Rekonstruktion oder traditioneller Neubau?

  • Nein, eine dogmatische Aussage ist für meine Begriffe eine Aussage, die Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Und du gehst doch hier davon aus, dass Rekonstruktionen immer Anspruch auf Allgemeingültigkeit hätten. Wenn ich das missinterpretiere, entschuldige bitte.


    Es geht auch gar nicht darum das subjektiv zu bewerte Philon, wir haben da einfach nur unterschiedliche Auffassungen. Und ich interpretiere auch den Auftrag von Stadtbild Deutschland anders. Dazu muss ich nur die Satzung lesen.

  • Nein, eine dogmatische Aussage ist für meine Begriffe eine Aussage, die Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt. Und du gehst doch hier davon aus, dass Rekonstruktionen immer Anspruch auf Allgemeingültigkeit hätten. Wenn ich das missinterpretiere, entschuldige bitte.


    Es geht auch gar nicht darum das subjektiv zu bewerte Philon, wir haben da einfach nur unterschiedliche Auffassungen. Und ich interpretiere auch den Auftrag von Stadtbild Deutschland anders. Dazu muss ich nur die Satzung lesen.

    Eine Rekonstruktion ist keine Aussage und nein: unter Dogmatismus ist nicht zu verstehen, dass für eine Aussage Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhoben wird. Unter Dogmatismus ist zu verstehen, dass für eine Aussage ein Geltungsanspruch erhoben wird, der nicht argumentativ eingelöst wird und sich gegen kritische Einwände immunisiert.


    Nach deiner Definition wären dagegen Aussagen wie "2+2=4" oder "Cäsar wurde an den Iden des März ermordet." Dogmatismus.

  • Man muss halt strategisch an die Sache herangehen. Auch wenn als Konzession dem Zeitgeist gegenüber ein paar moderne Fassaden zugestanden werden müssen, jede Teilrekonstruktion ist unserer Sache nur dienlich. Denn es geht nun einmal darum, die Hegemonie der Modernisten zu brechen und eine architektonisch-kulturelle Kehrtwende herbeizuführen. Danach kann man sich gerne idealistisch austoben, aber solange die Bauhauseliten noch tonangebend sind, wird wohl etwas Pragmatismus nötig sein. Die Menschen müssen erst einmal auf den Geschmack gebracht werden, dann braucht man das Salz in der Suppe auch nicht mehr und die aus Notwendigkeit geborenen Zugeständnisse der Vergangenheit können immer noch nachträglich korrigiert werden. Man sieht doch, wie gut die Frankfurter Altstadt in der Bevölkerung aufgenommen wird, die öffentliche Meinung beginnt sich langsam zuungunsten der Modernisten zu wenden, auch wenn diese aus allen ihnen verfügbaren (ideologischen) Rohren feuern.

  • Und in welcher Stadt soll das bitte der Fall sein? Selbst in dem seit dem Mittelalter extrem gewachsenen Frankfurt, das mit die höchsten Grundstückspreise der Republik hat und wo es sicher entgegenstehende Investoreninteressen gab, waren Rekonstruktionen realistisch.
    Wenn Rekonstruktionen in Frankfurt realistisch sind, sind sie nach deinen eigenen Kriterien überall in der Republik realistisch. Nein, ich bleibe dabei: das Eintreten für "traditionelles Bauen" statt Rekonstruktionen ist in nahezu allen Fällen nur ein Zeichen mangelnden Mutes, Rekonstruktionen zu fordern, weil man Angst hat, damit bei der Lokalpolitik und der Lokalpresse anzuecken.

    Die meisten Städte sind nach 1945 an Einwohnerzahl erheblich angewachsen, nicht nur in die Fläche, sondern oft auch in die Höhe. Wo willst du denn die ganzen Einkaufscenter und Gewerbe/Bürogebäude unterbringen, die in den letzten Jahrzehnten in den deutschen Innenstädten aus dem Boden wuchsen und die für ein anhaltendes Wirtschaftswachstum oft auch einfach nötig waren? Glaubst du wirklich, es hätte nicht auch ohne den Bombenkrieg Flächenabrisse in den Altstädten gegeben? Das auf jeden Fall.


    Wichtiger erscheint mir, dass wir Impulse dafür setzen, dass bei künftigen Neubauten wieder mehr Wert auf Regionaltypik und historische Bauformen, aber neu interpretiert gesetzt wird. Damit tun wir uns auch in der Öffentlichkeit leichter.


    Denn dann sind Rekos gar nicht mehr notwendig, wenn wir wieder -irgendwann vielleicht, nach einer Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse (die irgendwann kommen wird, da bin ich sicher!) - zu mehr Baukultur und Identität zurückfinden werden.

  • Ich sehe das so: Rekonstruktionen sind traditionelles Bauen. Nur eben auf Grundlage des Könnens von alten Meistern und nachhaltigem Bauhandwerk. Natürlich ist dieses Können und auch Wollen heute nicht mehr am Markt verfügbar. Deswegen weiß man, was man mit der Rekonstruktion hat.

  • Rekonstruktionen und traditionelles Bauen darf man nicht gleich setzen. Allein schon der Begriff "Rekonstruktion" müsste genauer definiert oder gar unterteilt werden. Sind nicht himmelweite Unterschiede zwischen den Rekonstruktionen in Dresden und Frankfurt? Und dies ungeachtet der Bauvorschriften. Es gibt ja auch noch den Begriff der Nachschöpung (oder freien Nachschöpfung), welchen ich eher unter traditionelles Bauen einordnen würde.

  • Glaubst du wirklich, es hätte nicht auch ohne den Bombenkrieg Flächenabrisse in den Altstädten gegeben? Das auf jeden Fall.

    Die Entwicklung in den unzerstörten Städten zeigt doch, dass das nicht anzunehmen ist. In Regensburg, in den unzerstörten Teilen Lübecks und Freiburgs, in Marburg, Bamberg, Göttingen hat es eben keine Flächenabrisse gegeben. Abrisse immer mal wieder, sicherlich, aber eben keine Flächenabrisse.

  • Denn dann sind Rekos gar nicht mehr notwendig, wenn wir wieder -irgendwann vielleicht, nach einer Änderung der gesellschaftlichen Verhältnisse (die irgendwann kommen wird, da bin ich sicher!) - zu mehr Baukultur und Identität zurückfinden werden.

    Und wie willst du ohne die Rekonstruktion derjenigen Bauwerke, die die steingewordene Geschichte einer Stadt ausmachten, die geschichtliche Identität einer Stadt zurückgewinnen?
    Irgendwie scheinen mir bei deinen Überlegungen Vorstellungen von einer Art neuem "Heimatstil" im Kopf herumzuspuken, der auf eine vermeintlich übergeschichtlich-wesenhafte regionale oder nationale Identität abzielt, die sozusagen immer irgendwo "da" ist und die man quasi nur wieder hervorholen müsste. Es gibt aber keine übergeschichtliche Identität, sondern nur eine geschichtliche.

  • Und wie willst du ohne die Rekonstruktion derjenigen Bauwerke, die die steingewordene Geschichte einer Stadt ausmachten, die geschichtliche Identität einer Stadt zurückgewinnen?

    Guter Punkt! An der Stelle sind Rekonstruktionen tatsächlich unabdingbar!

  • Ich würde sagen es gibt eine Regionale Geschichtliche Identität , die sich in den Bauwerken in den Typischen Regionalen Materialien und Formen Manifestiert hat und sich so Präsentiert , verallgemeinern kann man es nicht.

  • Ich kann den hier künstlich aufgebauten Gegensatz der Positionen nicht nachvollziehen.


    Natürlich sind Stadtbild-Freunde für Rekonstruktionen, und zwar dort wo das möglich und sinnvoll ist.


    Allerdings kann es nicht alleiniges Ziel sein, sich für Rekonstruktionen einzusetzen. Es geht doch nicht darum, nur eine Wohlfühlinsel inmitten eines Molochs zu schaffen, der als "Spielwiese" für diejenigen bereitsteht, die auch heute schon den Ton angeben. Sondern es geht darum, zu einer grundsätzlich anderen Baukultur zu gelangen, die auch ästhetisch ansprechende Neubaugebiete schafft.


    "Philon" ist eben aus Nürnberg, wo man - wie in weiten Teilen des süddeutschen Raums - darunter leidet, dass historische Altstadthäuser durch mehr oder minder angepasste Neubauten ersetzt wurden. Ich denke aber, ich gehe recht in der Annahme, dass auch "Philon" solche traditionellen Gestaltungsprinzipien in Neubau-Arealen oder modernistisch verwüsteten Gebieten jüngeren Datums begrüßen würde.


    Deswegen sehe ich diesen Streit als ein Aneinander-Vorbeireden.

  • Ich denke aber, ich gehe recht in der Annahme, dass auch "Philon" solche traditionellen Gestaltungsprinzipien in Neubau-Arealen oder modernistisch verwüsteten Gebieten jüngeren Datums begrüßen würde.

    Das natürlich.

  • Beispiel Leipziger Platz in Berlin. Dort hätte es (bis auf das Wertheim) nicht unbedingt Rekonstruktionen gebraucht, auch klassische Neuschöpfungen hätten wieder einen Platz mit Esprit entstehen lassen. Leider wurde es am Ende aber nur Raster-Einfalt, eine große architektonische Enttäuschung. Ich habe das bis heute nicht ganz verdaut, muss ich zugeben.

    In dubio pro reko

  • Rekonstruktionen und traditionelles Bauen darf man nicht gleich setzen. Allein schon der Begriff "Rekonstruktion" müsste genauer definiert oder gar unterteilt werden. Sind nicht himmelweite Unterschiede zwischen den Rekonstruktionen in Dresden und Frankfurt? Und dies ungeachtet der Bauvorschriften. Es gibt ja auch noch den Begriff der Nachschöpung (oder freien Nachschöpfung), welchen ich eher unter traditionelles Bauen einordnen würde.

    Geschenkt. Deswegen sind es ja am Dresdner Neumarkt größtenteils nur Fassadenrekonstruktionen ohne nachhaltigem Bauhandwerk mit wenigen Ausnahmen wie An der Frauenkirche 16/17 und natürlich die Rampische Straße 29.


    Und eigentlich bedeutet der Begriff der Rekonstruktion gar nichts. Schließlich könnte man dies auch mit Bauhäusern und Plattenbauten tun und hat es auch schon getan.

  • Guter Punkt! An der Stelle sind Rekonstruktionen tatsächlich unabdingbar!

    Und hier kommt die eigentliche Frage ins Spiel: Wer entscheidet, welche Bauwerke diese "steingewordene Geschichte" sind/waren? Und wer entscheidet, ob diese wiedererstehen dürfen? Hier wird es immer unterschiedliche Auffassungen geben und die Entscheidungsträger verlassen sich auf die überzeugendste Argumentation. Die allgemeine Öffentlichkeit nimmt meiner Wahrnehmung nach nicht wirklich an dieser Argumentation teil, sondern erfährt von Planungen, Meinungen und den schlussendlichen Bauvorhaben aus der Presse - wenn überhaupt.


    Meine Wahrnehmung am Beispiel Dresden ist auch, dass die Rekonstruktionen z.B. am Neumarkt in der Öffentlichkeit wesentlich besser ankommen als andere Neubauten, auch wenn letztere ein Satteldach und eine strukturierte Fassade haben. Und auch die Frauenkirche ist den meisten wohl als Rekonstruktion lieber als eine von Schafen beweidete Ruine als "Mahnmal für den Frieden".


    Ganz kompliziert wird es bei Planungen für ganze Quartiere, weil dort natürlich die Grundsatzdiskussion losgeht: "Wenn wir schon einmal die Chance haben, ein ganzes Quartier zu bauen, dann sollte man dieses ..."

    • "... modern gestalten, schließlich steht kein Altbau im Weg."
    • "... strukturell und architektonisch weitestgehend rekonstruieren."

    Wer die Begründungen der Architekturbüros für Variante-1-Planungen kennt, weiß, wie das ausgeht. Wenn es dann doch einmal eine Initiative für die historisch angelehnte Variante gibt, wird sich in der Öffentlichkeit bekriegt (Stichworte Disneyland oder Rechtspopulismus vs. Würfelhusten) und die gemeine Bevölkerung schnappt nur Fetzen davon auf und regt sich dann über Schlagzeilen wie "738 Wohnungen für Wiederaufbau von Adelspalais vernichtet" auf.


    Viele Menschen beschäftigen sich eben kaum bis gar nicht mit der Geschichte ihrer Stadt, erst recht nicht mit der architektonischen. Es liegt also an der Qualität der Argumentation für Rekonstruktionen und der dazugehörigen Öffentlichkeitsarbeit und nicht am Vermeiden von Irritationen. Ich habe größten Respekt vor denjenigen, die für dieses Anliegen eintreten, weil es augenscheinlich ein Kampf gegen Windmühlen ist.

  • Naja am Dresdner Neumarkt gibt es schon mehrere Rekos mit nachhaltigem Bauhandwerk an der Frauenkirche 16/17 , das Kanzleihaus , Rampische Straße 29 , Dinglingerhaus , Schützhaus , Köhlersches Haus , British Hotel , Haus zum Schwan , Triersches Haus.

  • In Straßburg wurde so manche kriegsbedingte Baulücke durch traditionell-angepasste Neubauten gefüllt. Diese nimmt man heute ganz selbstverständlich als Teil der Ensembles wahr, auch wenn man mit geschultem Auge ihre zeitliche Herkunft erkennt. Es kommt immer darauf an, wie einfühlsam „neu“ gebaut wird, dann muss man auch nicht unbedingt Rekonstruktionen verlangen. Es ist vielmehr zu bedauern, dass unsere Zeit so arm an Architektur ist, die durch ihre Qualität das Bedürfnis nach Rekonstruktionen in den Hintergrund treten ließe.

    In dubio pro reko

  • In Straßburg wurde so manche kriegsbedingte Baulücke durch traditionell-angepasste Neubauten gefüllt. Diese nimmt man heute ganz selbstverständlich als Teil der Ensembles wahr, auch wenn man mit geschultem Auge ihre zeitliche Herkunft erkennt. Es kommt immer darauf an, wie einfühlsam „neu“ gebaut wird, dann muss man auch nicht unbedingt Rekonstruktionen verlangen. Es ist vielmehr zu bedauern, dass unsere Zeit so arm an Architektur ist, die durch ihre Qualität das Bedürfnis nach Rekonstruktionen in den Hintergrund treten ließe.

    Genauso ist es! Die Rekonstruktion ist unser Krückstock in einer architektonisch erbärmlichen Zeit. Denken wir an den Wiederaufbau Magdeburgs nach seiner Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg im Jahr 1631. Wollten wir das barocke Magdeburg gegen das mittelalterliche eintauschen? Wollten wir das Vor-Haussmann-Paris zurück? Nein, weil das, was an die Stelle rückte, gestalterisch so hochwertig war oder ist, dass sich jeder Abriss für eine Rekonstruktion von selbst verbietet. In Deutschland wollen wir aber heute Stadtreparatur für unhaltbare Gestaltungen beziehungsweise Verunstaltungen betreiben. Und da Architekten und Stadtplanungsämter in der Regel ausfallen, nicht mittun oder wie in Dresden aktiv sabotieren, bleibt nur das Mittel der Rekonstruktion und der Kampf um den Erhalt jedes Gründerzeithauses von der Stange. Und natürlich gibt es darüberhinaus unzählige herausragende Bauten, bei denen sich eine Rekonstruktion um ihrer selbst Willen lohnt. Doch nicht jede deutsche Altstadt sah aus und/oder hatte die Bedeutung wie Frankfurt und Nürnberg.