Werdenberg (SG) - ein im Mittelalter stecken gebliebenes Burgstädtchen

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    • Werdenberg (SG) - ein im Mittelalter stecken gebliebenes Burgstädtchen

      Vor einiger Zeit streifte ich im Bilderquiz-Strang die kleinste Stadt der Schweiz. Sie bildet zwar keine eigene Gemeinde, sondern ist Teil der Gemeinde Grabs, besass aber mittelalterliches Stadtrecht.

      Riegel schrieb:

      In diesem Ort gibt es Wandständerbauten (Fachwerkbauten) mit Ausfachungen aus Bohlen und Mauerwerk, aber auch Strickbauten (Blockbauten), alles nebeneinander: aber wo?


      (aus dem Bilderquiz-Strang)


      Werdenberg im Kanton St. Gallen (CH)

      Das kleine Städtchen am Fuss eines Schlosshügels liegt im Alpenrheintal zwischen den Voralpen und dem Bodensee. Seine Geschichte reicht ins 13. Jahrhundert zurück. Mit nur drei Gassen und etwa 40 Bauten hat sich sein Grundriss über die Jahrhunderte hinweg nie wesentlich verändert, sodass hier ein Ort mit dem Charakter eines mittelalterlichen Burgstädtchens bis heute erhalten ist.

      Ich möchte nicht viel zur Geschichte schreiben, sondern einfach ein paar Links angeben und anschliessend die Galerie mit vier Folgen beginnen. Die Fotos entstanden im Mai 2011, als ich dort eine baugeschichtliche Führung organisiert hatte. Der Referent der Führung war auch der Verfasser der nachstehend verlinkten baugeschichtlichen Dokumentation.

      - Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Werdenberg_(Ort)
      - Bilder auf Google: werdenberg
      - Baugeschichtliche Dokumentation der Häuser bis ins 13. Jh. zurück: e-periodica.ch/cntmng?pid=mit-003:2000:5::142
      - Werdenberg oder Fürstenau: Welches ist die kleinste Stadt der Welt?: watson.ch/Schweiz/Tour%20dur%2…inen-Senf-auch-dazu-geben)


      Die Ansicht des Städtchens mit dem künstlich angelegten See davor ziert häufig die Schweizer Bildkalender - doch vor lauter alten Holzbalken und Steinen vergass ich, eine eigene Gesamtansicht zu knipsen. Ich war aber vergangenen Dezember nochmals dort und konnte auf der Rückfahrt von Vaduz (Landeshauptstadt des Fürstentums Lichtenstein) und Feldkirch (Vorarlberg, A) die Enten im teilweise schon zugefrorenen See bei beginnender Dämmerung ablichten...



      1)


      Im Frühjahr präsentiert sich das Schloss aber in freundlicheren Farben. Am Schlosshügel sind Rebberge angelegt, und vom Städtchen aus führen zwei Wege zum Schloss hinauf.

      Mit dem Bau des Bergfrieds wurde 1228 begonnen, und 1232 der Palas und die Ringmauer errichtet. Das Eingangsportal ist noch das Ursprüngliche aus der Bauzeit und hat somit rund 790 Jahre auf dem Buckel! 1695 zerstörte anlässlich einer Feierlichkeit ein Brand das Innere des Schlosses. Beim Wiederaufbau erhielt es die heutige Form. Die hölzerne Tragstruktur aus dem 13. Jahrhundert der untersten beiden Geschosse ist jedoch bis heute erhalten.



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    • Also das ist eine bemerkenswertes Stadtbild. Ich konnte eigentlich nicht warten bis alle Bilder hochgeladen und hat halt Streetview im google benutzt.

      Ich bin dann auf diese ganz urige Gasse gestosssen. Wie alt sind eigentlich diese Gebauden im durchschnitt? Man muss ja hier wirklich die Erhaltungsgrad loben.

      google.co.uk/maps/@47.1680308,…6-ro0-fo100!7i4266!8i1700
    • Führung durch das Städtli (1/4)

      Mit der Google Street View-Ansicht hast du wirklich die eigenwilligste Ansicht innerhalb des Städtchens entdeckt. Der Kern der meisten Bauten dürfte ins 14. Jahrhundert zurückgehen, wobei Teile der Stadtmauer aus den 1260er Jahren stammen. Ich werde in den folgenden vier Beiträgen die Baugeschichte einzelner Häuser, die bauhistorisch untersucht worden sind, angeben. Ich stütze mich dabei aber auf die im ersten Beitrag verlinkte Schrift von P. Albertin mit der baugeschichtlichen Dokumentation des Städtchens und einzelner Häuser:
      e-periodica.ch/cntmng?pid=mit-003:2000:5::142

      Man war sich schon im frühen 20. Jahrhundert bewusst, dass das Städtchen ein wertvolles Kleinod ist. Eine erste Renovationskampagne in den 1920er- und 30er Jahren galt vor allem einer Auffrischung der vorgefundenen Fassadenmalereien. In den 1960er- und 70er Jahren erfolgten dann eigentliche Restaurierungen und Fassaden-(teil)-rekonstruktionen, die aber aus heutiger Denkmalpflegepraxis eher als rigoros eingestuft werden müssen. Mit einem ortsansässigen Architekten und von beratender sowie handwerklicher Seite her waren aber Topleute am Werk!





      Stadtgrundriss mit Hausnummern. Norden rechts! Schloss oben abgeschnitten
      (© Amt für Kulturpflege des Kantons St. Gallen)



      Der Grundriss der Burg- und Stadtanlage beschreibt ein am Schlosshang übereck angelegtes Mauergeviert. Alle vier Ecken sind durch Massivbauten hervorgehoben, wobei das Schloss die höchstgelegene Ecke im Westen einnimmt. Entlang den östlichen Mauerpartien sind an zwei Gassen Häuserzeilen angelegt.

      google.co.uk/maps/@47.1684074,9.4628471,215m/data=!3m1!1e3

      Man betritt das Städtchen im Osten von der Rheinseite her, wo bis 1832 ein Stadttor stand. Gleich am Anfang weitet sich die Gasse zu einem Platz aus, wo die beiden Gassen aufeinandertreffen. Nach rechts führt die Obere Stadtgasse durch ein Torhaus zum Schloss hinauf und nach links die Untere Stadtgasse zu einem dritten Tordurchlass.




      6) Stadteingang anstelle des ehemaligen unteren Stadttores mit den Häuser Nrn. 1, 24/25 (hinten) und 42.





      7) Linksseitig eine Reihe von hölzernen Arkaden, die bis in die 1370er Jahre zurückreichen! Die Arkade im Vordergrund gehört zum Haus Nr. 2 und wurde dendrochronologisch auf 1378 datiert. Die Bruchsteinwand ganz links sollte richtigerweise verputzt sein - ein Produkt aus der Frühzeit der Denkmalpflege im frühen 20. Jahrhundert, als Mauerwerk gerne "roh" sichtbar gemacht wurde, unter Verlust aller historischen Verputze.





      8 ) Die Häuser Nrn. 1 bis 4. Bei Nr. 2 wurde die Fensterteilung bei der Freilegung der Bohlenständerkonstruktion (schweizerischer Begriff für Wandständerbau mit Bohlenausfachungen) weitgehend rekonstruiert Vorher besass die Fassade Einzelfenster aus dem 18./19. Jahrhundert und war mit einem Holzschindelschirm zugedeckt. Nr. 3, dessen Arkade von 1433 stammt, besitzt noch eine sehr altertümliche Bretterverschalung und barocke Zugladentäfer. Darunter besteht eine Fachwerkkonstruktion unbekannten Aussehens und Alters. Das Deckengebälk der Arkade von Nr. 4 stammt von 1584. Damals dürften auch die beiden Fachwerkobergeschosse entstanden sein. Ursprünglich bestand die Arkade wohl ebenfalls aus einer Holzkonstruktion.





      9) Der Blick von den Arkaden aus auf den zentralen "Platz", der vom "Montaschiner-Haus" von 1583 (Nrn. 24/25) dominiert wird. Rechts zwei Blockbauten aus dem 16./17. Jahrhundert.





      10) Das "Montaschiner-Haus" steht in der Gabelung der Oberen Stadtgasse (rechts) und der Unteren Stadtgasse. Wie das Gebäude vor der Restaurierung in den 1960er Jahren ausgesehen hat, sieht man auf den beiden letzten historischen Bildern dieses Beitrags - das Fachwerk verputzt, am 1. Obergeschoss durchgehend Zugladentäfer aus dem 18. Jahrhundert und ein Arkadenbogen zugemauert.





      11) Das "Rote Haus", ein Strickbau (oder Blockbau) aus dem 16./17. Jh. am Beginn der Oberen Stadtgasse. Der Strickbau ist in der voralpinen Ostschweiz, wo Fachwerk- und Strickbauten nebeneinander vorkommen, generell jünger als Ersterer. Ein Merkmal der älteren Strickbauten bis ins 18. Jahrhundert sind die Auskragungen auf Fenstersimshöhe sowie die vorstehenden Balkenköpfe. Ab dem 18. Jahrhundert fallen diese Auskragungen weg, und die vorstehenden Balkenköpfe werden fassadenbündig abgesägt.
      Das bergseitige Wohnhaus ist ein Neubau aus den 1990er Jahren anstelle einer Scheune.





      12) Speziell ist auch der Brunnen vor dem "Roten Haus" - eine Imitation von drei Baumstämmen aus Beton, aufgestellt in den 1930er Jahren! Eine Heimatschutz-Schrift von 1946 verschmähte ihn (Kommentar bei den letzten beiden Bildern) als "ein Musterbeispiel des missverstandenen Heimatschutzes" sowie als "Missgeburt aus Zement". Heute würden wir Disneyland dazu sagen... Doch dass dieser Brunnen ausgetauscht werden sollte, steht heute ausser Frage, da er in seiner Seltenheit und Originalität selber schon denkmalschützerischen Status besitzen sollte. Auf den folgenden beiden historischen Ansichtskarten sieht man noch seinen schlichten Allerwelts-Vorläufer.





      Blick in die untere Stadtgasse mit den Nrn. 3, 4, 23 (im Hintergrund) und 24/25.
      (Ungelaufene Ansichtskarte, Aufnahme vor 1940, Jos. Wolf, Papeterie, Buchs (SG))





      Einmündung der Oberen Stadtgasse zwischen "Montaschiner-Haus" und "Rotem Haus".
      (Ungelaufene Ansichtskarte, 1920er-Jahre, Photo & Verlag Jul. Buchmann, Grabs)

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    • Führung durch das Städtli - die Obere Stadtgasse (2/4)

      Ein wichtiger Motor für die Restaurierungs- und Erhaltungsmassnahmen der letzten sechzig Jahre war die Stiftung "Pro Werdenberg". Leider besitzt sie keine eigene Homepage, die ich hier verlinken könnte.




      13) Die Obere Stadtgasse steigt steil zwischen ein paar Häusern bis zum Rathaus aus dem ausgehenden 15. Jahrhundert hinauf, das zugleich als "Stadttor" fungiert. Vorher zweigt ein steiler Fussweg mit vielen Treppen zum Schloss hinauf ab, während vom Tor aus ein Fahrweg ebenfalls zum Schloss führt.

      Das Haus Nr. 26 ist ein Strickbau, wohl aus dem 16./17. Jahrhundert, und zeigt am 1. Obergeschoss wiederum Zugläden.





      14) Auch die Häuser 28 und 29 sind "gestrickt" (wie ein Pullover mit zwei Nadeln - ein Balken von links, ein Balken von rechts, dann wiederum ein Balken von links und der nächste von rechts, usw.; in Deutschland würde man "in Blockbauweise gezimmert" sagen). Die Auskragung auf Fenstersimshöhe des ersten Holzgeschosses sowie die vorstehenden Balkenköpfe der Querwände weisen darauf hin, dass die Häuser spätestens im 18. Jahrhundert errrichtet wurden. Nr. 29 erhielt im 19. Jahrhundert eine Aufstockung mit Kniestock und Quergiebel; an ihnen fehlen die vorstehenden Balkenköpfe! Das Bruchsteinmauerwerk von Nr. 28 sollte wiederum verputzt werden.




      Ungelaufene Ansichtskarte, 1920er-Jahre, Photo & Verlag Jul. Buchmann, Grabs

      Eine Ansicht vom ähnlichen Standpunkt aus zeigt das Doppelhaus Nrn. 35/36 noch mit einem Schindelschirm, unter welchen die heute freigelegte Bohlenständerkonstruktion zum Vorschein gekommen war. Man erkennt hier auch die Gestaltung der Strasse: zwei seitliche Rinnsale aus Feldsteinen und ein Strassenbelag aus Kies und Sand. Heute bestehen Rinnsale aus Betonelementen von gleicher Abmessung und Asphalt. Diese Strassensanierung erfolgte in den 1920/30er Jahren, und ich würde sie nicht durch eine andere Gestaltung ersetzen. Ein Strassenbelag aus Pflastersteinen konnte hier nie nachgewiesen werden und wäre also ahistorisch!





      15) Gegenüber dem Doppelhaus Nrn. 35/36 zweigt der Fussweg zum Schloss hinauf ab. Die Gestaltung der Mauern mit "giebelförmigem" Abschluss ist für die Bergregionen der Kantone Graubünden und St. Gallen typisch.

      Die Arkaden des Doppelhauses konnten dendrochronologisch auf 1388 datiert werden! Der Kellerabgang mit Bogenabschluss wirkt ein bisschen gekünstelt. Es ist ein typischer "Kellerhals", bei dem eine steile Treppe vom Keller durch einen schmalen Gang direkt auf die Gasse führt (bildlich: ein Keller, der seinen Hals zur Strasse hinaufstreckt).





      16) Ob die beiden Obergeschosse auch aus dieser Zeit stammen, kann von Auge und aufgrund der Abzimmerung nicht beurteilt werden. Auszuschliessen ist es jedenfalls nicht! Die Zugladentäfer wiederum eine barocke Zutat.





      17) Durch Überbelichten wird die Konstruktion sichtbar: eine mit Bohlen ausgefachte Wandständerkonstruktion, die nur mit kurzen, aber sehr kräftigen Kopfbändern ausgesteift wird. Die Bohlen können auch eine aussteifende Wirkung haben, sofern sie untereinander mit Holzzäpfen verbunden sind.





      18) Zuoberst an der Strasse steht das Rathaus von angeblich "um 1479" (Nr. 31). Es ist ein massiver Bau in einer Ecke der Stadtbefestigung und ist gleichzeitig auch Torhaus.

      Vor ihm liegt links das Haus Nr. 30, ein weiterer (undatierter) Bohlenständerbau, von dem ich leider keine eigene Frontalaufnahme besitze. Infolge Fensterveränderung im 18./19. Jahrhundert wurde die Fassade in den 1960/70er Jahren weitgehend rekonstruiert. Ein Urteil über die formale Qualität der Rekonstruktion kann ich nicht abgeben, da ich keine Restaurierungsunterlagen kenne. Handwerklich ist sie aber - wie allgemein alle Restaurierungsmassnahmen - in Werdenberg vortrefflich ausgefallen.

      Überhaupt fehlt bis heute eine Baudokumentation über das Städtchen Werdenberg, obwohl es von nationaler Bedeutung ist. Lediglich die hier beigezogene Dokumentation von P. Albertin und Restaurierungsdokumentationen einzelner Bauten sind veröffentlicht. Es ist aber anzunehmen, dass bei der kantonalen Denkmalpflege noch viele Unterlagen archiviert (und auch zugänglich!) sind.

      Auf einer Google-Ansicht sieht man die Fassade: goo.gl/maps/J52694NJ6jR2, aber auch hier mit leider "gehäutetem" Mauerwerk.





      19) Der Blick zurück ins "Zentrum" hinunter mit dem Neubau Nr. 40 (links) und der Seitenwand des Strickbaus Nr. 26 (rechts).
    • Führung durch das Städtli - die Untere Stadtgasse (3/4)



      20) Die kurz nach dem Stadteingang beginnende Arkadenreihe setzt sich linksseitig an der Unteren Stadtgasse fort, die ins Hinterstädtli führt. Auch hier kann man unter Arkaden aus dem 14. Jahrhundert durchgehen - nicht gerade lustwandeln, sondern eher über Stock und Stein wandern. Hier unter Nrn. 5/6, 7 (mit Sichtfachwerk) und 8. Die folgenden drei Bauten Nrn. 9 - 11 besitzen nur noch starke Auskragungen über dem Erdgeschoss, aber keine Arkaden mehr.





      21) Die Arkadenkonstruktion des Doppelhauses Nr. 5/6 (lins) datiert ins Jahr 1342, und das Erdgeschoss dahinter ins Jahr 1308. Seine Rückwand bildet die Stadtmauer, welche in diesem Bereich aus dem Jahr 1265 stammt. Nr. 7 (rechts) steht auf einer Arkade von 1370. Wann seine Obergeschosse errichtet worden sind, ist nicht bekannt. Das Haus wurde schon sehr früh als "Wohnmuseum" umgenutzt und renoviert, zu einer Zeit, als die Dendrochronologie noch unbekannt war.





      22) Bei früheren Renovationen ist an der Fassade von Nr. 7 einiges verändert worden. Trotzdem macht das Haus einen sehr altertümlichen, nicht überrenovierten Eindruck.





      23) Die schiefen Arkadensäulen und Fassaden sind ein Merkmal der Hauser 5 bis 9. Obwohl ich mich mit schiefen Häusern gut auskenne, sind mir die Verschiebungen und Verformungen ein Rätsel. Ich vermute, dass die hiesigen Säulen nur noch die Hälfte bis zwei Drittel ihrer ursprünglichen Länge aufweisen. Man kann dies anhand der Profilierung abschätzen. Langsam aber stetig verfaulten die Säulenfüsse ab, und damit senkte sich der vordere Bereich der Obergeschosse. Dadurch wurden die Säulen an ihren Füssen einwärts geschoben. Zudem stieg das Niveau der Gasse stetig an, was die Feuchtigkeit am bodennahen Holz noch begünstigte.




      Ungelaufene Ansichtskarte, 1920erJahre, And. Häne, Rorschach.

      Von den von Werdenberg im frühen 20. Jahrhundert zahlreich erschienenen Ansichtskarten gibt es nur wenige, die auch baugeschichtlich wertvolle Aussagen machen. Die Ansicht zeigt wiederum die Häuser Nrn. 5/6 bis 11 und rechts Nr. 23. Die Fassade von Nr. 5/6 präsentiert sich hier ausnahmsweise ohne Holzschindelschirm, sodass die darunterliegende Strickkonstruktion sichtbar ist (hier ausnahmsweise nicht erkennbar an den Eckvorstössen, da diese mit Brettern verschalt sind, sondern an den durchstossenden Balkenköpfen einer Zwischenwand). Auf dem ersten Bild dieses Beitrages sieht man den heutigen Schindelschirm.




      Ungelaufene Ansichtskarte, 1920er-Jahre, Photo & Verlag Jul. Buchmann, Grabs.

      Eine weitere historische Ansichtskarte zeigt den Blick zurück zum "Roten Haus".





      24) Nr. 7 verschafft im Innern einen Eindruck, wie die Leute hier bis vor 200 Jahren gelebt hatten. Es ist ein frühes "Wohnmuseum", allerdings ohne Mobiliar und Gerätschaften; einfach die leeren Räume mit ihrem kargen Komfort werden gezeigt. Die gewölbte Bohlen/Balkendecke der Stube ist allerdings eine Rekonstruktion. So sahen die Stuben im 15. und 16. Jahrhundert aus.





      25) In einem andern Raum hat ein schwerer Natursteinofen stark auf den Boden gedrückt. Neben ihm führt eine steile Treppenleiter in die darüberliegende Kammer hinauf. Durch einen Klappdeckel konnte die Wärme reguliert werden.





      26) Die Treppenleiter vom oberen Raum her gesehen.





      27) Nr. 23 auf der gegenüberliegenden Seite hat jüngst eine Restaurierung erfahren. Die Bauforschungsergebnisse hatte ich bisher noch nicht zu Gesicht bekommen, sodass ich hier nur auf die interessante Wandständerkonstruktion mit über drei Geschosse verlaufenden Ständern hinweise.





      28) Im Firstbereich erkennt man die behutsamen Änderungen an den heutigen Wohnkomfort.





      29) Das rückseitig angebaute Haus Nr. 21 mit identischem Volumen und Dachform wie bei Nr. 23 ist wieder ein Strickbau (links, mit kleinerem Dachvorsprung).





      30) Seitenwand von Nr. 23, vom Durchgang zwischen den Häusern 8 und 9 aus gesehen.

      Hier, drei Meter weiter links, ist der Standort der von johan vs verlinkten Google Street-Ansicht:

      johan v2 schrieb:

      Ich bin dann auf diese ganz urige Gasse gestosssen. Wie alt sind eigentlich diese Gebauden im durchschnitt? Man muss ja hier wirklich die Erhaltungsgrad loben.

      google.co.uk/maps/@47.1680308,…6-ro0-fo100!7i4266!8i1700





      31) Nr. 21 von Süden her gesehen (Mitte). Da die Nrn. 21 und 23 mit Ausnahme an der gemeinsamen Trennwand frei stehen, richten sie ihre Haptfassaden zu den Giebelseiten aus anstatt zur gassenseitigen Traufseite. Siedlungsgeschichtlich gibt es noch keine Erklärung dazu. Die freistehenden Häuser auf dem Land sind ab etwa 1500 meist giebelständig und vorher ebenfalls traufständig wie in den Städten (sogenannte Heidenhäuser). Giebelständigkeit ist in der Ostschweiz also keine Unbekannte, aber eher auf dem Land als in den Städten anzutreffen.
      Die Fassade von Nr. 20 (links) zeigte bis in die 1960er Jahre eine ganz andere Fensterteilung aus dem 19. Jahrhundert. Die heutige Fassade in Bohlenständerkonstruktion scheint eine Komplettrekonstruktion zu sein; jedenfalls sehe ich nirgends einen alten Balken.





      32) Die südliche Häuserzeile der Unteren Stadtgasse schliesst mit den drei Bauten Nrn. 11 bis 13 aus dem 19. Jahrhundert ab. Die Erdgeschosse könnten älter sein, aber das Fehlen von schiefen Wänden und anderen Unregelmässigkeiten an den Obergeschossen sowie die Kniestöcke verraten hier die Bausubstanz des 19. Jahrhunderts.

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    • Führung durch das Städtli - die Aussenseite der Häuser an der Unteren Stadtgasse (4/4)



      33) Am Ende der Unteren Stadtgasse stand bis 1830 ein drittes Torhaus, das mit der hier links angeschnittenen Nr. 16 zusammengebaut war. An der Gebäudeecke von letzterer prangt übrigens noch das südliche Torgewände (auf dem Bild nicht sichtbar). Das Haus selbst besitzt als Kern einen zweigeschossigen unterkellerten Wohnturm von 1375, der an die Stadtmauer angebaut ist, und stadtseitig einen zeitgleichen Bohlenständerbau.

      Gegen Südosten folgen noch zwei Häuser, Nr. 15 mit neuem, naturbelassenem Holzschindelschirm und schmerzhafter breiter Scharte in der Stadtmauer sowie Nr. 14, das "Schlangenhaus".





      34) Das "Schlangenhaus" sitzt auf dem südlichen Eckpfeiler das Stadtgevierts:

      Riegel schrieb:

      Der Grundriss der Burg- und Stadtanlage beschreibt ein am Schlosshang übereck angelegtes Mauergeviert. Alle vier Ecken sind durch Massivbauten hervorgehoben, wobei das Schloss die höchstgelegene Ecke im Westen einnimmt.

      Als ältestes Bauteil konnte wiederum die Stadtmauer von 1261 sowie ein in der Ecke zeitgleich entstandenes unterkellertes Eckhaus ausgemacht werden. Nach diversen Erneuerungen von Letzterem erfuhr das Anwesen 1584 eine Erweiterung mit einem neuen zweigeschossigen, gestrickten Wohntrakt und sehr flach geneigtem Satteldach. Von 1750 stammen die heutigen drei Dachgeschosse und die Fassadenbemalung. Die Hausgeschichte ist in der im ersten Beitrag verlinkten Baudokumentation von P. Albertin samt Planansicht mit eingetragenen Bauphasen anschaulich dargestellt.





      35) An der Dachuntersicht ist die dem Haus namengebende Schlange dargestellt.





      36) Östlich des Schlangenhauses beginnt die Reihe der Aussenfassaden der Häuser an der Unteren Stadtgasse, beginnend mit der ebenfalls giebelständigen Nr. 13. Die Keller und Erdgeschosse weisen noch die Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert auf. Da das Gelände von der Gasse zum (künstlich angelegten) Werdenberger See abfällt, waren die Kernbauten aus dem 13. Jahrhundert bereits unterkellert.





      37) Nr. 13 steht als einziges Gebäude in der Reihe mit dem Giebel zur Gasse und Stadtmauer (das ebenfalls giebelständige Schlangenhaus zählt zur südwestlichen Geviertseite). Bild 32 zeigt die Innenseite der Häuser 11 - 13, von denen ich vermute, dass sie mindestens ab den 1. Obergeschossen im 19. Jahrhundert neu errichtet wurden. Das Fehlen von Durchbiegungen sowie weiterer Unregelmässigkeiten veranlassen mich zu dieser Annahme. Atypisch für die ältere Bauweise sind der Kniestock und die eigentümliche Dachneigung zwischen 35 und 40°. Überhaupt erinnert mich diese Fassade an die Bauweise im Bregenzer Wald, dem Gebiet östlich des Alpenrheins auf Österreicher Seite. Es ist nachgewiesen, dass Zimmermeister aus dem Bregenzer Wald hier bereits in früheren Jahrhunderten Aufträge ausführten.





      38) Die Fassaden von Nrn. 13 - 9 an der Stadtaussenseite gegen den Werdenberger See. Auch Nrn. 12 und 11 (mit neuem Holzschindelschirm) erwecken den Eindruck von vollständigen Neubauten aus dem 19. Jahrhundert, denen die Stadtmauer auf Erdgeschosshöhe weichen musste.





      39) Die Seeseiten der nächstfolgenden Häuser 10 - 1 weisen noch durchwegs originale Stadtmauerreste auf (Nr. 5/6 ist ein Doppelhaus, mit grünen Läden). Das "Wohnmuseum" in Nr. 7 präsentiert eine regotisierte Fassade mit Reihenfenstern und fälschlicherweise sichtbar belassenem Natursteinmauerwerk. Bei der Nr. 1, dem "Doktorhaus" mit Dachtürmchen, endet der Rundgang im und um das Städtchen. Ans Doktorhaus angebaut war das abgebrochene Stadttor, wo unser Rundgang begonnen hat.