Dresden - die Pirnaische Vorstadt

  • Na ja du meine Güte... Es geht hier doch nicht nur um dieses überdimenisionierte Eckgebäude

    Naja, selbst das wird Dresden wahrscheinlich nicht hinbekommen. Ich glaube, dass sich der Horizont der allerallermeisten Menschen in zentralen Positionen in der Dresdner Verwaltung nicht weiter als bis zum Neustädter Markt erstreckt. Ich kann mich natürlich auch täuschen und in 10 Jahren besitzt die Stadt wieder ganze Blocks rekonstruierter historistischer Gebäude.

    Ich würde mich auf jeden Fall über jedes einzelne Rekonstruktionsprojekt freuen.

  • und in 10 Jahren besitzt die Stadt wieder ganze Blocks rekonstruierter historistischer Gebäude.

    Rekonstruktionen werden naturgemäß immer nur die Ausnahme sein und nicht die Regel. Nirgendwo.

    Denn wenn ich argumentiere: "Wir müssen dieses oder jenes Gebäude wiederaufbauen, weil es so kostbar und wertvoll war", dann kann dies per definitionem eben nicht alle Bauwerke meinen, die 1945 untergegangen sind. Andersfalls mache ich mich selbst völlig unglaubwürdig....


    Abgesehen davon, dass für eine Reko eine gute bis sehr gute Dokumentation vorliegen muss - und eben auch die Finanzen


  • Naja, hier muss ich dir das erste mal vorsichtig widersprechen. Wir sind ja sonst 99, 9% einer Meinung, und zu 100 % immer der gleichen Meinung zu sein, wäre ja auch langweilig, oder? :wink:


    Also erstens, ja das mag DresdenUNtypisch sein. Ich würde aber mal sagen, die Scheusslichkeiten an Postplatz & Co sind sehr viel untypischer! Dresden wird ja seit 1945 mit untypischem gequält, da ist doch ein, wenn auch recht freizügig gestaltetes, GründerzeitEnsemble besser als die Betonwüsten.


    Und zweitens, vergiss nicht, Bert ist meines Wissens ein Laie. Gemessen daran ist sein Entwurf GENIAL. Ich habe auch Kunstsinn (Klassischer Musiker), und könnte das vermutlich dennoch nicht so gut wie Bert. Ich glaube bei mir würde eine seltsame Mischung aus Historismus , Neumarktfüllbauten und Libeskind-Verschachtelungen herauskommen, ich lass es also lieber sein. ;)


    Dass die Herren Kunsthistoriker das etwas kritischer sehen als wir , ist doch logisch. Wenn ich ehrlich bin, Gründerzeit wäre für DD auch gar nicht gut. Bin zwar ein totaler Fan der G., aber........ ich kann es schlecht in Worte fassen. Bei so Ausnahmen wie Kaiserpalast, Telegraphenamt Postplatz oder Dürerplatz etc. wäre ich sofort für eine Wiederherstellung, so dies realistisch wäre (ist es wohl so gut wie nicht, ist mir klar).

    Aber generell braucht DD eher eine "gute Moderne" , ich sehe in Berlin sehr oft richtig tolle moderne Gebäude, die man erst auf den zweiten Blick als "modern" erkennt. Die sind definitiv historisch angelehnt, ohne allerdings zu übertreiben.


    Ich verstehe übrigens so ganz nebenbei auch nicht, warum fast alle (ausser mir) den pseudo-Modernisten die Deutungshoheit des Begriffes "Modern" überlassen. Was am Postplatz gebaut wurde (bis auf das Uhrenhaus und den Knerer-Riegel), ist nicht modern sondern einfach nur scheusslich! Ich spreche daher nur noch von pseudo-Moderne.


    Eine echte moderne, fortschrittliche Architektur würde versuchen zu erfassen, welcher Geist in einer Stadt herrscht, wie Stadtbevölkerung tickt, wie die Vorgängerbauten waren, welche Geschichte die Stadt hat, etc.....aber die Herren, pardon, Herr*innen pseudo-Modernist*innen bauen in einer kriegszerstörten Stadt so als sei nichts geschehen. Die begreifen nichts! Und das its hinten und vorne nicht modern.


    Ich muss mal Fotos machen von den Berliner Bauten, was ich nicht verstehe ist, dass in Berlin so viel hervorragendes echtes (!) "Neues" entsteht, und grade DD wo es bitter nötig wäre, nur Schrott. Die Bauten die ich im Kopf habe würde sicher Zuspruch finden - egal ob bei Laie oder Kunsthistoriker. :harfe:

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • [...] Aber generell braucht DD eher eine "gute Moderne" , ich sehe in Berlin sehr oft richtig tolle moderne Gebäude, die man erst auf den zweiten Blick als "modern" erkennt. Die sind definitiv historisch angelehnt, ohne allerdings zu übertreiben.

    Ich stimme dir vollkommen zu und diese Art "moderner Neubauten" passen sehr gut zum einfachen Barock! Deshalb eben auch gut zu Dresden, man könnte Sie mit Bürgerhäusern verwechseln. Ok, der Maßstab müsste ein anderer sein, damit es profitabel wird. Aber so etwas könnte ich mir auch gut vorstellen.

  • Güntzbad

    Die Reihe "Archivalien des Monats" des Stadtarchivs befasste sich im Januar 2021 mit dem Güntzbad am ehemaligen Elbberg. Ein paar interessante Auszüge:

    Gäbe es doch nur heute noch eine Güntzstiftung, die umgerechnet 10 Mio. Euro (die Kosten wären heute wahrscheinlich aber 5-10-mal höher) für solch einen Bau bereitstellen könnte.

  • was ich nicht verstehe ist, dass in Berlin so viel hervorragendes echtes (!) "Neues" entsteht, und grade DD wo es bitter nötig wäre, nur Schrott.

    Die Ursachen dieser Probleme (unfähiges Stadtplanungsamt) sollten doch nun langsam wirklich jedem Forennutzer längst bekannt sein. :augenrollen:

  • Ich wiederhole es auch gerne nochmal: Dresden hat die unfähigste Stadtführung Deutschlands, die nach über 30 Jahren "Deutscher Einheit" noch immer große Teile der "Innenstadt" als Brachfläche präsentiert. Wer also glaubt, dass z.B. wenigstens die Fassade des Güntzbades rekonstruiert würde, der lebt im Märchenland.

  • die nach über 30 Jahren "Deutscher Einheit" noch immer große Teile der "Innenstadt" als Brachfläche präsentiert.

    Ich persönlich bin froh über diese Brachflächen. Besser, als wenn die alle mit Betonklötzchen im ekelhaften Heckmann-Stil vollgekübelt worden wären - was wie ein Damoklesschwert ständig weiter über der Stadt schwebt :daumenunten:

  • Wer also glaubt, dass z.B. wenigstens die Fassade des Güntzbades rekonstruiert würde, der lebt im Märchenland.

    Nunja, wenn das so abstrakt wäre, gäbs den Neumarkt nicht. Also immer locker bleiben.~:-[]

  • Die Ursachen dieser Probleme (unfähiges Stadtplanungsamt) sollten doch nun langsam wirklich jedem Forennutzer längst bekannt sein. :augenrollen:


    Ach echt, das Stadtplanungsamt in Dresden ist nicht so toll? Das wusste ich schon. :wink:


    Hättest du meine Beiträge der letzten Monate und Jahre aufmerksam verfolgt, wüsstest Du, wie oft ich über genau dieses SPA schimpfe. (Kurioserweise wurde ich dann häufig apodiktisch belehrt, dass das Stadtplanungsamt nichts mit Stadtplanung zu tun habe und dass ich daher gefälligst nichts über das SPA zu schimpfen hätte. Tue ich das Gegenteil und schimpfe nicht oft genug , ist das offenbar ebenso falsch? Dîs Forum ist eyn gar wundersam Ding). :daumenoben:


    Langer Rede kurzer Sinn:

    Wie ich zum SPA Dresden stehe, hab ich nun ausreichend deutlich gemacht. Deine Antwort ist zwar sicherlich freundlich gemeint, beantwortet aber meine Frage nicht:


    Warum baut das SPA Berlin so viel Gutes, und das SPA Dresden so viel Miserables?


    Die Tatsache, dass das SPA in Dresden eine Katastrophe ist, erklärt nicht notwendigerweise warum es so ist. In Berlin gibt es so viele fantastische moderne Architektur, von Dresden kann man das leider nicht behaupten - und das ist noch euphemistisch ausgedrückt.


    Ich wiederhole es auch gerne nochmal: Dresden hat die unfähigste Stadtführung Deutschlands

    Diese Worte unterschreibe ich.

    Stadtverwaltung und speziell SPA sind unfähig, eine kriegszerstörte Stadt adäquat wiederaufzubauen. Wenn ich ehrlich bin, konnte fast die DDR das besser, wenn wir mal von den Gigantomanie-Blöcken in Prager Strasse und Holbeinstr. etc absehen. Aber Sozialisten hatten damals viel hervorragendes gebaut, Nürnberger Strasse, Altmarkt, Wohnhäuser nördlich der Grunaer Str. etc.

    (Leider hatten sie auch viel wertvolles gesprengt wie Sophienkirche, Alberttheater, Rampische Str. etc.. aber das ist ein anderes Thema)


    Moderne Architerkten bauen nur akzeptabel, "wenn man sie an die Leine nimmt, sonst machen sie den grössten Unsinn".

    Dies ist sogar ein Zitat eines Stararchitekten, und ich denke er hat Recht.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • Kurioserweise wurde ich dann häufig apodiktisch belehrt, dass das Stadtplanungsamt nichts mit Stadtplanung zu tun habe und dass ich daher gefälligst nichts über das SPA zu schimpfen hätte.

    Von mir definitiv nicht. Mir sind derlei unqualifizierte Belehrungsäußerungen nicht aufgefallen. nono:):biggrin: Du erhältst hiermit die Absolution, dies zukünftig exzessiv zu tun.

  • Von mir definitiv nicht. Mir sind derlei unqualifizierte Belehrungsäußerungen nicht aufgefallen. nono:):biggrin: Du erhältst hiermit die Absolution, dies zukünftig exzessiv zu tun.

    Komisch, normalerweise mögen viele meine Schimpftiraden über unpassende Architektur nicht. Endlich mal jemand, der das gut findet! :daumenoben:


    Nein, keine Sorge, der mit dem Belehrungswillen warst nicht du, erinnere mich nicht mehr wer es war, ich glaube ein gewisser Herr Bilderbuch? Er fiel mir häufig auf wenn er unpassende Architektur schönredete, und ansonsten viel an den Usern herummotzte (vielleicht wäre es andersherum besser - die User in Frieden lassen und über unpassende Architektur motzen! :lachentuerkis:). Ich hatte mich damals nur gewundert, als er tatsächlich meinte, das SPA sei nicht verantwortlich. Ich erwiderte dann nur ganz kurz "so so, das Stadtplanungs-Amt hat also mit Stadtplanung nichts zu


    Ohne Gewähr, ich weiss nicht mehr wer es ist/war. Aber ich habe das Dresdner SPA schon häufig kritisiert, wenn du das ähnlich siehst dass die unfähig hoch 10 sind, dann haben wir die gleiche Meinung.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • wenn du das ähnlich siehst dass die unfähig hoch 10 sind, dann haben wir die gleiche Meinung.

    Ich würde hier sogar von böswilliger Zerstörungswut gegenüber eines Stadtbildes mit Heilungschancen sprechen.

  • Manuel: Sehe ich genau so!


    Kennst du den Artikel von Salingaros? Eigentlich ein Mathematiker, der sich aber mit Architektur beschäftig hat. Er bezeichnet modernistische Architektur als "Kult", und definiert Kult als etwas, "das zerstören will".

    Wenn man sich anschaut, wie Modernisten über historische Bauformen reden, könnte das hinkommen.


    Der Artikel ist genial, ich muss ihn mal suchen, falls ihr Interesse habt.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • Architektur des 20. Jahrhunderts als Kult


    Nikos A. Salingaros


    1. Einführung


    Ich habe zu meiner Überraschung festgestellt, daß Architekten nicht interessiert sind an den Gesetzen der Architektur. Sie ziehen es vor, Gebäude auf der Basis von modischen oder philosophischen Überlegungen zu entwerfen. Mit der gleichen Einstellung wurden die Anstrengungen meiner geschätzten Kollegen, Christopher Alexander und Léon Krier, aufgenommen, die Architektur als Disziplin zu reformieren. Ein weiterer Versuch wurde initiiert durch Prince Charles. Obwohl die Mehrheit der britischen Öffentlichkeit seine Vision einer humanen Architektur teilt, sind seine Bemühungen gescheitert.



    Wie schafft es die Architektenschaft so erfolgreich, jegliche Reformversuche abzuwehren? Ich glaube, die Antwort findet sich in einem Phänomen des Systems. Architektur ist ein Kultund das Letzte, was ein Kult will, ist, in eine echte Wissenschaft transformiert zu werden. Der Grund hierfür ist der, daß diese beiden Systeme sehr unterschiedliche innere Strukturen aufweisen, welche wiederum die Grundlage der jeweiligen Kontrollstrukturen ergeben. Es gibt keinen weichen Übergang von einem Kult zu einer Disziplin, die auf logischen Grundsätzen aufbaut.



    Architektur ist nicht dafür geschaffen, äußeren Einflüssen in der Weise zu widerstehen, wie die Wissenschaft das kann. In der Wissenschaft gibt es weitreichende systemische Stabilität. Im Gegensatz dazu ist zeitgenössische Architektur, wie jedes andere nicht auf Rationalität und Experiment fußende Glaubens-System, extrem anfällig für Systemzusammenbrüche, weil selbst kleine Veränderungen nicht zugelassen werden können.


    Erst wenn sich die Gesellschaft entscheidet, Architektur nicht mehr als einen Kult sondern als Ergebnis logischer Überlegungen zu betrachten, wird das derzeitige Macht-System verschwinden. Ein anderes System, zusammengesetzt aus anderen Personen, unterstützt von einem anderen Bildungs-System wird entstehen. Die etablierten Architekten wissen nur zu genau, daß ihr derzeitiger Wohlstand vom Erhalt des derzeitigen Systems abhängig ist, und leisten großartige Arbeit, den Einfluß dieses Systems auf die Gesellschaft zu erhalten.


    2. Definition des Kultes


    Ein System ist dann ein gefährlicher Kult, wenn es die folgenden Charakteristika aufweist, Absichten gepaart mit Techniken:


    1. Es will zerstören

    2. Es isoliert die Beteiligten von der Welt

    3. Es beansprucht für sich besonderes Wissen und Moral
    4. Es verlangt strikten Gehorsam

    5. Es praktiziert Gehirnwäsche

    6. Es ersetzt das eigene Weltbild

    7. Es hat eine selbstreferentielle Philosophie

    8. Es erschafft seine eigene, für außenstehende unverständliche, Sprache


    Ich werde hier aufzeigen, daß zeitgenössische Architektur diese Kriterien erfüllt.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).