Berlin - Karstadt am Hermannplatz (Rekonstruktion)

  • Wenn die breite Bevölkerung wegen harter Einschnitte, Lohndumping und hohen Mieten weniger Geld hat und die massiven Steuersenkungen für die oberen 10% den Binnenkonsum einschränken, bzw. weniger Steuereinnahmen und Investitionen ermöglichen, muss man sich nicht wundern, warum die Börse gut läuft, viele Geschäfte aber schließen und nur Fressbuden und Handyläden aus dem Boden schießen. Mir kann auch keiner sagen, dass man das nicht wusste. Für mich ist das der Kollateralschaden für Klientelpolitik. Und damit meine ich das Klientel, dass bei VW und BMW Milliarden Dividenden einstreicht, während Millionen Kurzarbeitergeld bekommen

    Also, ich bin ja ganz bei Dir, dass sich die Politik stärker nach den Bedürfnissen der arbeitenden Bevölkerung und des Mittelstandes ausrichten sollte. Dennoch sollte das jetzt nicht in ein zu pauschales Vermengen verschiedener Themen umschlagen.


    Im Einzelnen:


    - Es müsste geklärt werden, wer die "oberen 10%" sind? Möglichenfalls dürften schon einige Forumsdiskutanten bezüglich ihres Vermögens, wenn Sie ein Haus oder eine Eigentumswohnung besitzen, hierzulande schon nahe an diesen Bereich heranreichen. Weltweit vermutlich erst Recht. Die könnten dann mal gefragt werden, von welchen Steuersenkungen sie in den letzten Jahren profitiert haben. Vielleicht sollte eher von den "oberen 1%" die Rede sein, also dem international agierenden Großkapital.


    - Eventuelle Steuersenkungen für die "oberen 10%" und erst Recht für die "oberen 1%" haben mit dem Binnenkonsum erst mal herzlich wenig zu tun. Das eventuell gesparte Geld wird entweder irgendwo investiert oder auf Konten geparkt. Der Staat könnte es theoretisch konfiszieren und an die "unteren 90%" verteilen. Das würde den Binnenkonsum kurzfristig steigern. Die Schuhgeschäfte werden gestürmt, manch einer kauft ein neues Auto und isst einen Hamburger mehr. Dann ist das erledigt, das Geld ist weg, der Kaufrausch verflogen.


    - Dass "die Börse gut läuft", aber viele Geschäfte schließen, hat zum Teil mit der Mentalität von "Heuschrecken" zu tun, die Unternehmen nach Aktionären ausrichten, Arbeitsplätze rationalisieren, sich zugleich um den langfristigen Erhalt der Firma eher wenig Sorgen machen. Mit Sicherheit ein richtig angesprochenes Problem.


    - Dass die Mieten steigen, hat vor allem mit der Politik zu tun. Das Land wird zu wenig gefördert, der ÖPNV dort eher reduziert (Streckenstilllegungen), die Städte hingegen fungieren wie Staubsauger, die alles anziehen. Und dort wird der Druck zunehmend erhöht, indem nicht erst seit 2015 kontinuierlich ein Tagelöhner-Prekariat aus unser Rentensystem rettenden Fachkräften dorthin geschleust wird, das natürlich auch auf den Wohnungsmarkt drängt. Lohndrücker und Mietenerhöher in einem.


    - Dass aber in der Innenstadt primär Fressbuden und Handyläden aus dem Boden schießen hat auch ganz andere Gründe. Diese sind z.B. die Zunahme des Online-Handels. Dann die (von Parteien, deren Farben ich hier mal nicht nenne) vorangetriebene Verkehrspolitik, die auf autofreie Innenstädte und den Abbau von Parkplätzen abzielt. Und eine spezifische soziale Klientel, die für mittelständische Geschäfte mit Ware im gehobeneren Preissegment nicht mehr erreichbar ist. Das betrifft zumindest Städte in strukturschwachen Gebieten oder die unter dem Strukturwandel leiden.


    - Doch wer ist "das Klientel, dass bei VW und BMW Milliarden Dividenden einstreicht"? Schauen wir mal hin.


    a. Daimler Aktionärsstruktur. "Zu unseren größten Anteilseignern zählen der Staatsfonds von Kuwait (seit 1974), Renault-Nissan (mit einer Überkreuzbeteiligung seit 2010) und der chinesische Investor Li Shufu. Dieser hält über die Firma Tenaciou3 Prospect Investment Limited (seit 2018) den größten Aktienanteil an Daimler. Im Juli 2019 hat sich die chinesische BAIC Group mit 5 % der Stimmrechte an Daimler beteiligt." Der Anzahl der kleineren privaten Investoren liegt bei 23,1 Prozent. 32 Prozent des Aktienbesitzes liegt bei Inhaber in Deutschland.

    b. VW Aktionärsstruktur. 31,3 Prozent gehören der Porsche Automobil Holding gehören. Da könnten wirklich größere Kapitalanleger dahinter stecken. Der Rest an Privatanlegern beträgt 12,9 Prozent.

    c. BMW Aktionärsstruktur.

    Streubesitz %53,2

    AQTON SE, Bad Homburg v.d. Höhe (1) %9

    AQTON GmbH & Co. KG für Automobilwerte, Bad Homburg v.d. Höhe (1) %16,6

    Susanne Klatten Beteiligungs GmbH, Bad Homburg v.d. Höhe (2) %20,7

    Susanne Klatten %0,2

    Stefan Quandt %0,2

    (Hinter Aquton SE verbirgt sich ebenfalls Besitz der Quandt-Familie. Es ist jedenfalls eine Beteiligungsgesellschaft von Stefan Quandt.)

    Bei BMW sitzt also wirklich mal zu einem großen Teil das deutsche Großkapital.

    Der Anteil der institutionellen Privatanleger aus Deutschland wird allerdings mit 14,1% angegeben.


    Hier kommen wir an das Problem, dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Aktionäre zwar wirklich zu den Superreichen gehört. Es gibt aber ebenso auch viele Kleinanleger, die ein paar Aktien haben, aber keinesfalls zu den "oberen 1%" gehören. Zudem ist unsicher, ob die alle in Deutschland leben, also wie das steuerrechtlich aussähe. Würde man also Aktiendividenden stärker staatlich abschöpfen, um sie nach unten zur Konsumankurbelung zu verteilen, (1.) wären davon auch viele gar nicht so reiche Leute betroffen, (2.) würde das große und global agierende Kapital sein Geld einfach abziehen und in anderen Ländern und Investments parken, (3.) würden die betroffenen Firmen Geld verlieren, somit wirtschaftlich zusätzlich unter Druck geraten.


    Ich will damit sagen: Die Sache ist kompliziert. :zwinkern:

  • Ich antworte kurz, weil es ja einen Bezug zum Kosumverhalten (hier Karstadt) und dem damit verbundenen Stadtbild (Hermannplatz) einhergeht. :)


    Da sind wir nah beieinander, bzw. sagst das, was ich meinte (Geld wird nicht investiert, sondern auf Konten geparkt). :)


    Das Problem ist, dass die in der Politik, die Steuern anheben wollen, dies für wirklich Reiche tun wollen. Die Vermögenssteuer wurde ja nur ausgesetzt, nicht abgeschafft. Sie soll ab 2 Mio. € Vermögen gelten, jedoch können Normalos (ich denke z.B. fast alle hier im Forum), die insgesamt mit Wohnhaus etc. dazu kommen, auch das Wohnhaus etc. anrechnen. Betroffen werden also nur jene, die wirlich reich sind. Deshalb: Traut keinem, der davor warnt Steuern zu erhöhen (immer schön verallgemeinert, um Panik zu schüren)! Das sind meist jene, die die Mehrwertsteuer mitangehoben haben und die betrifft jeden ab einem Vermögen von 0 Euro.


    Neben der ausgesetzten Vermögenssteuer wurde unter Kohl und Schröder der Spitzensteuersatz deutlich gesenkt. Die, die das ändern wollen (Anhebung der Untergrenze, damit weniger betroffen sind und Anhebung des Prozentsatzes) wurden ja mit Stalin und Co. verglichen, was deutlich zeigt, wie panisch von Seiten der Superreichen reagiert wird.


    Beim Thema verkehrsfreie Innenstädte muss ich allerdings widersprechen, abgesehen davon, dass verkehrsfreie Innenstädte den Stadtbildern, auch hier beim Hermannplatz, die wir doch wollen, näher kommen! Denn zum einen wirken die Fotos einstiger Tage idyllisch, weil sie nicht voller Blech sind und zum anderen sage ich nur "Autofreundliche Stadt"..... .

    Da sind Städte wir HH, Köln, Berlin wegen des gut ausgebauten ÖPNV wirklich weniger betroffen und die Handy- und Fressbuden tummeln sich schon seit vielen Jahren gerade in NRW-Städten im Stadtraum. Gerade seit die Schere zwischen arm und reich auseinander geht..... (übrigens: Wer kein Auto hat, hat mehr Geld für den Einzelhandel und zum Spenden für Rekos:koenig:). Also mit der verkehrsarmen Stadt hat das nichts zu tun: ;)


    Die Dividendenauszahlung erwähnte ich nur im Hinblick auf Staatshilfen. Hier hätte es Modelle geben können des Verzichts, Teilverzichts oder einer Obergrenze. Alles möglich.


    Wir brauchen also wirklich mehr Bewegung, was Bauen angeht und was Liquidität der Bevölkerung angeht.

    Man darf nie vergessen: Entsteht beim Menschen Tristesse, entwickelt sie sich auch im Stadtbild.

  • Wie es der Zufall will war ich just heute im Karstadt am Hermannplatz. Meine Freundin und ich hatten Besuch aus der Heimat (keine Sorge, beide bereits coronaresistent) und waren ein bisschen in Neukölln unterwegs. Da einige auf Toilette mussten, habe ich den Karstadt vorgeschlagen. Der Weg zu den Toiletten führt, wenn man von der Urbanstraße kommt, ja durch das ganze Gebäude bzw. den Karstadt. Danach haben wir uns ein wenig über das Gebäude ausgetauscht. Die Reaktionen waren die folgenden: Einer der Besucher meinte, daß Gebäude sähe von außen schon so abschreckend aus, dass man gar nicht zum Einkaufen rein möchte. Dieser unangenehme Eindruck setze sich im Inneren durch die doch recht niedrigen und mit Waren zugestellten Räume fort. Besucher Nr. 2 meinte, die Zeit der großen Warenhäuser sei sowieso vorbei. Es würde doch viel mehr Sinn ergeben, den Karstadt abzureißen und eine gemischte Bebauung zu errichten. Also wohnen, einkaufen und arbeiten.

    Dass dies genau die Absicht der Signa ist, habe ich danach eröffnet. Ich habe dann auch Ansichten des historischen Gebäudes gezeigt und mitgeteilt, dass die Möglichkeit bestünde, dies zu rekonstruieren. Alle waren hellauf begeistert und regelrecht schockiert, als ich die Einstellung der hiesigen Bezirkspolitiker dargelegt habe.

    Wie waren uns alle vier einig, dass eine Rekonstruktion und die angepeilt Mischnutzung das Allerbeste sei, was Neukölln bzw. Kreuzberg bzw. dem Hermannplatz überhaupt nur passieren könne.

    Wir sind 33, 33, 30 und 22 Jahre alt. Ich finde, das sagt Einiges aus.

    Im Übrigen haben bisher ALLE, denen ich die Pläne vorgestellt habe, durchweg positiv reagiert. Auch Freunde aus Neukölln und Kreuzberg. Die wussten gar nicht, dass hier einmal ein solch tolles Gebäude stand.


    Naja, hoffen wir das Beste. Wenn Karstadt nicht untergehen will, dann müssen sie solche Wege zwingend gehen.

  • Dein Optimismus in Ehren, Grimminger! Man merkt aber schon, dass Ihr "Auswärtige" seid. Bei den Berlinern selbst herrscht in aller Regel doch eher eine linkskonservative Mentalität vor, die nach meiner Beobachtung selbst migrantische Familien in der 2. Generation befällt. Schönes, wie etwa eine schöne alte Hausfassade, kann gerade noch gewürdigt werden. Aber alles, was darüber hinausgeht, wird schnell als "Prunk und Protz" abgelehnt. Das dürfte auch für den angedachten Karstadtbau gelten, ist aber auch der Grund dafür, dass zum Beispiel das Stadtschloss in Berlin nicht wirklich populär werden konnte. Im Grunde genommen möchte man, dass sich in der Stadt überhaupt nichts ändert, schon garnicht das Stadtbild. Sauberkeit wird vielleicht noch als Wert anerkannt, "Schönheit" ist eigentlich schon suspekt. Das ist eine Besonderheit der Mentalität, die in Berlin und Brandenburg anzutreffen ist. Woanders habe ich das bisher nicht erlebt. Auch die Regierungen von Berlin und Brandenburg stehen für diese mehr oder weniger bewusste Geisteshaltung. Wenn sich hier etwas Positives entwickeln kann, dann nur, wenn es von aussen angestoßen und durchgesetzt wird.

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Ich weiß nicht, inwiefern dies relevant für den Thread ist, möchte es aber dennoch teilen. Ich war im Dezember im Rahmen meines Silvester-Party-in-München-Urlaubs im KZ Dachau, wo in den ersten Räumen der Weg zur NS-Diktatur geschildert wird. Auch der Architektur ist ein Bereich gewidmet, wo unter Anderem auch der Karstadt am Herrmannplatz in den 1920ern als Teil der Architektur der Moderne abgebildet ist. In der Nähe befindet sich ein Infotext, wo es grob darum geht, dass die (Architektur der) Moderne zu Umbrüchen geführt habe, die für viele nur schwierig zu verarbeiten war. Ich kannte die Reko-Pläne seinerzeit schon und war erstaunt, das Gebäude dort zu sehen. Wer weiß, welche inneren Unstimmigkeiten unsere heutigen Städte bewusst oder unterbewusst in den Menschen auslösen?

  • Schade das gerade Schönheit so Suspekt ist. Es erklärt warum das heutige Berlin so wenig macht um die Innenstadt und Wohnbezirken Grafitti frei zu machen oder Gebäuden zu bauen die wirklich wieder als "Schön" bewertet werden können, wie das Schloss.

    Erklärt auch warum Ecktürmen oder Fassaden nicht wieder schön rekonstruiert werden und am Friedrichswerder hässliche Kuben gebaut wurden, genau wie die Ostseite des Schlosses. Verabsichtighte Unschönheit als Strafe.....????


    Deswegen machen die Linken immer grosse Anstrengungen wenn es Pläne gibt um herrliche Bauten wie das ehemalige Karstadt Gebäude zu rekonstruieren. Alles soll ganz "grau" und unansehlich bleiben..........

  • Schade das gerade Schönheit so Suspekt ist. Es erklärt warum das heutige Berlin so wenig macht um die Innenstadt und Wohnbezirken Grafitti frei zu machen oder Gebäuden zu bauen die wirklich weider schön sind wie das Schloss.

    Erklärt auch warum Echtürmen oder Fassaden nicht wieder schön rekonstruiert werden und am Friedrichswerder hässliche Kuben gebaut wurden, genau wie die Ostseite des Schlosses. Verabsichtighte Unschönheit als Strafe.....????


    Deswegen machen die Linken immer grosse Anstrengungen wenn es Pläne gibt um herrliche Bauten wie das ehemalige Karstadt Gebäude zu rekonstruieren. Alles soll ganz "grau" und unansehlich bleiben..........


    Man muss aber sagen dass Berlin hat ziemlich viel ansehnliche Neubauten zu bieten - wir in Schweden benutzten oft Berlin als ein beispiel wo traditionelle Bauten jetzt möglich sei. Es kommt auch ansehnliche Renovierungen in Vierteln wie Prenzlauer Berg. Berlin ist ja nicht nur schwarz und weiss.

  • So ist es, Johan. Was Wohnungsneubau in der Breite angeht (nicht irgendwelche Luxusprojekte in Düsseldorf), führt an Berlin kein Weg vorbei. Mantikor und Snork und viele andere Berliner präsentieren uns doch hier wirklich viele gelungene Neubauprojekte. Kennt jemand Neubauten vergleichbarer Qualität aus München? Frankfurt? Stuttgart? Es ist immer leicht, Berlin zu bashen, mach ich auch gerne manchmal, aber bisweilen wünscht man sich doch etwas mehr Realismus und Demut, gerade von Leuten, die von außen kommentieren und in Städten wohnen, in denen noch viel weniger geht und/oder die weniger zerstört sind.


    (auch hier wieder: gerne widerlegen, wenn es richtig schöne klassische Neubauprojekte in München und Stuttgart gibt, zeigen!)


    Eigentlich machen mir zur Zeit nur Berlin, Hamburg, Köln und vielleicht Düsseldorf ein wenig Hoffnung in puncto qualitativ gelungene Wohnungsneubauarchitektur jenseits des Luxussegments. Selbst aus Leipzig und Dresden wird hier viel Müll gezeigt im Neubaubereich (was die vorhandene Schönheit in feinster Weise schmälern soll!).

  • Unfassbar. Wenn ich die Signa wäre, hätte ich Karstadt Hermannsplatz nun als allerersten geschlossen und verrotten lassen, wie die Karstadts in den anderen Städten auch. Da hätten die Kreuzberger Alt-68er endlich ihren vermeintlich kultige Westberlin-Tapete aus den 1980ern zurück.

  • Danke für den Hörfunkbeitrag, Freibuerger!


    Man kann auch etwas Positves im Negativen sehen: Wenn genug Leute diese ideologischen Verblendungen dieses Fundis Schmidt hören, dann werden sie sich nur noch mit Kopfschütteln abwenden. Hinter den Kulissen geht es mit der Planung des neuen, alten Karstadt ohnedies weiter, denn Herr Schmidt wird so oder so Geschichte sein: Entweder abgesägt von den Realos der eigenen Genossen, die für das Signa Projekt bereits Partei ergriffen haben, durch das Overrulen des Regierenden Oberbürgermeisters spätestens oder sogar noch früher durch seine Betrügerei (Urkundenfälschung, Urkundenunterdrückung, Aktenmanipulation) mit den enstprechenden, bereits eingebrachten Strafanzeigen! Solches "Personal" können sich nicht einmal die Grünen leisten.


    Keine Sorgen Freunde, bei dem Projekt hat sich Schmidt zum Glück mit den Richtigen angelegt ;-) . Wer anderen eine Grube gräbt...

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Das kann man nur hoffen, ich habe den Beitrag auch live im Radio gehört und war ganz ehrlich schockiert. Dieser Wunsch, in Siff und Niedergang zu leben, den kann ich nicht verstehen. Es stimmt schon, das scheint eine Berlineske zu sein, dieser Wunsch, dass sich nichts ändern möge, auch nicht das Schlechte. Auf eine ziemlich verquaste Art konservativ.


    Selbst die Jungs aus der Eckkneipe von gegenüber, die akustisch sicher keine Gentrifizierer waren, fanden das Projekt gut. Für wen kämpft der Typ eigentlich? Man kann nur hoffen, dass sich hier die Stadt gegen den Lokalfürsten durchsetzen kann. Da tut sich wirklich ein Abgrund auf.

  • Es lohnt sich nicht, diesen radikalen Salonlinken und seine in die Jahre gekommene Entourage aus Altkommunisten und modernem Lumpenproletariat noch durch Kommentare aufzuwerten. Aufwertung wollen sie ja ohnehin nicht, totschweigen wäre also im Sinne aller. Hoffentlich spricht der Berliner Senat bald ein Machtwort.

  • Nikolaus Bernau gibt sich dem Thema 'Warenhäuser' im Allgemeinen und, was die Architektur solcher betrifft, im Besonderen hin.


    Berliner Zeitung


    Interessant dass er den Wert der Architektur für diese Gattung betont!

  • Die Probleme von Karstadt Kaufhof hängen auch damit zusammen, dass man in den letzten Jahrzehnten viel zu wenig Geld in neue und ansprechende Fassaden investiert hat. Daher wirken gerade die vielen Fensterlosen Warenhäuser heruntergekommen und wenig einladend (viele sind es auch). Allein durch diesen ersten Eindruck werden viele potenzielle Kunden so verschreckt, dass sie das Warenhaus gar nicht erst betreten. Alfred Messel hat vor über einhundert Jahren (!) vorgemacht, wie ein modernes Warenhaus aussehen sollte. Auch Phillipp Schaefer orientierte sich bei der Architektur für den Karstadt am Hermannplatz an Messels Fassadenstruktur mit schmalen Pfeilern und durchgehenden Fensterbahnen. Wenn die Warenhäuser von Karstadt Kaufhof langfristig überleben wollen, bräuchten sie zunächst einmal Fassaden mit großen Fenstern und aus Naturstein, die wertig wirken und zudem endlich wieder Licht in die recht dunklen Warenhäuser bringen. Außerdem bräuchten sie einen zentralen Lichthof, der nicht nur mehr Licht in die Filiale bringt, sondern auch die Kunden beeindruckt. Die Warenhäuser sind nicht zuletzt auch deshalb in die Krise gerutscht, weil sie den Kunden durch die reine Fixierung auf den Konsum keine wirkliche Aufenthaltsqualität mehr bieten. Das rächt sich in Zeiten des wachsenden Internethandels umso mehr.


    Im Artikel wird vor allem auch das Warenhaus Wertheim am Leipziger Platz erwähnt. Es war ein riesengroßer Fehler von Karstadt, das Warenhaus Wertheim nach der Wende nicht wieder aufgebaut zu haben. Ähnlich wie das Harrods in London wäre das Wertheim heute nicht nur das Ziel vieler Berliner, sondern auch von vielen Touristen.

    Auch bei der Mall of Berlin hätte man die Chance gehabt, zumindest die Wertheim-Fassade zu rekonstruieren. Vielleicht auch den einen oder anderen Lichthof. In der Mall selbst erinnern heute an vielen stellen Bilder an den legendären Vorgängerbau, der einst an dieser Stelle stand. Oft hört man dort auch "Schade, dass man es nicht wiederaufgebaut hat". Übrigens vor allem von jungen Menschen.


    Mit der Rekonstruktion von Karstadt am Hermannplatz ist man also auf dem richtigen Weg. Man kann nur hoffen, dass die derzeitigen Planungshemmnisse bald durch den Senat beseitigt werden.

  • Eine der Aussagen von Wertheim damals war, dass mann von der Stecknadel bis zum Sarg alles im Warenhaus kaufen könne. Und so war es dann auch, wie man den historischen Katalogen entnehmen kann, und vor allem zu festen Preisen. In den letzten Jahren hat man zumindest in Berlin bei den Häusern am Kurfürstendamm, in der Wilmerdorfer Straße und in Steglitz aber den Eindruck bekommen, dass man dem KaDeWe nacheifern wollte und so wurde das Angebot immer dünner, die Ansprechpartner, sprich VerkäuferInnen immer weniger, so dass sich die Frage für mich stellte warum ich denn da noch hinein gehen sollte.


    Und wenn ich mich erst mal durch die Wolken von Parfüms etc. durchkämpfen muss, bin ich schon bedient.


    Mal abgesehen, dass manches doch recht teuer und gegenüber dem Internet nicht konkurrenzfähig ist. Da ich Selbiges nur in Ausnahmefällen benutze laufe ich mir manchmal einen Wolf, um an das zu gelangen was mir vorschwebt.


    Also die Kaufhauskrise ist zum Teil auch selbstgemacht.

  • Es gibt mehrere Gründe, warum die Kaufhäuser heute in der Krise sind. Darüber könnte man ganze Romane schreiben. Hier nur einige Punkte:


    - Der Trend zum Onlinehandel wurde komplett verschlafen

    - In den letzten Jahren wurde so gut wie nichts in die Sanierung der Filialen investiert (das Auge kauft immer mit).

    - Es gab keinerlei neue und Innovative Konzepte wie etwa Pop up Stores oder Coworking spaces.


    Der Kardinalfehler, an dem Karstadt Kaufhof bis heute Krankt:

    Der Verkauf der Immobilien an Investoren, die man sehr teuer zurück mieten musste.


    Wie es aussieht, wird Karstadt Kaufhof weiter in raten sterben. Langfristig werden nur die Kaufhäuser in den Toplagen der großen Städte bestehen bleiben.


    Ich kenne mich mit den Berliner Kaufhäusern nicht ganz so gut aus. Premiumkaufhäuser wie das KaDeWe gehören allerdings zu den wenigen Kaufhäusern, die sich noch heute wirtschaftlich lohnen. Ein Premiumkaufhaus an jeder Ecke in Berlin wird aber nicht funktionieren. Das geht nur an absoluten Topstandorten. Dazu würde für mich nur der Kurfürstendamm zählen, wo man den Namen Wertheim wiederbeleben könnte und sich mit frischen Ideen und neuen Konzepten durchaus in Richtung KaDeWe bewegen könnte. An der Wilmersdorfer Straße und in Steglitz würde das Konzept aber nicht funktionieren.


    Über Georg Wertheim kann man nur das beste sagen. Er hat viele Innovationen aus dem Amerikanischen Handel in Deutschland eingeführt, wie feste Preise, sofortige Barzahlung und ein Umtauschrecht. Zudem gab er auch Kataloge heraus. Würde Georg Wertheim heute noch leben, wäre er wohl einer der ersten gewesen, der die Chancen des Internethandels genutzt hätten. Vielleicht wäre wertheim.de dann heute das deutsche amazon. Auch das Wertheim war, wie heute das KaDeWe, ein Premiumkaufhaus. Dennoch gelang es Wertheim, auch weniger zahlungskräftige Kundschaft in sein Haus zu locken. So gab es beispielsweise auch eine Bücherei, in der man sich Bücher ausleihen konnte, statt sie sich gleich kaufen zu müssen. Ein Kaufhaus wie das Wertheim würde sicherlich auch heute noch funktionieren. Auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin, ob sich Särge dort heute noch gut verkaufen würden... ;-)

  • Für mich haben sich die Kaufhäuser in dem Moment erledigt, in dem sie den Anspruch aufgegeben haben, dass man dort (im Prinzip) alles kaufen kann, und stattdessen umgestiegen sind auf ausgewählte Produkte, insbesondere für den Spontankauf, und auf Sortierung nicht nach Warengruppen, sondern nach Marken.


    Der letzte Versuch meinerseits ist schon mehr als 5 Jahre her. Ich war auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für meine Kinder, und besuchte wie so oft die bis dahin gut sortierte Spielwarenabteilung des KaDeWe. Musste dann die oben beschriebene Verwandlung feststellen, und habe daher unverrichteter Dinge das Haus wieder verlassen müssen. Seitdem habe ich es nicht wieder betreten und bin auf den Onlinekauf umgestiegen.


    Im Einzel-Fachhandel sieht es leider nicht viel besser aus. Wenn man sich nicht weitgehend darauf verlassen kann, den anvisierten Produktwunsch auch erfüllt zu bekommen, macht es keinen Spaß mehr, Läden aufzusuchen.

  • Ich gehe davon aus, es war von Goldstein satirisch gemeint.


    Wie auch immer: ich fände es gut, wenn man bei den einzelnen Themen bleibt, und hier nicht über Gott und die Welt schreibt, vom Ablästern über die angeblich ach so schlechte Berliner Mentalität bis zum "Philosphieren" über die allgemeinen gesellschaftlichen Zustände ist wirklich alles ausgiebig dabei, gerade in den Berliner Threads.

    Das Thema hier heißt Karstadt am Hermannplatz (gilt für andere Themen, z.B. das Marienviertel aber genauso).