Bremen - Altstadt - Am Brill / Sparkassenquartier

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Jakku Scum

      Du schreibt von einer fachkompetenten Meinungsäußerung durch Herrn Pampus. Die meisten Foristen hier sind keine Architekten, haben aber das, was Herr Pampus schreibt, schon längst von sich gegeben. Werden deren - unsere -Meinungsäußerungen nun durch den Betrag von Herrn Pampus veredelt oder besser: bekommen erst dadurch einen "Wahrheitsgehalt"? Einem Architekten - nur weil er Architekt ist - Fachkompetenz in ästhetischen oder stadtbildprägenden Fragen zuzugestehen, ist für mich nur noch ein Witz. Architekten haben die letzten 70 Jahre unsere Städte bis zur Unkenntlichkeit verunstaltet und verhässlicht.
      Ich finde die Äußerungen von Herrn Pampus wichtig, auch weil er Vorsitzender des Bundes Deutscher Architekten im Lande Bremen ist und damit von der Politik ernster genommen wird als wir hier bei Stadtbild. Aber mich interessiert an seiner Feststellung zu den Libeskindbauten hauptsächlich sein ästhetischen Empfinden als PRIVATPERSON und nicht als Architekt.
    • findorffer


      Fachkompetente Meinung, die sich gegen die Libeskind-Pläne stellen, gibt es in vielfältiger Form – das meiste dieser Vielfältigkeit findet eben nur hier im Forum statt.

      Dass sich neben der fachkompetenten Meinung des Landeskonservators nun der Vorstand des BDA Bremens gegen die gehypte Star-Architektur in der Hansestadt stellt, und dass dazu dieser Meinung im Weser-Kurier mehrspaltiger Platz geboten wird, ist quasi eine Sensation!

      Du magst die gedruckten Worte des Herrn Plampus als PRIVATPERSON sehen.
      Die Leser des Weser-Kuriers, und damit die Leser dieses Gastbeitrages, werden in Herrn Plampus nur den VORSITZENDEN DES BDA sehen – und damit die Meinung als fachlich qualifiziert konsumieren.

      In diesem Sinne spreche ich wohl wahr von einer fachlichen Meinung, die den Köpfen der Bremer Zeitungsleser endlich auch abseits dieses Forums aufgezeigt wird.

      Dass sich endlich auch die Journaille mit der weitreichenden Meinung des Forums beschäftigt und dieser in ihren Seiten eine Plattform gibt, ist ein Erfolg.

      PRIVATPERSON hin – FACHKOMPETENZ hin.

      Übrigens, es wird dich hier niemand aufhalten, einen gleichförmigen Gastbeitrag im Weser-Kurier zu platzieren.

      Mal sehen, ob ich dich dann als PRIVATPERSON oder als FACHKOMPETENZ wahrnehme! ;) :D

    • Um die Worte gleich etwas abzumildern:

      Wenn in der BRD eine Person ohne nennenswert bekannten Lebenslauf etwas zu einem Thema äußert, wird sie vom breitgefächerten Publikum kaum wahrgenommen.

      Äußert sich allerdings ein Sachverständiger zum gleichen Thema, wird er allein durch seine Qualifizierung als Sachverständiger besser wahrgenommen.

      Wir sind – so könnte man meinen – sachverständigenhörig.

      So ist das eben.

      Leider.

      Und so wird ein Vorsitzender des BDA Bremen eben besser wahrgenommen, als unsere zahlenmäßig größere Meinungsbandbreite, die seit Jahren versucht, die Öffentlichkeit wachzurütteln.

      Leider.

      Wenn du also der Öffentlichkeit ein Problem näher bringen möchtest, ist es vorteilhafter, wenn da gleich ein Sachverständiger mit am Pult steht, der deine Meinung sachkundig und fachkundig untermauert.
    • Nanu, in Bremen scheint sich langsam eine breitere Front gegen die Libeskind-Schapira-Pläne zu bilden - das dürfte dem künftigen ich-halte-an-meinem-Stuhl-fest-Bürgermeister nicht gefallen, ist er doch ein leidenschaftlicher Befürworter der 'Horizontverschmutzung' im heiligen Bereich der Innenstadt, wie Landesdenkmalpfleger Skalecki jüngst die burgähnlichen Türme Mordors titulierte und prompt von seiner Vorgesetzten, Staatsrätin Frau Emigholz, zum Schweigen verurteilt wurde.

      Nach dem Vorsitzenden des BDA, Herrn Pampus, folgt nun die des Präsidenten der Bremer Architektenkammer, Herr Oliver Platz, der kritische Töne in Richtung Libeskind-Schapira anmerkt.


      Libeskind-Türme
      Tauziehen um die vier Türme
      Während die Stadt über den Libeskind-Entwurf verhandelt, sagen die Bremer Architekten klar Nein


      Oliver Platz, Präsident der Bremer Architektenkammer. Foto: Karsten Klama
      Bremen. Bei den Plänen für den Bau von vier Türmen auf dem Sparkassengelände am Brill hat es nach zwei Monaten Stillstand wieder etwas Bewegung gegeben. Die Vertreter des Investors trafen sich jetzt mit hochrangigen Abgesandten aus dem Bau- und dem Wirtschaftsressort, um das weitere Vorgehen zu beraten. "Es geht dabei insbesondere um die Frage, wie verbindlich das Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs ist, den wir vor anderthalb Jahren für das Areal veranstaltet haben", erklärt Jens Tittmann, Sprecher der Baubehörde, auf Anfrage des WESER-KURIER. Damals war mit einer Bruttogeschossfläche von maximal 40 000 Quadratmetern geplant worden. Mittlerweile ruft der Investor fast das Doppelte auf und lässt auch in anderer Hinsicht den Wettbewerb außer acht. Planen soll nicht der Gewinner, das Architekturbüro Robertneun aus Berlin, sondern der US-amerikanische Star-Architekt Daniel Libeskind.
      Der Entwurf von Libeskind enthält Häuser, die wie Orgelpfeifen aufgestellt sind. Die Höhen reichen bis zu 98 Meter, ein Maß, das in der Innenstadt bisher nur vom Dom erreicht wird. Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki, ein entschiedener Gegner der Pläne, spricht von "Horizontverschmutzung". Nach Weisung der Kulturbehörde, der Skalecki untersteht, muss er solche Äußerungen künftig unterlassen.
      Die Investoren auf dem Sparkassengelände sind zwei Brüder aus Israel. Pinchas und Samuel Schapira hatten angekündigt, sofort nach der Übernahme des 11 000 Quadratmeter großen Grundstücks mit Abriss und Neubau zu beginnen. Stehen bleiben soll lediglich das historische und denkmalgeschützte Sparkassengebäude mit der imposanten Kassenhalle. Der deutsche Projektentwickler, den die Schapiras beauftragt haben, möchte vom Bremer Senat am liebsten noch in diesem Jahr eine Grundsatzentscheidung, ob die vier Türme nun gebaut werden dürfen. Noch fehlen dafür allerdings die Details der Planung, es gibt bislang nur die Skizzen von Libeskind. Deshalb hat sich für das mehrere Hundert Millionen Euro teure Projekt auch noch kein Gestaltungsbeirat gebildet, wie es vorgesehen ist.
      "Dafür, dass der Investor die Messlatte beim Zeitplan so hoch gehängt hat, ist der Prozess bisher ein bisschen langsam vorangekommen", sagt Tittmann. Es sei deshalb wohltuend, dass der Termin für weitere Absprachen endlich stattgefunden habe. Die Teilnehmer hätten auch darüber gesprochen, in welcher Form die Bevölkerung in die Planung eingebunden werden könne. Der Gestaltungsbeirat allein reiche dafür nicht aus.
      Die Bremer Architektenkammer hat unterdessen ausgeschlossen, sich an solch einem Beratergremium zu beteiligen. Sie lehnt den Libeskind-Entwurf rundweg ab. "Der Ruf nach Stararchitektur hat sich leider zu oft als Ruf nach einfachen Wahrheiten herausgestellt", schreibt Kammerpräsident Oliver Platz in seiner Stellungnahme. Besser sei es, kollektive Intelligenz zu nutzen, mit der Beteiligung der Bürger und einem weiteren Architekturwettbewerb.
      "Schwierig finde ich zudem, dass die im damaligen Werkstattverfahren erarbeitete Ausnutzung des Grundstücks in dem nunmehr vorgeschlagenen Entwurf deutlich überschritten wird", erklärt Platz. Falls es klappen sollte, der Stadt so viel Nutzfläche abzuringen, habe der Investor ein gutes Geschäft gemacht. "Wenn nicht, gibt man das Grundstück zurück, und der, der so gepokert hat, hat nichts verloren."
      Der Kammerpräsident erlebt in der Diskussion über die Libeskind-Türme nach eigener Aussage oft eine Haltung, die er mit "Mal was anderes" beschreibt. "In meinen Ohren klingt das aber nicht nach einer Eins mit Sternchen, sondern nach einer allgemeinen Unzufriedenheit gegenüber der derzeitigen Architekturproduktion", so Platz. Nichts Neues, meint er, die Zunft kenne das. "Wenn wir gewöhnlich bauen, sind wir zu langweilig. Wenn wir außergewöhnlich bauen, sind wir zu exaltiert." Eine Diskussion, die notwendig sei und seine Kollegen immer wieder antreibe, Qualität zu liefern.
      Die Sparkasse wird ihr Gelände am Brill im Oktober kommenden Jahres räumen und in den neuen Hauptsitz der Bank an der Universität umziehen. Bis dahin müsste nach den Vorstellungen des Investors von der Bürgerschaft ein neuer Bebauungsplan verabschiedet und der Bauantrag genehmigt worden sein. So oder so sind die Schapiras aber auf der sicheren Seite, wie Oliver Platz richtig annimmt. Die Sparkasse hat den beiden Brüdern bis Ende 2020 das Recht eingeräumt, vom Kauf zurückzutreten.
    • Die Architektenschaft macht weiter mobil gegen die Libeskind-Pläne. Felix Brinkhege spricht in seinem Gastbeitrag endlich einmal wichtige Punkte an: Der Dom wird durch die Türme der wuchtigen 'Burg' in den Schatten gestellt; das Rücktrittsrecht der Schapiras und somit der politische Druck, der auf den Senat lastet, denn die Sparkasse will ja neu bauen und benötigt das Geld aus dem Verkauf der Immobilie am Brill; die Wahl Libeskinds als Architekt, der einem taktischen Schachzug des Investors entspricht; dem Investor sind darüber hinaus sämtiche Auflagen 'wurscht'.
      Hier nun der Artikel aus dem Weser-Kurier vom 21.06.2019:


      Gastbeitrag über die Libeskind-Pläne
      Der Vorschlag von Libeskind ist nur Verhandlungsbasis


      Es scheint nur allzu durchsichtig: Ein internationaler Investor kauft ein innerstädtisches Grundstück und setzt sich über sämtliche Auflagen hinweg. Schlimmer noch: Er droht mit seinem Vorschlag sogar den Dom in den Schatten zu stellen. Hinzu kommt sein Recht, ohne Kosten vom Kauf zurückzutreten, sollte die Stadt den Forderungen nicht nachgeben. Wäre das der Fall, so bliebe die Sparkasse auf ihrem Grundstück, die Innenstadt auf einem Leerstand unbekannter Größe, Bremen auf einem schlechten Image sitzen.
      Dass die Wahl auf Libeskind fiel, scheint ebenfalls ein taktischer Schachzug: Kein Architekt ist in Deutschland so prominent – selbst der letzte Lokalpolitiker kennt ihn. Durch den erfolgreichen Jüdischen Museumsbau in Berlin und seinen dekonstruktivistischen Stil ist man geneigt, selbst schwierige Entwürfe mit „Ist eben ein Libes­kind” abzutun. Doch Stararchitekten mit ihrer „Architektur des Branding” gelten nicht nur in akademischen Kreisen als überholt. Viel erweist sich im Nachhinein als Strohfeuer – die Hoffnung auf einen Bilbao-Effekt hat schon viele Städte geblendet. Dieser Art architektonischer Rhetorik sollte durchaus mit Vorsicht begegnet werden.
      Und doch hat Libeskind recht, wenn er behauptet, dass Bremen einstmals eine vertikale Stadt war – der Dom lange nicht einmal der höchste Punkt der Stadt. Wer alte Bilder Bremens studiert, ist erstaunt von ihrer Heterogenität. Da stehen Typen und Epochen einer tausendjährigen Geschichte dicht an dicht. Baumwollbörse und Norddeutscher Lloyd stellen Kirchen und Bürgerschaftsbauten gar teils in den Schatten. Das Durcheinander ist Normalfall. Es ist das Ergebnis von Toleranz und Dynamik einer Stadt, deren Bürger sich selbst verwalten – unabhängig und eigenwillig, nicht gelenkt und homogen.
      Die Stadt sollte daher selbstbewusst sein. Der Vorschlag von Libeskind ist nur Verhandlungsbasis. Wichtiger als die absolute Höhe und Anzahl der Quadratmeter sollte sein: Bekommt die Stadt mehr als nur monotone Glasfassaden? Zu welchem Anteil wird das Gelände der Allgemeinheit geöffnet und werden städtische Aufenthaltsqualitäten geschaffen? Gibt es einen frei zugänglichen Dachgarten? Wie viel von der Begrünung wird die bloße Konzeptstudie letztendlich überleben? Auf Photoshop lassen sich schnell ein paar Bäume hinzufügen – in echt ist jeder Blumentopf unwillkommener Mehraufwand. Vor der Bürgerschaftswahl haben sich die Entscheidungsträger erwartungsgemäß zurückgehalten – nun sollten sie Partei ergreifen. Nicht für ein Nein oder Ja, sondern ein So oder So.

      The post was edited 2 times, last by Jakku Scum ().

    • Das Thema Libeskind schwelt weiter in der Tagespresse.
      Heute sind in der Rubrik Leserbriefe diese Pro und Kontra-Meinungen zu finden:

      Ein Graus
      Was wäre das denn, wenn jeder Investor sich einen Dreck darum schert, was bei Bauvorhaben durch den Senat und die übrigen zuständigen Gremien festgelegt worden ist? An diese Wettbewerbsvorgaben mussten sich alle Wettbewerber halten. Wenn man davon abweichen will, müsste man neu ausschreiben. Gibt man hier, wie im Fall des Neubaus des Gebäudes Kühne+Nagel, das offensichtlich höher geworden ist als alle Zeichnungen vorsahen und das nun den Blick von der Neustadt auf die Domtürme verdeckt, nach, kann der Senat seine Zuständigkeit für die Stadtgestaltung Bremens für die Zukunft aufgeben.
      Klar, die Sparkasse brauchte dringend den Erlös aus dem Grundstück. Aber die Bedingungen für dieses Grundstück waren von vornherein festgelegt. Geldgier darf dann nicht zulasten der Stadt gehen. Diese Türme sind ein Graus, ihre Bepflanzung wird, wie vergleichbare Beispiele in New York oder Düsseldorf zeigen, sehr aufwendig. Das wird in die Nebenkosten der Mieten eingehen und die Kosten für Mieter so in die Höhe treiben, dass nur eine kleine Klientel sich das wird leisten können. Und das Ganze für eine vervierfachte Kopie eines Bauvorhabens von Daniel Libes­kind, damit er seinen Starrummel zulasten der Bevölkerung und Attraktivität Bremens nutzen kann.
      Er sollte sich auf seinen Turm in Toulouse beschränken und uns keine Kopie aufdrängen. Der Denkmalpfleger hat völlig recht, und das darf er in seiner Position auch sagen, denn es ist ein Fachurteil, das ihm nicht untersagt werden darf: Diese Türme sind eine Horizontverschmutzung. Bremen sollte sie sich nicht bieten lassen.⇒ Jochen Grote, Bremen

      Aber dann auch mitmachen!
      Wer hätte das gedacht? Innerhalb von nur zwei Monaten hat die Architektenkammer ihre Kritik an den Libeskind-Planungen formuliert! Wenn das man nicht zu übereilt war. Immerhin wissen wir ja, dass Bremer Architekten immer wieder zu geradezu wegweisenden Planungen ansetzen. Nein, ernsthaft: Kritik steht jedem frei – gerade aus berufenem Munde. Aber bitte nicht erst nach Monaten. Besser machen ist noch besser. In dem Sinne bitte auch mitmachen in der weiteren Diskussion und nicht in den Schmollwinkel zurückziehen. Es geht um das zukünftige Stadtbild von Bremen, das durchaus einen Hingucker vertragen kann. Das Weltkulturerbe in der Stadtmitte wird darunter nicht leiden.
      ⇒ Uwe Will, Weyhe

      Man wundert sich
      Na klar, der Rollo wurde in Bremen am Sielwall-Eck erfunden und begann von hier seinen Siegeszug durch Deutschland, Europa, vielleicht sogar durch die ganze Welt. Aber müssen wir ihm deshalb gleich ein Denkmal auf dem Sparkassengelände am Brill in Form von vier rollo-ähnlichen Hochhäusern setzen? Das wäre wirklich, Zitat Landeskonservator, eine „Horizontverschmutzung“. Dafür bekam er von der Kulturbehörde die Weisung, sich nicht mehr negativ über die Libeskindtürme zu äußern. Kultursenator und Bürgermeister Carsten Sieling ist ein Anhänger des Projekts („ein Kompliment für Bremen“). „Eine Zensur findet nicht statt“, heißt es in Artikel 5 unseres Grundgesetzes, und man wundert sich, dass Georg Skalecki ein Meinungsverbot erteilt wird. Sind das neurasthenische Reflexe einer immer mehr verunsicherten und sich im Niedergang befindlichen SPD?
      ⇒ Claus Schroll, Bremen

      Bremen neu denken

      Man spricht auch vom Bilbao-Effekt: Das von Frank Gehry entworfene, 1997 eröffnete Guggenheim-Museum hat der einstigen Industrie- und Hafenstadt den erhofften Aufschwung beschert. Klaus-M. Kott wünscht auch seiner Heimatstadt Bremen, dass sie sich neu erfindet.
      Es kann niemanden überraschen, dass die Architekten in Bremen von dem Entwurf des Weltstars Libeskind nicht begeistert sind. Können sie ihm doch nicht das Wasser reichen, sodass wir in Bremen den Einheitsstil wie bei der City-Passage und dem Kühne-­Haus mit einer Schießschartenarchitektur bekommen. Das Argument des Präsidenten der Bremer Architektenkammer, Oliver Platz, ist an einfältiger Arroganz kaum zu überbieten. „Der Ruf nach Stararchitektur hat sich leider zu oft als Ruf nach einfachen Wahrheiten herausgestellt.“ Mehr fällt ihm dazu nicht ein? Nur einfach ein Angstschrei vor dem Besseren? Und das lassen sich seine Kollegen, die er kraft seines Amtes vertritt, gefallen? Der Zufall will es, dass ich den Artikel in der nordspanischen Stadt Bilbao lese. Weltweit ist Bilbao heute bekannt durch die Architektur des Guggenheim-Museums, ein Werk des Stararchitekten Frank Gehry. Bilbao war in den 1980er-Jahren in einer ähnlichen Situation wie Bremen: Hafenwirtschaft, Werftindustrie und Schwerindustrie befanden sich im Abschwung.
      Man erfand die Stadt neu, und heute ist ­Bilbao das angesagte Zentrum für Kultur, ­Wissenschaft und Dienstleistungen. Der Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftsfaktor geworden. Eine der Grundlagen hierfür war die Entscheidung für den Bau des Guggenheim-Museums. Wie sehr würde ich meiner Heimatstadt auch mutige Männer wünschen, die dafür sorgen, dass Bremen mit anderen Augen gesehen wird: als Protagonist des Fortschritts und einer neuen Zeit. Die Spitzen der Domtürme sollten unseren Blick in die ­Zukunft nicht begrenzen, sondern uns auf­fordern, weiter zu blicken.
      Klaus-M. Kott, Bremen

      Gefrorene Musik
      Der Architekt Albert Kahn (1869-1942), ein Deutsch-Amerikaner, ist berühmt geworden für seine Symphonien in Stahlbeton, die er hundertfach für Ford, für General Motors und für viele andere in den USA und in der UdSSR entworfen hat. Er sprach davon, dass Architektur „gefrorene Musik“ sei. Daneben nimmt sich Libeskinds alberne Planzeichnung wie eine „étude in Schis-moll“ aus. So etwas passt einfach nicht nach Bremen, schon gar nicht in diesen Stadtteil. Ich wünschte mir, dieser Bau würde neu ausgeschrieben, mit dem Hinweis auf „organische Bauweise“. In diesem Stadtteil wäre das eine unglaubliche Bereicherung. Wolfgang Stock, Bremen

      Kein Horizont mehr
      Den Landesdenkmalpfleger deckeln aus Angst vor Investoren? Und das von einer Behörde, die den Begriff „Kultur“ im Namen trägt? So sehr es mich schmerzt, vielleicht hätte es eines noch eindeutigeren Wahlergebnisses bedurft, um diese Bremer Strukturen aufzubrechen. Aber eigentlich gibt es den Horizont auch schon längst gar nicht mehr. Selbst der Dom ist von der bisher letzten Perspektive durch den Kühne+Nagel-Bau nicht mehr zu sehen. Und der Schuppen 3 liegt in Schutt und Asche. Vielleicht denkt der Landesdenkmalpfleger auch nur noch, er sei ein Denkmalpfleger. ⇒ Roman Köhl, Bremen
    • Hallo Herr Spellenberg!
      Die Bremer schreien nach ihnen - sie fragen sich, gibt es denn keine 'Bremer-Architekten', die das Problem Sparkasse-Brill angehen können?
      Nun ja, zumindest dieser Bremer Leserbriefscheiber schreit nach einem Bremer Architekten.
      Dennoch wäre es an der Zeit, ihre Pläne, Herr Spellenberg, dem breiten Bremer Publikum vorzustellen. Sie haben nicht nur für die 'unverschämten' 75.000qm² eine 'Bremer-Lösung', sondern auch für die eigentlich angepeilten und bereits abgesegneten 45.000qm² einen 'Bremer Weg' in der Schublade. Ganz ohne 'Horizontalverschmutzung', wie ich finde.

      Hier nun der Leserbrief aus dem Kurier am Sonntag vom 23.06.2019:

      Warum keine Bremer?
      Ich möchte mich den drei Leserbriefen anschließen. Wer die vier Türme von Libeskind aber als „individuell“ bezeichnet, sollte mal nach Göteborg in Schweden fahren — dort entstehen gerade solche "individuellen“ Türme. Passend und geschmackvoll ist was anderes! Gibt es denn für Bremen nur Dudlers und ­Libeskinds? Hat Bremen denn keine Architekten, die Ideen haben, die zu Bremen passen?
      ⇒ Hermann Meyer, Bremen
    • ???????

      Bin ich eigentlich noch in der richtigen Stadt – oder haben Aliens mich in der Zwischenzeit entführt und an einen anderen Ort verfrachtet?

      Es ist jedenfalls unglaublich, welche Rolle rückwärts gerade in puncto Libeskind in Bremen stattfindet.

      Nun, da wäre zunächst die Tatsache, dass über ein so wichtiges Thema wie das Sparkassen-Brill-Projekt nicht der etatmäßige Chefreporter und Busenfreund Jürgen Hinrichs über die neuesten Trends berichtet.

      Dann positioniert sich die Grünen-Chefin Maike Schaefer so nachhaltig gegen die Türme Mordors, dass es einem fast die Sprache verschlägt.
      Das muss auch mit dem amtierenden und wohl zukünftigen Bürgermeister Sieling passiert sein, denn er wird in dem Bericht der Tageszeitung nicht mit einer Silbe zitiert – geschweige denn namentlich erwähnt. Wahrscheinlich sitzt er noch immer im Konferenzraum der letzten Koalitionsverhandlungen und ringt um Luft.
      Selbst die so positiven Worte nach der exklusiven Präsentation für Teile des Senats samt Bürgermeister durch den Star-Architekten persönlich, finden keinen Platz in dem aktuellen Bericht, dabei waren sie doch so enthusiastisch formuliert, diese „Auszeichnung für Bremen“!

      Und plötzlich stehen die israelischen Schapira-Brüder als gierige Investoren da, die eigenmächtig ein Bauprojekt von unfassbar hohen 75.000qm² durchdrücken wollen.

      Und endlich wird auch mal wieder der eigentliche Sieger des längst beendeten Ausschreibungswettstreit des Sparkassen-Areals erwähnt: Robertneun!

      Ach ja, und auch die 'Horizontalverschmutzung' eines gewissen Landeskonservators, der sich Kraft seines Amtes zu den Plänen äußerte, und prompt von der Staatsrätin einen Maulkorb verpasst bekam, findet ebenfalls Beachtung im Artikel.

      In Anbetracht dieser Faktenlage, bleibt folgende Schlussfolgerung unumgänglich: Es kann unmöglich die Freie Hansestadt Bremen sein, in der diese Dinge gerade passieren, die von der Tagespresse so öffentlich dokumentiert werden.

      Und nun der wundersame Artikel aus dem Weser-Kurier vom 27.06.2019:

      Libeskind-Pläne
      Rot-Grün-Rot stutzt Libeskind-Pläne
      Investoren sollen wesentlich kleiner bauen – Architekten-Wettbewerb ist im Gespräch


      Bremen.Die Entwürfe des New Yorker Star-Architekten Daniel Libeskind haben in Bremen für viel Gesprächsstoff gesorgt: Nun hat die rot-grün-rote Koalitionsrunde die Pläne für das Sparkassen-Areal am Brill gekippt. Ein künftiger Senat aus SPD, Grünen und Linken werde die Investoren auffordern, deutlich zurückhaltender zu bauen. Das bestätigte Maike Schaefer, Verhandlungsführerin der Grünen, dem WESER-KURIER. Die Geschossfläche des umstrittenen Projekts soll annähernd halbiert werden. „Man braucht eine Akzeptanz vor Ort. Die Bremer haben es verdient, dass die Gestaltung eines Herzstücks dieser Stadt den Vorstellungen vieler Bewohner gerecht wird“, sagt Schaefer.
      Die Investoren sind keine Geringeren als die Brüder Pinchas und Samuel Schapira aus Israel. Ihr Unternehmen besitzt ein kaum noch überschaubares Geflecht aus Immobilien, Einkaufszentren und Altenpflegeheimen. Für das Brüderpaar hat Libeskind einen Entwurf vorgelegt, der mehr als 70 000 Quadratmeter Geschossfläche für Geschäfte, Büros und Wohnungen vorsah. Hingucker des Objekts sollen vier unterschiedlich hohe Türme sein, deren höchster jedoch stolze 98 Meter erreichen soll. Das ist so hoch wie der Bremer Dom. Das Bauprojekt gilt als ein wesentliches Element für die Neugestaltung der City: Sozusagen ein Dreiklang aus Sparkassen-Areal, City-Galerie (jetzt noch Innenstadt-Parkhaus) von Unternehmer Kurt Zech und dem Balge-Quartier von Christian Jacobs im Bereich Langenstraße.
      Anfang April hatte Libeskind seine Pläne in Bremen vorgestellt. Danach hat ein regelrechtes Tauziehen um die vier Türme begonnen. Für die einen sind die Ideen des Star-Architekten ein großer Wurf, der Bremen zieren wird. Für die anderen sind die vier Türme eine Zumutung, die jeden Maßstab vermissen lässt und Obernstraße sowie Brill optisch erschlagen werden.
      Der neue Weg heißt: Zurück zu den Dimensionen, die in dem städtebaulichen Wettbewerb vorgegeben waren, der im Januar 2018 entschieden worden ist. Das bedeutet eine maximale Nutzungsfläche von rund 40 000 Quadratmetern. Entsprechend kleiner würden dann auch die vier Türme ausfallen.
      „Die Größe, die wir damals für verträglich gehalten haben, sollte auch eingehalten werden“, begründet Schaefer die Rolle rückwärts der Politik. Auch über die Feinplanung Libes­kinds sind die Koalitionäre in spe nicht immer glücklich. So könne das „wunderschöne Gebäude“ in dem Gesamtensemble untergehen, ist zu hören. Auch eine „offene Fläche, die in das Offene führt“, sei städtebaulich wünschenswert. Die aktuellen Entwürfe hingegen sehen zum Brill hin eine Rundumbebauung vor.
      Von den Gebrüdern Schapira – die als sehr öffentlichkeitsscheu gelten – lag am Mittwoch keine Reaktion zu den geplanten Beschränkungen für das Projekt vor. Auch ein Architektenwettbewerb für das Gelände wird nicht mehr ausgeschlossen. In dem Fall könnte sich auch Libeskind bewerben, heißt es lakonisch.
      Das Kuriose: Anfangs war Libeskind gar nicht im Rennen. Für das 11 000 Quadratmeter große Areal hatte die Stadt einen Wettbewerb ausgeschrieben, drei Architekturbüros stellten ihre Ideen der Öffentlichkeit vor. Als spektakulärster Entwurf galt eine knapp 54 Meter hohe Pyramide. Eine Jury entschied sich aber für den Vorschlag des Architekturbüros Robertneun aus Berlin. Vorgesehen waren vier Bauteile als stattliche Häuser, davon zwei hohe Gebäude. Als besonderes Merkmal würdigte die Jury den behutsamen Umgang mit dem denkmalgeschützten Sparkassengebäude.
      Eigentlich hatte der Siegerentwurf von Robertneun als Grundlage für das Bauleitplanverfahren und die weiteren Gespräche mit den Investoren dienen sollen. Doch daraus wurde nichts, plötzlich kamen die Schapiras mit der deutlich größeren Bruttogeschossfläche um die Ecke und zauberten den amerikanischen Stararchitekten aus dem Hut.
      Für Irritationen sorgte von Anfang an die Geheimniskrämerei um das 250 Millionen Euro teure Prestigeprojekt. Die Entwürfe wurden im Februar nur einer exklusiven Senatorenrunde im Rathaus gezeigt, erst auf massiven Druck bekam zwei Monate später auch die breite Öffentlichkeit die Skizzen zu Gesicht. Eine „sehr gute Grundlage für die weitere Diskussion“ machte der damalige SPD-Fraktionschef Björn Tschöpe aus, „höchst eindrucksvoll“ fand seine FDP-Kollegin Lencke Steiner den Libeskind-Vorschlag. Einen „qualitativen Sprung für die Innenstadt“ sah die Handelskammer.
      Doch sehr bald erhob sich ein Proteststurm in den Leserbriefspalten des WESER-KURIER, massive Kritik übte auch Landesdenkmalpfleger Georg Skalecki, der im Libeskind-Entwurf eine „Horizontverschmutzung“ sah. An eine geschlossene Festung erinnerten ihn die Vorstellungen des prominenten Architekten. Ebenfalls wenig begeistert zeigte sich die Architektenkammer, die kein Verständnis dafür hatte, dass die Vorgaben des Wettbewerbs bei Libeskind keine Berücksichtigung fanden.
      Hinzu kam, dass der beauftragte Projektentwickler mit der Konkretisierung der Entwürfe auf sich warten ließ. Erst Mitte Juni trafen sich Vertreter des Investors mit Experten des Bau- und Wirtschaftsressorts, um über die Verbindlichkeit der Wettbewerbsvorgaben zu sprechen.
    • Das sind erst einmal erleichternde Töne.
      Aber dennoch ist Wachsamkeit gefragt. Auch die am Ende projektierte Höhe wird wahrscheinlich noch zu groß sein. Und eines muss immer verdeutlicht werden: Höhe ist kein Gradmesser für Urbanität oder architektonische Qualität. Im Gegenteil! Darauf ist in Diskussionsbeiträgen immer wieder hinzuweisen.

      In meinen Augen ist die städtebaulich verträgliche Höhe bereits im Bestand ausgereizt. Besser wäre es sogar, wenn in einigen Altstadtstraßen ein, bis zwei Geschosse ENTFIELEN! Aber gut, das ist unrealistisch und auch nicht zwingend erforderlich.

      Fakt ist: Die Altstadt wird sich noch sehr verändern, wenn die autofreie Stadt Wirklichkeit wird. In dieser Erwartung ist endlich ein breit getragenes Innenstadtkonzept zu erarbeiten, welches verbindliche Regeln vorgibt, für den Charakter der Altstadt, der Nachbarschaften und die erweiterte City.
    • Die Rolle rückwärts sorgt weiter für politischen Gesprächsstoff.
      Die CDU ist amüsiert, dass der einstige Beifall des Senats nun in Buhrufe umschlägt, sagt aber auch, dass jetzt die Investoren mit einer Zurückstufung auf 40.000qm² eventuell abgeschreckt werden - was irritiert.
      Die FDP möchte aus der Innenstadt ein little Manhatten schaffen - das Lebensgefühl in einem Stadtteil aus lauter Wolkenkratzer kann man in Bremen anschaulich in Osterholz-Tenver auskundschaften.

      Der Artikel aus dem Weser-Kurier vom 28.06.2019:

      Opposition kritisiert Absage an Libeskind-Pläne
      Architektenkammer hingegen begrüßt jüngste Entwicklung



      Bremen. Möglichst wenig drüber sprechen. Die Hauptakteure versuchen, den neuen Wirbel um die Pläne von Stararchitekt Daniel Libeskind für das Sparkassen-Areal am Brill zu begrenzen. Die Opposition dagegen wittert die Chance, Rot-Grün-Rot mit ihrer Kritik am Entwurf vorzuführen. So soll die Bruttogeschossfläche von 79 000 auf etwa 40 000 Quadratmeter gestutzt werden, entsprechend würden die vier Türme schrumpfen. Das gut 250 Millionen Euro teure Prestigeprojekt der Brüder Pinchas und Samuel Schapira steht damit auf tönernen Füßen.
      "Nachdem sich der Senat vor einigen Monaten noch allzu gern im Ruhm von Liebeskind und den Schapira-Brüdern gesonnt hat, ist die aktuelle Rolle rückwärts Ausdruck für die eigene Plan- und Visionslosigkeit", sagt CDU-Fraktionschef Thomas Röwekamp. Andere Städte hätten gezeigt, dass "außergewöhnliche Architektur auch Attraktion und Sinnbild für einen Aufbruch sein kann". Letztlich werde das "unprofessionelle Verhalten" nur dazu führen, Libeskind und die Schapiras zu verschrecken, prognostiziert Röwekamp.
      Die FDP stellt sich klar hinter Libeskind. "Wir sprechen uns für die Umsetzung seiner Pläne aus", sagt Thore Schäck, baupolitischer Sprecher der Fraktion. "Als wachsende Stadt mit begrenzter Fläche wird Bremen in die Höhe bauen müssen", argumentiert er. "Ein spannender Entwurf wird mit einem Federstrich als zu groß und ambitioniert vom Tisch gewischt."
      Das sieht die Architektenkammer Bremen etwas anders. "Wir begrüßen die neue Entwicklung", sagt Geschäftsführer Tim Beerens. Kammerpräsident Oliver Platz hatte erst vor zwei Wochen in einem Vortrag beim Bremer Zentrum für Baukultur nicht mit Kritik gespart. So findet Platz es "schwierig", dass die in einem städtebaulichen Wettbewerb erarbeitete Nutzung des Grundstücks im Libeskind-Entwurf klar überschritten wird. Rot-Grün-Rot will nun die Rolle rückwärts: Die ursprünglich vorgesehene 40 000-Quadratmeter-Fläche soll jetzt wieder Maßstab sein.
      In seinem Vortrag hatte Platz auch den Ruf nach "Stararchitektur" kritisiert. Für eine vernünftige Entwicklung der Städte brauche es die Ideenkonkurrenz in einem Wettbewerb, die im Falle Libeskinds gefehlt habe. Auch zum Bauvolumen äußerte sich der Präsident. "Wenn es klappt, der Stadt und der Stadtgesellschaft die deutlich höhere Ausnutzung abzuringen, ist das Geschäft erfolgreich. Wenn nicht, gibt man das Grundstück zurück und der, der so hoch gepokert hat, hat nichts verloren."
      Tatsächlich können die beiden Brüder bis Ende 2020 vom Kauf zurücktreten. Zur jüngsten Entwicklung will sich die Sparkasse nicht äußern: "Dies ist in erster Linie Sache des Investors. Wenn die neuen politischen Verantwortlichen in Amt und Würden sind, werden die bisher konstruktiven Gespräche sicherlich fortgeführt werden", heißt es in einer Mail zu mehreren Fragen des WESER-KURIER.
      Auch das Ressort von Bausenator Joachim Lohse (Grüne) mag die Entwicklung nicht kommentieren. "Wir äußern uns nicht dazu, was sich die möglichen Koalitionäre für Gedanken machen", sagt Sprecher Jens Tittmann. Nach seinen Angaben gab es seit der Vorstellung von Libeskinds Plänen im Februar lediglich ein Gespräch mit Vertretern der Dortmunder Projektierungsgesellschaft Assmann. Ihnen sei gesagt worden, dass es eine umfassende Bürgerbeteiligung geben werde. Auch über Bauvolumen und Höhen sollte noch gesprochen werden. Das Ressort lag mit seinen Vorstellungen offenbar gar nicht so weit weg von dem, was Rot-Grün-Rot nun beschlossen hat.
    • Überregionale Wahrnehmung


      In der WELT vom 9.7.2019 erschien dieser Artikel:

      KULTURBAUSÜNDEN
      Im Zeitalter der Horizontverschmutzung


      Von Michael PilzRedakteur Feuilleton

      Der Horizont ist heilig – oder nicht?


      Bremen streitet über vier Bürotürme. Sind sie „Horizontverschmutzung“, wie Denkmalschützer behaupten? Was verbindet Windräder mit Hochhäusern? Über die Bedrohung der letzten Grenze zwischen Himmel und Erde.

      Die letzte aller Grenzen ist der Horizont. Er trennt den Himmel von der Erde. Unterhalb der Waagerechten in der Ferne lebt der Mensch, darüber sind die Götter und der Äther, Sonne, Mond und Sterne, das Ozonloch und die Treibhausgase. Solange der Horizont zu sehen ist, die Sonne zwar am Abend hinter ihm verschwindet, aber morgens auf der anderen Seite wieder aufgeht, fällt dem Menschen nichts von oben auf den Kopf. Der Himmel bleibt der Himmel.
      Das gescheiteste und schönste Lied über die Linie zwischen den beiden Elementen stammt von der Berliner Band Knorkator. Es heißt „Wie weit ist es bis zum Horizont (Pythagoras)“ und rechnet fröhlich singend vor, wo sich der Horizont vom jeweiligen Standpunkt aus befindet: „Die Entfernung ist a/ Der Radius ist b/ Mittelpunkt bis Kopf ist die Seite c/ Nehmen wir den Satz des Pythagoras: a² + b² = c²/ Der Erdradius b/ Misst in etwa 6.378.000 Meter/ C = 6.378.000 und 1,70 Meter/ Bildet man die Quadrate/ So ist deren Differenz/ 21.680.000/ Nun die Wurzel daraus/ 4650 Meter!“

      So fern ist das nicht. Es ist so nah, dass sich der Kunsthistoriker Georg Skalecki, er leitet das Bremer Landesamt für Denkmalpflege, gegen jede „Horizontverschmutzung“ ausspricht. Es geht um vier Türme, die der Architekt Daniel Libeskind am Rand der Innenstadt errichten möchte, auf dem Areal der Sparkasse am Brill. Vier Türme zu Ehren der weltberühmten Bremer Stadtmusikanten.

      Bisher war die längste Vertikale, die über dem Horizont der Hansestadt aufragte, der zum Weltkulturerbe gehörende Dom mit seinen 98 Metern. Einer der vier neuen Türme soll nicht ganz an ihn heranreichen, dafür allerdings in der Spitze breiter sein. Der Architekt will Bremens Horizont erweitern, wie er sagt, bis nach New York, wo er an der Sanierung des World Trade Centers beteiligt ist; so soll auch Bremen wieder zur globalen Handelsmetropole werden mit Bürohochhäusern und Hotels, die höher sind als breit. Der Denkmalschützer möchte Bremen einfach Bremen sein lassen, mit seinem engen, aber sauberen Horizont.
      Von Horizontverschmutzung spricht man, seit die riesigen, weißen Windmotoren rechtwinklig im Meer und in der Landschaft stehen und den freien Blick beeinträchtigen. Zu den ältesten verbürgten Wortquellen gehört eine Protestnote des Bürgermeisters der Stadt Wangerooge auf der gleichnamigen Nordseeinsel gegen den 2008 geplanten und 2017 dann doch in Betrieb genommenen Windpark Nordergründe.

      „Horizontverschmutzung“ ist der vornehmere Ausdruck für „Verspargelung“. Gemeint sind nicht nur störende Schlagschatten über den Wiesen, tote Singvögel unter den Masten und die Stille nach dem Bienensterben. Es ist etwas Höheres. Der Horizont ist dann nicht mehr das Gleichnis wie bei Caspar David Friedrich und der Mensch nicht mehr der Mönch am Meer. Die Linie ist keine Metapher für das Licht am Ende und die Aussicht, dass es auch dahinter weitergeht.
      Anzeige

      Der Horizont ist heilig, auch wenn er kein Strich ist, sondern die bewegte Silhouette einer Stadt. In Köln war es der durch eine Moschee verstellte Blick und in Berlin die Traufhöhe der preußischen Geschichte. Jetzt, in Bremen, ist die Horizontmarke der Turm des Doms. Claude Lévi-Strauss, der weit gereiste Völkerkundler, hat den Horizont als Vorstellung entdeckt, die alle Völker teilen: Die Horizontale steht für alles Irdische und Menschliche, die Vertikale für das Überirdische und Göttliche. Daher die Kirchtürme und alle anderen Türme, die der Mensch errichtet, um sich seiner Macht zu vergewissern, an der er einmal zugrunde gehen wird.
      Die Horizontverschmutzungen durch Windmotoren machen ihm bewusst, dass er nicht anders kann. Dass er das Klima gnädig stimmen muss, damit der Himmel ihm nicht auf den Kopf fällt. Dagegen wäre der Horizont von Bremen ein rein geistiger.

      The post was edited 1 time, last by findorffer ().

    • Schlamassel

      Lieber RaHaHe,



      bringen Sie die beiden Investoren-Brüder bloß nicht auf derartige Gedanken, denn sonst bauen diese uns noch weitere fünf Türme an den Brill, denn für den Leuchter, des oft zeitgleich mit dem Advent begangenen Lichterfestes (Chanukka) braucht man ja neun Flammen.

      Und das wäre dann das ultimative Schlamassel für die Bremer Altstadt.

      Damit dies nicht eintreten möge, ein kräftiges ‚Massel tov’ für unsere liebe Bremer Altstadt ! ;)
    • Die Libeskind-Pläne mit den vier Türmen sind endgültig vom Tisch – die Schapiras bleiben aber zumindest bis Ende 2020 Eigentümer des Areals und ließen damit zunächst eine Ausstiegsklausel verstreichen bzw. sie wurde bis Ende nächsten Jahres verlängert, das meldet der Weser-KURIER in seiner Ausgabe vom 02.11.2019 durch ihren „Investoren-Chefchauffeur“ Jürgen Hinrichs.

      Zwar sei der Libeskind-Entwurf "spannend", so Bausenatorin Schaefer, doch "sind wir im Rahmen der neuen Koalition in Bremen zu der Einschätzung gekommen, dass dieser Entwurf in der vorgeschlagenen Dimension und der städtebaulichen Einbindung dem Standort nicht umfassend gerecht wird“. Das schrieb die Senatorin den Investoren in einem Brief bereits Ende September

      Konsens ist jetzt die bereits durch einen Wettbewerb festgelegte Größe des Neubaus von um die 40.000 qm², wobei öffentliche 'Durchquerungen“ noch besprochen werden sollen. Wahrscheinlich ist, dass die Gewinner des ersten Wettbewerbs, das Berliner Planungsbüro Robertneun, dennoch nicht zum Zuge kommt, da der Entwurf unter den Augen der Schapira-Brüder kein Gefallen findet. Zu erwarten ist deshalb ein völlig neuer Entwurf, basierend allerdings auf den Gewinnerentwurf und dessen Größe auf dem Areal am Brill.

      Erstmals wird auch ein weiterer, konkreter Grund für die Absage an die Libeskind-Pläne genannt: Mit dessen Entwurf schnellte die geplante Nutzfläche um fast das Doppelte nach oben. Für die Bauverwaltung war dies schon wegen der zu der erwartenden Verkehrsbelastung - und vor dem Hintergrund der geplanten, autofreien Innenstadt - offensichtlich unvertretbar viel.