Stuttgart - Weißenhofsiedlung (Galerie)

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    Die Abstimmung für das Gebäude des Jahres 2018 ist geöffnet! Abstimmungsende ist am 15. November 2018. Bitte gebt bis dahin Eure Stimme ab.

    • Hier ist ja doch noch eine ganz gute Diskussion zustande gekommen, Danke für die Beiträge.

      Centralbahnhof schrieb:

      Ist nicht gerade Bauhaus der Ursprung dessen, was der Verein Stadtbild Deutschland e. V. kritisiert?
      Für mich ist Bauhaus, und das zeigen auch diese Bilder sehr anschaulich, zur Kunst erklärte Einfallslosigkeit. Alles wird der Funktion untergeordnet, ein ansprechendes Städtebild spielt bei der Planung keine Rolle.
      Oder gibt es auch in diesem Verein Mitglieder, die zwischen "moderner Architektur" und "echtem Bauhaus" unterscheiden? Nach dem Motto "ja wenn sich die heutigen Architekten nur an das wahre Bauhaus-Prinzip hielten, DANN...!".
      […[
      Ich denke, nicht das Bauhaus oder die Architektur der Moderne ist das Problem sondern der fehlende Respekt vor historischen Gebäuden und gewachsenen Stadtbildern. In einem gesunden Stadtbild schadet ein gut gemachter, moderner Bau wenig, solange er sich in das Stadtbild einfügt und keinen Kontrast erzwingt. Grundsätzlich bin ich jedoch der Meinung, dass Stadtbilder die Moderne nur bedingt vertragen. Wohnsiedlungen außerhalb von Innenstädten scheinen jedoch auch durch das Bauhaus ganz gut gestaltbar zu sein. Die Siedlungen des Neuen Frankfurts, die Siedlungen der Berliner Moderne, die Reichsforschungssiedlung Haselhorst, die Dammerstocksiedlung in Karlsruhe oder die Celler Bauhaussiedlungen von Otto Häsler sind bei ihren Bewohnern sehr beliebt und alles andere als soziale Brennpunkte. Die Probleme kamen im Siedlungsbau erst, als - auch geprägt durch die Charta von Athen - ein Wandel von der Gartenstadt hin zur Großwohnsiedlung entstand. Architekten wie Ernst May oder Walter Gropius, die vor dem 2 WK. durchdachte und lebenswerte Siedlungen gebaut wurden, planten plötzlich Monstersiedlungen wie Wiesbaden-Klarenthal, Bremen-Neue-Vahr oder Berlin-Gropiusstadt - und mit denen kamen die Probleme. Im aktuellen Wohnungsbauboom wird ja wieder eher kleiner (max. 4-5-stöckig) gebaut, ich bin daher gespannt, in welche Richtung sich die Siedlungen von heute entwickeln.

      Und bei den Bauhaus-Bauten gibt es welche, die mir gefallen (z.B. die meisten Weißenhof-Häuser oder die Dessauer Meisterhäuser) und welche, die mir nicht gefallen, wie z.B. das Musterhaus am Horn in Weimar oder die Villa Savoye. Genauso wurden auch in den 60ern und 70ern ansprechende und besondere Bauten gebaut.

      Maxitown schrieb:

      Was die neuste art der Moderne angeht erinnert mich das wieder an die Architektur des 3.reich durch aus edle Materialien auch nicht immer schlecht gebaut dafür dann aber klobig,aufdringlich,monoton,sehr kalt und abweisend bis klein machend.Und das sage ich als junger mensch dem dieser quatsch gefallen soll.
      Diesem Eindruck kann ich mich nur anschließen - eigentlich ging es ja schon in den 60ern und 70ern los - monströße, überdimensionierte Bauten, die ihren Mangel an Gestaltungsdetails durch edle Materialien wettmachen wollen. Bei den frühen Bauhausbauten oder Bauten der Neuen Sachlichkeit bin ich immer wieder überrascht, mit welchen Details die Gebäude an Eingängen, Ecken oder Dachgesimsen aufwarten, auch wenn der Rest der Fassade glatt ist.

      etinarcadiameo schrieb:

      [...]
      Daß die Bauten auf dem Weißenhof gar nicht unbedingt für Arbeiter gedacht waren (obwohl das gerne so propagiert wurde und wird), verrät sich auch dadurch, daß die meisten Häuser und Wohnungen über ein Dienstmädchenzimmer verfügten, und dies selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, daß sich auch viele Vertreter der unteren Mittelschicht in der Zwischenkriegszeit wenigstens eine Zugehfrau leisten konnten.

      Natürlich kann man an dem einen oder anderen Bau Gefallen finden und die reformerischen Ansätze für lobenswert erachten.

      Was mich jedoch an den ganzen sog. Reformbewegungen der Moderne, die alle in der Zeit um 1900 wurzeln, erheblich stört, ist die Ideologie dahinter, nämlich der überall zu Tage tretende Wunsch, einen „neuen Menschen“ zu kreieren. Ich empfinde dies als einen totalitären Ansatz, und es fällt mir schwer, ihn bei Betrachten der Bauten einfach zu ignorieren.
      Zunächst einmal vielen Dank für die interessanten Einblicke in die Bauvergabe. Ja, die Häuser sind nicht für Arbeiter gemacht - soweit ich weiß sind nur die Häuser von J.J.P Oud, Mies van der Rohe und Bruno Taut explizit Arbeiterhäuser/Wohnungen - und haben dementsprechend auch kein Dienstmädchenzimmer. Zu Zeiten, wo junge Frauen jedoch keine berufliche Karriere und keine Ausbildung machten, waren junge Dienstmädchen, die zwischen Schulende und Heirat in einem Haushalt gearbeitet haben, kein großer Luxus sondern durchaus auch von Angestellten bezahlbar.
      Die Ideologie, einen anderen Menschen zu machen, kommt bei den Bauten unterschiedlich stark durch. Am weitesten hat es m.E. Le Corbusier getrieben, während die Häuser von Richard Döcker oder Hans Scharoun einfach nur gefällige, lichtdurchflutete Einfamilienhäuser waren. Was jedoch immer ein Thema war, war der gesellschaftliche Wandel, der jedoch nicht von den Architekten getrieben wurde, sondern auf den sie reagiert haben. In den Familien war immer häufiger auch die Frau berufstätig, wodurch die Hausarbeit rationaler gestaltet wurde. Erfindungen wie die Waschmaschine erleichterten die Hausarbeit ebenfalls und erforderten keine großen Waschküchen mehr. Es gab mehr und mehr Bürotätigkeiten, wodurch die Menschen auch Platz auf Garten und Terrasse brauchten, um sich zum Ausgleich zu bewegen und generell war nach den engen Siedlungen der Gründerzeit vielerorts der Wunsch nach mehr Licht und Helligkeit vorhanden.

      Heimdall schrieb:

      Diese Weissenhof- und Bauhaus-Ideen müssen ursprünglich in diesem Zusammenhang gesehen werden. Sie führten aber zu einer Massendominanz, weil sich 1. mächtige Seilschaften im Hochschulapparat bildeten, die andere Ansätze verdrängten, und 2. diese Architektur sich als am leichtesten kompatibel mit der industrialisierten und globalistischen Moderne erwies.
      mit dem Bauhaus hat sich der erste vollkommen ortsunabhängige Baustil herausgebildet. Die Bauhaussiedlungen in Berlin, Frankfurt, Karlsruhe, Stuttgart, Wien und Tel Aviv könnte man auch untereinander tauschen und es wäre in keinster Form merkwürdig. Die Industrialisierung war dagegen dem Bauhaus vorangegangen und meines Wissens der Haupttreiber für das entstehen einer solchen Architektur, da Innen- und Außenstuck aus dem Katalog, gegossen in großen Fabriken und angebracht an tausenden Gründerzeithäusern den Architekten nicht mehr ehrlich erschien - und dementsprechend eine neue Architektur für die neuen Baustoffe entwickelt wurde.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)