Rottenburg am Neckar

  • Sagen wir es mal so. Noch weniger Ornament geht nicht mehr, also kann es eigentlich nur besser gehen. Für mich sind das alles Architekten, die ihre größte Erfüllung im Bau von Weltkriegsbunkern und sonstigen Wehranlagen gefunden hätten, aber leider zu spät geboren wurden. Es steht dann vielleicht in der nächsten Generation an, diese Fassaden zu gliedern, gestalten und "bestucken".

  • Für diesen unsäglichen Neubau mussten immerhin 3 ältere Bauten weichen, darunter dieses hübsche Barockhaus (links im Bild):https://www.schwarzwaelder-bot…7e-8222-b21b6a2ffcd4.html
    Das gesamte Ensemble (Fachwerkhaus, Barockhaus und ein sehr gut erhaltener Gründerzeitler):https://www.tagblatt.de/Nachri…rasse-4-bis-6-156457.html


    Am Marktplatz soll das sehr schöne Gebäude der Stadtsparkasse abgerissen werden:https://www.moderne-regional.d…nburg-sparkassengebaeude/


    Dieses charaktervolle Gebäude, das sich hervorragend in die Umgebung einfügt, wurde 1953 ganz im Sinne der Heimatschutzarchitektur erbaut. Hier stimmt einfach alles: Sprossenfenster, Satteldach mit Biberschwanzdeckung, Fensterläden, Portale mit Sandsteinrahmung. Leider werden solche wundervollen Nachkriegsbauten nur selten unter Schutz gestellt. Das Gebäude zeigt exemplarisch, dass es mit einigen wenigen Mitteln möglich ist, einen Neubau gut in ein historisches Ensemble zu integrieren.


    https://www.tagblatt.de/Nachri…rger-Marktplatz-t102.html
    Wie kalt und einfallslos hingegen der geplante Neubau:https://www.schwarzwaelder-bot…24-b53c-d75414099d9b.html
    Er zeigt das Übliche: (Natürlich) bodentiefe, viel zu große Fenster in den Obergeschossen, riesige Schaufenster, die das gesamte Erdgeschoss regelrecht aufreißen.
    Man habe es bei der Kreissparkasse und im Gestaltungsbeirat nicht gerne gesehen, "dass gegen den Abriss und Neubau geschossen wird." Diese Entscheidung sei aber nicht leichtfertig getroffen worden, sondern die Pläne seien in einem Abwägungsprozess entstanden. So habe es drei Sitzungen des Gestaltungsbeirates gegeben. Erste mutigere Varianten des Neubaus seien wieder verworfen worden.

    Auslöser für den Abriss sind Brandschutzvorschriften, die im Altbau nicht eingehalten werden können. Die Kreissparkasse arbeite im Gebäude unter vorläufigen Bedingungen. Nur weil die Kreissparkasse Geld in die Hand genommen habe und den Neubau in der Poststraße realisiert, wo Mitte November Einzug gefeiert werden kann, sei der Betrieb des Gebäudes am Marktplatz noch zulässig. "Ansonsten würde uns dort der Schlüssel umgedreht", sagte Gögler.

  • Wie kann man seine Stadt nur so verhunzen? Klar, ich bin kein Fachmann. Aber wenn der Wille da gewesen wäre, hätte man das bestehende Sparkassen-Haus sicher mit der passenden Brandschutztechnik ausstatten können. Nun folgt wieder ein unschöner Kontrast im Stadtbild.


    Noch viel schlimmer ist aber dieser Vergleich:


    Vorher: https://www.tagblatt.de/Bilder…ser-rechts-der-281070.jpg


    Nachher: https://www.german-architects.…2cfcac10015c.c4b964ca.jpg


    Das ist einfach unfassbar. In anderen Städten hätte man die drei Häuser saniert und sie zu städtebaulichen Schmuckstücken gemacht.


    In jeder Stadt gibt es Brachflächen und Bauland am Stadtrand. Da muss man für Neubauten doch nicht immer die schönste Architektur der Stadt beseitigen. Total deprimierend!

  • Ich weiß irgendwie gar nicht mehr was ich zu solchen Geschichten sagen soll. Es macht traurig und sprachlos, diese Geschichts-, Gedanken- und Kulturlosigkeit in meinem Heimatbundesland. Ich weiß nicht warum das hier so ausgeprägt ist. Nur Fortschritt zählt. Bewahren nichts.

  • Wie kann man seine Stadt nur so verhunzen?


    Nachher: https://www.german-architects.…2cfcac10015c.c4b964ca.jpg

    Wie sehr muss einem seine Stadt egal sein oder der Hass so groß, dass man so eine brutale Bausünde wie einen Pfahl in ein einst vitales Herz seiner Stadt schlägt! Ich bin regelrecht konsterniert über so eine himmelschreiende Dummheit.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Nachschlag gefällig? Schon vor einigen Jahren erfolgte der Abbruch eines alten Fachwerkhauses in der Oberen Gasse zugunsten des Rathausneubaus: https://www.rottenburg.de/abbr…+neckar.66335.htm?lnav=14
    Es wurde im Mai dieses Jahres eingeweiht:https://www.rottenburg.de/das+…nstadt.111976.htm?lnav=14
    Unweit der neuen Stadtbibliothek entstand der Neubau des bischöflichen Ordinariates:https://www.staedte-fotos.de/b…rottenburg-stuttgart.html


    Was der Backstein hier verloren hat, ist mir ein Rätsel.


    https://www.detail.de/artikel/…zese-in-rottenburg-12066/
    Die Rückseite:https://www.golocal.de/rottenb…rg-stuttgart-9wlyW/fotos/

  • Ich würde das gar nicht mal nur als Hass bezeichnen, was als Ursache in Frage kommt. Natürlich gibt es bei einer ideologisisierten Minderheit auch solche unbewussten autoaggressiven Muster. Aber es ist vor allem völlige Beziehungslosigkeit. Zur Stadt, zur Landschaft, zur Geschichte, zur Tradition.


    Die Beziehungslosigkeit ist nicht nur bei den Architekten vorhanden, die gar nicht vor Ort sitzen, sondern ihre Entwürfe national und international abliefern. In dem Fall der Stadtbibliothek ist es das Architekturbüro harris + kurrle Architekten aus Stuttgart. Nun ist nicht ganz so weit weg, aber eben auch eine Hochburg des Modernismus. Die Entwürfe ähneln sich eigentlich, egal, wo sie gebaut werden. Es herrscht ein rein auf technische Lösungen orientiertes Denken vor. Dementsprechend banal wird auch auf den Ort eingegangen, und zwar mit einigen Floskeln: "Entstanden ist ein `kommunizierender Baustein´ im städtischen Gefüge", "ein offenes Haus für die Bürger der Stadt", " steht ganz im Zeichen der Kommunikation und zeichnet sich durch seine Offenheit aus", "der Baukörper für die Stadtbibliothek wurde in Anlehnung an die geknickte Bauform des Nachbargebäudes als dessen Gegenüber entwickelt – es entsteht ein räumlicher Dialog" usw. bla-bla.


    Die Beziehungslosigkeit und mangelnde ästhetische Bildung zeigt sich aber auch bei den politisch Verantwortlichen (hier übrigens satte CDU-Mehrheit), die so etwas durchwinken. Und bei den Bürgern, die offenbar ziemlich desinteressiert sind, so lange alles schön sauber und glatt ist. Von Protesten habe ich jedenfalls nichts gelesen. "Der Abriss kann nur als bedauerlich gewertet werden", äußerte also das Denkmalamt immerhin. Aber solche Kritik ist schon sehr handzahm.


    Das Problem ist, dass derlei Abrisse massenhaft vor sich gehen, wie "Ravensberger" (leider) immer wieder recherchiert. Die paar Rekonstruktionen können das gar nicht wieder herausreißen. Und sie werden dabei noch von den Modernisten massiv zu behindern versucht, attackiert, lächerlich gemacht. Es bedarf vielmehr eines radikalen Umdenkens in der Baukultur, einer radikalen Hinwendung zur Spezifität des Ortes, der Landschaft und zur Geschichte. Dabei ist das Wort "radikal" als Umkehr im positiven Sinne gemeint.

  • Die Neubauten sind genau genommen sehr unterschiedlich: die Bibliothek fällt in die Kategorie "viel gewollt, aber nicht an das Wohlbefinden gedacht". Man hat versucht sich städtebaulich einzupassen (also im Umgebungsmodell 1:500), und im "Detail" hat man dann die üblichen Klischees der 10er Jahre aus der Schublade gezogen: glatte Fassaden, harte Kanten, monolithisch, anthrazit (ich verstehe bis heute nicht, warum ästhetisch empfindende Menschen diese Farbe so toll finden), große Fenster ohne Gliederung über die Fassade verteilt.
    Das zweite Beispiel (Rathausneubau!) ist einfach nur banal. Das sieht aus wie jeder beliebige billige Vorstadtwohnbau. Der Altbau war um Klassen besser.
    Das bischöfliche Ordinariat hingegen finde ich sogar richtig gut. Über einzelne Aspekte kann man streiten (Backstein, lange Rasterfassade, ich weiß auch nicht was vorher da stand). Klar, wenn jemand der Moderne ob ihrer Ornamentlosigkeit oder ihrer Materialien gar nichts abgewinnen kann, dem wird auch dies nicht gefallen -- aber es wurde städtebaulich auch vieles richtig gemacht, das Gebäude selbst ist abwechslungsreich, verachtet nicht die Symmetrie, hat eine gutes Verhältnis zwischen gleichmäßigen und betonten, gegliederten Elementen.

  • Das ist wirklich eine Ungeheuerlichkeit! Nun muss also auch noch Rottenburg verhunzt werden.. Die Modernisten verstehen eben nicht, dass ein einziger (!) steriler Neubau reicht, um einem historischen Ensemble jegliche Heimeligkeit auszutreiben (bzw. vielleicht verstehen sie es und es ist ihnen schlichtweg egal). Ich komme aus der Nähe von Rottenburg und verehre die dortige Altstadt - deshalb ist es für mich eine besondere Tragödie. Gerade der Rottenburger Marktplatz zeichnete sich doch bisher durch eine relative Geschlossenheit aus, durch ein noch wirklich altertümliches Gepräge. Aber nein, dieses letzte Stückchen der alten Welt können sie uns nicht einmal lassen... Ich kann meine Wut und meine Trauer überhaupt nicht in Worte fassen.


    Aber ja, gerade Rottenburg tut sich schon seit längerer Zeit durch Kulturvernichtung hervor. Man schaue sich auch einmal den dortigen Dom an (Rottenburg ist ja seit dem 19. Jahrhundert Bischofsstadt). Bis zur Renovierung 2001/2003 war der eigentlich gotische Dom im Inneren vom Neobarock dominiert – sicherlich künstlerisch nicht besonders hochwertig, aber doch ganz nett. Dann hat man das altehrwürdige Kirchengebäude modern umgestaltet, die neobarocke Bemalung verschwand zusammen mit den Prunkgegenständen, darunter auch die spätgotischen (!) Altäre. Seit dieser unsäglichen Renovierung muss einem der Dom doch leidtun: Sein Äußeres ist noch immer sehr beeindruckend, das Innere jedoch modernistisch verstümmelt. Hier finden sich Bilder von der früheren und der heutigen Gestaltung: http://www.held.eu/de/Dom_Kirche_1.php

  • Ich denke, das Beispiel mit der Stadtbibliothek wäre als Vorher-Nachher-Vergleich etwas für unsere Facebookseite. Besser kann man gar nicht für unser Anliegen werben als mit solchen Vergleichsbildern, die wohl niemanden mit ästhetischem Empfinden kalt lassen.

  • Das alte Sparkassengebäude am Marktplatz, ein ansehnlicher Bau von Eduard Krüger (siehe oben), wird bald abgerissen. Es wurde noch ganz im Sinne der Heimatschutzarchitektur errichtet und fügt sich hervorragend in das Stadtbild ein:

    https://www.tagblatt.de/Nachri…cht-passieren-431868.html

    https://www.moderne-regional.d…nburg-sparkassengebaeude/

    Vom Nachfolgebau kann man dies nicht behaupten:https://www.schwarzwaelder-bot…9b-90c4-88f36eb85313.html

  • Mit solchen Abrissen erreichen diese Städte genau das, wovor sie sich am meisten fürchten: Das ihre Innenstädter veröden, weil keiner in eine Stadt fährt, um solche Neubauten zu sehen. Solche Kurzsichtigkeit macht einen richtig wütend.

  • Würde dieser Neubauentwurf einen Brutalismusbau oder so ersetzen, könnte man noch froh sein. Und besser als ein Sichtbeton- oder Flachdachungetüm ist er allemal. Aber das darf hier kaum ein Argument sein, denn der jetzige Bau ist in der Tat sehr viel harmonischer. Solche Abrisse wie in Rottenburg schaffen nur Frust. Nicht den großen Wurf, oder was sich da viele Städte sonst erhoffen.


    In Ulm wurde neulich ein ähnlicher, wenngleich deutlich kleinerer Heimatschutzstil-Bau an der Donaufront durch einen Neubau ersetzt, was hier im Forum auch zu sehen war – zwar mit Spitzdach bemüht angepasst, aber ebenfalls ein herber Einschnitt gegenüber der vorigen Situation. Wenn man das Ulmer Stadtpanorama heute vom anderen Flussufer oder der Eisenbahnbrücke aus betrachtet, fällt dieser Störfleck enorm aus dem Rahmen. In Rottenburg wird es genauso kommen. Dass da kein Umdenken einsetzt, kann man zumindest aus ästhetischen Gesichtspunkten nicht mehr erklären ... Ich frage mich immer, warum da die Entscheidungsträger nicht bei schlecht schlafen. :kopfschuetteln:

    „Sollt ich einmal fallen nieder, so erbauet mich doch wieder!“ (Inschrift am Schwarzhäupterhaus in Riga)


    Nach Baden-Baden habe ich ohnedies immer eine Art Sehnsucht.
    Johannes Brahms (1833-1897)

  • Quelle: https://www.tuebingen.die-link…19_gesamt-komprimiert.pdf (Seite 7/12)

  • Es bleibt außerdem ein Rätsel wie einer der Vorsitzenden des HGVs laut Schwäbischen Tagblatt Villingen in einer Auflistung mit Oberndorf und Sulz am Neckar nennen mag? Villingen als Stadt mit sterbendem Zentrum zu bezeichnen, dürfte im Vergleich zu Oberndorf selbst subjektiv betrachtet weit hergeholt sein. Falsch liegt der Vorsitzende allerdings endlich mit der Behauptung, diesen Städten fehle es an Ankermietern und Einkaufsmagneten, zu welchen er u. a. H&M zählt. Die schwedische Modekette ist in Villingens Innenstadt nämlich durchaus vertreten. Allerdings hat das Unternehmen dort nach Umbau vor Jahren in einem Altbau seine Bleibe gefunden. Dass diese Art der Umnutzung in Rottenburg nicht möglich gewesen sein soll, darf angesichts des voraus gehenden Textes bezweifelt werden. Der Schaden für das Ensemble Rottenburger Marktplatz zeichnet sich anhand der Visualisierung ab. Mit einem hohen Giebel als Zugeständnis ist es formal nicht getan. Das Vorhaben kann mit dieser Fensteranordnung und Fenstergestaltung an diesem Ort nicht gelingen. Wer, wenn nicht ein Kreditinstitut, wäre in diesen Zeiten in der Lage den Altbau zu erhalten und zu sanieren? Schade daher, dass Corona mit seinen Auswirkungen diesem Bauvorhaben keinen Strich durch die Rechnung macht.