Neue Charta der Denkmalpflege

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    • Neue Charta der Denkmalpflege

      Liebe Interessenten,
      schon länger wird in diesem Forum das Unbehagen darüber geäußert, dass die gegenwärtige Denkmalpflege hinsichtlich des Städtebaus, des Umgangs mit historischen Monumenten und der Rekonstruktion historischer Bauten oder ganzer Quartiere in Theorie und Praxis nicht mehr auf dem neusten Stand ist bzw. - bei den vielen Verdiensten, die sie unbestritten hat - der Entwicklung hinterherhinkt. Georg Dehios Motto "Konservieren, nicht rekonstruieren", das in der Denkmalpflege noch immer als Dogma gilt, letztlich aber nur im damaligen Kontext (nämlich als Widerspruch zu dem historische Monumente eigenwillig verfälschenden Historismus) zu verstehen ist, muss ebenso hinterfragt werden wie die Vorstellung, dass ein moderner Anbau sich in Materialität und Formensprache von zu ergänzenden Altbauten zu unterscheiden habe. Ebenso problematisch ist der Substanzbegriff der Denkmalpflege, der bisweilen in einen völlig übertriebenen - und historisch gleichfalls nicht haltbaren - Materialfetischismus abgleitet.
      Die Resultate dieser problematischen Grundhaltung können wir vielfach beobachten:
      • Punkto Rekonstruktion: beim Widerstand gegen Wiederaufbau des Berliner Schlosses, des Dresdner Neumarkts und nun der Schinkelschen Bauakademie.
      • Punkto kontrastreiches Weiterbauen: Bei der "Wiederherstellung" des Neuen Museums in Berlin, dem Anbau für Schloss Gottdorf in Schleswig-Holstein oder dem Neubau der Kantine des Mainzer Landtags.
      • Punkto Substanzbegriff: Die Restaurierungen des Berliner Zeughaus, des Charlottenburger Schlosses oder dem Amtsgerichts in Charlottenburg sowie die Farbfassung des Berliner Schlosses folgen ausschließlich der Materialität der Bauteile und stehen somit in völligem Widerspruch zur architektonischen Syntax oder den von den damaligen Architekten intendierten Erscheinungsbild - ganz im Sinne des Klassizismus und Historismus (von denen man sich sonst in Fragen der Rekonstruktion und rekonstruierender Ergänzungen scharf abgegrenzt).
      Ziel ist es mittelfristig, Argumente und Anregungen für eine neue Charta zusammenzutragen. Das klingt auf den ersten Blick sehr ambitioniert, aber ich bin sicher, dass sich hinreichend Kunsthistoriker, Architekten, Städteplaner und auch Denkmalpfleger finden werden, die hierbei mitmachen bzw. sich anschließen, wenn erste Ergebnisse zur Diskussion gestellt werden - zum Beispiel im Rahmen einer Tagung.

      The post was edited 1 time, last by Seinsheim ().

    • @Seinsheim

      Sehr gute Idee! Ich denke, dass es eine Unmenge an auch selbstkritischen (die Essenz wissenschaftlichen Handelns!) Denkmalpflegern und Architekten gibt, die diese veralteten Dogmen längst nimmermehr ernst nehmen. Vor allem den jungen, noch nicht indoktrinierten Leuten sollte man sich hier anvertrauen. Die auf der Hand liegenden Argumente hast Du ohnedies bereits in Deinem Beitrag genannt!

      Wichtig ist vor allem auch, dass die doch durchwegs - sagen wir einmal - leicht "dienstnachvorschrift-motivierten" Beamten sukzessive aufwecken bzw man denen einen neuen Leitfaden in die Hand drückt...der dann ebenfalls mit der selben Leidenschaft ;) umgesetzt wird. Da bin ich mir sicher. Am besten wäre es natürlich, wenn dieses Aufwachen aus dem Dehiokoma aus der Denkmalpflege oder einem etablierten Denkmalpfleger selbst in Frage gestellt wird. Selbsterkenntnis ist der beste Weg zur Besserung!
      „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)








    • Also dann beginne ich mal die Diskussion: Gottfried Kiesow behauptet in seiner "Einführung in die Denkmalpflege", Werke der Bildkünste und der Architektur hingen viel mehr an ihrer Materialität als Werke der Musik und der Dichtung und gingen daher mit dem Verlust der Originalsubstanz unwiederbringlich verloren.
      Doch diesen Gegensatz gibt es m. E. nicht:
      • Die Aufführung eines Musikstücks ist auch materialbezogen. Die Hirtenmusik in Bachs Weihnachtsoratorium beispielsweise funktioniert nicht mit einem spätromantischen Symphonieorchester, sondern nur mit barocken Holzflöten. Die Paukenschläge im Agnus Dei der Missa Solemnis ("dona nobis pacem") sind nur als drohende Kriegstrommeln erkennbar, wenn sie nicht von einer modernen Kesselpauke kommen usf. Und wie ist es, wenn wir bei Wagner-Opern die vom Komponisten selbst vorgegebenen Regieanweisungen missachten? Wie ist es überhaupt beim modernen Regietheater? Hier werden Stücke in einer Art und Weise verfälscht wie dies bei der schlechtesten Rekonstruktion nicht möglich wäre. Trotzdem ruft niemand nach einen Aufführungsverbot alter Musikstücke.
      • Musik und Architektur haben gemeinsam, dass sie Konkretisierungen eines abstrakten Konzepts sind, das im Plan bzw. in der Partitur festgehalten wurde. Die Ausführung war von Anbeginn an bis zu einem Grad willkürlich, je nach Handwerkern oder Musikern. In beiden Fällen hat die Idee des Schöpfers sich "entäußert". In der Form teilt die Idee sich in ihre Sein an sich (lat. substantia) mit, doch nimmt sie dabei immer Knechtsgestalt an. Insofern ist die Differenz zwischen Schlüters Idee und der historischen barocken Fassade viel größer als die Differenz zwischen der historischen und der rekonstruierten Fassade. Ebenso ist eine musikalische Einspielung immer nur das Derivat einer kompositorischen Invention. Über die Aufführungspraktiken zu Zeiten Bachs wissen wir sogar noch viel weniger als über das in Plänen und Fotos dokumentierte Aussehen des historischen Berliner Schlosses.
      • Wir müssen uns also von dem heutigen, materialistischen Substanzbegriff verabschieden. Substanz ist nicht die physikalische oder chemische Beschaffenheit - denn das ist die Materie (lat. materia, griech. hyle) -, sondern das Sein an Sich (= substantia, griech. ousia), das jeder zu Materie geronnenen Form (forma, griech. morphe) zugrunde liegt. Der Denkmalpfleger muss sich also erst einmal Rechenschaft ablegen, was die Idee des Gebäudes ist. Die aber variiert von Epoche zu Epoche, von Kulturregion zu Kulturregion, von Architekt zu Architekt. Und dann muss sie abwägen, wo es sinnvoller ist, die Veränderung, die ein Gebäude im Lauf der Zeit erfahren hat, zu dokumentieren, oder wo es angebracht ist, die ursprüngliche Idee des Architekten wieder sichtbar zu machen - gegebenenfalls durch Ergänzungen fehlender oder Entfernung späterer hinzugekommener Teile.
      Ganz andere Aspekte sind die Ensemblewirkung und die Frage nach der Bedeutung von Fassaden - nicht nur als Außenhülle eines Gebäudes, sondern auch als Innenwände von Platz- und Straßenräumen. Viele Häuser waren nämlich nicht nur Solitäre, sondern Teile eines größeren Gefüges. Auch das gehörte zu ihrer Substantia.

      The post was edited 2 times, last by Seinsheim ().

    • Also, dann starte ich mal mit zwei Beispielen, in der Hoffnung, dass andere folgen werden.
      Amtsgericht Charlottenburg, jüngst restauriert. Der ältere Teil wurde von Poetsch & Clasen in den Jahren 1895 bis 1897 errichtet, 1915–1921 erfolgte ein Anbau des Architekten Schulz. Letzterer war einfacher gehalten. Im Unterschied zur Platzfront waren der rustizierte Sockel und die rustizierten Lisenen aus Sparsamkeitsgründen nicht mehr in Naturstein, sondern in Putz ausgeführt. Doch natürlich waren auch diese Teile farblich dem Kolorit der Hauptfassade angeglichen.

      Was aber hat die Denkmalpflege bei der jüngsten Restaurierung gemacht? Alle Putzflächen wurde cremefarben gestrichen, ganz gleich, ob es sich um den einfachen Wandspiegel oder um tektonisch tragende Elemente wie den Sockel, die Lisenen oder Teile des Gebälks handelt. Doch auch an der Hauptfassade gibt es einen Fehler. An den Schulterrücklagen sind die Friese aus Naturstein, also braun, ausgerechnet im Risalit sind sie geputzt und daher nun auch cremefarben.

      Bei ersten Foto sieht man den Bruch in der Sockelzone.
      Beim zweiten Foto sieht man die cremfarbenen Rustikalisenen, die plötzlich natursteinfarbene Konsolen tragen sollen, aber nicht mehr mit den Ecklisenen der Hauptfassade korrespondieren.
      Die letzten Fotos zeigen die Widersprüche in der Frieszone.
      Vor Ort sieht das noch unstimmiger aus.






      The post was edited 1 time, last by Seinsheim ().

    • UNESCO zu Rekonstruktionen

      Auf der Suche nach dem angeblichen Satz aus einer einschlägigen Charta der Unesco, nach dem

      'Rekonstruktionen von verschwundenen Gebäuden erfolgen dürfen, wenn ohne die Letzteren ein wesentlicher Teil des Ortsgedächtnisses verloren ginge'

      bin ich zwar noch nicht wirklich fündig geworden.

      Allerdings stolperte ich über den folgenden 'Link' aus dem hervorgeht, daß auch bei der Unesco tatsächlich ein Umdenkprozeß im Gange ist, der in unserer Richtung weist:

      en.unesco.org/courier/2017-jul…ing-attitudes?language=es

      Vielleicht ist dieser Beitrag ja etwas hilfreich für die hiesige Diskussion.
    • Seinsheim wrote:

      Der Denkmalpfleger muss sich also erst einmal Rechenschaft ablegen, was die Idee des Gebäudes ist. Die aber variiert von Epoche zu Epoche, von Kulturregion zu Kulturregion, von Architekt zu Architekt. Und dann muss sie abwägen, wo es sinnvoller ist, die Veränderung, die ein Gebäude im Lauf der Zeit erfahren hat, zu dokumentieren, oder wo es angebracht ist, die ursprüngliche Idee des Architekten wieder sichtbar zu machen - gegebenenfalls durch Ergänzungen fehlender oder Entfernung späterer hinzugekommener Teile.
      Dieser Standpunkt wirft jedoch quellentheoretische Fragen auf: Ist uns die Idee des Architekten überhaupt zugänglich?

      Ich verweise hier auf den "linguistic turn" in der Geschichtswissenschaft, welcher betonte, dass es keine absolute historische Wahrheit gibt. Jedes historische Wissen was wir glauben zu haben ist letztendlich nur eine Interpretation unsererseits - Baberowski hat das schön ausgedrückt: "Geschichte ist immer Gegenwart."
      Ich persönlich sehe das nicht so eng, da ich auch mit einer Annäherung an die Wahrheit zufrieden bin, aber ich kann auch die Denkmalpflege verstehen, die lieber das Original hat, als eine - wie gut auch immer - bloße Annäherung.

      Generell will ich auch mal eine Lanze für die Denkmalpflege brechen, die schlicht andere Ziele hat, als wir. Sie betrachtet das Denkmal vor allem als historische Quelle, als materialisiertes Zeugnis der Kultur einer bestimmten Zeit. Natürlich kann man ein Gebäude wiederaufbauen, aber seinen Quellenwert für die Zeit des Erstbaues verliert es dadurch. Denn ein Gebäude besteht nicht nur aus der Idee eines Architekten. Was ist mit dem Holz und den Ziegeln, welche die chemische Signaturen des "Entstehungsortes" und Schaffenszeit trägt? Mit den handwerklichen Spuren der Zimmerleute? Das fällt alles weg.
      "Städte, in denen Leute sich zu Fuß und mit dem Rad bewegen können, werden bessere Orte."
    • ^ das historische Zeugnis bleibt aber doch erhalten, wenn man was im selben Entwurf bleibend ergänzt ... und die Fachleute wissen im Zweifel ja auch, was alt und was neu ist. Es würde ja auch keiner auf die Idee kommen, an den Turmspitzen des Kölner Doms etwas über die Handwerker des Mittelalters abzulesen. Über die mittelalterliche Grundidee kann man aber sehr wohl was ablesen, und zwar auf der sinnlichen Ebene sogar viel besser als nur durch Quellenstudium.

      Und ich würde noch einen draufsetzen: ein vollständiges, nach den historischen Quellen rekonstruiertes Gebäude gibt diese Idee besser wieder als ein modern ergänzter halber Altbau.
    • Rekonstruktion und Denkmalschutz

      „Denkmale sind nicht reproduzierbar“, schreibt Beatrice Härig in Monumente 5, 2018, dem Magazin für Denkmalkultur in Deutschland, Oktober 2018, unter dem Titel „Schöpferische Neubauten“ S.64. Die Rede ist von der Neuen Altstadt in Frankfurt. Zuvor würdigt sie diese Neue Altstadt in erfreulich differenzierender Weise, letztlich aber ausschließliche als Stadtbild- nicht als Denkmalpflege! Denkmalpflege sei ausschließlich dem „historischen Original verpflichtet“, nämlich als das „ursprüngliche Denkmal“, denn Denkmale seien „nicht reproduzierbar“. Härig meint offensichtlich: Gebäude seien nicht als Denkmale reproduzierbar, denn dass sie als Stadtbildpflege reproduzierbar seien, hat sie ja bereits dargestellt. Ähnliches war schon bei der Einweihung des frisch rekonstruierten Knochenhauer Amtshauses in Hildesheim von Seiten der Denkmalpflege zu hören: Das rekonstruierte Fachwerkhaus sei nur als „Modell 1 zu 1“ zu verstehen, keineswegs als Wiederkehr eines Kulturdenkmals.


      Das weltberühmte Ensemble des Markusplatzes in Venedig ist im Wesentlichen ein überwältigender Dreiklang aus Markuskirche, Dogenpalast und Markusturm. Aber der Dogenpalast, ursprünglich aus dem 14. Jhd., besteht heute insgesamt aus Rekonstruktionen des 16. und 17. Jhd., und der neunhundertjährige Markusturm ist nach seinem Einsturz von 1902 ebenfalls bloße Rekonstruktion. Heilung der Stadt war hier gleichbedeutend mit der Erhaltung der sichtbaren Geschichte der Stadt. Und die Geschichte jeder Stadt zeigt sich eben ausschließlich in ihren Gebäuden. Ensemblewirkung und entsprechender Ensembleschutz ist wesentlicher Teil des Denkmalschutzes und verlangt logischerweise auch die Ergänzung eines Fragment gewordenen Ensembles. Und wenn keine Reste des Alten mehr da sind, eben durch Rekonstruktionen. Die Rekonstruktion des Dogenpalasts Stadtbildpflege?


      Nach den gewaltigen, nie dagewesenen Zerstörungen deutscher Städte durch den Zweiten Weltkrieg – stellte sich diese Aufgabe in unerhörtem Ausmaß neu. Aber hier meinte man, sich von der Geschichte gänzlich lösen zu müssen – verständlich nach der Schuld Deutschlands an entsetzlichen Verbrechen und am Krieg. War seither bei allen Zerstörungen im Abendland, aber auch in anderen Kulturen der Wiederaufbau meist ein organischer Anschluss an das Gewesene, so hackte nun die Moderne den historisch gewachsenen Stamm ab, der durchaus noch hätte grünen können – unzählige Ruinen waren aufbaufä­hig. Er wurde ausgereutet durch die Ablehnung aller gewesenen Formen, Grundrisse, Proportionen und Materialien.


      Dass dies eine Fehlentscheidung war, sieht man zunächst in der gewaltigen Überforderung der Bevölkerung, woraus die mangelnde Akzeptanz erwuchs, die heute immer weiter zunimmt. Mangelnde Identifikation, mangelndes Wohlgefühl, mangelnde Geborgenheit sind die Folge. Gerade Suche nach Geborgenheit wirft die Moderne den Anhängern von Rekonstruktionen vor. Aber was ist denn die Ursache?


      Man hat damit aber auch die guten Seiten der deutschen Geschichte geleugnet: die aus der Römerzeit herauswachsende, von vielen Kulturen beeinflusste, langsam ein eigenes Gepräge annehmende Geistes- und Baukultur. Woraus in Auseinandersetzung mit Gedanken und Formen aus anderen Nationen gerade die Aufklärung entstanden ist, deren Geist heute so dringend gebraucht wird, um allen möglichen Verirrungen entgegenzutreten.


      Wenn das Goldene Lämmchen, vor der Zerstörung der letzte erhaltene Messehof Frankfurts, nun wieder hinüber grüßt zu den gewaltigen Finanz- und Geschäftstürmen aus Stahl, Glas und Beton und sagt: Aus mir und ähnlichen Innenhöfen seid ihr allesamt gewachsen – wir hatten trotz aller Beschaulichkeit den Geist und die Kraft dazu! Ist die Rekonstruktion des Goldenen Lämmchens dann wirklich nur Stadtbildpflege?


      Ist es tatsächlich nur Stadtbildpflege, wenn Frankfurt, Krönungsstadt der Kaiser, Messestadt, Umfeld eines Goethe, Hauptort der deutschen Demokratie usw. mit der Neuen Altstadt und deren Rekonstruktionen auch der alten Grundrisse und formaufgreifenden Neubauten diese geschichtliche Dimension, auch in Schmalheit und Steilheit der Gassen wieder zeigt? Nachdem man sie lange verleugnet hatte?


      Und damit sind wir wieder beim Originalbauwerk: Geht es nur um rein materialoriginale Historizität in der Denkmalpflege? Selbstverständlich nicht, es geht um Geist, den Geist der Geschichte, den Geist der Kultur überhaupt, aus und in dem das Bauwerk, auch der reine Nutzbau, hervorgebracht wurde. Und zu dessen Zeugnis, "Denkmal", es geworden ist. Angesichts der Wiederkehr des gewaltigen Kunstwerks der Frauenkirche in Dresden wirkt das Wort Stadtbildpflege geradezu lächerlich. Hier, meine ich, wird besonders deutlich, wie der Geist die Materie dominiert, aus dem heraus ein Kunstwerk, auch ein architektonisches entstanden ist. Seinsheim spricht von der Substanz, nämlich der Idee des Bau-Werks, die sich mit Hilfe eines Materials, des Bau-Stoffs manifestiert. Die Idee, der Plan, die Vorstellung geht dem Werk immer voraus, dann kommt die Realisierung im Stofflichen. Wir sind hier bei Aristoteles, und bei ihm entsteht auf diese Weise jedes menschlich geschaffene Werk, ob Kunst oder Gebrauchsgegenstand, der ja auch schützenswertes Denkmal sein kann.


      Musik über Noten (Idee, Plan), Instrumente und Interpreten (Materie plus Idee) kann niemals zwei identische Aufführungen erfahren – sie erfährt ja durch die Interpreten sogar Ergänzungen des Geistes, auch durch Spontaneität, wodurch jede Aufführung an sich schon unwiederholbar ist. Es gibt keine „originale“ Musik, auch kein Drama. Und dennoch werden bei jeder guten Interpretation die Frömmigkeit Johann Sebastian Bachs, der Ideenreichtum Mozarts, die dynamische Gewalt Beethovens und der Geist der jeweiligen Zeit vermittelt.


      Das ist nun in der gesamten Kunst, auch in der Architektur ein immer zu beobachtender Vorgang: Der Geist einer Zeit, die Schöpferkraft eines Menschen, die Substanz oder Idee, Plan oder Form, sogar Formel (bei Nutz- und Industriebauten), teilt sich durch den Stoff hindurch dem Betrachter mit und nie anders – sie lässt sich nicht in Worten mitteilen. Eine Bildbeschreibung oder die Beschreibung eines Gebäudes können niemals das Erlebnis des Werks selbst vermitteln. Auch keine Pläne oder Modelle und keine Computersimulationen können das. Bauwerke können nur in Originalgröße und selbstverständlich nur am originalen Ort und nur im selben Material und in derselben Handwerkskunst erlebt werden wie das Verlorene. Die Erlebbarkeit seines Geistes aber ist das Entscheidende bei jeder Begegnung mit einem Bauwerk. Nicht das Material, das ja mit der Zeit verloren geht und erneuert werden muss und kann, sondern nur der Geist bleibt immer original. Hier irrt Gottfried Kiesow oder zieht falsche Schlüsse. Ja, die Wahrnehmung des Geistes ist den Zeiten unterworfen, wie Primergy schreibt, aber das ist ein anderes Thema.


      Selbstverständlich ist kein originales Bauwerk als solches ersetzbar. Aber die Wiederkehr und neue Erlebbarkeit seines Geistes in der Form ist zumindest dort wünschenswert, wo ein Kunstwerk wiederkehrt oder baulicher Verlust die Zerstörung eines historischen oder gestalterischen Gesamtzusammenhangs darstellt. Wie z.B. beim Dogenpalast in Venedig, beim weitgehend rekonstruierten Prinzipalmarkt in Münster oder beim Berliner Stadtschloss, von dem Prof. Peter Stephan nachgewiesen hat, wie sehr es baulich die Stadt geprägt hat und wie sehr Berlin auf seine Wiederkehr städtebaulich angewiesen ist. Die Heilung einer Stadt durch Wiedererlangung ihrer Historizität, durch Wiederkehr von Kunstwerken, die Schaffung von Identität und Liebe zum Ort, aus dem man stammt oder an dem man sein Leben verbringt, sollten Kriterien für die Schaffung von Rekonstruktionen sein: Auf diese Weise sind auch Denkmale in Rekonstruktionen reproduzierbar und sollten es sein – auch für die Denkmalpflege.

      The post was edited 3 times, last by Bentele ().

    • Denkmal KONTROVERS: Bauen im historischen Kontext – das Museum BIOTOPIA im Schlossensemble Nymphenburg

      Heute in Schloss Nymphenburg eine Diskussion zur Thematik, welche eine Neue Charta wie hier angeregt betreffen könnte:
      Datum: 18.10.2018 19:00
      Ort: München

      Im nordwestlichen Teil von Schloss Nymphenburg soll das Museum Mensch und Natur zum Naturkundemuseum BIOTOPIA erweitert werden. Der Siegerentwurf des Wettbewerbs 2014 bricht laut Jury mit der „bis heute tradierten Fassadengestaltung des Schlosses“. Selbst der 2017 überarbeitete Entwurf beachtet Farbigkeit, Rhythmus und Materialität der streng achsensymmetrischen Schlossanlage nicht. Die überdimensionierten Zugangsöffnungen zum Rondell und Park hin bleiben.

      Kontrovers diskutiert werden soll, inwieweit sich Bauten im historischen Kontext an den Bestand anpassen müssen oder eine eigene heutige Formensprache haben dürfen. Im konkreten Fall: was hat Priorität? Das 300 Jahre alte Ensemble des Schlosses Nymphenburg mit den von Joseph Effner vorgegebenen Entwurfskriterien – bei allen bisherigen Renovierungen, Um- und Neubauten im Schlossensemble stets respektiert – oder ein moderner heutiger Formenkanon als „eigenständige Handschrift“ eines Architekten? Oder gibt es eine befriedigende Synthese?
      im Johannissaal im Schloss Nymphenburg, Eingang 19, Beginn: 19 Uhr

      Es diskutieren:
      • Prof. Dr. Hans Ottomeyer, Kunsthistoriker und ehemaliger Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums in Berlin
      • Prof. Dr.-Ing. Silke Langenberg, Professorin für Bauen im Bestand, Denkmalpflege und Bauaufnahme der Hochschule München
      • Dipl.-Ing. Gerd F. Goergens, Architekt und ehemaliger Stadtheimatpfleger
      • Lorenz Schröter M. Sc., Referent im Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege
      • N. N., Staatliches Bauamt München 1
      • Neven Denhauser, Student der Kunstgeschichte und Jurisprudenz, Bürgerinitiative „Gemeinsam für Schloss Nymphenburg“
      Moderation:
      Dipl.-Geogr. Ursula Ammermann, ehemalige Geschäftsführerin des Münchner Forums

      Veranstaltungsort:
      Johannissaal im Schloss Nymphenburg, Eingang 19, Beginn 19 Uhr

      Veranstalter:
      Münchner Forum (Diskussionsforum für Entwicklungsfragen e. V.) in Kooperation mit dem Denkmalnetz Bayern
      Quellen:
      denkmalnetzbayern.de/index.php…/index/id/5/seite_id/2435
      altstadtfreunde-muenchen.de/2018/10/04/denkmal-kontrovers/


      denkmalnetzbayern.de/uploads/7…b635b08db2ed27bd5b7cf.pdf:
      Die Podiumsdiskussion soll allen Interessierten Grundlagen für eine eigene Meinungsbildunggeben. Darum wird vor der Diskussion auch ein Video mit den EntwurfskriterienJoseph Effners für die gesamte Schlossanlage sowie mit den Ansichten der Ost- undWestfassaden und eine Visualisierung der Weiterbearbeitung des Neubaus gezeigt. DasVideo ist dann später auch in der Homepage des Münchner Forums zu sehen.


      Denkmalnetz Bayern meldet auf seiner Facebookseite hierzu ergänzend:
      Das [Kulturmagazin] Capriccio vom Bayerischen Fernsehen hat sich für die Diskussion denkmalKONTROVERS (...) am 18.10.18 in Schloss Nymphenburg angekündigt! Das Büro Prof. Staab Architekten teilte gestern mit, dass der Projektverantwortliche und Geschäftsführer des Büros, Herr Pedersen, an der Podiumsdiskussion teilnehmen kann, was wir sehr begrüßen!


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

    • @Seinsheim

      Aktuell ist mir das Uhrmacherhäusl in München bekannt, bei dem die Rekonstruktion von Seiten der Stadt nach illegalem Abbriss gefordert wird. Wobei es dort bereits in einem Nebensatz heißt, dass dieser Neubau (nur) nicht größer werden darf als das zerstörte Original. Ob ein Gebäude in einem solchem Fall, wie Du ihn beschreibst, im Sinne der Denkmalpflege überhaupt originalgetreu rekonstruiert werden kann/muss, wird schließlich neben der vorrangig monetären Strafe auf Grund des illegalen Abrisses in einem unter Umständen langwierigen Gerichtsverfahren zu klären sein. Den Aspekt der Verhältnismäßigkeit eines Wiederaufbaus wird die klagende Seite bei einem Prozess sicher geltend machen, so dass die Frage der Rekonstruktion letztlich mehr eine theoretische sein dürfte als eine, die sich der Denkmalpflege tatsächlich final stellt. Entsprechend liegen demnach Anspruch und Wirklichkeit auseinander.


      Jeder, der sich die
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    • Wie ihr vielleicht schon mitbekommen hat, wird die Kathedrale von Chartres innen renoviert. Der vor hundert Jahren vielgerühmte Eindruck, man müsse im Dunkel der Kirche erst erblinden, um dann dank der farbenprächtigen Fenster wieder sehen zu können, ist nicht mehr gegeben. Nun bin ich nicht unbedingt Freund der Steinsichtigkeit, aber mir scheint doch, dass hier kein mittelalterlicher Zustand wiederhergestellt wird, sonder eher einer aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Vor allem die marmorierten Dienste an den Bündelpfeilern des Chors kommen mir sehr ungotisch vor. Weiß jemand mehr? Und wie seht ihr das?









    • Bei der neuen Farbgebung der Kathedrale von Chartres scheint es Parallelen zu der ursprünglich ganz überwiegend gotischen Zisterzienserklosterkirche von Ebrach im Steigerwald zu geben. Dort wurde gegen Ende des 18. Jh. die Kirche innen barockisiert und sehr farbig behandelt, auch die Pfeiler und Gewölberippen. Das Ganze wurde in Ebrach jedoch m. E. noch sehr viel konsequenter als in Chartres durchgeführt. Auch St. Nicolai in Leipzig scheint Ende des 18. Jh. barockisiert worden zu sein. Allerdings machen sich in Ebrach ebenso wie in Leipizig m. E. bei diesen Barockisierungen deutlich starke Einflüsse des Frühklassizismus geltend, also gewissermaßen eine Art von Zopfstil/Louis Seize. Es könnnte also demnach gut sein, dass man sich bei der letzten Restaurierung in Chartres an der Farbgebung der Kathedrale im 18. Jh. zur orientiert hat.

      The post was edited 1 time, last by Villa1895 ().

    • zeitlos wrote:

      Ob ein Gebäude in einem solchem Fall, wie Du ihn beschreibst, im Sinne der Denkmalpflege überhaupt originalgetreu rekonstruiert werden kann/muss, wird schließlich neben der vorrangig monetären Strafe auf Grund des illegalen Abrisses in einem unter Umständen langwierigen Gerichtsverfahren zu klären sein. Den Aspekt der Verhältnismäßigkeit eines Wiederaufbaus wird die klagende Seite bei einem Prozess sicher geltend machen, so dass die Frage der Rekonstruktion letztlich mehr eine theoretische sein dürfte als eine, die sich der Denkmalpflege tatsächlich final stellt. Entsprechend liegen demnach Anspruch und Wirklichkeit auseinander.
      Damit hast du absolut recht. Im Dresden kam ein Gericht nach dem fragwürdigen Abriss einer Villa genau zu dieser Einschätzung, dass ein Wiederaufbau unverhältnismäßig sei: zeilenabstand.net/erstes-urtei…lla-in-dresden-blasewitz/
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