Eine Reise durch Apulien (I) (Galerie)

    • Eine Reise durch Apulien (I) (Galerie)

      Ich habe diese Semesterferien für eine Reise nach Apulien genutzt und dabei verständlicherweise auch das eine oder andere Foto geschossen. Diese Eindrücke möchte ich Euch, meine lieben Forumsgenossen, natürlich nicht verwehren. Ich habe mich dafür entschieden, nicht für jede Stadt und jeden Ort eine Einzelgalerie anzulegen, sondern Euch das Ganze in einem Gesamtpaket zu präsentieren. Das hat zweierlei Gründe: Einerseits konnte ich dann doch nicht von jeder Sehenswürdigkeit ausreichend viele Fotos machen, um eine umfassende Einzeldarstellung zu bieten. Andererseits möchte ich den größeren Kontext meiner Reise beibehalten.

      Auf einer Landkarte ist Apulien sehr leicht auszumachen, denn es umfasst den Bereich zwischen dem südlichsten Punkt des Stiefelabsatzes und dem Sporn Italiens. Damit gehört Apulien zum "Mezzogiorno", zu Süditalien, das berüchtigt ist für Armut, Korruption, Misswirtschaft und Kriminalität. Ich muss jedoch sagen, dass es weit weniger den Klischees entspricht, als man hier in Deutschland allgemein annimmt. Die schlechte ökonomische Lage ist natürlich ein Faktum, man sieht in Apulien viel weniger Industrie als im reichen Norditalien. Dennoch scheint es sich gebessert zu haben, inzwischen hat jede größere apulische Stadt ein eigenes Gewerbegebiet. Es gibt auch ein Müllproblem, vorallem die Straßenränder auf dem Land mutieren oft zur Abfallhalde. Im Gegensatz hierzu sind die Innenstädte Apuliens jedoch ziemlich sauber und unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum von den deutschen. Generell scheinen die mitteleuropäischen Vorstellungen vom "Mezzogiorno" wohl eher den dortigen Umständen der 50er, 60er und 70er des letzten Jahrhunderts zu entsprechen, als der Gegenwart. Das organisierte Verbrechen ist inzwischen weit weniger präsent, als es früher der Fall war. Auch wird heutzutage zum Beispiel gegen den berüchtigten Schwarzbau vorgegangen. Ich habe mich eigentlich nie wirklich unsicher gefühlt. Natürlich muss man in Städten wie Bari etwas aufpassen, aber das muss man in Deutschland inzwischen auch.

      Nun zu der Kultur: Die Menschen in Apulien sind wirklich freundlich. Auch das Essen war immer sehr gut und reichhaltig, vor allem die großartigen apulischen Süßspeisen haben es mir angetan. Man spürt in Apulien kulturell den Zusammenfluss verschiedenster Kulturen, ein Blick in die Geschichte genügt, um diesen Gefühlseindruck zu bestätigen. Apulien war immer schon Schmelztiegel der Kulturen, durch seine prominente Lage im Mittelmeer lange Zeit ein Dreh- und Angelpunkt des Weltgeschehens. In frühgeschichtlicher Zeit war Apulien von illyrischen Stämmen wie den Dauniern oder den Messapiern besiedelt, die vom Balkan stammten. Im Laufe des ersten Jahrtausends vor Christus kamen dann die Griechen, die Städte wie Taras (heute Tarent/Taranto), Hydrus (Otranto) oder Kallipolis (Gallipoli) gründeten. Der Strahlkraft dieser Hochkultur konnte sich auch die bisher in Apulien ansässige Bevölkerung nicht entziehen, sodass sie sich immer mehr am Griechentum orientierte. Schließlich wurde auch Apulien Teil des römischen Reiches. Im Zuge des zweiten punischen Krieges setzten jedoch nicht wenige apulische Städte auf Karthago, um ihre Unabhängigkeit von Rom zu erlangen. Zwar errang Hannibal bei Cannae auf apulischem Gebiet einen großen Sieg, doch obsiegte letztlich Rom. In römischer Zeit war vor allem Brindisium (Brindisi) als Hafenstadt und Endpunkt eines Zweiges der Via Appia bedeutend, es war auch Todesort des bedeutenden Dichters Vergil. In den stürmischen Zeiten nach Untergang Westroms war Apulien erst Teil des Ostgotenreiches, dann kam es zu Byzanz. Jedoch gab es in Süditalien auch die Langobarden-Herzogtümer Capua, Salerno und Benevent, die die politische Lage noch komplizierter machten. Im Laufe des neunten Jahrhunderts kamen noch Sarazenen hinzu, die ein recht kurzlebiges Emirat Bari gründeten. Erst eine weitere ausländische Macht konnte die Umkehr der Verhältnisse bewirken: Normannen, Nachfahren der Wikinger, die in Süditalien zuvor als Söldner gedient hatten, nutzten die Zersplitterung der Machtverhältnisse, um sich eigene Herrschaften zu errichten. Bald war der ganze Süden der Apennin-Halbinsel in ihrer Hand, 1071 fiel das byzantinische Bari. Durch die normannische Eroberung konnte sich auch in Süditalien wieder der Katholizismus gegenüber der orthodoxen Kirche und dem Islam durchsetzen, hierdurch wurde die stark orientalisch geprägte Region wieder dem abendländischen Kulturkreis angegliedert. Die verschiedenen normannischen Fürstentümer wurden unter Roger II. zu einem Königreich Sizilien vereinigt, das ganz Süditalien, also auch das Festland, umfasste. In der Zeit der Kreuzzüge erlangten die Hafenstädte Apuliens als Tore zum Orient große Bedeutung, von hier aus schiffte man sich ins Heilige Land ein. Durch die Hochzeit des späteren deutschen Kaisers Heinrich VI. mit Konstanze, der letzten Angehörigen des normannischen Herrschersgeschlechtes Hauteville, kam das Königreich Sizilien in staufische Hand. Aus dieser Ehe ging ein berühmter Sohn hervor: Friedrich II. Er ist wohl eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Mittelalters, schon seine Zeitgenossen nannten ihn "stupor mundi", das "Staunen der Welt". Er war ein Mensch der Wissenschaften und Künste, von brilliantem Geiste und höchster Bildung. Als Erbe sowohl Siziliens als auch des Heiligen Römischen Reiches herrschte er über ein Territorium, das von Apulien bis an die Nordsee reichte. Dennoch hielt er sich die meiste Zeit im Königreich Sizilien auf, wo er auch aufgewachsen war. Unter seiner Ägide wurde Süditalien das wohlhabendste und fortschrittlichste Land Europas, hier vereinigten sich byzantinische, arabische, normannische, italienische und deutsche Einflüsse. Obgleich das Reich nach Sizilien benannt war, verlegte Friedrich II. sein Machtzentrum nach Apulien, von wo aus die Entfernung ins Land nördlich der Alpen um einiges geringer war. In Apulien steht auch das wohl bedeutendste erhaltene Bauwerk des Staufers, das Castel del Monte. In Apulien und in Süditalien generell erinnert man sich noch heute gerne an "Federico Secudo", unter dem das Land seine Blütezeit erlebte und zivilisatorisch an der Spitze Europas stand. Diese goldene Ära endete rasch nach Friedrichs Tod, in den kommenden Jahrhunderten stritten sich die französischen Anjou und die Aragonesen um die Kontrolle über Süditalien, wobei sich letztere durchsetzen konnten. Fortan unterstand Süditalien Spanien. Später wurde das Königreich zwar unabhängig, aber doch weiterhin von spanischen Habsburgern regiert. 1860 eroberte Giuseppe Garibaldi das Land, das daraufhin dem neugegründeten italienischen Nationalstaat angeschlossen wurde.

      Diese wechselhafte Geschichte ist in Apulien heute noch ablesbar. Während Norditalien kulturell und historisch fast schon Teil des mitteleuropäischen Raumes war, wirkten im "Mezzogiorno" noch viel mehr die mediterranen Einflüsse. Das sieht man auch in der Architektur, teilweise fühlt man sich in apulischen Städten beinahe nach Spanien oder Griechenland versetzt. Italien ist einfach unglaublich vielfältig und großartig!!

      Kurz gesagt: Apulien ist ein wunderschönes Land, das wahrscheinlich wie kaum eine andere Region Europas Schmelztiegel unterschiedlichster Kulturen war. Apulien verfügt über ein sehr reiches kulturelles Erbe, in dem die wechselhafte Vergangenheit auch heute noch lebendig ist und das Land zu einem Eldorado für kunst- kulturinteressierte Menschen macht. Ich hoffe, Euch durch meine Galerie einen Eindruck dieser großartigen Region vermitteln zu können!
    • Unsere Reise durch Apulien beginnt in Monte Sant'Angelo. Die Stadt befindet sich im Gargano-Gebirge, das sich über den Sporn des italienischen Stiefels erstreckt. Wir befinden uns also nahe der Nordgrenze Apuliens.

      Monte Sant'Angelo gehört als einer der ältesten Wallfahrtsorte Europas zum UNSECO-Weltkulturerbe, die Grotte war das erste Michaelsheiligtum auf unserem Kontinent. Die Sage geht folgendermaßen: Ende des fünften Jahrhunderts soll hier in den Schluchten des Gargano einem Hirten das Rind davongelaufen sein. Nach langer Suche habe er es vor einer Grotte knieend gefunden und nachdem er das Tier nicht zum Gehen habe bewegen können, soll er voller Wut einen Pfeil auf das Rind abgeschossen haben. Nun soll sich jedoch ein Wunder ereignet haben: Anstatt das Tier zu treffen, habe das Geschoss in der Luft kehrt gemacht und stattdessen den Hirten verletzt, der voller Schrecken über das magische Ereignis sofort zum Bischof von Siponto geeilt sei. Dem Kleriker sei nun mehrfach der Erzengel Michael erschienen und habe die Errichtung eines Heiligtums bei besagter Grotte gefordert. Zu dieser Zeit war der Gargano noch hauptsächlich heidnisch, was die Erfüllung des himmlischen Auftrags erschwerte, jedoch sei dies dem Bischof schließlich doch noch gelungen. Auch soll der Erzengel Michael den Christen Sipontos und Benevents im Kampf gegen Heiden mit flammendem Schwert erschienen sein. Diese Sagen begründeten den Ruhm Monte Sant`Angelos als Wallfahrtsort, was anfangs vor allem von den Langobarden gefördert wurde, und im Mittelalter war es eine sehr bedeutende Pilgerstätte, die sogar von Königen aufgesucht wurde. Heute ist der Ort außerhalb Italiens eher unbekannt.

      Die Stadt Monte Sant'Angelo entstand um den Wallfahrtsort herum im 11. Jahrhundert, eine kurze Zeit lang war sie sogar Hauptort einer kleinen normanischen Herrschaft. Die Kirche San Michele, die heute die Grotte umschließt, wurde von den Anjous im Laufe des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts errichtet.









      Das Kastell in Monte Sant'Angelo stammt ursprünglich aus der Normannenzeit und wurde von den Spaniern weiter ausgebaut, wie man an den neuzeitlichen Wehranlagen sehen kann.





      Die Errichtung des Kastells war notwendig, um den Reichtum des Pilgerortes vor gierigen Räubern zu schützen.



      Vom Kastell hat man einen schönen Blick auf die Stadt. Der achteckige Turm gehört zur Kirche San Michele.



      Die Stadt liegt auf einer Anhöhe im Gargano.





    • An den Barockbauten sieht man den spanischen Einfluss.



      Es geht hinab zur Kirche San Michele, die von den französischen Anjou-Königen über der Grotte errichtet wurde.





      Der achteckige Turm scheint wohl vom Kastell del Monte beeinflusst zu sein. Angesichts der Tatsache, dass es die Anjous waren, die die Staufer in Süditalien vernichtet haben, erscheint es geradezu grotesk.



      Die Fassade ist das neueste Element der Kirche, die ansonsten noch mittelalterlich ist.

      In der Kirche durfte man leider nicht fotografieren, weswegen ich keine Innenansichten liefern kann.