detailgetreu) rekonstruiert. Du hättest also eine Traditionsinsel z.B. um den Palazzo Vecchio und die Uffizien und eine um den Dom und das Battistero di San Giovanni und eine um den Palazzo Pitti und eine um den Ponte Vecchio und vielleicht noch ein paar andere, aber wenn du von der einen zur anderen "Insel" gingest, würdest du durch nichtssagende Nachkriegsklötzchen laufen: Das wäre nicht mehr Florenz. Florenz lebt und existiert, wie jede alteuropäische Stadt, gerade in dem Gewebe, das die bedeutenden Plätze und Einzelbauwerke miteinander verknüpft und verbindet.
    Das nicht zu sehen, ist übrigens selbst ein typisch modernes, nämlich vom Gebäude als Solitär her gedachtes Verständnis.


    Der Anteil modernen Bauens muss dem angemessen sein, was eine Stadt ihrem Wesen nach ausmacht: Florenz ist die Geburtsstätte der Renaissance, Nürnberg und Frankfurt sind die Paradebeispiele spätmittelalterlich-frühneuzeitlicher Handelsstädte, Dresden ist das Paradebeispiel einer barocken Residenzstadt.


    Dementsprechend darf das Neue dort jeweils nur einen marginalen Platz erhalten, jedenfalls nicht mehr die Moderne als Epoche zeitlich in der Geschichte der Stadt einnimmt.

  • Im historischen Polen wurde nur Warschau voellig zerstoert, und gerade die Warschauer Altstadt wurde teilweise rekonstruiert, aber auch teilweise idealisiert wiederaufgebaut. Genau sowas wuensche ich mir auch fuer Nuernberg, Hildesheim, Braunschweig und Frankfurt/Main, die wichtigsten untergegangenen Altstaedte also.

  • Im historischen Polen wurde nur Warschau voellig zerstoert, und gerade die Warschauer Altstadt wurde teilweise rekonstruiert, aber auch teilweise idealisiert wiederaufgebaut. Genau sowas wuensche ich mir auch fuer Nuernberg, Hildesheim, Braunschweig und Frankfurt/Main, die wichtigsten untergegangenen Altstaedte also.

    Nürnberg und Braunschweig haben zumindest im zentralen Bereich einen sehr hohen Wiedererkennungswert bezüglich der ehemaligen Altstadt. Hildesheim und Frankfurt müssen nur darauf bauen, was bereits begonnen wurde. Viel Enthusiasmus benötigen jedoch Städte mit ehemals weiträumiger Altstadt und das aus unterschiedlichen Epochen wie Kassel und Magdeburg. Wobei in beiden Städten hinsichtlich einer Initiative pro Altstadt oder pro Wiederaufbau historischer Kirchen das bürgerliche Engagement sehr begrenzt ist. Dann gibt es Städte, von denen man nur sehr selten hört, der Zerstörungsgrad aber alles andere als unerheblich war, wie Emden, Helgoland, Pforzheim oder das Stadtzentrum von Plauen, und der Wiederaufbau im Ergebnis sehr unerfreulich ist oder am Beispiel Plauen marginal blieb.
    Für die Niederlande wünschte ich mir ähnliches für z.B. Eindhoven (britische Bomben gegen die Elektro- und Zünderindustrie) und natürlich das alte Zentrum von Rotterdam (deutscher Luftschlag 1940). Aber hier stehen wohl auch eher die Pflege moderner Stadtentwicklungskonzepte im Vordergrund.

    Ich bin sicher kein Verfechter der "Traditionelle um jeden Preis", aber ich bin gegen die "Trostlosigkeit und Langeweile im zeitgenössischen Bauen". dto.

    Edited 5 times, last by Berkowitz ().

  • Ja, Kassel, Halberstadt und Hannover waren vor der Zerstoerung ebenfalls sehr schoene Fachwerkstaedte, wenn auch nicht ganz so grossartig wie Braunschweig, Frankfurt oder Hildesheim. Auch haette ich mir, neben Emden, Stuttgart und Magdeburg, fuer Wuerzburg, Ulm und Augsburg einen besseren Wiederaufbau gewuenscht.


    Eindhoven dagegen war nie eine schoene Stadt, und die Altstadt von Rotterdam war bereits vor dem Angriff von 1940 weitgehend abgerissen worden. Genau dasselbe gilt fuer Arnheim und, vor allem, Nimwegen, wo es auch nach dem Krieg noch viele Abrisse gegeben hat. In meinem Land scheint mir nur der groninger Grote Markt ein wirklich lohnendes Rekonstruktionsziel zu sein, und vielleicht auch noch der verloren gegangene Teil Middelburgs. Ansonsten sind unsere bedeutende Altstaedte alle sehr gut erhalten geblieben!

  • Ich möchte gerne zu dem Thema auch meine Meinung äußern, weil ich es für eine interessante und wichtige Diskussion halte.


    Zunächst einmal haben wir es mit der Tatsache zu tun, dass Städte immer umgebaut wurden und werden. Es ändern sich die Nutzungsanforderungen, es ändern sich die Geschmäcker, es ändert sich auch die Bautechnik. Eher schlichte, kleine Häuser am Marktplatz wurden auch irgendwann abgerissen und durch größere, schönere ersetzt, bis irgendwann die Qualität der Bebauung so hoch war, dass man von weiteren Neubauten abgesehen hat, weil es schlicht nichts mehr zu verbessern gab.
    Das gilt aber meistens nur für die repräsentativen Plätze, in den Nebengassen und Hinterhöfen war mit Sicherheit nicht alles so perfekt, dass es bezüglich Anforderungen und Nutzung nicht mehr verändert worden wäre.


    Ich beschäftige mich aktuell ziemlich viel mit dem historischen Alter Markt in Köln (demnächst bekommt ihr vielleicht ein erstes Ergebnis zu sehen :) ) und dort musste ich feststellen, dass in den ~80 Jahren, in denen Fotomaterial vor dem Krieg erstellt wurde, unheimlich viel umgebaut und verändert wurde. Teilweise wurde historistischer Fassadenschmuck angebracht, teilweise später wieder entfernt, teilweise wurde aufgestockt, teilweise wurden ganze Häuser abgerissen und neu errichtet und so weiter. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, welchen Zustand konkret soll man da rekonstruieren? Teilweise hat man Bildmaterial von dem Zustand vor dem Historismus-Umbau, teilweise aber nicht. Teilweise ist der Historismus etwas überbordend, teilweise eine passende Ergänzung. Viele werden jetzt sagen "im Historismus wurde Köln zum ersten Mal zerstört". Ich kann da nur vehement widersprechen. Köln hat in den Jahrhunderten nach dem Mittelalter einen wirtschaftlichen und bedeutungstechnischen Niedergang erlebt und ist erst im 19. Jahrhundert wieder aufgeblüht und erst da bis an die mittelalterliche Stadtmauer gewachsen. Die Epoche des Historismus hat Köln entscheidend geprägt und ist Teil der Geschichte der Stadt, man braucht sich dazu nur dem Dom anzuschauen, um die Bedeutung zu erfassen. Und die mittelalterliche Architektur der Bürgerhäuser in Köln war eben auch sehr schlicht, das ist mit Frankfurt oder Nürnberg gar nicht zu vergleichen, da war der Wunsch nach etwas mehr Schmuck und Pracht durchaus nachzuvollziehen und die meisten Häuser wurden nicht abgerissen, sondern einfach verziert.


    Das trifft aber nahezu auf jede Stadt zu, auch Frankfurt und Nürnberg, vielleicht nicht in dem Maße wie in Köln, aber Umbauten und Vergrößerungen waren überall notwendig. In meinen Augen ist das im Historismus an den meisten Stellen auch behutsam und im Einklang mit der vorhandenen Bebauung passiert. Das gilt für den Historismus, aber sicherlich auch für jede andere Stilepoche, die in mittelalterlichen Städten ihre Spuren hinterlassen hat. Schon immer wurde abgerissen und neu gebaut, umgebaut und verziert. Dieses Fakt sollte man nicht aus den Augen verlieren.


    Der zweite Punkt ist, dass unsere Städte mittlerweile um ein vielfaches größer sind als die Altstädte aus dem Mittelalter oder dem Barock. Und wenn wir ehrlich sind, sehen diese außerhalb von erhaltener Gründerzeitviertel nicht schön aus. Und völlig neue Neubauviertel sind ein einziger architektonischer Graus.
    Diesen Umstand gilt es zu ändern. Wir brauchen unbedingt ein Umdenken in der Architekturlehre und eine Abkehr vom Minimalismus der modernen Architektur, ja eigentlich von fast allem, was moderne Architektur ausmacht.
    Damit eben sowohl zukünftige Umbauten in Altstädten als auch neue Viertel lebenswert und ansprechend gestaltet werden. Und dafür brauchen wir Architekten, die basierend auf einer neuen Architekturlehre kreativ sein können und völlig neue Gebäude entwerfen können, jenseits von Rekonstruktionen. Deswegen ist "Tradiotionelles Bauen" in meinen Augen ein wichtiger Pfeiler, wenn man sich für ansprechende Architektur interessiert.


    Bedauerlicherweise ist das "Traditionelle Bauen" nach meiner Meinung aber noch lange nicht an einem zufriedenstellendem Punkt angelangt und lässt noch stark zu wünschen übrig. Jedes Altstadtprojekt der vergangenen Jahre wurde durch die modernistischen Zutaten heruntergezogen, sei es das Berliner Schloss, der Neumarkt in Dresden, die neue Altstadt in Frankfurt oder die Neubaupläne in Potsdam. Überall wäre es besser gewesen, auf jegliche moderne Zutat zu verzichten. Deswegen plädiere ich auch im Bereich von Altstädten, wo es dokumentiert ist, für eine 100%ige Rekonstruktion. Ich argumentiere hier aber auch in erster Linie nach ästhetischen Gesichtspunkten. Nicht jedes zweistöckige Haus mit schlichter Putzfassade in einer Nebenstraße gehört in meinen Augen rekonstruiert, bloß weil es früher dort stand. Findet sich ein adäquater Ersatz mit sich in die Umgebung einfügender Architektur, so kann man in meinen Augen auch auf eine strikte Rekonstruktion verzichten, vor allen Dingen, weil es, wie eben erläutert, die eine "wahre" geschichtliche Variante eines Hauses häufig gar nicht gibt.


    Also, meine Meinung kann man grundsätzlich wie folgt zusammenfassen: Dort wo es aufgrund der Dokumentationslage geht, rekonstruieren, traditionellen Neubau prespektivisch und aufgrund der außerhalb der Altstädte liegenden Viertel aber nicht vernachlässigen.


    Jetzt kommen wir aber zu einem großen Problem: In Deutschland wurden im zweiten Weltkrieg Billionen an Werten vernichtet, einfach abgebrannt und in die Luft gesprengt. Jahrhunderte der Handwerkskunst, der Bildhauerei, der Malerei, Arbeit von hunderttausenden von Handwerkern aus vielen Jahrhunderten wurde innerhalb weniger Jahre teilweise restlos pulverisiert. Das alles wiederherzustellen ist möglich, aber wahnsinnig aufwändig und würde eine gesellschaftliche, politische, rechtliche und vor allen Dingen finanzielle Kraftanstrengung einer ganzen Nation bedeuten.
    Einer Nation, in der schon das Wort "Nation" bei vielen verpönt ist und alles was mit Heimat und Identität zu tun hat als "ausgrenzend", "nationalistisch" und "völkisch" diffamiert wird. Das geht vor allen Dingen von den Eliten in Medien, Politik und Wirtschaft aus, das ist die Realität, in der wir aktuell leben. Solange das gesellschaftliche Klima derartig bestimmt wird, macht es einfach überhaupt keinen Sinn mit Identität und Heimatverbundenheit zu argumentieren. Wie du schon schreibst, @Philon, man wird unheimlich schnell als Rechtsradikaler diffamiert und damit ins gesellschaftliche und mediale Abseits gestellt. Wenn man nicht nur träumen möchte, sondern Rekonstruktionsprojekte in gebaute Realität umgesetzt sehen will, muss man vorsichtiger agieren und die Argumente vorbringen, die eine Mehrheit der Gesellschaft vertreten kann. Und Schönheit ist in meinen Augen aktuell ein deutlich stärkeres Argument, als geschichtliche Identität, eine Identität, die die meisten gar nicht selbst erlebt haben, sondern nur von Fotos kennen und für die sich viele aus geschichtlicher Unkenntnis, politischer Korrektheit oder Fortschrittsglauben gar nicht interessieren.
    Auch Komplettrekonstruktionen ganzer Altstädte sind bei aktueller Stimmung in der Architektenschaft, in der Politik und in den Medien völlig undenkbar, schon alleine aus wirtschaftlichen oder verkehrstechnischen Überlegungen. Man schaue nur nach Nürnberg, wo schon die Rekonstruktion eines der herausragendsten Häuser einer Stilepoche nahezu unmöglich erscheint, und das ist lediglich ein einzelnes Haus.


    Wenn man Erfolg haben möchte, sollte man aufpassen, dass man die kleine Flamme der eigenen Idee nicht ausbläst weil man zu früh zu viel wollte , sondern behutsam anpustet, damit sich das Feuer erst ausbreiten kann und erst einmal beständig brennt und nicht beim nächsten Windstoß ausgeht. (Ok, anlässlich der kürzlichen Ereignisse in Paris vielleicht ein etwas schwieriges Bild, aber ich glaube ihr versteht was ich meine).
    Das bedeutet, dass wir die Erfolge in Frankfurt, in Berlin und in Dresden nutzen müssen, um die Idee der Rekonstruktion in weitere Städte zu tragen und bei mehr Menschen Begeisterung hervorzurufen.
    Mit Forderungen nach Komplettrekonstruktionen und Kompromisslosigkeit bezüglich moderner Füllbauten werden wir aber in naher Zukunft keinen Erfolg haben. Vielleicht wird sich das in 30 Jahren gewandelt haben, aber an dem Punkt sind wir noch lange nicht. Ich würde mich schon freuen, wenn der Bürgermeister einer jeden Stadt den Gedanken im Kopf trüge "Für welches Rekoprojekt in der Stadtgeschichte soll denn ICH verantwortlich sein, ich muss wie mein Vorgänger unbedingt auch so ein tolles Projekt anstoßen". Aber selbst davon sind wir meilenweit entfernt. Von daher bleibt einem aktuell nichts anderes übrig, als das Thema Rekonstruktion weiter hineinzutragen in die Gesellschaft, auf die Erfolge der realisierten Rekonstruktionen hinzuweisen und auf die schmälernde Wirkung der modernen Zutaten und sich die Sache entwickeln zu lassen. Wir werden auf dem Weg auch noch die eine oder andere Kröte zu schlucken haben, aber jede Kröte ist auch ein weiteres Argument für noch mehr Rekonstruktion.
    Von daher haben wir auf vielen Gebieten weiter zu kämpfen, nicht nur in der Politik und in der Gesellschaft, sondern auch was die Zukunft der Architektur als Ganze angeht. Dabei sollten wir behutsam und realistisch vorgehen, dann werden wir auch immer weitere Erfolge verzeichnen können. Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut!

  • Ja, Kassel, Halberstadt und Hannover waren vor der Zerstoerung ebenfalls sehr schoene Fachwerkstaedte, wenn auch nicht ganz so grossartig wie Braunschweig, Frankfurt oder Hildesheim. Auch haette ich mir, neben Emden, Stuttgart und Magdeburg, fuer Wuerzburg, Ulm und Augsburg einen besseren Wiederaufbau gewuenscht.


    Eindhoven dagegen war nie eine schoene Stadt, und die Altstadt von Rotterdam war bereits vor dem Angriff von 1940 weitgehend abgerissen worden. Genau dasselbe gilt fuer Arnheim und, vor allem, Nimwegen, wo es auch nach dem Krieg noch viele Abrisse gegeben hat. In meinem Land scheint mir nur der groninger Grote Markt ein wirklich lohnendes Rekonstruktionsziel zu sein, und vielleicht auch noch der verloren gegangene Teil Middelburgs. Ansonsten sind unsere bedeutende Altstaedte alle sehr gut erhalten geblieben!

    Ja, in Groningen am Groten Markt, an der Ostseite, darf sich jetzt ein deutscher Architekt beweisen.
    Einer der Entwürfe:
    Nieuw hotel aan de Grote-Markt
    Ich finde sonst Groningen als sehr jung und pulsierend, und als durchwegs schöne Stadt. Einer meiner Kinder hat dort studiert, und wir haben ihn auch wegen der Stadt sehr gerne besucht.

    Ich bin sicher kein Verfechter der "Traditionelle um jeden Preis", aber ich bin gegen die "Trostlosigkeit und Langeweile im zeitgenössischen Bauen". dto.

  • Groningen hat immer noch einige sehr schoene Ecken, aber trotzdem gehoert die Stadt mE. nicht mehr zu den 20(!) schoensten Staedte der Niederlande - die meisten historischen Staedte im eigentlichen Holland sind bereits deutlich schoener (nur Rotterdam ist wirklich haesslich), und dann gibt’s auch noch Staedte wie Utrecht, Middelburg, das fuer NL untypische Maastricht und einige ehemalige Hansestaedte an der Issel, die Groningen in architektonischer Hinsicht alle (weit) ueberlegen sind. Deshalb gibt es in den Niederlanden auch nur sehr wenige Rekonstruktionsvorhaben: weil es hier einfach nicht sehr viel zu rekonstruieren gibt!

  • Zunächst einmal haben wir es mit der Tatsache zu tun, dass Städte immer umgebaut wurden und werden.

    Das ist so für die meisten alteuropäischen Städte, einschließlich der deutschen bis ins 19. Jahrhundert bzw. zur ihrer Zerstörung im 2. Weltkrieg, nicht richtig.


    Die Bausubstanz der deutschen Städte datierte vor den Zerstörungen meistens aus der Zeit zwischen der Mitte des 14. und der Mitte des 16. Jahrhunderts. Ältere Bauten als ca. 1250 wird man in Fachwerkstädten kaum finden bzw. hätte sie auch ohne Zerstörungen kaum gefunden, weil erst im 13. Jahrhundert vom Pfosten- zum Ständerbau übergegangen wurde.


    Nach der Mitte des 16. Jahrhunderts standen die Städte in ihrer Bausubstanz im Wesentlichen und es kamen in den bürgerlichen Städten wie Nürnberg oder Frankfurt nur noch einzelne Repräsentationsbauten wie das Pellerhaus oder die Goldene Waage hinzu bzw. es wurden Fassadenmodernisierungen vorgenommen. Anders sieht es in einigen Residenzstädten wie Dresden aus, in denen ein Herrscher eine Art Umbauprogramm im Sinn des Barock vornahm, allerdings auch oft erst nach Teilzerstörungen.
    Eine weitere Ausnahme sind natürlich Städte, die durch Stadtbrände oder Brandschatzung zerstört wurden (meist im 17. Jahrhundert, siehe Heidelberg und Magdeburg), aber das waren auf's Ganze gesehen Ausnahmen.


    Von daher kann man festhalten, dass die deutschen Altstädte bis zu ihrer Zerstörung in der Masse ihrer Bausubstanz gotische bzw. spätgotische Städte waren. Das sieht man heute noch an Städten wie Tübingen, Göttingen, Marburg oder Straßburg sehr eindrücklich. Es galt auf jeden Fall für die Städte, über die wir hier so viel reden: Frankfurt, Nürnberg, Braunschweig, Hildesheim, Kassel etc.


    Es ist auch bezeichnend, dass du gerade Köln als Beispiel heranziehst, denn das ist eben nicht repräsentativ: Dort wurde im späten 19. Jahrhundert ein großer Teil der gotischen Altstadt abgerissen und durch Historismus ersetzt. Das war aber auch für Deutschland eine riesige Ausnahme.

  • Ich habe mich auf diese Diskussion hin nochmals etwas ausführlicher mit den Schicksalen deutscher Altstädte beschäftigt. Aufgrund ihrer räumlichen und kulturellen Nähe zu meiner Heimat lag mein Fokus auf Hildesheim und Braunschweig, 2 Städten, die ich als Südniedersachse immer gemieden habe, weil sie als hässlich und nichtssagend galten. Wir waren einmal von der Kirche her beim Bischof in Hildesheim, ich kann mich noch dunkel an den tausendjährigen Rosenstock erinnern und an den sehr, sehr festen Händedruck des Bischofs ;).


    Braunschweig kenne ich nur von einem einwöchigen Lehrgang Mitte der Neunziger, wir waren damals natürlich mit anderem beschäftigt, aber ich kann mich tatsächlich an keine einzige Szene aus der Stadt erinnern außer dem hässlichen Hauptbahnhof.


    Das Schicksal dieser beiden Städte ist in der Tat unfassbar traurig, Braunschweig mit dem wahrscheinlich größeren kulturhistorischen Verlust, Hildesheim dagegen so unglaublich sinnlos in den letzten Wochen des Krieges. Beide Städte sind nur noch ein Schatten ihrer selbst, trotz einer zweifellos sogar ganz ordentlichen Wiederaufbauleistung in Hildesheim und einigen geretteten und einigermaßen intakten "Traditionsinseln" in Braunschweig (wobei diese beim Überflug mit Google Earth wirklich sehr verteilt und inmitten einer nichtssagenden See von fürchterlichem Nachkriegsschrott liegen).


    Ich muss am Beispiel dieser beiden Städte (man entschuldige wie gesagt meinen Fokus auf Niedersachsen) auch Philon ganz klar recht geben: Das Ziel MUSS hier ein kontinuierlicher Wiederaufbau mittels Rekonstruktionen sein, nichts anderes würde diesen Städten und ihrem einzigartigen kulturhistorischen Rang gerecht werden. Am besten wäre es, wenn in beiden Städten zumindest eine "Prachtstraße" komplett wiederaufgebaut würde, um ein Gefühl für die Raum- und Ensemblewirkung der Fachwerkhäuser zu bekommen, deren Charakter man wohl am besten noch in Teilen Einbecks (Tiedexer Straße) und Goslar zumindest ansatzweise nachempfinden kann. Gerade die größeren, prachtvolleren Fachwerkhäuser müssten doch auch ein annehmbares Wohngefühl erzeugen? Denn das ist sicherlich eines der größten und ganz praktischen Probleme bei flächigen Rekonstruktionen, gerade in Fachwerkaltstädten: Was machen mit dem Gebauten? Ich kenne selber einige der unscheinbaren, spätgotischen Fachwerkhäuser Göttingens von innen, weil diese dort ganz einfach studentischer Wohnraum sind, und die Deckenhöhen sind niedrig, man muss gebückt durch die Türen und besonders hell im heutigen Sinne sind sie auch nicht. Nun sind diese Häuser auch nicht unbedingt sehr gut gepflegt worden, man könnte das alles sicherlich auch noch netter gestalten, aber man muss sich im Klaren darüber sein, dass moderne Ansprüche an Wohnkomfort definitiv nicht erfüllt werden. Die Geschosshöhe ist hierbei sicher das größte Problem, denn sie ist unverhandelbar. Man müsste also entweder den Wohnkomfort im Neubau deutlich steigern - oder eben auf eine ausgeprägte Liebhaberklientel zielen. Aber ob es die in einer Stadt wie Hildesheim gibt?


    Nun denn, das waren nur mal meine Gedanken zum Thema. V.a. die Fachwerkaltstädte sollten in der Tat möglichst flächig rekonstruiert werden, bei den steinernen Altstädten bleibe ich etwas flexibler, dass auch eine verträgliche neuklassische Architektur hier adäquater "Lückenfüller" sein kann.


    Ich werde also in diesem Jahr mit neuem Wissen bewaffnet einmal nach Braunschweig und Hildesheim fahren und mir auch Einbeck nocheinmal genauer anschauen (Goslar kenne ich ganz gut) und hier berichten, wie die Situation ist und was man vielleicht machen könnte. Weiß jemand mehr über die Hildesheimer Altstadtgilde und wie aktiv sie noch ist?

  • Was sagt ihr aber jenen, die den Bezug zur historischen Stadt nicht haben und sich dafür auch nicht tiefer interessieren. Diese Menschen sehen die heutige Stadt und erkennen womöglich ihre gestalterischen und baulichen Mängel und sehen sich dadurch lediglich ermuntert, sie Schritt für Schritt immer weiter auszubauen, zu verbessern und zu verschönern. Durch immer weitere, verbesserte Neubauten. So wie es ein Fürst im 16. oder 17. Jahrhundert wohl mit seiner Residenzstadt gemacht hat, mir ist kein einziges Beispiel eines Herrschers bekannt, der seiner Residenzstadt ein für damalige Zeit historisierendes Gepräge gegeben hat. Sie wollten immer das modernste, das neueste. So sind es nicht nur die Architekten von heute, sondern auch die meisten Ingenieure, Politiker und sonstige halbwegs interessierte Bürger, die Rekonstruktionen kritisch sehen.


    Ich für meinen Teil versuche jedenfalls stets, die Kritik und Bedenken von Rekonstruktionsgegnern ernst zu nehmen und frage mich, woher sie kommt. In meinen Augen ist das wichtigste Argument gegen einen modernen oder einen gut gemeinten aber schlecht gemachten Neubau stets die Naivität, die einen Glauben macht dass das Neue das alte schon wird ersetzen können. Täglich beweisen Architekten dass ihnen das nicht gelingt. Und das sehen interessanter Weise auch die oben genannten Rekonstruktionskritiker ein. Das ist für mich deswegen das gefühlt stärkste Argument für Rekonstruktionen. Man könnte es mit Adenauers Worte sagen: "Keine Experimente!", wenn es um einen wichtigen Ort geht, an dem etwas wichtiges gestanden hat.

  • ...So wie es ein Fürst im 16. oder 17. Jahrhundert wohl mit seiner Residenzstadt gemacht hat, mir ist kein einziges Beispiel eines Herrschers bekannt, der seiner Residenzstadt ein für damalige Zeit historisierendes Gepräge gegeben hat. Sie wollten immer das modernste, das neueste. ...

    Einspruch: Friedrich Zwo hat Potsdam in seiner Regierungszeit Barock verschönern lassen, obwohl in seinem Regierungszeitaum (1740-1786) dieser bereits "veraltet" war. Der Barock wird von 1650 bis 1730 gerechnet. Lediglich die Innenausstattung seiner Wohnräume in seinem Schloß Sanssouci entsprachen dem Zeitgeist Rokoko (1730-1760/70). Klassizistisch (1770-1840) hat er gar nicht gebaut - obwohl dies genau zeitgemäß / modern gewesen wäre.


    Für die Gestaltung Potsdams ließ er sich Architekturpläne und Bücher z.B. von Palladio (1508-1580) aus Italien, Frankreich und England importieren. Diese Entwürfe, vorzugsweise solche, die nicht zur Ausführung gekommen sind, wurden dann auf Potsdam adaptiert und (nach-)gebaut.


    Luftpost

    Ich wurde angewiesen meine Signatur zu ändern.

    Seis drum.

  • Jetzt könnte man natürlich sagen, dass Palladios Werke als zeitlos galten, der Palladianismus reicht ja bis weit ins 20. Jh. hinein.
    Das Palais Barbarini bildet eine gewisse Ausnahme, doch wurde es von Gontard klassizistisch überarbeitet. Die Rezeptionen von Ferdinando Fugas Palazzo della Consultà und von S. Maria Maggiore (Fassade der Nicolaikirche) können ebenfalls als modern durchgehen, sie waren kurz zuvor erbaut worden und galten als Beispiel eines höchst progressiven, klassizistisch angehauchte Barock.
    Zudem gibt es gerade in Potsdam auch jede Menge von Fassaden, die im sogenannten Zopfstil errichtet sind, also einer Art spätbarockem Klassizismus bzw. Frühklassizismus folgen.
    Nun könnte man sich überlegen, wie man die Klenze- und Gärtnerbauten der Ludwigsstraße in München deuten möchte:
    Sind die Repliken des Florentiner Findelhauses und des Palazzo Pitti von Klenze rückwärtsgewandt? Wie verhält es sich mit dem Inneren der Hofkirche, die dem Dom von Monreale nachempfunden ist, dem Siegestor oder dem gesamten Königsplatz? Ist das moderne oder historisierende Architektur? Und wie verhält es sich mit der Neugotik der Maximilianstraße?

  • Luftpost: Wäre ja noch schöner, wenn Bauwerke, deren Stilepoche erst 10 oder 20 Jahren zurückliegen, wieder beseitigt worden wären, insofern ein Indiz, aber ein nicht stichhaltiges Argument.


    Seinsheim: Ohne jetzt sicher zu sein in der Architekturgeschichte und den Beispielen, die du vorbringst, aber das Nachempfinden von oft deutlich älteren und schon seinerzeit berühmten Architekturikonen ist durchaus etwas besonderes und ein wie ich meine in der Kunstgeschichte akzeptiertes Vorgehen, oder nicht? Z.B. das Rathaus in Fürth/Bayern ist ganz klar dem Palazzo Vecchio in Florenz nachempfunden, und ich habe nie gehört, dass ein Fürther oder jemand anderes das seltsam findet oder sich dieser "Kopie" schämt, im Gegenteil.

  • Der Klassizismus und der Historismus haben es im 19. Jahrhundert es als selbstverständlich betrachtetet, historische Gebäude zu zitieren, zu paraphrasieren oder auch nur einzelne Motive zu adaptieren und diese abzuwandeln. Beispielsweise gibt es ein Umspannwerk in Berlin, das als Backsteinbau Elemente der Marienburg aufgreift; der Historismus betrachtete das nicht als Einfallslosigkeit, sondern er versuchte, die historische Bauweise weiterzuentwickeln, dabei die neusten technischen Möglichkeiten zu nutzen und die Formensprache zu bereichern, zum Teil durch die eklektische Kombination von Motiven unterschiedlicher Epochen.
    Die Bauhaus-Moderne hat genau dies zutiefst verachtet und als unoriginell, synkretistisch und sinnentleert gebrandmarkt. Dementsprechend sind auch viele Bauten aus dieser Zeit im 20. Jh. abgerissen worden. Dass die Fürther ihr Rathaus heute positiver sehen als vielleicht noch vor 60 Jahren, ist ein gutes Zeichen.