Die großen Berliner Warenhäuser vor der Zerstörung

  • In Deutschland braucht alles immer eine zeitgemäße ideologische Legitimation, ohne diese muss es erneuert werden. Den Deutschen fehlt vielfach die Lockerheit, etwas losgelöst vom Zeitgeist einfach als schön zu empfinden. Nicht von ungefähr gibt es den Begriff "Zeitgeist" ja nur auf deutsch.

  • Bei den Warenhäusern war wohl kaum Ideologie im Spiel, sondern Profitdenken. Um 1990 war diese Pracht profitabel, in der Zwischenkriegszeit nicht mehr en vogue, da hat man dann, offenbar aus Kostengründen, für Entstuckung und Vereinfachung gesorgt. An die Wiederherstellung der zerbomten Gerippe hat wohl niemand, am wenigsten die (ehem. oder aktuellen) Eigentümer gedacht, jenseits aller politischen Gegebenheiten.
    Bei uns wurde in der Nachkriegszeit noch viel abgerissen - mit den üblichen üblen Ergebnissen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Herzmansky


    Paris muss einen weit wirksameren Denkmal- und Ensembleschutz haben. Es dürfte rechtlich unmöglich sein, dort was abzureißen, anders lässt sich diese große intakte Fläche nicht erklären.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Nun zu einem Wertheimhaus in Kreuzberg, dies wurde 1912-13 von Eugen Schmohl statt des aufgegebenen Hauses in der Oranienstraße ganz dicht am Moritzplatz errichtet:



    aus Berliner Architekturwelt Mai 1915:

























  • Bei den Warenhäusern war wohl kaum Ideologie im Spiel, sondern Profitdenken. Um 1990 war diese Pracht profitabel, in der Zwischenkriegszeit nicht mehr en vogue, da hat man dann, offenbar aus Kostengründen, für Entstuckung und Vereinfachung gesorgt. An die Wiederherstellung der zerbomten Gerippe hat wohl niemand, am wenigsten die (ehem. oder aktuellen) Eigentümer gedacht, jenseits aller politischen Gegebenheiten.
    Bei uns wurde in der Nachkriegszeit noch viel abgerissen - mit den üblichen üblen Ergebnissen.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Herzmansky


    Paris muss einen weit wirksameren Denkmal- und Ensembleschutz haben. Es dürfte rechtlich unmöglich sein, dort was abzureißen, anders lässt sich diese große intakte Fläche nicht erklären.

    Na ja, es waren ja anscheinend einige Warenhäuser nur relativ moderat beschädigt worden, also zumindest nicht irreparabel zerstört worden, von daher wäre es doch wahrscheinlich billiger gewesen, diese wieder instand zu setzen anstatt sie ganz abzureißen. Ich denke schon, dass die sozialistische Ideologie in der DDR bei der Entscheidung, die alten kapitalistischen Konsumtempel abzureißen, eine wichtige Rolle spielte. Aber mein Hinweis auf die deutsche Unsitte einer ideologischen Untermauerung alles Tuns war mehr eine allgemeine Beobachtung und nicht ausschließlich auf Warenhäuser bezogen.

  • Ich glaube nicht, dass in Paris oder Frankreich insgesamt strengere Denkmalschutzgesetze existieren. Ich denke es hat vielmehr etwas mit der Wertschätzung des eigenen kulturellen Erbes zu tun. Mit deutschem Selbsthass nach 1945 und dieser in der Folge aufkommenden Perspektive, das eigene Land nur mehr als wirtschaftliche Ressource zu betrachten, wo die Bewahrung von Kulturgut nur im Weg steht. Da könnte man den Bogen spannen bis heute, zu der Verschandelung unserer Landschaften mit Windkraftanlagen, was unseren Nachbarn wohl nie einfallen würde...aber ich schweife schon wieder ab.

  • Ich glaube nicht, dass in Paris oder Frankreich insgesamt strengere Denkmalschutzgesetze existieren. Ich denke es hat vielmehr etwas mit der Wertschätzung des eigenen kulturellen Erbes zu tun. Mit deutschem Selbsthass nach 1945 und dieser in der Folge aufkommenden Perspektive, das eigene Land nur mehr als wirtschaftliche Ressource zu betrachten, wo die Bewahrung von Kulturgut nur im Weg steht.

    Das trifft es auf den Punkt. Erschwerend kommt noch hinzu, dass es an deutschen Schulen keinen allgemeinen Unterricht in Kunstgeschichte gibt, so wie etwa in Italien; somit werden die nachfolgenden Generationen auch nicht auf die wertvollen Kulturgüter der eigenen Vergangenheit hingewiesen, entwickeln keinen Sinn für Kunst und letztendlich auch keine Liebe zur eigenen, traditionellen Identität.

  • Ich glaube nicht, dass in Paris oder Frankreich insgesamt strengere Denkmalschutzgesetze existieren. Ich denke es hat vielmehr etwas mit der Wertschätzung des eigenen kulturellen Erbes zu tun. Mit deutschem Selbsthass nach 1945 und dieser in der Folge aufkommenden Perspektive, das eigene Land nur mehr als wirtschaftliche Ressource zu betrachten, wo die Bewahrung von Kulturgut nur im Weg steht. Da könnte man den Bogen spannen bis heute, zu der Verschandelung unserer Landschaften mit Windkraftanlagen, was unseren Nachbarn wohl nie einfallen würde...aber ich schweife schon wieder ab.

    glaube das auch, dass das so ist. Deutschland ist seit den verlorene Krieg gesellschaftlich und politisch kaputt fuer außenstehende. Nur wirtschaftlich allein stark ist leider zu wenig. Deutschland war frueher bedeutendes Kulturland. Alles genommen und heute schaemt sich auch noch Deutscher im Ausland deutsch zu sprechen - krank und zu fremdschaemen. Wie Deutschland in seine kultureller Seele aussieht, sieht man an Aussehen seiner kaputten staedte leider. bitte werdet wieder normale Menschen! Dann baut ihr auch wieder schoene Staedte ;-). Nur Tipp von verzweifelte Nachbar, wenn er an Deutschland und seine gefaehrliche Diktaturin schaut.

  • Ja, Deutschland ist sicherlich kulturell nur noch ein Schatten seiner Selbst, aber das liegt nun nicht an seiner "gefährlichen Diktatorin", sondern zu einem großen Teil an einem beispiellosen kulturellen und wissenschaftlichen Brain Drain ab der Machtübernahme der Nazis. Nicht nur, dass natürlich alle jüdischen Wissenschaftler und Kulturschaffenden entweder emigriert sind oder ermordet wurden, auch einen beträchtlichen Teil der nichtjüdischen kulturellen Avantgarde haben die Nazis mehr oder minder nachhaltig vertrieben. Und alle diese Leute fehlten auf die eine oder andere Art dann nach dem Krieg.


    Geblieben ist letztlich Deutschlands letztes großes und stark gefährdetes Standbein, die Ingenieurskunst. Ohne diese wären wir ein Drittewelt-Land. Dieses tlw. autoaggressive Züge tragende Verhalten ist angesichts der Monstrosität der im deutschen Namen begangenen Verbrechen aber wohl leider unvermeidlich gewesen, zumindest, wenn man sich dem Thema auch wirklich stellen wollte. Natürlich kann man aus heutiger Perspektive nur den Kopf über das Verhalten der Wiederaufbaugeneration schütteln mit ihrer seltsamen Melange aus Verdrängung, Geschichtsblindheit und fast manischem Wunsch nach einem totalen Neustart, auch im Städtebau. Aber solche Prozesse brauchen enorm viel Zeit, häufig kommt es wellenartig zu neuen Erkenntnissen, so in etwa wie nun in Birma das verbrecherische Rote-Khmer-Regime aufgearbeitet wird oder die Militärdiktatur in Argentinien oder die Franco-Zeit in Spanien. Schuld braucht -im kleinen wie im großen- Zeit, um die Dinge zu ordnen und einzuordnen. Und alle diese Prozesse sind auch noch nicht zu Ende, auch wenn sich nun mit der zweiten und dritten Nachkriegsgeneration ganz automatisch eine gewisse Distanz und Nüchternheit bei dem Thema einstellen wird.


    Ich für meinen Teil sehe diesen Schmerz über unsere Vergangenheit und ihre Folgen (nicht zuletzt für unsere Stadtbilder) als absolut integral dafür an, dass wir daraus etwas Neues schöpfen können und Deutschland auch kulturell wieder zurückführen können dorthin, wo es mal stand. Sicher nicht wird das mit irgendwelchen erinnerungspolitischen 180°-Wenden gehen.

  • Und ich halte eine solche Haltung fuer komplett falsch.
    Erst wenn die Deutschen ein "leck mich am Arsch" verhalten am Tag legen fuer die Taten anderer sind Sie geheilt.
    Alles andere funktioniert nicht weil Ausslaendische Geheimdienste und Private Gruppen alles schlechte Gewissen Politisch und Wirtschaftlich psychologisch ausschlachten.


    Andere Laender haben dieses "" "" Verhalten. jedes Eingestaendis Deutschlands wird daher konsquent als Schwaeche gesehen.

  • Mit Kreisen, in denen die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit als Schwäche gesehen wird, möchte ich nichts zu tun haben. Ich wundere mich ohnehin immer wieder, wie Gardone als Pole sich allen Ernstes einen Systemwechsel in Deutschland herbeisehnen kann. Würde bestimmt lustig, wenn polnische Reparationsforderungen dann auf eine erinnerungspolitische 180°-Grade-Wende in Deutschland prallen würden. Wie schnell dann in einem solchen Geist von deutscher Seite wieder die Grenzfrage eröffnet würde und im Gegenzug die in polnischen Nationalistenkreisen geforderte Anerkennung einer polnischen Minderheit in Deutschland..... usw usf. gefangen in der Logik des Nationalismus, der von 1850 bis 1950 in Europa unvorstellbaren Schaden angerichtet hat.


    Nein, wie man wirklich an den Segen einer paneuropäischen Renationalisierungsbewegung glauben kann, deren einzige Triebfeder die gemeinsame Opposition gegen muslimische Zuwanderung und die liberale Versiffung ist und die - an die Macht gekommen - an ihren eigenen Widersprüchen scheiternd den Kontinent in den nächsten Großkonflikt schicken würde, ich versteh es einfach nicht. Man muss v.a. als Deutscher wirklich Masochist sein, um sich das anzutun. Ein bisschen Ärger mit den Tschechen um die Benes-Dekrete? Bitte sehr! Österreichische Pässe für Südtiroler? Jupp.


    Eines ist klar: Polnische, tschechische, ungarische, italienische, französische und britische Nationalisten eint schon jetzt nur eines: Ihre vorsichtig formuliert sehr großen Vorbehalte gegenüber Deutschland. Ein Blick in die Foren britischer konservativer Zeitungen offenbart eine Denke, die anscheinend 1939 stehengeblieben ist, da ist vom 4. Reich die Rede und (besonders schön) von der EUWaffenSSR, hinzu kommen Zerstörungsfantasien a la "to finish Bomber Harris´s job".


    Viel Spaß in diesen trüben Wassern, kann ich da nur sagen. Da habe ich doch viel lieber ein selbstbewusstes, weltoffenes und erfolgreiches Deutschland, das sich seiner besonderen historischen Verantwortung bewusst ist, ohne darin zu baden.

  • Offensichtlich schweife nicht nur ich gelegentlich ab. Musste eben direkt nachsehen, um welches Thema es in diesem Strang eigentlich geht.

  • Quote from KB

    Ich glaube nicht, dass in Paris oder Frankreich insgesamt strengere Denkmalschutzgesetze existieren. Ich denke es hat vielmehr etwas mit der Wertschätzung des eigenen kulturellen Erbes zu tun. Mit deutschem Selbsthass nach 1945 und dieser in der Folge aufkommenden Perspektive, das eigene Land nur mehr als wirtschaftliche Ressource zu betrachten, wo die Bewahrung von Kulturgut nur im Weg steht. Da könnte man den Bogen spannen bis heute, zu der Verschandelung unserer Landschaften mit Windkraftanlagen, was unseren Nachbarn wohl nie einfallen würde...aber ich schweife schon wieder ab.

    Das ist schon alles richtig. Ich bin überzeugt, dass die Verschandlung ein zentrales Motiv der hosenanzugischen Windradeln ist - Entfremdung vom Eigenen, auch von der Landschaft.
    Aber selbstverständlich würde es in Paris auch genug Gesäßantlitze geben, die den privaten Profit dem Stadtbild überordnen würden. Und daher ist von einer staatlichen Kraft auszugehen, die das hintanhält. Dies wiederum wird man sehr wohl auf Patriotismus uä zurückführen können.


    Gerade bei der Warenhausdebatte darf jedoch niemandem Patriotismus unterstellt werden, am wenigsten den Errichtern. Der ehemalige Prunk diente, wie dargelegt, ausschließlich dem KOMMERZIELLEN Eigeninteresse.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Gerade bei der Warenhausdebatte darf jedoch niemandem Patriotismus unterstellt werden, am wenigsten den Errichtern. Der ehemalige Prunk diente, wie dargelegt, ausschließlich dem KOMMERZIELLEN Eigeninteresse.

    Denke nicht, dass man das so pauschal unterschreiben kann. Bis zum 1. Weltkrieg war praktisch jedes Bauprojekt im Deutschen Kaiserreich ein Stück weit patriotisch geprägt. Hinweise darauf finden sich in nahezu jeder Bauritze, sei es in Ornamentik, Insignien oder bestimmten Details. Das war einfach eine andere Zeit. Natürlich war das vordergründige Interesse des Prunks eine große Anziehungskraft für viele Kunden, aber die Bauherren waren eben auch stolz auf ihr Land, ihre Stadt, ihre Warenhäuser(ketten) und die Baukultur der Zeit. Das spiegelt sich ja alles in den gezeigten Bauten wieder.

  • Ich glaube, dass du da absolut recht hast erbse. Man wollte sich überall von der besten Seite zeigen und war stolz auf seine hochentwickelte Baukultur. Wann hört man dieses Adjektiv im Zusammenhang mit der Gegenwartsarchitektur denn noch?

  • Zunächst einmal vielen Dank für diesen tollen Strang und die vielen beeindruckenden Bilder.


    Aus meiner Sicht hängt die aktuelle Krise der Kauf- und Warenhäuser auch mit deren derzeit wenig attraktiven Erscheinungsbild zusammen. Wer kauft schon gerne in einem großen Bunker ein?


    Es wäre wirklich schön, wenn man einige dieser wunderbaren Gebäude rekonstruieren würde. Gerade in Berlin mit seinen vielen Touristen würden Rekonstruierte Kaufhäuser wie Tietz am Alexanderplatz sicher sehr beliebt und erfolgreich sein und schnell zum Touristenmagneten avancieren.
    Bei der Mall of Berlin hat man meiner Meinung nach eine große Chance zur Rekonstruktion der historischen Wertheim-Fassade vertan. Die Mall würde sicherlich deutlich beliebter sein, wenn man sich sowohl äußerlich als auch im inneren an der Architektur Messels orientiert hätte.
    Immerhin ein erster Lichtblick ist, dass Karstadt einen Neubau seiner Filiale am Herrmannplatz in Berlin plant, der sich an seinem historischen Vorbild von 1929.
    Vielleicht findet der Kaufhof-Konzern ja irgendwann auch den Mut seine Filiale zu vergrößern und das Tietz-Haus zu rekonstruieren.

  • ...
    Vielleicht findet der Kaufhof-Konzern ja irgendwann auch den Mut seine Filiale zu vergrößern und das Tietz-Haus zu rekonstruieren.

    Das dürfte zu 1000% unmöglich werden, da dann u.a. mindestens die Fläche bebaut werden müsste, auf denen der Brunnen auf dem Alexanderplatz steht und auch vermutlich das Hotelhochhaus.

  • Da glaube ich noch eher an den Wiederaufbau des Alten Schauspielhauses in Frankfurt, und das will was heißen.
    Nein, die Rekonstruktion von Gründerzeitobjekten ist nach wie vor tabu. Warum das eigentlich so ist kann aber wohl niemand einleuchtend beantworten.

  • Kaiser Karl, danke für die interessanten Gegenüberstellungen und die Fotomontagen mit dem eingefügten Tietz! Leider würde das Tietz heute völlig deplatziert in der gigantomanischen modernen Umgebung wirken und würde den Platz in keinster Weise retten, von daher wäre das vergebene Liebesmüh...



    Nein, die Rekonstruktion von Gründerzeitobjekten ist nach wie vor tabu. Warum das eigentlich so ist kann aber wohl niemand einleuchtend beantworten.

    Ich finde das auch sehr schade, selbst wenn ich andere Architekturepochen insgesamt mehr schätze als den Historismus. Aber der Historismus hat es jedenfalls geschafft, die neuzeitlichen Anforderungen nach riesigen Flächen und Kubaturen in eine elegantere und festlichere Hülle zu verpacken als alle späteren modernen Versuche. Schon die von Kaiser Karl geposteten historischen Fotos aus den 30ern (nehme ich an) mit den beiden riesigen modernen Gebäuderiegeln neben sowie schräg gegenüber vom Bahnhof (mit der Aufschrift Jonass & Co) stellen in ihrem Mangel an Fassadengliederung und ihrer unmenschlichen Uniformität eine unglaubliche Verschlechterung, ja geradezu eine Vergewaltigung der gesamten Platzanlage dar. Interessanterweise sind dies die einzigen Vorkriegsgebäude, die heute noch an diesem Platz stehen.