Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 13, vom Schiltigheimer Platz über den Parc des Contades zur nordöstlichen Altstadtinsel

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    • Straßburg (F) - Straßburger Städtetouren, Teil 13, vom Schiltigheimer Platz über den Parc des Contades zur nordöstlichen Altstadtinsel

      Bei dieser Tour, die uns vom nördlichen Rand des historischen Straßburg zur nördlichen Altstadtinsel führt, soll nicht zuletzt der Frage nachgegangen werden, ob es in der Straßburger Innenstadt auch größere Bausünden gibt.

      Wir beginnen am Schiltigheimer Platz, wo die Kaiser Friedrich Straße ihren Anfang nimmt, die direkt zum Kaiserplatz führt und genau auf den Turm des Münsters ausgerichtet ist.



      Von dort aus fällt der Blick zurück auf den Schiltigheimer Platz auf das Haus des Radios (Maison de la Radio) von 1962, dessen Funkturm weithin sichtbar ist.



      Ursprünglich befand sich dieser Teil des Platzes bereits außerhalb des Schiltigheimer Tores und war freies Militärgelände, nördlich daran schließt sich die Gartenstadt aus dem letzten Rundgang an.

      Inwiefern man dieses Gebäude als Bausünde betrachtet, ist daher wohl eher Geschmackssache - an gestalterischem Ehrgeiz fehlte es jedenfalls nicht, neben drei Architekten waren auch noch ein Kunstmaler und ein Experte für Keramik an der Gestaltung beteiligt, denen wir dieses große Wandbild verdanken:





      Da das Gebäude indes seit 1983 unter Denkmalschutz steht, ist ein Abriß aber sowieso nicht vorstellbar.

      Weiter Richtung Innenstadt geht es an Gründerzeitarchitektur auf der einen ...



      ... und gar nicht so schlechter Nachkriegsarchitektur vorbei:



      In weiten Teilen ist hier die Gründerzeitarchitektur erhalten und befindet sich in sehr gutem Zustand:



      An manchen Stellen findet sich hier allerdings auch unschöne Nachkriegsbebauung (deutlich mehr als an anderer Stelle, es ist aber noch im Rahmen - wir befinden uns hier am Beginn des Boulevard Clemenceau, früher Stein Ring (Originalschreibweise!), benannt nach dem Steintor am Hagenauer Platz):



      Eine erste wirklich drastische Bausünde ist indes dieser große Gebäudekomplex, mit dem der Park des Contades (der hieß auch während der deutschen Zeit so, benannt nach dem gleichnamigen Marschall, der diesen Park anlegen ließ) in Richtung der Kaiser Friedrich Straße abgeschlossen wird.

      Bis 1918 war dieses Areal mit Ausnahme einiger Villen weitgehend unbebaut, die Villen wurden erst Mitte der 60er Jahre abgerissen und ab 1968 mit diesem tristen Nachkriegs-Komplex bebaut:







      Hier noch die Ansicht von der Straße aus:

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    • Wir durchqueren nun den Park, der bereits im Rundgang zu den Straßburger Parks vorgestellt wurde, nach Osten. Dort erreichen wir wiederum die Aar, die im vorherigen Rundgang etwas weiter nördlich überquert wurde.



      Auch hier befindet sich unpassende Bebauung, die glücklicherweise in den warmen Monaten durch die Bäume und Sträucher verdeckt wird:



      Hier der Blick von der anderen Seite der Aar, dem Quai Zorn (so benannt nach einer der beiden bedeutenden Patrizierfamilien der Stadt Straßburg), auf die einzige verbliebene Villa, die Villa Osterloff von 1902:



      Unmittelbar nördlich davon befindet sich die größte innenstadtnahe Bausünde der Stadt Straßburg, einen riesigen und häßlichen Block aus dem Jahr 1970, in dem neben Wohnungen auch Büros (unter anderem der Sitz der Allianz) untergebracht sind:







      Lediglich in der Mitte blieben einige Bürgerhäuser aus der Zeit um ungefähr 1900 übrig:



      Hier das nördliche Ende dieses Komplexes:



      Leider ist auch der nördliche Rand des Parks für Straßburger Verhältnisse deutlich unterdurchschnittlich:

    • Auf der anderen Seite des Ufers, wo sich die Heleneninsel befindet, blieb die allerdings sehr sporadische historische Bebauung indes erhalten und wurde sogar relativ gut komplettiert.

      Auf frühen Plänen von Jean Conrath, dem Architekten und späteren Stadtbaumeister, der in weiten Teilen die Neustadt konzipierte, war noch eine enge Bebauung mit einem zentralen Platz vorgesehen, ähnlich den verdichteten Arealen der Neustadt.

      Indes wurde von diesen Plänen nichts realisiert, sondern eine aufgelockerte Bebauung vorgesehen und eine entsprechendes Straßennetz geplant. Realisiert wurden aber lediglich einige Bauten im Osten und Süden der Insel (namentlich die Paulskirche), die meisten Bauten entstanden erst ab 1945.

      Zur Heleneninsel folgt ein kompletter weiterer Rundgang, wir machen stattdessen einen kleinen Sprung zur nordöstlichen Altstadtinsel, unmittelbar nördlich des Broglie-Platzes, um weitere Bausünden näher zu betrachten :)

      Hier wäre zunächst einmal das frühere Centre des Chèques Postaux (Zentrum für Postschecks) aus den Jahren 1957 bis 1961 zu nennen:



      Dieses Gebäude ist Bestandteil eines großen dreieckigen Postkomplexes, der den kompletten Bereich nördlich der Offiziersmesse am Broglie-Platz ausfüllt. Bis zum Abriß im Jahr 1956 befanden sich dort die Reste einer Gießerei, ein historisches Fotos gibt es hier. Entsprechend trägt die Straße auch den Namen Rue de la Fonderie oder Gießhausgasse.

      Hier die Fassade Richtung Offiziersmesse (nach Süden):



      Nach Westen:



      Und der Haupteingang im Norden:



      Gleich westlich davon geht es leider auch nicht besser weiter, hier befindet sich - immerhin relativ gut versteckt - die Rückseite des Hauptsitzes der Zeitung Dernières Nouvelles d'Alsace (auf dem Luftbild sieht es fast nach einer Druckerei aus, das eigentliche Hauptgebäude ist historisch und am anderen Ende des Gebäudekomplexes):



      Ein Parkhaus aus dem Jahr 1976 gleich daneben:



      Gleich nördlich davon befindet sich das Schoepflin-Gymnasium, dessen letzte Erweiterung 2001 erfolgte, die Ecke mit dem fast schon kultigen Basketball-Platz ist meines Erachtens aber deutlich älter:



      Blick in die Gasse, in der immerhin noch ein Fachwerkhaus aus ungefähr Anfang des 19. Jahrhunderts steht:

    • Hier als kleine Motivation der Blick nach Norden vom Postgebäude aus - zum Justizgebäude und der Kirche Jung-Sankt-Peter von Neckelmann:





      Das Justizgebäude wurde komplett umgebaut und ist erst seit kurzem wieder in Betrieb, zuvor waren die Büros in Container ausgelagert.

      Hier noch der Blick über die Rue du Faubourg-de-Pierre/Steinstraße nach Norden - wie der Name schon andeutet, führt diese Straße zum Steinplatz, einem Nebenplatz des Hagenauer Platzes, an dem früher das Steintor stand, auf das ein Großteil der Beschießung von 1870 konzentriert war - mit entsprechenden Schäden.



      Wir gehen indes wieder Richtung Süden, wo die Verlängerung der Steinstraße unter der Bezeichnung Rue de la Nuée-Bleue/Blauwolkgasse vorbei an Jung-Sankt-Peter zum Broglie-Platz führt. Tatsächlich tragen beide Kirchen - die oben genannte Kirche von Neckelmann aus dem 19. Jahrhundert und die deutlich ältere Kirche auf der Altstadtinsel denselben Namen, häufig ergänzt durch den Zusatz "katholisch" (für die neuere Kirche) und "evangelisch" (für die ältere Kirche). Indes diente die ältere Kirche bis zum Neubau auch den Katholiken, wobei beide Bereiche durch eine Mauer getrennt waren.

      Bevor wir die Kirche erreichen, soll noch dieses interessante Gebäude auf der linken Seite der Straße angesprochen werden. Dabei handelt es sich um dieses Justizgebäude, das 1877 nach einem Entwurf des Architekten Karl Winkler anstelle des ausgebrannten Vorgängerbaus errichtet wurde. Nach dem Umzug in den neuen Justizpalast diente das Gebäude von 1897 bis 2002 als Polizeikommissariat und harrt seitdem der dringend erforderlichen Renovierung - immerhin scheinen die Arbeiten inzwischen anzulaufen:





      Der Blick zurück zum oben gezeigten Postgebäude:



      Und das Gebäude der Zeitung Dernières Nouvelles d'Alsace:



      Die Zeitung zog bereits 1891 an diesen Standort um, das heute noch existierende Gebäude entstand allerdings erst 1908 durch den Umbau von zwei Vorgängergebäuden an selber Stelle.

      Hier nun der Blick auf die bereits angesprochene Kirche Jung-Sankt-Peter:





      Die Kirche befindet sich momentan noch nicht im Optimalzustand, obwohl diverse Renovierungsarbeiten erfolgen - übrigens war die Kirche auch Ende des 19. Jahrhunderts bereits in Teilen verfallen und verdankt ihr heutiges Aussehen einem groß angelegten Umbau unter Leitung des deutschen Architekten Carl Schäfer.

      Der zugehörige Platz präsentiert sich zwar kleinteilig, aber mit einer eher unbefriedigenden Bebauung - und das trotz Luxushotel:





    • Von hier aus geht es nun weiter Richtung Westen zum Wilden Mann - meines Erachtens der Abschnitt mit der schwächsten Bebauung auf der Straßburger Altstadtinsel.

      Zur Orientierung: Wir befinden uns nur wenige Gehminuten vom Kléber-Platz und ummittelbar nördlich der so schönen und großstädtischen Straße Rue de la Haute Montée/Hoher Steeg mit absoluten Highlights wie der bereits erwähnten Kleinen Metzig.

      Nochmals das Hotel:





      Hier das ebenfalls bereits angesprochene Printemps-Gebäude von hinten:



      Und von vorn - mit Blick zum Eisernen Mann:



      Und in der anderen Richtung zum Einkaufszentrum Les Halles:



      Direkt an der Brücke befand sich das meiner Meinung nach unschönste Gebäude der Altstadtinsel, das noch dazu an sehr exponierter Stelle stand: ein sehr betonlastiges Parkhaus. Nach Jahren erfolgt hier jetzt eine Neubebauung in Form eines deutlich besseren Entwurfs, der zudem noch die unschöne Hinterhofbebauung dahinter verdeckt.

      Hier ein Entwurf des künftigen Gebäudes und hier der Ist-Zustand vom ersten Quartal 2018:





      Indes gehen wir wieder Richtung Eiserner Mann, wo dieses Hochhaus steht, der sogenannte Tour Valentin Sorg von 1955 (15 Stockwerke und 48 Meter hoch). Dank vorgefertigter Betonteile dauerte der Bau nur 1 Jahr:



      Zum Turm gehört noch ein weiterer Neubau aus derselben Zeit und von denselben Architekten (Stoskopf/Oehler/Fleischmann). Für beide Bauvorhaben wurden einige historische Gebäude abgerissen, wobei sich die Präfektur gegen Bedenken von Stadtverwaltung und Denkmalschutz durchsetzte.



      Für mich gemeinsam mit dem Abriß des Hotels Rothes Haus (hier steht inzwischen das FNAC - Bilder folgen) eine der größten Bausünden im heutigen Straßburg.

      Anbei noch einige weitere Impressionen des Platzes Eiserner Mann:







    • Das kleinere der beiden Gebäude von 1955 hat einen Durchgang und ermöglicht dadurch den Zugang zur Rue du Fossé-des-Tanneurs/Gerbergraben-Str.







      Diese präsentiert sich abgesehen von diesem Gebäude wieder deutlich ansprechender und führt zur Rue du Vingt-Deux Novembre - so benannt nach dem 22. November 1944, als Straßburg durch die 2. französische Panzerdivision unter General Leclerc (dem auch ein Denkmal auf dem Broglie-Platz gewidmet ist) erreicht und von der NS-Herrschaft befreit wurde.

      Skurrilerweise trug die Straße unmittelbar zuvor übrigens den Namen Straße des 19. Juni - so benannt nach dem Tag des Einmarschs deutscher Truppen 1940. Sie wurde im Zuge der groß angelegten Stadtsanierung des Großen Durchbruchs angelegt, der erst lange nach dem zweiten Weltkrieg abgeschlossen wurde.




      Diese Straße bringt uns wieder zur anfänglichen Fragestellung zurück, inwiefern es in der Straßburger Altstadt größere "Bausünden" gibt - nun, wie die obigen Fotos gezeigt haben, gibt es lokal durchaus unpassende Bebauung, im Wesentlichen konzentriert auf einige Stellen im Umkreis des Parks des Contades und auf die nordöstliche Altstadtinsel.

      Inwiefern man das Projekt des großen Straßendurchbruchs als Bausünde betrachtet, für das ja sehr viel historische Bebauung (wenngleich häufig Häuser mit sehr niedrigen Hygiene- und Wohnstandards) abriß, ist letztlich eine Geschmacksfrage, da ja durchaus ansprechende repräsentative Neubauten entstanden - vom Kaufhaus Modern (heute: Galeries Lafayette) bis hin zum letzten Projekt, das Fritz Beblo in Straßburg realisieren konnte, dem riesigen Gebäudeblock von 1916 unmittelbar östlich der beiden Kirchen Alt-Sankt-Peter.

      Dennoch wirkt diese Straßenführung wie eine große Schneise durch die Altstadt und auf Luftaufnahmen vermutlich sogar noch störender als vor Ort. Am positivsten ist neben der historisierenden Architektur hier vor allem wohl die Tatsache, daß man sich von Camillo Sitte inspirieren ließ und darauf verzichtete, gerade Schneisen durch die Altstadt zu schlagen, sondern stattdessen auf eine gebogene Straßenführung setzte.

      Abschließend noch einige weitere Eindrücke dieses großen Straßendurchbruchs - die vorherigen Hauptverkehrsachsen des historischen Straßburg waren ja die Lange Straße/Grand'Rue und ggf. auch die Achse vom Fischmarkt über Gewerbslauben nach Norden.

      Südlich des Kleber-Platzes:



      Sicherlich eine der größten Bausünden der Nachkriegszeit, der Neubau des FNAC-Gebäudes, für den das vormalige Hotel Rothes Haus in den 60er Jahren abgerissen wurde (daher auch die Bezeichnung Maison Rouge des Neubaus):





      Ansicht mit FNAC und dem bereits oben erwähnten Tour Valentin-Sorg - übrigens erbaut vom Chefplaner des Neubauviertels Esplanade, Charles Gustave Stoßkopf:



      Und weil es thematisch paßt, noch zwei Hinweise auf die Entstehungsgeschichte von Esplanade im Rahmen der "Carnets de Ville" (Stadthefte):





      Somit ist dieser Rundgang beendet, ggf. behandle ich das Thema der "Bausünden" nochmals separat.

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    • Ich weiß nicht, ob das hierher gehört, aber ich hatte gestern Nacht einen Traum, den ich hier spaßeshalber loswerden möchte:
      Ich bin als Referent auf einer wissenschaftliche Tagung an der im Traum zweisprachigen Universität Straßburg eingeladen. Ich soll ein Referat über die historische Innenstadt halten, bin aber kaum vorbereitet. Habe mir zuvor in der Fototek des Kunstgeschichtlichen Instituts der Uni Freiburg nur ein paar schwarz-weiß-Dias holen können (was eben da war), kann über die recht belanglosen Bilder aber kaum etwas sagen, da ich die auf ihnen dargestellten Gebäude nicht kenne. Während der Vorträge der anderen schiebe ich die Dias verlegen hin und her. Zu einer Erleichterung erfahre ich, dass ich als letzter reden werde, weiß aber noch immer nicht, worüber. Um 17:20 Uhr kommt mir eine Idee. Da die Universität in meinem Traum unmittelbar neben der St. Thomaskirche liegt (de facto handelt es sich um das an in der Kaiserzeit im Neorenaissance-Stil erbaute schulartige Gebäude, das an der Place Saint-Thomas steht), überlege ich, eine Führung vor dem Grabmal des Moritz von Sachsen anzubieten. Über die Ikonographie des Grabmals könnte ich gut zwanzig Minuten sprechen. Aber haben wir noch genügend Zeit? Wann schließt die Kirche? Warum ist mir die Idee nicht früher gekommen.?! Und wie heißt der Bildhauer überhaupt: Pigalle, Pigage, Puget? Was passiert, wenn ich den falschen Namen nenne? Ich kann nicht recherchieren, denn ich habe kein Internet. Und leider war ich auch im Vorfeld auch nicht auf die Idee gekommen, diese Seite hier aufzurufen. Mit einem sehr unangenehmem Gefühl wache ich auf.