Architekturstil und Wirtschaftssystem

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    • Da möchte ich ein wenig widersprechen. Auch viele Gründerzeitquartiere oder Gartenstädte, die durchaus auf viel Sympathie in der Bevölkerung stoßen, wurden in kapitalistisch strukturierten Wirtschaftssystemen erbaut, waren also durchaus auch von dem Wunsch geleitet, damit eine Rendite zu erlangen. Und doch war da etwas, das über die Rendite hinaus ging. Es gab noch eine Verbindung zur Tradition, zur Spiritualität, zum Übermateriellen. Das ist der Unterschied zu heute. Es ist ein Unterschied der Mentalität, also geistiger Natur.

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    • Genau, das war Stadtbaukunst in einem radikal kapitalistischen System, aber eben auch mit klaren Gestaltungssatzungen. Damals schnellten innerhalb kürzester Zeit die Bevölkerungszahlen im Deutschen Reich insgesamt und besonders in den Großstädten empor. Kein Vergleich zu heute. Die Terrainunternehmer schufen in Koproduktion mit den Stadtplanungsämtern Anlagen, die uns funktional wie ästhetisch dauerhaft erfreuen. Im besten Sinne modern, weil eben nachhaltig.
    • Ja, da müssten wir wieder hinkommen, dass Stadtplanung und Bauherren-Investitionen wieder stark ineinandergreifen.
      Ganz festnageln kann ich es bis heute nicht, was damals so anders lief als heute. Heute spielen wohl vor allem bürokratische Aspekte eine viel größere Rolle als ästhetische, was damals aufgrund der eher laxen Bauvorschriften wohl deutlich entspannter war für die Bauherren wie auch für die Behörden. Die haben heute weder Personal noch Sinn für ästhetische und urbanistische Belange.

      Jedenfalls bringt dieses Geschimpfe auf den "pöhsen Kapitalismus" uns nix. Der Kapitalismus hat doch all unsere schönen Stadtbilder weitgehend erst möglich gemacht. Zumal unsere Städte seit Jahrhunderten von der Marktwirtschaft unterschiedlicher Prägung bestimmt sind, im Grunde seit dem Mittelalter.
    • Es fehlt einfach jemand wie Camillo Sitte (bekanntestes Werk: Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen), der überhaupt wieder einmal das Bewußtsein schafft, daß auch ein neu errichteter Stadtteil eben mehr ist als nur Gebäude, die laut einer geometrischen Grundform gleichmäßig verteilt sind - es ist eine Abfolge von Plätzen und durchaus auch unregelmäßigen, gewundenen Straßen. Es fehlt nämlich nicht nur an der Gestaltung der einzelnen Gebäude, sondern auch an der Fähigkeit, wieder so etwas wie einen richtigen Platz zu gestalten.

      Ansonsten widerspricht sich der obige Artikel ja selbst - letztlich entscheidet doch im "Turbokapitalismus" der Käufer, was gebaut wird, während die angesprochenen "lieblosen Schachteln" ja eher für den realen Sozialismus typisch waren.
    • Das Thema betrifft aktuell auch Stuttgart. Prämiert wurde ein Neubau, der leider alles andere als altstadtverträglich ist. Der Zweitplatzierte hätte es besser gemacht. Aber es ist hier wirklich so dass die Investoren über das Stadtbild entscheiden. Doch die haben eigene Interessen. Im Rathaus scheint man machtlos.

      Wollen wir Städtebau nach diesem Prinzip? Ich glaube nicht.

      Stadträte protestieren gegen Siegerentwurf

      "Dieses Gutachterverfahren wird vor dem Hintergrund diskutiert, dass meist Investoren bestimmten, wie markante Stadteingänge raumgestaltet werden und nicht die Kommunalpolitik...Mit dem Neubau der Calwer Passage und dem Hochhaus der Firma Strabag im Europaviertel haben Investoren deutlich gemacht, dass Form und Aussehen von jenen bestimmt werden, die bezahlen."

      Man muss nicht zur generellen Kapitalismuskritik ausholen, um solche Zustände zu kritisieren.
      In dubio pro reko
    • Das liegt oft daran, dass in der Stadtpolitik selbst keine genauen Vorstellungen existieren und dementsprechend auch nur sehr schwammige Flächennutzungs- und Stadtentwicklungskonzepte entwickelt werden (ISEK/LREP sicher ein Begriff). Nur da, wo es konsequente Gestaltungssatzungen und Quartiersbebauungspläne gibt, gibt es wirklich andere Ergebnisse - siehe zB Potsdamer Mitte, Stralsunder Altstadt oder Lübecker Gründungsviertel.
    • jeitomanso schrieb:

      Es fehlt einfach jemand wie Camillo Sitte (bekanntestes Werk: Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen), der überhaupt wieder einmal das Bewußtsein schafft, daß auch ein neu errichteter Stadtteil eben mehr ist als nur Gebäude, die laut einer geometrischen Grundform gleichmäßig verteilt sind - es ist eine Abfolge von Plätzen und durchaus auch unregelmäßigen, gewundenen Straßen. Es fehlt nämlich nicht nur an der Gestaltung der einzelnen Gebäude, sondern auch an der Fähigkeit, wieder so etwas wie einen richtigen Platz zu gestalten.

      erbse schrieb:

      Jedenfalls bringt dieses Geschimpfe auf den "pöhsen Kapitalismus" uns nix. Der Kapitalismus hat doch all unsere schönen Stadtbilder weitgehend erst möglich gemacht. Zumal unsere Städte seit Jahrhunderten von der Marktwirtschaft unterschiedlicher Prägung bestimmt sind, im Grunde seit dem Mittelalter.
      Ich stimme euch natürlich zu, aber ich habe gerade einen Knoten im Kopf, den ich nicht so recht auflösen kann.

      Eines der häufigsten Argumente, die gegen den klassischen Städtebau gebracht werden, sind doch die kapitalistischen Auswüchse im späten Kaiserreich. Das ganze Familien sich in den "Mietskasernen" ein Zimmer teilen dürfen, wo niemals Licht hinkommt und die Luft stickig ist, weil das Gebäude eines der berüchtigten Hinterhofhäuser ist. Die ja nur gebaut werden durften, um möglichst viel Rendite aus dem beschränkten Platz in den Städten zu schalgen.

      Die moderne Architektur mit ihrer aufgelockerten Bauweise wollte doch eine Antwort auf die miserable Wohnsituation sein. Jede Wohnung soll genug LIcht und Luft bekommen. Daher frage ich mich gerade, ob wir uns die historischen Altstädte vielleicht nicht doch manchmal zu idyllisch vorstellen, weil wir nur noch die durch Bomben und Abrisse aufgelockerten Viertel kennen?
      "Städte, in denen Leute sich zu Fuß und mit dem Rad bewegen können, werden bessere Orte."
    • Primergy schrieb:

      Daher frage ich mich gerade, ob wir uns die historischen Altstädte vielleicht nicht doch manchmal zu idyllisch vorstellen, weil wir nur noch die durch Bomben und Abrisse aufgelockerten Viertel kennen?
      Natürlich waren damals die Wohnverhältnisse schlecht, weil der Sozialstaat noch ziemlich am Anfang stand und die Wertschöpfung der Arbeitsplätze im allgemeinen niedrig war (und das Einkommen damit zwangsläufig auch), allerdings sind heute eben gerade diese Altstädte sehr beliebte Ausgeh- und Wohnorte, nachdem die notwendigen Renovierungen vorgenommen wurden.

      Gemeinnützigen Wohnungsbau gab es übrigens schon im Kaiserreich, ausreichend Licht läßt sich auch bei Blockbebauung realisieren.
    • Das Bild von der dunklen Mietskaserne ist natürlich ein Zerrbild. Im Kaiserreich wurde unendlich viel gebaut. Die Gründerzeit am Kurfürstendamm oder im Tiergarten war natürlich eine andere als in den Arbeitervierteln. Das Problem war dort in der Regel die Überbelegung. Berlin hat heute etwa die gleiche Einwohnerzahl wie vor 100 Jahren. Wichtig bleibt aber die Anpassungsfähigkeit der Blockrandbebauung an moderne Wohnstandards. Bei der überlegenen Außengestaltung hat dann jeder Gründerzeitler gegenüber Plattenbau & Co. gewonnen. Das konnte auf den Wohnungsmärkten bereits in den 70er Jahren nachvollzogen werden, nachdem die ersten Sanierungswellen manches Altstadt- und Gründerzeithaus gerettet hatten und Strom, Heizung sowie fließend Wasser keine Entscheidungskriterien mehr für die Bewohner waren.
    • Was meiner Meinung nach die große Bremse ist beim Realisieren von mehr klassischen Neubauprojekten ist das Verhältnis vom Investor zu seinem "Bauwerk" . Das Problem ist nämlich, dass die meisten Investoren eher kurzfristig denken und dann vorallem an die Rendite. Doch eine langfristige Sicht, die im Grunde auch viel kostengünstiger ist (nachhaltig) wie beim traditionellen Bauen ist bei denen noch nicht angekommen! Da scheuen sie sich deswegen vor den paar Prozent mehr Kosten, was eine bestuckte Fassade bereitet...
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    • Bei der Preisverleihung zum "Gebäude des Jahres 2018" habe ich mich jüngst sehr interessant unterhalten. Die Dame hat mir in der Tat erzählt, dass kaum ein Investor die Fertigstellung seines Gebäudes tatsächlich miterlebe. Ziel sei schließlich, wie FWLH ja auch anmerkt, die kurzfristige Rendite. Kaufen, bauen, veräußern, kaufen, bauen,... und immer so weiter.
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