Stuttgart - Weißenhofsiedlung (Galerie)

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    • Stuttgart - Weißenhofsiedlung (Galerie)

      Die Stuttgarter Weißenhofsiedlung ist ja hier schon mehrfach genannt, jedoch nie vorgestellt worden. Im Allgemeinen gilt sie als "die Bauhaussiedlung" neben der Dessauer Siedlung Törten sowie den Dessauer Meisterhäusern und dem Neuen Frankfurt von Ernst Mey.

      Auch wenn die Bauhausmoderne es m.E. nie geschafft hat, ein auch nur annähernd so beeindruckendes Stadtbild zu erzeugen wie es alle vor ihr kommenden Architekturen geschafft hat, so hat sie im Wohnungsbau sowie im Einfamilienhausbau durchaus beachtliches geleistet. Vor dem Hintergrund der damaligen städtebaulichen Situation sind deren Ansätze durchaus innovativ gewesen. Im Gegensatz zum Mittelalter und der Neuzeit, wo Städte moderat gewachsen sind und sich entwickeln konnten, setzte mit der Industrialisierung eine nie dagewesene Verstädterung ein, die nur mit schnellen und billigen Wohnvierteln bewältigt werden konnte. Es entstanden die typischen Arbeiterviertel mit den später als Mietkasernen bezeichneten Gebäuden, von denen vielleicht das Vorderhaus und der erste Hof noch einigermaßen Gestaltungswillen erkennen ließen, in den Hinterhäusern jedoch enge, dunkle Wohnungen entstehen ließ. Kein Vergleich zu den großbürgerlichen Wohnbauten und gründerzeitlichen Repräsentationsbauten jener Zeit. Dem damaligen Baustil folgend wurden selbstverständlich auch die Arbeiterhäuser mit gegliederten und verzierten Fassaden bestuckt, die jedoch Katalogware waren und zwar harmonisch wirkende, jedoch keinesfalls künstlerisch anspruchsvolle Bauten hervorgebracht hat.
      Als Gegenströmungen gab es zunächst den Jugendstil mit abstrakten, aber überbordenden Verzierungen sowie dann die Neue Sachlichkeit, die sich vom Historismus und dem Jugendstil mit einer nie dagewesenen Reduzierung an Ornamentik abgegrenzt hat. Dennoch waren diese Bauten harmonisch gestaltet und haben sich gut in die bestehenden Stadtbilder eingefügt.
      Mit dem Bauhaus entstand dann ein neuer künstlerischer Ansatz, bei dem - analog zur Bauhütte des Mittelalters, wieder die künstlerischen Disziplinen Architektur, Gestaltung, und Grafik/Malerei unter einem Dach vereinigt wurden. Die Vielzahl an neuen Baumaterialien sowie die nach wie vor bestehende Wohnungsnot führte zu Ansätzen, günstigen, aber lebenswerten Wohnraum mit Luft und Sonne zu schaffen.

      Vor diesem Hintergrund wurde 1927 in Stuttgart die Ausstellung "Die Wohnung" vom Deutschen Werkbund ins Leben gerufen. Neben einer Vielzahl von Ausstellungen zu Trends des Wohnens wurde auf dem Killesberg eine Mustersiedlung mit ca. 60 Wohneinheiten errichtet, zu der die damals als Erneuerer der europäischen Baukunst geltenden Architekten ihrer Zeit eingeladen wurden. In einer Rekordzeit von 21 Wochen entstanden alle Häuser der Weißenhofsiedlung, wobei aus Zeit- und Kostengründen häufig von der ursprünglichen Planung des Architekten abgewichen wurde. Die künstlerische Oberleitung lag bei Ludwig Mies van der Rohe, die Gestaltung der Innenräume übernahm Ludwig Kramer. Zwei Einfamilienhäuser, die in unmittelbarer Nachbarschaft durch private Bauherren errichtet wurde, wurden kurzfristig in die Ausstellung mit aufgenommen.
      Nach der Ausstellung wurden die Häuser bewohnt, die Nationalsozialisten kauften später die Siedlung, um sie abzureißen. Dazu kam es nicht, die Siedlung befindet sich jedoch bis heute in Hand des Bundes - mit Ausnahme der beiden Häuser von Le Corbusier, die der Stadt Stuttgart gehören. Von 33 Häusern sind 8 im 2. WK zerstört worden, 2 weitere wurden 1956 abgerissen. 23 Häuser, darunter alle Reihen- und Mehrparteienhäuser, sind bis heute erhalten. Im Doppelhaus von Mies van der Rohe und Pierre Jeanneret wurde 2006 das Weißenhof-Museum eröffnet. Eine Haushälfte zeigt die Geschichte der Siedlung, die andere wurde originalgetreu und inkl. der Inneneinrichtung rekonstruiert. Die Fotos vom Weißenhofmuseum werde ich aufgrund von Unklarheit über das Urheberrecht hier nicht zeigen sondern nur die Bilder, die von der Straße aus aufgenommen wurden.

      Alle ergänzenden Informationen wurden aus dem Reprint des Ausstellungskatalogs "Bau und Wohnung", Karl Krämer Verlag Stuttgart, 1992, entnommen.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Häuser 1-4, Architekt Mies van der Rohe, Berlin

      Mies van der Rohe entwarf einen Wohnblock, der zum einen günstig zu erbauen sein sollte, zum anderen jedoch eine möglichst großere Freiheit bei der inneren Raumaufteilung lässt. Hierzu setzte er auf eine Eisenskelettbauweise, ausgefacht mit Hohlblocksteinen und mit 4cm starken Torfplatten verkleidet. Lediglich Küche, Bad und Treppenhaus sind als feste Räume gestaltet worden, die restliche Wohnung kann frei eingeteilt werden. Jede Wohnung (das gilt für die gesamte Siedlung) verfügt über ein eigenes Bad, Warmwasser wurde zentral erzeugt.
      Vorderseite:

      Rückseite:



      Häuser 5-9, J.J.P. Oud, Rotterdam

      Die Häuserreihe mit 4 Einfamilienhäusern von J.J.P. Oud wurde in eine Wohnabteilung nach Süden und eine Wirtschaftsabteilung nach Norden aufgeteilt. Daher verfügen die Häuser auch über zwei Eingänge: Dienstverkehr kommt von Norden durch die Waschküche in die Küche, Wohnverkehr, also Bewohner und Besucher, kommen von Süden durch den Garten in die Wohnung. Im Obergeschoss liegen Schlaf- und Badezimmer, im Erdgeschoss Wohnzimmer, Küche, Waschküche und Wirtschaftshof. Das Haus ist unterkellert. Auf halber Höhe befindet sich auf der Wirtschaftsseite ein Trockenraum, der ursprünglich durch eine Zentralheizung geheizt werden sollte. Am Ende blieb es jedoch aus Kostengründen bei einem Gasofen. Konstruktiv wurde es aus Beton gebaut (System Schnellbau "Kossel").
      Wirtschaftsseite:

      Gartenseite:
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Haus 10, Victor Bourgeois, Brüssel

      Dieses private Einfamilienhaus, das auch heute noch erhalten ist, wurde vom einzigen belgischen Architekten der Ausstellung erbaut. Das relativ unspektakuläre Gebäude im Bauhausstil wurde aus Bims-Hohlblocksteinen nach dem System "Feifel-Zickzack" in Massivbauweise errichtet und weist im Erdgeschoss Wohnraum, WC, Küche und eine abzutrennende Essnische auf, im Obergeschoss zwei Schlafräume, einen Arbeitsraum, das Bad und ein Dienstmädchenzimmer.
      Kein fotografisches Meisterwerk, aber der Vollständigkeit halber abgebildet. Leider war durch den Bewuchs kein besseres Foto möglich.





      Haus 11, Adolf Gustav Schneck, Stuttgart

      Dieses private Einfamilienhaus ist das eins von zwei Häusern, mit denen Adolf Gustav Schneck an der Ausstellung teilnimmt und mit über 150m² das größte Haus (bezogen auf den Wohnraum einer Wohneinheit) der Ausstellung. Für seine beiden Häuser entwickelte Adolf G. Schneck eine Grundrissformel, die es ihm erlaubt, aus einem Basisentwurf viele Variationen zu bauen. Das Haus ist sowohl als alleinstehendes Haus wie auch als Reihenhaus denkbar. Im Erdgeschoss befinden sich Wohnraum, Essraum, Arbeitsraum und Küche, im Obergeschoss Elternschlafraum, drei Kinderschlafräume, ein Dienstmädchenzimmer sowie Bad und WC. Gebaut wurde es in Massivbauweise mit Remy-Hohlblocksteinen sowie Vollsteinen.
      Das Haus war leider nicht sehr gut zu fotografieren.



      Haus 12, Adolf Gustav Schneck, Stuttgart

      Das zweite Haus von Adolf G. Schneck war Teil der städtischen Siedlung, von der Idee her jedoch ähnlich Haus 11. Ein Grundriss mit Mittelwand bietet darüber hinaus sehr freie Gestaltungsmöglichkeiten und das Gebäude kann sowohl als Reihen- als auch als Einzelhaus, wie in der Siedlung realisiert, gebaut werden. Inspiration für die Grundrissgestaltung waren die beiden britischen Gartensiedlungen Port Sunlight und Bournville. Das Haus verfügt über 3 kleine bis mittelgroße Wohnzimmer im Erdgeschoss, in der sich auch Küche und Speisekammer befinden, sowie 3 Schlafzimmer, ein WC und als Highlight ein großes Badezimmer, dass sich über eine Doppelflügeltür auf den Balkon öffnet, im Obergeschoss. Vielen Häusern liegt der Gedanke zugrunde, den Bewohnern Licht, Luft und Bewegung zu verschaffen, so dass die Möglichkeit, aus dem Bad heraus im Freien Leibesübungen zu veranstalten, vermutlich der Beweggrund für diese ungewöhnliche Konstruktion war. Im Erdgeschoss gibt es jedoch noch eine weitere Terrasse. Das Haus wurde nach der Ausstellung vom Architekten selbst bewohnt - im Gegensatz zu den heutigen Architekten haben die Bauhäusler ihre Werke ganz gerne selbst bezogen. Als Bauweise wurden Jura-Ölschiefersteine sowie Betonbalkendecken vermerkt.

      Ansicht von der Straße aus (das Gebäude links im Hintergrund muss jünger sein):


      Gartenseite mit großem, aus dem Bad herausgehenden Balkon:
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)

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    • Haus 13 (Haus Citrohan) und Doppelhaus 14/15 von Le Corbusier und Pierre Jeanneret, Paris

      Während die meisten Weißenhof-Architekten vordergründig günstige Häuser mit hohem Wohnwert entworfen haben, nahm Le Corbusier die Ausstellung zum Anlass, die von ihm formulierten fünf Punkte zu einer neuen Architektur zu propagieren und anhand zweier Bauten umzusetzen. Während das Doppelhaus das bekannteste Haus der Weißenhofsiedlung darstellt und durch die rekonstruierte rechte Haushälfte auch heute noch erlebbar ist, erfährt man über das bewohnte Haus Citrohan relativ wenig. Der Architekt Ingo Schrader hat jeder dankenswerter Weise ein Essay hierüber erarbeitet und im Internet verfügbar gemacht. Haus Citrohan ist ein Typhaus, was in zahlreichen Varianten entwickelt wurde und nur in Stuttgart in Reinform realisiert wurde. Der Name ist eine Verballhornung von Citroën, neben Opel der erste europäische Hersteller, der Autos in Massenproduktion baute und genau so sollte auch das Haus ein Massenprodukt werden können. Der Betonskelettbau mit Ausfachungen aus Hohlblocksteinen hat nur ein kleines Erdgeschoss, in dem Kellerraum, Kohlenkeller, Waschküche und ein WC untergebracht sind. Über eine Treppe geht es in das Wohngeschoss, das durch einen über zwei Geschosse gehenden Wohn-/Essraum dominiert wird. Darüber hinaus ist dort die Küche und ein Dienstmädchenzimmer untergebracht. Darüber befindet sich das intime Zwischengeschoss mit Elternschlafzimmer, en-suite Badezimmer und WC sowie einem Ankleidezimmer, der Rest ist Luftraum. Das Terassengeschoss besteht zur Hälfte aus einer Dachterrasse, darüber hinaus sind dort ein Kinder- und ein Gästezimmer untergebracht, ein WC und eine Waschgelegenheit sind auch vorhanden. Dieses Haus ermöglicht somit einen relativ konventionellen Wohnstil.

      Das Doppelhaus 14 dagegen ist von den Schlafwagen der großen internationalen Züge der damaligen Zeit inspiriert und ist für Tag und Nacht unterschiedlich zu konfigurieren. Die Ideen Le Corbusiers, wie man in dem Haus zu wohnen hatte, passten jedoch nicht zu den realen Bedürfnissen der Bevölkerung, so dass das Haus nach der Ausstellung längere Zeit leer Stand, bis ein Lehrer der benachbarten Kunstgewerbeschule mit seiner 9-köpfigen Familie in beide Häuser einzog. Kurz danach wurde das Gebäude stark baulich verändert und erst in den 1980er Jahren wieder rekonstruiert, wobei die linke Gebäudehälfte im Inneren nicht wiederhergestellt wurde. Heute ist in der rechten Gebäudehälfte das gesamte Wohnkonzept mit möblierter Inneneinrichtung wieder erlebbar. Das auf Pfosten stehende Haus wird über das Erdgeschoss betreten, wo sich eine Waschküche, ein Vorratsraum, ein Dienstmädchenzimmer sowie, nur von außen zugänglich, ein Abstellraum befindet. Darüber befindet sich der große Wohn-/Ess-/Schlafraum, der sich über verschiebbare Wände in zwei Einheiten für die Nachtkonfiguration unterteilen lässt (in der linken Haushälfte, die etwas größer ist, waren es drei Einheiten). Dabei sind jeweils große Schränke, unter die sich ein Bettgestellt schieben lässt, in den Räumen vorhanden, die Betten werden abends einfach herausgezogen. Zusätzlich befindet sich im vorderen Riegel noch ein WC, eine Küche und ein Bad sowie hinten entlang ein langgezogener Flur mit Oberlichter, über den ein Waschplatz zu erreichen ist. Nach hinten geht pro Haus ein Flügel hinaus, der das halbrunde Treppenhaus aufnimmt und im Wohngeschoss dahinter einen halboffenen Arbeitsraum aufnimmt. Im Dachgeschoss befindet sich eine ebenfalls halboffene Bibliothek mit Kamin und betonierten Schränken, heute wie damals mit Thonet-Bugholzmöbeln möbliert. Aus der Bibliothek heraus betritt man die Dachterrasse mit fabelhaften Blick über Stuttgart, die über einen Dachgarten verfügt und über die man die jeweils andere Haushälfte betreten kann. Beeindruckend ist auch die Farbgestaltung, im Innern gibt es quasi keine weißen Räume. Ein Foto des Innenraums hat vor zwei Jahren User silesien im Stuttgart-Forum gepostet (Link). Den Eindruck, dass man sich in einem Bunker befindet, kann ich nicht teilen, beeindruckend schmal ist jedoch der Gang, mit dem die einzelnen Räume im Wohngeschoss erschlossen werden - ab einer gewissen Körperfülle kann es unangenehm werden.

      Außenansicht der Häuser Citrohan (Nr 13, links) und Doppelhaus 14/15
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Jetzt geht es ohne Bilder weiter - die Häuser 16 bis 25 existieren nicht mehr. Das Weißenhofmuseum, der dazugehörige Reprint des Ausstellungskatalogs sowie eine anschließende Internetrecherche haben mich jedoch so beeindruckt, dass ich die Häuser dennoch würdigen möchte:

      Haus 16 und Haus 17, Walter Gropius, Dessau

      Walter Groupius war wie Le Corbusier fasziniert von der Idee, den industriellen Hausbau zu ermöglichen und ist damit wohl einer der Impulsgeber für den späteren Plattenbau (sein Spätwerk, die Siedlung Gropiusstadt in Berlin, die jedoch ursprünglich deutlich kleiner dimensioniert war, hat diese Idee dann vollendet). In der Weißenhofsiedlung experimentierte er mit neuen Baumaterialien, das Ergebnis waren Haus 16, das im Halbtrockenverfahren und damit noch eher handwerklich gebaut wurde und Haus 17, dass im trockenen Montagebauverfahren gebaut und demnach industriell hergestellt und in kürzester Zeit montiert werden konnte. Beide Häuser waren strenge Kuben, Haus 16 hatte im Obergeschoss jedoch eine größere Dachterasse.
      Haus 16 wurde aus Bimshohlblocksteinen gemauert, für Stürze und Dachbalken wurden Betonfertigteile herangezogen. Während das Haus von außen verputzt wurde, wurde im Innern verschiedene moderne Trockenbauplatten verlegt. Das Erdgeschoss nimmt den Wohnraum, die Küche, ein Kinderzimmer, Elternschlafzimmer, Bad und WC auf. In Wohn- und Schlafzimmern sind Wandschränke verbaut - die sich jedoch in vielen Häusern der Weißenhofsiedlung wiederfinden. Das Obergeschoss ist aufgrund der großen Dachterasse sehr klein, es nimmt ein (trennbares) großes Kinderzimmer, einen Arbeitsraum sowie die Waschküche auf.
      Haus 17 besteht aus einem Eisengerippe (ein Modell ist im Weißenhofmuseum ausgestellt), dass mit Korkplatten ausgefüllt wurde. Von außen wurde es mit Asbestschieferplatten verkleidet, von Innen wie Haus 17 mit modernen Bauplatten verkleidet (Celotex- und Lignat). Durch die Plattenverkleidung mit sichtbaren Fugen wirkt das Haus wie ein verkleinerter Plattenbau, ist aber durch seine innovative Bauweise eines der Ausstellungshighlights gewesen. Im Erdgeschoss befinden sich ein großes Wohn- und Speisezimmer, eine Küche, Vorratsraum, Werkraum und Abstellraum, über eine Treppe geht es ins Obergeschoss mit Waschküche, Bad und (was in der Siedlung selten vorkam) integriertem WC sowie drei Schlafzimmer.
      Beide Bauten wurden meines Wissens im Krieg zerstört, verlinkte Bilder sind im Wikipedia-Artikel zur Weißenhofsiedlung.


      Haus 18, Ludwig Hilberseimer, Berlin

      Ludwig Hilbersheimer konzipierte nach eigenen Worten ein Einzelhaus für eine "großstädtische Park- und Gartensiedlung" (Zitat aus dem eingangs genannten Ausstellungskatalog), das mit geringstem Platz alle Wohnbedürfnisse erfüllt. Als eins von wenigen Häusern wurde bereits eine PKW-Garage mit konzipiert, meines Wissens jedoch nicht realisiert. Im halbunterkellerten Untergeschoss waren Kohlenkeller, Wasch- und Trockenraum, Vorratskammer, Dienstmädchenzimmer sowie ein Kinderzimmer untergebracht. Das Obergeschoss wird dominiert durch ein großes Wohn- und Esszimmer, dass durch eine Einbauschrankwand mit (als beheizbar konzipierter) Durchreiche von der Küche getrennt wurde. Zwei weitere Schlafzimmer, ein Arbeitszimmer sowie Bad und WC komplettieren die Räume. Der Zugang erfolgt ebenfalls über das Obergeschoss. Die Möblierung wurde bewusst aus dem damaligen industriellen Angebot gewählt. Konstruktiv ist das Gebäude in Massivmauerwerk mit Feifel-Hohlblocksteinen errichtet worden (Feifel-Zickzack-Bauweise), während Zwischenwände und Decken aus Holz gebaut wurden.
      Das Gebäude wurde meines Wissens im Krieg zerstört, der Nachfolgebau aus den 1950er Jahren hat zwar eine andere Straßenkante und ein Stockwerk mehr, grundsätzlich lässt sich die Wirkung jedoch noch erahnen.


      Haus 19, Bruno Taut, Berlin

      Bruno Taut bezeichnete sein Haus als "Proletarier unter den Einfamilienhäusern", konzipiert als Typenhaus für die Serienproduktion, extrem günstig zu realisieren und dennoch für eine sechsköpfige Familie ausgelegt. Als Bauweise führt Taut im Ausstellungskatalog die "Thermos-Bauweise von Pohlmann in Hamburg" an, dies scheint jedoch ebenfalls ein kurzlebiges Prinzip gewesen zu sein. In zweigeschossiger Bauweise realisierte Taut im Erdgeschoss Elternschlafzimmer, Bad, ein Kinderschlafzimmer, Wohnzimmer mit davon abtrennbarer Arbeitsnische, Küche und WC, im Obergeschoss eine Dachterasse, ein Gästezimmer, ein Dienstmädchenzimmer sowie einen Speicherraum. Die Besonderheit des Hauses war neben der extrem günstigen Bauweise auch die farbige Gestaltung, über die ich leider nicht viel herausfinden konnte. Rot wurde aber auf jeden Fall verwendet, andere Wände hatten m.W. andere Farben. Das Haus war so bunt, dass Le Corbusier angeblich gefragt hat, ob Taut farbenblind sei. Den Krieg hat es wohl überstanden, die Stuttgarter Abrisswut der Nachkriegsjahre nicht. 1956 wurde das Haus abgerissen und das Grundstück neu bebaut.


      Haus 20, Hans Poelzig, Berlin

      Als Zielgruppe für sein Haus hat Hans Poelzig den "geistigen Arbeiter" definiert, dessen Frau ebenfalls berufstätig ist und daher die Hausarbeit so rational wie möglich zu gestalten ist. Im Untergeschoss, das aufgrund der Hanglage nur halb ausgebaut wurde, sind Waschküche, Heizung, Vorratsraum und Dienstmädchenzimmer untergebracht, das Erdgeschoss besteht ausschließlich aus Wohnzimmer, Esszimmer, Küche und Veranda. Das Dachgeschoss verfügt über eine sehr große Dachterasse, ein Kinderzimmer, ein Elternschlafzimmer sowie ein Bad. Beide Schlafzimmer besitzen je eine Wand aus Einbauschränken. Die Bauweise ist eine Fachwerkkonstruktion mit verputzten Fonitramplatten, die Innenwände sind entweder holz- oder marmorgetäfelt. Das Gebäude wurde meines Wissens im 2. Weltkrieg zerstört.


      Haus 21 und Haus 22, Richard Döcker, Stuttgart

      Neben Adolf Gustav Schneck der zweite Lokalmatador, durfte Richard Döcker zwei nebeneinanderliegende Einfamilienhäuser in Hanglage realisieren. In seinem Beitrag im Ausstellungskatalog begründet er das Flachdach explizit nicht als Dogma der modernen Architektur sondern aufgrund der Freiheit, die Grundrissgestaltung nicht mehr nach dem Dach sondern nach den Bedürfnissen des Wohnens ausrichten zu können - etwas, was vor der Erfindung neuer Konstruktionsarten nicht notwendig war. Beide Einfamilienhäuser sind relativ ähnlich, Haus 21 wurde eingeschossig mit Keller ausgeführt. Der Keller nimmt Trockenraum, Heizung, Kohlenkeller, Vorratsraum und Waschküche auf, gewohnt wird im Wohngeschoss, was drei unterschiedliche Geschosshöhen aufweist: Ein Schlaftrakt mit zwei Zimmern und einem innenliegenden Bad, die Küchenebene mit Dienstmädchenzimmer, Küche, Veranda und Essraum sowie die Wohnebene mit Wohnraum und Doppeltür auf die Terrasse. Gebaut wurde es in Holzbauweise mit Zickzackdecken und -wänden, eine damals neuartige Bauweise, die sich scheinbar nicht durchgesetzt hat, auf einem aus Betonsteinen erbauten Kellergeschoss. Haus 22 ist eineinhalb-geschossig und hat als eines von wenigen Häusern eine Garage im Untergeschoss, Wohnräume dort sind zwei Zimmer, Waschküche, Trockenraum, Heizung und Vorratskeller. Im Wohngeschoss darüber gibt es ein weiteres Schlafzimmer, Bad, WC, Dienstmädchenzimmer, Arbeitszimmer, einen Ess- und einen Wohnraum, die obligatorische Küche sowie ein Nähzimmer. Von dem Wohngeschoss gelangt man auf die Terrasse, wo zu Zwecken der Leibesertüchtigung eine Schwedenleiter angebracht war. Auch bei diesem Haus wurde als Sockel ein Betongemäuer verwendet, das Wohngeschoss ist ein Holzgerippe mit Tektonplattenverkleidung. Neu ist hier auch die Zentralheizung.
      Beide Häuser sind nicht erhalten und wurden meines Wissens im Krieg zerstört.


      Haus 23 und Haus 24, Max Taut, Berlin

      Der jüngere Bruder von Bruno Taut, Max, nahm ebenfalls mit zwei Einfamilienhäusern an der Ausstellung teil. Er legte Wert auf eine schnelle Bauweise sowie auf Wärmehaltung, so dass er, wie Walther Gropius, eine Eisenskelettbauweise wählte, gefüllt wurde das Skelett mit sog. "Thermosplatten", vmtl. dasselbe Baumaterial wie sein Bruder verwendet hat. Auf alten Fotos haben beide Häuser eine kachelartige Gestaltung der Außenwände, über die ich jedoch nicht mehr herausfinden konnte. Haus 23 besteht aus zwei Quadern, im Erdgeschoss befindet sich ein großes Wohnzimmer, WC, Küche und eine Terrasse, eine weitere Terrasse im Oberschoss, dazu zwei Schlafzimmer, Bad und ein Dienstmädchenzimmer. Haus 24 war ein anderthalbgeschossiges Haus mit einem halbrunden Bau über zwei Geschosse. Im Erdgeschoss neben Küche, Spülraum, Essnische und Wohnzimmer auch WC, Bad, Elternschlafzimmer und ein Kinderschlafzimmer, im Obergeschoss Arbeitszimmer, Dienstmädchenzimmer und Gästezimmer.
      Beide Häuser sind nicht mehr erhalten und wurden meines Wissens im Krieg zerstört.


      Haus 25, Adolf Rading, Breslau

      Adolf Rading hatte einen etwas ungünstig geschnittenen Bauplatz, so dass er seinen Gedanken nach einem Serienbau verwerfen musste. Das Ergebnis war ein L-förmiger Anderthalbgeschosser, in dessen Erdgeschoss eine klare Trennung zwischen Wohnraum (mit verschiebbaren Wänden), zentralem Wirtschaftsteil mit Küche sowie intimen Schlafräumen, insgesamt drei mit angeschlossenem Bad, vorherrscht. Der obere Teil verfügt, wie auch das Erdgeschoss, über eine Sonnenterasse, ein Dienstmädchenzimmer sowie einen Waschraum. Über die Bauweise sind im Ausstellungskatalog keine Angaben gemacht.
      Das Gebäude hat den 2. Weltkrieg überlebt und wurde im selben Jahr wie Haus 19 von Bruno Taut, 1956, abgerissen.



      Dies soweit als Würdigung der zehn zerstörten Bauten, die zufällig lückenlos die Nummern 16 bis 25 betreffen. Der Grund für die Zerstörung war wohl ein Flakturm in der Nähe der Siedlung. Alle weiter folgenden Bauten sind wieder vorhanden und konnten, wenn auch nur von außen, erfahren werden, so dass ich hier für den stark beschreibenen Stil (die meisten Informationen und Eindrücke hatte ich aus eingangs erwähnten Ausstellungskatalog) um Nachsicht bitte.
      Besonder fasziniert finde ich, wie sehr die Häuser auch heute noch die Lebensrealität vieler Menschen treffen, wenngleich man vermutlich mit kleineren Familien die Häuser beziehen würde. Alle Architekten haben damals versucht, möglichst günstige Häuser zu entwerfen (in der Regel von 12.000 bis ca. 25.000 Mark Baukosten) und haben innovative Baumaterialien der damaligen Zeit verwendet. Da die Häuser (wie generell alle Bauhausbauten - im Gegensatz zu Bauten der Neuen Sachlichkeit) keinen Regionalbezug haben sondern nur Grundstück und umgebende Landschaft einbeziehen, wäre es aus meiner Sicht ein interessantes Projekt, die Entwürfe mit modernen Baumaterialien als Einfamilienhäuser zu bauen. Interessanterweise wich, wie eingangs erwähnt, die Bauausführung noch von der geplanten Bauweise ab, so dass eine Rekonstruktion große Freiheiten bzgl. Ort, Baumaterialien und Bauweise vornehmen darf. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass heutzutage viele Einfamilienhäuser noch so massiv errichtet werden, als müssten sie hundert Jahre halten, wäre es doch ein interessanter Gedanke, ein Haus nach einem innovativen Entwurf, aber günstig und nach Ende eines Lebens einfach rückbaubar zu bauen. Bleibt wohl nur die Frage nach dem Urheberrecht der Entwürfe...
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Haus 26-27, Josef Frank, Wien

      Josef Frank gestaltete ein Doppelwohnhaus, dass relativ unauffällig, aber gut nutzbar gestaltet ist. Im Erdgeschoss befinden sich WC, Bedienstetenzimmer, Küche, Anrichte und ein großer Wohnraum, der über einen außenliegenden Hof verfügt. Im Obergeschoss drei Schlafzimmer, ein Bad und eine Terrasse. Das Gebäude wurde in Massivbauweise mit Feifel-Hohlblocksteinen errichtet, die Zwischenwände im Innern mit den neuartigen Stahlzargen, zwischen die Gipsdielen eingeschoben wurden. Die Decke wurde aus Betonbalken realisiert.
      Im Vordergrund ist das Doppelhaus von Josef Frank zu erkennen. Dahinter die im nachfolgenden Beitrag vorgestellten Häuser 33 und 31/32. Den Hintergrund dominiert die ebenfalls 1927 fertiggestelle Wohnanlage "Friedrich-Ebert-Wohnhof" vom Bau- und Heimstättenverein Stuttgart eG - kein Bestandteil der Weißenhofsiedlung.



      Haus 28-30, Mart Stam, Rotterdam

      Ähnlich wie Josef Frank betonte auch Mart Stam die Brauchbarkeit eines Hauses und argumentierte vor der Wohnungsnot der damaligen Zeit der Abkehr vom repräsentativen Charakter eines Hauses hin zum ökonomischen Haus mit größtmöglicher Bequemlichkeit. Auch die Rationalisierung der Haushaltsführung griff er auf und betonte, dass zukünftig immer mehr Tätigkeiten aus dem Haushalt ausgelagert werden (z.B. Brot backen, Äpfel einlagern, waschen). Seine drei Häuser sind aneinandergereihte Einfamilienhäuser, die auch einzeln stehen könnten, das westliche Eckhaus hat noch einen Anbau mit Arbeitszimmer im EG und darüberliegender Dachterrasse. Ansonsten sind im Keller Wirtschaftsräume (Waschküche, Kellerräume), die beiden östlichen Gebäude haben aus dem Keller heraus den Gartenzugang, was zu einem weiteren Zimmer anstatt eines Kellerraums führt. Interessanterweise hat dieses Zimmer eine separate Treppe ins EG, als Stahltreppe ausgeführt. Die Erd- und Obergeschosse sind identisch, jeweils ein großer Raum mit Wohn- und Essecke, Küche und WC. Im Obergeschoss dann drei Schlafräume und ein Bad, kein Balkon.
      Das Haus ist mittlerweile wieder in seiner Ursprungsfarbe blau gestrichen. Gebaut ist das Haus in Eisenskelettbauweise mit Schlackenstein-Ausmauerungen, eine Neuerung war wohl die amerikanisch inspirierte Luftheizung.
      Straßenansicht von Osten:
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      Karl Kraus (1874-1936)
    • Terassenwohnhaus 31/32, Peter Behrens, Berlin

      Peter Berehns war einer der ältesten Architekten der Weißenhofsiedlung. Sein "Terrassenhaus" soll allen Bewohnern die Möglichkeit geben, im Freien aktiv zu werden, gleichzeitig aber vermieden werden, dass allzuteure Auskragungen oder besonders tiefe Wohnungen in den unteren Etagen entstehen. Daher ist sein Haus ein Konglomerat aus ineinandergeschobenen ein- bis viergeschossigen Häusern mit verschieden großen Wohnungen. Jede Wohnung verfügt über ein Bad mit Wanne und WC, eine Küche, einen Wohnraum, ein bis drei Schlafzimmern sowie eine Terrasse, auch wenn diese manchmal eher einem Balkon entspricht (für die Wohnung im 3. OG jedoch 144m² groß ist). Durch Luft und Licht sollte Tuberkulose und Kindersterblichkeit Einhalt geboten werden. Das Haus ist ein Massivbau aus Bimsbeton-Hohlsteinen.
      Leider war es nicht möglich, das Haus in Gänze zu fotografieren, daher beschränke ich mich auf ein Bild von der recht unspektakulären Straßenseite. Durch die Vielzahl an Vorsprünge und Terassen bietet das Haus aus vielen Blickwinkeln eine interessante Architektur.




      Haus 33, Hans Scharoun, Breslau

      Neben Haus Citrohan ist das Einfamilienhaus von Hans Scharoun das einzige erhaltene, reine Einfamilienhaus der Weißenhofsiedlung. Es gilt jedoch auch als das schönste, so dass wir uns freuen können, dass gerade dieses Haus bis in die heutige Zeit erhalten blieb. Hans Scharoun beschreibt sein Haus als Versuch, mit neuen Materialien und neuen Raumanforderungen zu spielen. Herausgekommen ist eine Form mit vielen Rundungen, wie das durch eine Couch getrennte Wohn- und Esszimmer mit großer verglaster Front. Weitere Räume im Erdgeschoss sind Arbeitszimmer, Dienstmädchenzimmer, Küche und WC. Im Obergeschoss befinden sich dagegen drei Schlafzimmer und das obligatorische Bad, zudem eine Dachterrasse.
      Straßenansicht von Osten
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • @Booni
      Besten Dank für deine Mühe und die Übersicht. Ich kenne die Gebäude und ihre jeweilige Hausgeschichte. Ob sie ausgerechnet hier in diesem Forum einen Stellenwert verdient haben, möchte ich den Lesenden und Schauende überlassen. Deine Begeisterung dafür teile ich nicht. Das Gros dieser Gebäude bleibt im Anblick meiner Meinung nach einfach nur trostlos, weniger Denk- als Mahnmal.


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

    • Damit ist meine (sehr textlastige) Galerie über die Weißenhofsiedlung auch am Ende. Alle Häuser der Ausstellung wurden aufgelistet, wenn auch nicht mit Foto. Gerne kann ich auch weitere Fotos hochladen, wenn dies gewünscht ist.

      Da das gesamte Gelände ungefähr zeitgleich bebaut wurde, befinden sich in der Umgebung noch weitere Gebäude aus dem frühen 20. Jh., wie z.B. der bereits erwähnte Friedrich-Ebert-Wohnhof oder die Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart.
      Untenstehendes Haus steht z.B. inmitten der Weißenhofsiedlung, ist nicht Teil dieser, schien jedoch während der Werkbundausstellung in leichter veränderter Form bereits gestanden zu haben:



      @Zeitlos: Ich bin auch sehr gespannt über die Meinung des Forums, ist doch das Bauhaus nach Architektenmeinung das über allen stehende Vorbild. Ich selber habe jedoch den Eindruck, dass sich die Moderne Architektur sehr schnell von der ursprünglichen Idee wegentwickelt hat. Die meisten Weißenhof-Bauten sind in einer billigen Bauweise mit modernen, unerprobten Materialien entstanden und dennoch sind Gebäude mit gestalterischen Anspruch, hohem Wiedererkennungswert, hoher Gebrauchsfähigkeit und hohem Wohnwert entstanden. Damit wurden Impulse für den Einfamilienhausbau gesetzt, der zur gleichen Zeit überhaupt erst in die Gänge kam - vorher gab es Einfamilienhäuser nur als Bauernhäuser, Villen und Arbeitersiedlungshäusern. Den damaligen Kampf der Reformer und Modernisten haben bzgl. der Einfamilienhäuser die Traditionalisten gewonnen, für Mehrfamilienhäuser die Modernisten - umgekehrt wäre es für den Städtebau sicherlich besser gewesen.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Die Häuser 1-4 sind nichts besonderes. Sie könnten auch heute irgendwo als Wohnblock oder Bürohaus errichtet worden sein. 5-9 wirken piefig. Der kleine Mini-Vorhof (wenn oben noch ein Gitter drauf wäre, eine Mini-Knastzelle), die Mini-Oberlicht-Fenster, die gleichförmige Reihung der Einzelhäuser. Für mich wie ein Gefängnisgebäude, zur Gartenseite hin zwar mit größeren Fenstern, aber belanglos. Belanglos auch 10,11 und 12. Keinerlei Fassadengliederung. Es könnte sich auch um ein Produkt von Wärmedämmplatten handeln. Der triste Eindruck wird aber durch das Grün der Gärten abgemildert, teils die Fassaden überwuchernd. Das Doppelhaus 14/15 gefällt mir nicht, schon aufgrund der Stelzen-Architektur. 26-27 hat zumindest das Flair einer kleiner Ferienwohnanlage im Süden (Mallorca oder ähnliches). 28-30 ist gefällig, schon aufgrund der fröhlicheren Farbgebung, aber nicht als Wohnhaus, sondern als älteres Gewerbegebäude. Irgendwo als alte Werkhalle in einem Hafengebiet oder Gewerbeareal würde ich sogar für den Erhalt eintreten. Schon aufgrund der etwas skurril wirkenden Treppenführung mit ihren dünnen Geländerchen. 31/32... bei dem Behrens-Bau erkenne ich schon einen Stilwillen. Das ist nicht mein persönlicher Geschmack, aber das Spiel mit den unterschiedlichen Flächen, Dächern und Fensteranordnungen ist ausgefeilt. Auch die Sprossenfenster und die beige Farbgebung tun ihr übriges zu diesem aus den anderen Häusern herausragenden Gebäude. 33 von Scharoun ist mir zu verspielt im negativen Sinne. Hätten die Fensterrahmen einen türkisen Anstrich und wäre die Tür lila, dann könnte das Haus als eines der schlechteren der postmodernen Epoche durchgehen. Das zuletzt gezeigte Haus, das in der Weißenhofsiedlung steht, ohne dazu zu gehören, gefällt mir nach Behrens noch am besten. Es wirkt wie ein Haus der 50er Jahre, gemäßigt-moderner Wohnungsbau. Tut niemandem weh.
      Das als kurze (natürlich subjektive) Stellungnahme, weil eine Diskussion gewünscht wurde.
    • Ich habe zufällig auf Youtube noch eine interessante Reportage aus den 1980er Jahren gefunden: Link zu Youtube

      Dort werden einige der Häuser, die bewohnt sind, auch von Innen gezeigt. Der Behrens-Bau hatte damals noch ein Walmdach.
      Man sieht auch die Unterschiede in der Bauausführung. Während es bei den Reihenhäusern von J.J.P. Oud und Mart Stam um kostengünstiges Bauen ging, hatten Hans Scharoun und Le Corbusier eher wohlhabende Bürger vor Augen, denen sie eine neue Art des Wohnens aufzeigen wollten.
      Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
      Karl Kraus (1874-1936)
    • Ist nicht gerade Bauhaus der Ursprung dessen, was der Verein Stadtbild Deutschland e. V. kritisiert?

      Für mich ist Bauhaus, und das zeigen auch diese Bilder sehr anschaulich, zur Kunst erklärte Einfallslosigkeit. Alles wird der Funktion untergeordnet, ein ansprechendes Städtebild spielt bei der Planung keine Rolle.

      Oder gibt es auch in diesem Verein Mitglieder, die zwischen "moderner Architektur" und "echtem Bauhaus" unterscheiden? Nach dem Motto "ja wenn sich die heutigen Architekten nur an das wahre Bauhaus-Prinzip hielten, DANN...!".

      Gerade bei den ersten Bauhaus-Siedlungen denkt man ja vielleicht, Mensch, das ist was besonderes, da merkt man noch, dass da mehr dahintersteckt, dass da eine gewisse Formensprache oder Ästhetik dahintersteckt. Für mich sehen aber diese ersten Bauhaus-Häuser nach stinknormaler, einfallsloser moderner Architektur aus, wie man sie mittlerweile in jeder Stadt weltweit findet.

      Oder muss man - ähnlich wie bei der modernen Kunst, wo man angeblich Künstler sein muss, um den wahren Wert zu erkennen - Architekt sein, um den wahren Wert von Bauhaus zu schätzen?
    • Ich mache es kurz. Sieht auf den ersten Blick aus wie eine etwas kaputtsanierte Genossenschaftsanlage einer westdeutschen Kleinstadt. Auf den zweiten Blick leider auch. Vielleicht fehlt mir einfach das geschulte Auge. Mag sein, denn ich halte es eher mit einem Dresdener Blasewitz oder Wiener Cottage. Wenn schon Weiß, dann bitte Weißer Hirsch ;-).
      "Man kann einen gesellschaftlichen Diskurs darüber haben, was Meinungsfreiheit darf. Oder man hat Meinungsfreiheit!"

      Ein Wald ohne die vielfältigen Stimmen der Vögel, das ist ein toter Wald. Eine Demokratie ohne die vielfältigen Stimmen von Elite und Bürgertum, das ist eine zutiefst gefährdete Demokratie!
    • Mein Vater pflegt zu sagen, mit Bach habe die Musik ihren Höhepunkt erreicht, alles danach sei nur noch Niedergang und Dekadenz. Mozart erträgt er gerade noch, Beethoven ist unerträglich modern.
      Scheinbar geht es vielen ähnlich, was die Architektur betrifft. Der Historismus war die letzte Blüte, Jugendstil ist gerade noch so zu ertragen, Art deco und neue Sachlichkeit im Prinzip Schund.
      Schade.
    • Arrrrrrrrgh das sind Quietschende tafeln für mich, wenn ich lesen muss das Jugendstil und art deco schund sein sollen,aber es stimmt schon der Historismus ist schon wie aus einem wundervollen Märchen entsprungen.Mit der neuen Sachlichkeit die punktet tatsächlich nur in einem sehr schmalen Zeitraum von 1955 bis 1960 als so schöne Gebäude wie das blau gold haus in Köln entstanden, oder viele Gebäude noch die eleganten Messing Fenster erhielten .Was die neuste art der Moderne angeht erinnert mich das wieder an die Architektur des 3.reich durch aus edle Materialien auch nicht immer schlecht gebaut dafür dann aber klobig,aufdringlich,monoton,sehr kalt und abweisend bis klein machend.Und das sage ich als junger mensch dem dieser quatsch gefallen soll.

      Zur Siedlung selbst man erkennt das die Gebäude Elter sind wegen den dreiteiligen Fenstern zb. aber etwas besonderes sind sie nicht ausehr halt zb, die Idee des Einfamilien Hauses 11 von Adolf Gustav Schneck das in reihe wie in einzel Lage funktioniert und einen Schönnen plan mit Raumaufteilung ferster Anordnung und Details wie der Veranda Überdachung die oben ein Balkon ist,das verstehe ich auch unter modern und sachlich ein haus zu bauen was elegant ist und dennoch funktioniert wobei andere wohn Siedlungen dabei Weißenhof Meilen weit voraus wahren zb. Die Gartenstadt Pistaritz ein Traum von wohn Gegend.
    • Viele der hier vorgestellten Häuser wirken erstaunlich „modern“, so als seien sie erst vor wenigen Jahren in einer Vorortsiedlung neu erbaut worden.

      Leider ist das eine eher traurige Erkenntnis, bedeutet dies doch, daß in den letzten 90 und mehr Jahren kaum Entwicklung in der Architektur war. (Dies ist natürlich eine sehr pointierte Aussage)

      Manch einer der Weißenhof-Bauten gilt gar als „Ikone der Moderne“.
      Eine in ihrem versteckten Bedeutungsinhalt so nicht intendierte, aber mehr als treffende Bezeichnung, gibt es doch kaum eine Kunstgattung, die so wenig Individualität zuläßt und so sehr auf der Wiederholung des Immer-gleichen beruht, wie die Ikonenkunst.

      -

      Auf der Internetpräsenz des Werkbundes gibt es einen Zeitzeugenbericht des Stuttgarter Architekten Bodo Rasch, der an der Weißenhofsiedlung mitarbeitete (Zimmereinrichtung im Haus Mies). Ich verlinke den Bericht und zitiere abschnittsweise daraus (Hervorhebungen und Kommentare jeweils von mir), weil ich die darin geschilderten Umstände bemerkenswert finde. Im Prinzip haben sie nämlich nie mehr an Aktualität eingebüßt.

      „Die Genehmigung zum Bau der Weißenhofsiedlung durch den Gemeinderat im Frühjahr 1926 war ziemlich aufregend. (…) Den Gemeinderat hatte man dann rumgekriegt. Da war ein Architekt Behr, Stadtbaurat und Fraktionsführer der SPD, ein ehrgeiziger Architekt. Er wollte groß bauen auf der Weißenhofsiedlung. Er hat es dann geschafft. Man hat ihm gesagt: "Bau Du Deinen Schönblick dahin, so groß und mächtig, wie Du willst" Durch diese Konzession an die Politik war die Zustimmung der SPD-Fraktion gesichert.

      Bei den Deutsch-Nationalen war H. Fink Fraktionsführer, der in seiner Buchdruckerei dann die drei Weißenhofbücher druckte. Dessen Fraktion stimmte auch zu.

      Filz und die Berücksichtigung privater (wirtschaftlicher) Interessen befördern also politische Entscheidungen.

      In einem nächsten Schritt hat man dann die eher konservativen Architekten der ‚Stuttgarter Schule‘, wie etwa Paul Schmitthenner, ausgebootet. Dann erfolgte die Auswahl derer, die teilnehmen durften:

      Mies ging bei der Auswahl der Teilnehmer sehr sorgfältig vor. In erster Linie wurden Architekten aus dem 'Ring' beteiligt.

      Kontakte bestanden zu gleichgesinnten Architekten im Ausland, die sich auch an der Zeitschrift 'G' beteiligt hatten, von der Mies nur 3 Nummern herausbringen konnte.“

      Tja, so laufen doch auch heute noch Jury-Entscheidungen in Sachen Architekturwettbewerbe und Städtebau ab. Die Gremien sind homogen besetzt und man schanzt sich gegenseitig die Aufträge zu.

      „Die Ausstellung beschränkte sich nicht auf die Bauten, sie hieß "Die Wohnung". Die Inneneinrichtungen aus einfachen, vom "Gschnas", wie Josef Frank es nannte, befreiten Möbeln sollten der Bevölkerung zeigen, wie der moderne Mensch lebt.

      (…)

      Wir sahen unsere Aufgabe darin, durch solide gefertigte, den neuen Fabrikationsmethoden angepaßte Möbel auch dem einfachen Arbeiter ein Gebrauchsgerät zu schaffen, das allen Ansprüchen genügt - ihn von dem Ballast zu befreien, mit dem er sich durch das Schielen auf großbürgerliche Prestigeeinrichtungen immer wieder umgab.

      Diese Anregungen zur Einrichtung wurden von der Intellektuellen-Schicht aufgegriffen. Doch diejenigen, denen wir helfen wollten, blieben beim bekannten Alten, zu sehr eingebunden in die hergebrachten Verhaltensmuster.“

      Warum meinen manche Menschen, andere immer retten zu müssen (und sei es vor ästhetischen Mißgriffen), und das ganz ohne die Betroffenen zu fragen, ob sie überhaupt gerettet werden wollen?

      „Ähnliches zeigte sich beim Bezug der Wohnungen nach der Ausstellung. (Die Baukosten der Experimentalbauten und die daraus errechneten Mieten lagen etwa 30% über dem ortsüblichen ohnehin recht hohen Niveau). Eine fast homogene Gruppe geistig sehr aufgeschlossener Bürger zog in die Siedlung (…).“

      So viel zum Thema „günstigen, aber lebenswerten Wohnraum mit Luft und Sonne zu schaffen“, wie Booni im ersten Beitrag schreibt.

      Daß die Bauten auf dem Weißenhof gar nicht unbedingt für Arbeiter gedacht waren (obwohl das gerne so propagiert wurde und wird), verrät sich auch dadurch, daß die meisten Häuser und Wohnungen über ein Dienstmädchenzimmer verfügten, und dies selbst unter Berücksichtigung der Tatsache, daß sich auch viele Vertreter der unteren Mittelschicht in der Zwischenkriegszeit wenigstens eine Zugehfrau leisten konnten.

      Natürlich kann man an dem einen oder anderen Bau Gefallen finden und die reformerischen Ansätze für lobenswert erachten.

      Was mich jedoch an den ganzen sog. Reformbewegungen der Moderne, die alle in der Zeit um 1900 wurzeln, erheblich stört, ist die Ideologie dahinter, nämlich der überall zu Tage tretende Wunsch, einen „neuen Menschen“ zu kreieren. Ich empfinde dies als einen totalitären Ansatz, und es fällt mir schwer, ihn bei Betrachten der Bauten einfach zu ignorieren.

      museumderdinge.de/institution/…issenhofsiedlung-entstand
    • "etinarcadiameo", danke für Deine Hintergrundinformationen. Wo ich Dir nicht ganz zustimme, ist der letzte Absatz. Die Idee des "neuen Menschen" ist eine sicherlich bedeutende, gerade in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber sie ist deshalb nicht generell totalitär. In diesem Fall wäre womöglich ein großer Teil der Pädagogik totalitär. Natürlich kann sich jeder Gedanke unter bestimmten Voraussetzungen totalitär entwickeln. Aber das muss deshalb nicht den Umkehrschluss beinhalten, nun keinen Gedanken mehr zur Verbesserung der menschlichen Lebensumstände entwickeln zu dürfen. Z.B. bereits der Jugendstil hatte den Anspruch, wieder eine ästhetische Einheit durch einen durchgehenden neuen Stil zu schaffen. Die Reformarchitektur setzte darauf, Probleme der frühen Moderne (wenig Grün, enge dunkle Hinterhöfe) durch die Gartenstadt-Bewegung in den Griff zu bekommen. Diese Weissenhof- und Bauhaus-Ideen müssen ursprünglich in diesem Zusammenhang gesehen werden. Sie führten aber zu einer Massendominanz, weil sich 1. mächtige Seilschaften im Hochschulapparat bildeten, die andere Ansätze verdrängten, und 2. diese Architektur sich als am leichtesten kompatibel mit der industrialisierten und globalistischen Moderne erwies. Weltweiter Handel mit industriell gefertigen Massenprodukten braucht und erzeugt möglichst viel Standardisierung. Überall gleich aussehende Kisten, bei denen man sich nicht mehr individuell Gedanken um Ornamentik oder Ortsbezug machen muss, erfüllen diese Notwendigkeit zur Profitmaximierung am besten. Dadurch wird das Ganze dann natürlich letztlich doch wieder irgendwie "totalitär". Denn es sind dann nicht mehr gutbetuchte Reform-Enthusiasten, die freiwillig in eine Weissenhof-Siedlung ziehen, sondern die abgestumpften Massen, die keinen anderen Wohnraum mehr finden.
    • Grundsätzlich bin ich bei Dir, lieber Heimdall, doch hat nicht gerade die „Idee des neuen Menschen“ so viel Leid in der ersten und leider auch zweiten Hälfte (in China und Mordkorea nach wie vor) gebracht, wie nie zuvor, dass mir der „alte, tradionell geprägte Mensch“ weiterhin am Sympathischsten ist. Die bessere Architektur hat er ohnedies hervorgebracht!
      "Man kann einen gesellschaftlichen Diskurs darüber haben, was Meinungsfreiheit darf. Oder man hat Meinungsfreiheit!"

      Ein Wald ohne die vielfältigen Stimmen der Vögel, das ist ein toter Wald. Eine Demokratie ohne die vielfältigen Stimmen von Elite und Bürgertum, das ist eine zutiefst gefährdete Demokratie!