Populismus-Vorwurf in der Architektur

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    • Wir waren in der Diskussion doch schon weiter, ich glaube da reden wir gerade aneinander vorbei...

      Und gute Resultate vorzeigen und die Anerkennung genießen allein reicht eben nicht aus. Das müssen wir nach all den Erfolgen doch feststellen. Je größer die Erfolge, desto größer auch die Gegnerschaft und zugleich die Anhängerschaft. Umso wichtiger aber auch der noch aktivere Diskurs. Mit eigenen Positionen und Argumenten. Da stimme ich völlig zu, wissen.de.
    • Wissen.de schrieb:

      ...nur halte ich es für nicht zielführend, wenn man ständig völlig aufgekratzt auf jeden Artikel reagiert und dann über jeden Stock springt, der einem hingehalten wird.

      Nicht die Abarbeitung an den Ansichten von Herrn Trüby ist die Lösung, sondern mit Erfolgen werben, die wir erreicht haben. Und dagegen kann Herr Trüby oder irgendein Feuilleton schreiben was es will. Bilder überzeugen, der Besuch in der Altstadt überzeugt, Vorher-Nachher-Bilder überzeugen....

      ...Und dann kann irgendein Architekturprof oder ein Journalist an Ansichten unter die Welt bringen, was er will.... Erstens liest die breite Masse das nicht und zweitens müssen wir nicht zuforderst eine links geprägte Medienelite gewinnen, sondern die Menschen....
      Dass man nicht über jedes Stöckchen springen sollte, ist klar. Das wäre immer nur ein kurzer Aufreger und wenig nachhaltig. Die Auseinandersetzung muss schon stärker in der Tiefe geführt werden.

      Ansonsten aber irrst Du etwas, "wissen.de". Es geht nicht darum, die breite Masse zu überzeugen. Die ist ohnehin überzeugt, dass Rekonstruktionen und traditionelle Stadtbaukunst hinsichtlich Lebensqualität und Menschlichkeit der modernistischen Architektur weit überlegen sind.
      Diese Normalbürger sind aber nicht die Entscheider. Die Leute, die entscheiden, was gebaut wird, sitzen zum Beispiel in den Parlamenten und der Bauverwaltung. Und diese Leute hören sehr wohl darauf, was in der Zeitung steht. Denn sie wollen ja wiedergewählt werden oder ihre Posten behalten, und dazu muss man ein feines Sensorium dafür entwickeln, was bei Journalisten ankommt und was nicht.
      Und die Journalisten sind nun einmal mehrheitlich "progressiv", was bedeutet, dass sie nur ungern positives zu Haltungen schreiben, die in den Ruf geraten, "erzkonservativ", "reaktionär", "rechtsradikal", "neonazistisch" oder auch nur "Disneyland" zu sein. Man soll sich nicht täuschen, dass manche Journalisten angesichts der rekonstruierten Tatsachen Kreide gefressen haben. Beim nächsten Projekt kann das wieder ganz anders aussehen, wenn ein Leiter des Architekturmuseums oder ein BDA-Funktionär massiv dazwischen funkt. Das Schauspielhaus in Frankfurt ist nur ein Beispiel dafür.
      Und diejenigen, die bauen, werden an den modernistisch dominierten Hochschulen ausgebildet. Dort erhalten sie ihre Gehirnwäsche. Die bekommen dort jeden Tag nur eine Meinung mit und erlernen eine Haltung, für die es gute Noten gibt. Und von Alternativen oder der Kritik an ihren Lehrkräften erfahren sie fast nichts, weil die Andersdenkenden zu bequem sind, sich tiefergehend kritisch mit der Thematik zu befassen und ihre Kritik zu publizieren. Dann werden diese jungen Architekten später noch so viele schöne Rekonstruktionen vor die Nase gesetzt bekommen können. Sie werden reagieren, wie es ihnen Jahre lang eingetrichtert worden ist. Sie werden den Mund öffnen und 30 mal hintereinander "Nazi, Fälschung, Disneyland" rufen.
      Also, darum geht es. Es geht nicht um den Busfahrer oder die Krankenschwester, die ihren Spaziergang durch das Frankfurter DomRömer-Areal genießen. Es geht darum, die Köpfe der Entscheidungsträger, der Journalisten, der Jungarchitekten, der Politiker aus ihrer Vernebelung zu befreien. Davor haben Trüby und Konsorten Angst, aber sie sind eben noch auf ziemlich sicherem Posten, so lange ihnen nicht auf ihrer Ebene geantwortet wird.
    • Irgendwie habt ihr alle Recht. Natürlich haben Rekonstruktionen bzw. rekonstruktionsähnliche Neubauten eine positive Wirkung auf die Gesamtbevölkerung, auch wenn Trüby und Co. noch so viel ideologischen Unrat in den Feuilletons verbreiten. Und doch haben diese Zeitgenossen viel zu viel Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs, alleine schon deshalb, weil sie sich als Hohepriester der Moral gebärden und die Reko-Freunde automatisch in eine Verteidigungshaltung zwingen. Nach Adorno sollte nach Auschwitz kein Gedicht mehr gedichtet werden, nach Trüby dann wohl nach Auschwitz nie mehr schön und menschlich gebaut werden. Insofern liegt Heimdall m.E. völlig richtig; in den Architekturbüros, Jurys und "Expertenkommissionen" sitzen immer noch meist die (bzw. viele) Puristen, die in jeder Art von Rekonstruktion, Bau von "schönen" Fassaden (eine Definition dafür ist hier wohl nicht nötig) bzw. dem Abweichen vom Bauhaus- oder Rasterfassadenmainstream einen Akt finsterster Reaktion wittern und dies dementsprechend brandmarken (in der "Expertenkommission" zum Berliner Schlossplatz gab es damals nur eine hauchdünne Mehrheit für die Schloss-Rekonstruktion). Daher ist es sinnvoll und unabdingbar den Diskurs mit den Trübys aufzunehmen, in den Medien und Foren wie diesem. Denn sie sind die Reaktionäre, nicht wir. Und die besseren Argumente haben wir auch.
    • Was die sogenannten Progressisten bzw. Pseudo-Progressiven (progressiv möchte ich sie nicht nennen, denn in Wahrheit sind sie regressiv) prägt, ist die letztlich perverse Vorstellung, dem Schlechten müsse Schlechtes entgegengehalten werden: auf die Brutalität von Auschwitz könne man nur mit einer brutalistischen Architektur antworten, die Hässlichkeit einer bösen Vergangenheit bedinge hässliche Städte in der Gegenwart. Wer so denkt, muss das Streben nach Schönheit zwangsläufig als Verdrängung, als Leugnung oder - bestenfalls - als Kitsch verstehen.
      Doch gerade diese Pathologie gilt es aufzubrechen: Das Böse bekämpft man nicht durch das Böse, sondern durch das Gute. Das Hässliche entlarvt man in seiner Schlechtigkeit nicht nur neue Hässlichkeit, sondern durch Schönheit. Die Lüge widerlegt man nicht durch neue Lügen, sondern durch die Wahrheit. Zugleich trägt das Streben nach Schönheit dazu bei, kranke Seelen zu heilen, was wiederum gesamtgesellschaftlich dem Bösen und Abartigen den Nährboden erzieht. Ich weiß, das ist ein romantischer Gedanke - den freilich auch schon in abgewandelter Form die Aufklärung propagiert hat. Aber ich halte ihn immer noch für richtig.
    • @ Seinsheim: In der Denkweise, die Sie da schildern, steckt viel Adorno'sche Ästhetik. Wenn man die "Ästhetische Theorie" mal nüchtern liest, ist das banale Kernargument, dass die Kunst nicht schön sein dürfe, weil die Welt unrettbar schlecht, böse und verdorben sei.
      Deshalb sei Kunst, die nicht ebenso häßlich ist, eine Lüge und Beschönigung und jede Versöhnung in der Kunst nur ein Teil des universalen Verblendungszusammenhangs, Schein, der den Menschen vorgaukelt werde, um sie weiter knechten zu können.

      Darum müsse Kunst häßlich und brutal sein (bei Adorno heißt das "Mimesis an das Verhärtete").

      Das Ganze ist religionstheoretisch natürlich nichts anderes als ein mühsam kaschierter Manichäismus in pseudophilosophischem Gewand: die Welt ist unrettbar an den Satan verloren, ja seine Schöpfung. Nichts daran ist gut und deshalb darf es keine Kompromisse mit ihr geben, keine Schönheit, die ihre Verdorbenheit versteckt.
    • @Philon Ja, Adornos Ästhetik ist höchst problematisch. Mein Ästhetikbegriff ist hingegen durch Platon und das Christentum geprägt (muss ja fast so sein, wenn man einen Fürstbischof als Profilbild gewählt hat :) )
      Gerade befasse ich mich im Rahmen eines Aufsatzes mit dem Hohenlied. Da gibt es eine interessante und ebenso schwierig zu deutende Stelle: Im ersten Kapitel, Vers 5-6 sagt die Geliebte von sich, sie sei zwar schwarz, aber schön (nigra sum sed formosa). Sodann bezeichnet sie sich als braun (fusca). Die Kirchenväter und Kirchenlehrer haben diesen Widerspruch zwischen dem Schwarzbraun, das durchweg negativ gedeutet wird, und der Schönheit häufig so gedeutet, dass die menschliche Seele ob ihrer Sünden zwar beschmutzt sei, aber, weil sie von Christus geliebt werde, ihrem eigentlichen Wesen nach doch schön sei. Am Ende der Zeiten, so ihre Hoffnung, werde die Seele vollständig gereinigt:ganz rein (tota pulchra) und makellos (immaculata), wie es dann im Hohenlied 4,7 u. 5,2 heißt . Das Göttliche, so der Gedanke, hat die Kraft, das Hässliche zu tilgen und die Welt zum Schönen und Guten hin zu verändern.
      Dieser Gedankengang setzt freilich voraus, dass Schönheit etwas Göttliches ist. Dagegen kann, wer dem marxistischen Materialismus verhaftet ist, im Schönen nie eine absolute Größe erkennen. Und da der Mensch sich in allen linken Gesellschaftsentwürfen selbst erlöst, bedürfte er dazu selbst dann keiner göttlichen Schönheit, wenn es eine solche gäbe. In seinem mephistophelischen Nihilismus bleibt er auf sein eigenes Menschsein zurückgeworfen. Er hat nicht jenes "sonnenhafte" Auge, von dem Platon und Goethe sprachen. In den Lobgesang der Engel im Prolog des Faust vermag er nicht einzustimmen. Und darum kann er sich auch nicht vorstellen, dass die Hölle von Auschwitz - auf einer höheren Ebene - durch das Gute überwunden werden kann.
    • Philon schrieb:

      Darum müsse Kunst häßlich und brutal sein (bei Adorno heißt das "Mimesis an das Verhärtete").
      Und doch wage ich den Hinweis - ohne Adorno-Kenner zu sein - auf seinen Berliner Vortrag vor Architekten aus dem Jahr 1965 (in: Neue Rundschau 77, 1966, 4.Heft), in dem er den architektonischen Funktionalismus, das "arm Zweckmäßige" geißelt, mit Aussagen wie dieser: "Das blo0 Nützliche ... ist verflochten in den Schuldzusammenhang, Mittel der Verödung der Welt, des Trostlosen, ohne dass doch die Menschen von sich aus eines Trostes mächtig wären." und "Aber alles Nützliche ist in der Gesellschaft entstellt, verhext. Dass sie die Dinge erscheinen lässt, als wären sie um des Menschen willen da, ist die Lüge; sie werden produziert um des Profits willen, befriedigen die Bedürfnisse nur beiher,..." und "Zweckfreies und Zweckhaftes in den Gebilden sind darum nicht absolut voneinander zu trennen, weil sie geschichtlich ineinander waren. Sind doch,wie bekannt, die Ornamente, die Loos mit einer Berserkerwut ächtete, die sonderbar absticht von seiner Humanität, vielfach Narben überholter Produktionsweisen an den Dingen." und "Nichts Trostloseres als die gemäßigte Moderne des deutschen Wiederaufbaustils!"

      Aussagen, die man jedem modernistisch/funktionalistisch orientierten Architekten ins Stammbuch schreiben möchte.
    • Dass Adorno sich gegen den Funktionalismus wendet, ist folgerichtig. Das heißt aber lange nicht, dass er für schönes oder traditionelles Bauen gewesen wäre. Im Gegenteil: der Wiederaufbau-Stil war ihm schlicht zu wenig modern.

      Seine Kritik am Wiederaufbau ist auch insofern folgerichtig, als er davon ausgeht, dass alles "Bestehende" (außer seiner eigenen Philosophie natürlich und einigen herausragenden Kunstwerken), Teil des großen, finsteren Verblendungszusammenhangs ist, der das "Nichtidentische" unterdrückt; Teil des "Falschen", in dem es kein richtiges Leben gibt. Das gilt natürlich für die Wiederaufbauarchitektur ebenso wie für alles andere "Bestehende". Deshalb muss ja alles kritisiert werden, was auch nur in dieser Welt existiert.

      Auch generell findet man bei Adorno auch zu praktisch jeder Aussage irgendwo eine gegenteilige. Über den Bombenkrieg hat er sich jedenfalls ausgesprochen gefreut:
      "Alles ist eingetreten, was man sich jahrelang gewünscht hat, das Land vermüllt, Millionen von Hansjürgens und Utes tot."
    • Ich habe Adorno/Horkheimers "Dialektik der Aufklärung" zu Beginn meines Philosophiestudiums vergöttert. Mittlerweile halte ich die DdA in ihren Grundthesen aber für eines der größten philosophischen Windeier des 20. Jahrhunderts.

      Allerdings muss man Adorno immer zugute halten, dass er da, wo er sich von seinem simplen philosophischen Grundgerüst löst (das im Wesentlichen in einer Verknüpfung von Marxismus und negativer Theologie mit ein bißchen Schopenhauer besteht), zu überraschenden, großartigen, berückenden Einsichten fähig ist. Gerade in der Ästhetischen Theorie.
    • Zum Thema "Bei Adorno findet man immer auch das Gegenteil": Irgendwo in den Vorlesungen zur Moralphilosophie gibt es eine Stelle, wo er sich geradezu verzückt darüber äußert, dass die wiederaufgebauten Städte aussehen würden wie beliebige geschichtslose amerikanische Städte, weil damit der Deutschtümelei einmal mehr der Boden entzogen werde (ich werde die Stelle mal suchen, wenn ich wieder Zeit habe. Im Moment habe ich weder Zeit noch Lust, mich wieder durch diese 320 Seiten zu wühlen).

      Das klingt schon sehr nach Trüby.
    • Philon schrieb:

      Im Moment habe ich weder Zeit noch Lust
      Schade. Hoffentlich ändert sich das bald. Ich bin mit der Lektüre nicht vertraut, weshalb Du diese Arbeit leichter leisten könntest, als jemand wie ich, der sich erst einlesen müsste.
      Ich denke nämlich, dass wir hier an den Kern des Problems vorgestoßen sind. Hier liegt die Ursache manchen Übels, über dessen Symptome wir uns regelmäßig aufregen.
    • Absolut. Da steckt ganz viel selbstauferlegter Zwang dahinter, der aus Abwehrreaktionen der Nachkriegszeit erwuchs. Da ist es besonders wichtig, die Denke dieser u.a. durch die Frankfurter Schule geprägten Zeit nachzuvollziehen, um dem begegnen zu können. Nur so sind wir in der Tiefe für das letzte Gefecht gegen den "dogmatischen Modernismus" gewappnet.
    • Diese philosophischen Einstellungen verbunden mit dem Schuldthema aufgrund "unserer" Geschichte, werden allerdings erst dann zum Problem, wenn sie VERABSOLUTIERT, also zum Dogma erhoben werden und dieses dann wie Seinsheim richtig erkennt als "diese Pathologie von den Modernisten zur höheren Moral verklärt" wird und daraus eine gesamtgesellschaftlich, manipulierende Deutungshoheit abgeleitet und gerechtfertigt wird.
      Wenn allerdings Erbse (um nur ein Beispiel zu nennen, bitte nicht persönlich nehmen!) mit "absolut" bestätigt (siehe oben), dann ist die Verabsolutierungstendenz auch auf unserer Seite zu finden. Auch fallen mir einige Kampfbegriffe in der Diskussion auf. Hm, vielleicht auch das ein Effekt von Absolutierung, welche den Zusammenprall dogmatischer Weltbilder provoziert.

      Wie soll ein Materialist marxistisch-linker Prägung das Schöne erkennen und als Ausdruck des Lebendigen und als Willen des Schöpfers anerkennen, wenn er einem atheistischen Weltbild verhaftet ist und dies zum Glaubensdogma erhoben hat!?
      Hier scheiden sich die Geister. Welten, die sich nicht verstehen können.
      Für unsereins wird es gut sein, dafür zu sorgen, daß die Schönheit nicht untergeht und ihren Platz in dieser Welt/diesen Welten behält und vielleicht wieder mehr Beachtung findet, allein durch Ihre Erscheinung, ihr Sein!