Der Oblast Kaliningrad und das alte Königsberg

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    • Angeregt durch einen Hinweis von @Berkowitz im Zusammenhang mit Hamburger Synagogenbauplänen möchte ich euch hier die Neue Synagoge in Kaliningrad vorstellen. Sie wurde genau vor einem Jahr eröffnet.

      Nach Berlin und Breslau hatte Königsberg die drittgrößte jüdische Gemeinde im Deutschen Reich. Entsprechend eindrucksvoll war der 1894-1896 errichtete Neubau der Liberalen Synagoge. Diese Synagoge wurde in der Pogromnacht 1938 durch Brandstiftung zerstört. Danach gab es 70 Jahre lang im nördlichen Ostpreußen keine einzige Synagoge. Unter den Angehörigen der Roten Armee, die 1945 am Sturm auf Königsberg teilnahmen, waren auch einige Juden, und unter den neuen Bewohnern der sowjetischen Stadt Kaliningrad gab es seit den Anfangsjahren eine kleine Zahl von Juden. Doch ein öffentlich sichtbares jüdisches Leben war in kommunistischer Zeit nicht möglich. Erst 2011 wurde der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt. Dieser Neubau sollte am Standort der früheren Synagoge errichtet werden und genauso aussehen wie jene. Das ist wirklich bemerkenswert, denn die heutigen Kaliningrader Juden stammen aus verschiedenen Teilen der Sowjetunion und haben keine familiären Bindungen an das deutsche Königsberg.

      In meinem Beitrag Nr. 509 zeigt das erste Bild ein Modell des alten Königsberger Stadtzentrums. Die Synagoge ist oben links noch zu erkennen. Auf Bild 4, Luftaufnahme der Umgebung des Domes, sehen wir östlich vom Dom die Baustelle der neuen Synagoge.

      Auf der folgenden Ansichtskarte sehen wir das städtebauliche Umfeld der Synagoge um 1908. Der große Kuppelbau rechts ist die Synagoge. Links, also westlich von ihr bietet der Dom einen guten Vergleichsmaßstab. An der Stelle der Häuser rechts von der Synagoge am Pregelufer liegt heute das historisierende Neubauensemble Rybnaja derewnja / Рыбная деревня (zu deutsch "Fischdorf" oder "Fischerdorf").

      Ansichtskarte um 1908

      Dieses historische Zentrum ist bekanntlich nicht das Zentrum der russischen Stadt. Dennoch war der Bauplatz der neuen Synagoge blockiert - durch einen Zirkus. Nach längerem Rechtsstreit wurde der Zirkus schließlich verlegt.

      Neue Synagoge in Königsberg, Ansichtskarte etwa 1901-1904

      Kaliningrad, Visualisierung des geplanten Synagogenneubaus am historischen Standort (Foto: Avner, Dezember 2012, CC0)

      Aufgrund der veränderten Gegebenheiten weicht das Baugrundstück geringfügig vom historischen Grundstück ab. Die Architektin Natalja Lorens passte alle Proportionen entsprechend der etwas kleineren Grundfläche an. Der Gesamtbau ist 10 Meter niedriger als die frühere Synagoge. Aufgrund dieser Planänderung verzichtete die Architektin auf die Verwendung von Ziegelsteinen zur Verkleidung, wie oben auf der Visualisierung noch vorgesehen. Stattdessen wurde der Rohbau mit Streifen aus Marmor und Travertin verkleidet.

      Baustelle der Neuen Synagoge im Sommer 2018 (Foto: Kgh222, CC0)

      Filmaufnahmen der fertigen Neuen Synagoge und ihrer Umgebung findet ihr hier: Klick.

      Gute deutschsprachige Informationen zu dem Projekt bietet die Seite des Ebenezer Hilfsfonds.

      Hier noch ein Zwischenstandsbericht vom November 2015 aus der Jüdischen Allgemeinen.

      Die eigentlichen Bauarbeiten gingen sehr schnell voran. Im Mai 2017 stand erst das Betonskelett ohne den Rohbau der Kuppel. Am 8. November 2018 konnte die Neue Synagoge - 70 Jahre nach der Zerstörung ihres Vorgängers - feierlich eröffnet werden. Der Bau wurde durch Spenden finanziert. Innen wurde das Gebäude nicht rekonstruiert, sondern neu gestaltet, aber nicht im Sinne eines Bruchs. In der Kuppel gibt es farbige Glasfenster, auf denen die Erschaffung der Welt nach Motiven von Marc Chagall dargestellt ist. Im Eingangsbereich der Synagoge ist durch einen Glasboden das Fundament des Vorgängerbaus zu sehen. Neben dem Betsaal enthält der Neubau alles, was ein jüdisches Gemeindezentrum braucht - einen koscheren Speisesaal und Laden, ein Museum, einen Kindergarten und anderes. Die westlichste Synagoge Russlands dient nicht nur als Zentrum jüdischen Lebens für die Stadt, sondern für die ganze Region.

      Ich finde, dass dies ein beeindruckendes Projekt ist. Die Neue Synagoge wirkt sehr sympathisch und bietet einen weiteren Impuls für die Wiederbelebung des alten Königsberger Stadtzentrums. Nahebei ist der Dom über die Honigbrücke zu erreichen. Südlich der Synagoge liegt am Pregelufer der historisierende Komplex Rybnaja derewnja ("Fischerdorf" oder "Fischdorf"). Der Name klingt im Russischen ziemlich albern.

      Rybnaja derewnja / Рыбная деревня / "Fischerdorf", erster Bauabschnitt, ganz links die Ecke der Kantinsel
      (Foto: A. Savin, Mai 2017, FAL)

      Der erste Bauabschnitt wurde in den Jahren 2006-2010 errichtet. Im Hintergrund sehen wir Plattenbauten aus sowjetischer Zeit, die einen guten Vergleichsmaßstab bilden. Der sogenannte "Leuchtturm" dient als Aussichtsturm. Mit unseren deutschen Augen erkennen wir sofort, dass dies keine authentischen deutschen Gebäude sind. Für russische Betrachter sieht das aber schon sehr deutsch aus. Fachwerk ist der russischen Kultur völlig fremd. Selbst das Wort "Fachwerk" wurde aus dem Deutschen entlehnt. Auch diese Dachformen und Giebel sind in Russland nicht üblich.

      Die Fortsetzung des "Fischerdorfs" nach Süden, von der Kantinsel (Kneiphof) aus gesehen
      (Foto: Alexey Komarov, August 2019, CC-BY-SA-4.0)

      Das nördlichste Haus von "Fischerdorf", rechts im Bild die Ostseite des Domes
      (Foto: Rimantas Lazdynas, Juli 2009, CC-BY-SA-3.0)

      Das Fachwerk hat natürlich keine konstruktive Funktion, besteht aber immerhin aus Holz. Auch die Deckung mit Dachziegeln und die Klinkerverblendung des Erdgeschosses kennzeichnen dieses Haus als "typisch deutsch". (Die Fotos lassen sich über die Bildlinks vergrößern, sodass Fassadendetails besser zu erkennen sind.)

      Blick pregelaufwärts, links "Fischerdorf", im Vordergrund die Nordwand des Hauses aus dem vorigen Bild, rechts ein neuer Wohnkomplex (Foto: Nikater, Juni 2010, CC-BY-SA-3.0)

      Der rechts zu sehende Komplex ist typisch für den gehobenen Wohnungsneubau der letzten Jahre in Russland. Hier der Blick in umgekehrter Richtung im April 2007:

      Blick flussabwärts, von links nach rechts: Wohnkomplex im Bau, Dom, Honigbrücke, Haus der Sowjets, die ersten Häuser von "Fischerdorf", der Zirkus, Plattenbauten der Sowjetzeit (Foto: Irina Yakubovskaya, April 2007, CC-BY-2.5)

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    • Königsberger Tradition

      Bei aller Freude und der ausdrücklichen Zustimmung zu diesem Projekt, ist es - für meinen Geschmack - dennoch zu bedauern, daß man auf die traditionellen Backsteine verzichtet hat. Denn in der nunmehr vorhandenen äußeren Erscheinung mit der Bänderung der Fassade würde das Synagogen-Gebäude gut als Teil eines rumänischen Klosters oder als spätbyzantinischer Palast in Konstantinopel durchgehen. In Königsberg hingegen wirkt es so leider doch etwas fremd.
      Insofern: 'Erbarmung'.

      Es bleibt aber dennoch zu hoffen, daß man sich bei der gottesdienstlichen Nutzung der neuen Synagoge etwas mehr an die berühmte Königsberger Tradition halten und insbesondere wieder einen Synagogen-Chor sowie eine Orgel einführen wird, denn wo, wenn nicht am Pregel, sollte diese spezifisch Königsberger Tradition gepflegt werden ?
      Isofern: 'Masel tov' !

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    • Vorbild in Kreuzberg ?

      Was ich mich beim Gebäude der liberalen Synagoge auf der Lomse schon länger beschäftigt, ist die Frage, ob sich das Berliner Architekturbüro Cremer & Wolffenstein nach dessen Plänen von 1892 das Gotteshaus bis 1898 erbaut wurde, an der Heiliggkreuzkirche in Berlin-Kreuzberg orientiert hat, welche von 1884 bis 1888 nach Plänen von Johannes Otzen errichtet worden war.

      Hier ein Vergleich (links die Heilligkreuzkirche, recht die Königsberger Synagoge):

    • New

      Die Kaliningrader Gemeinde soll etwa 3.000 Personen zählen. Das bezieht sich auf das ganze Kaliningrader Gebiet, nicht nur die Stadt. ("Oblast" heißt im Russischen nichts anderes als "Gebiet".) Das ist nicht viel, aber auch diese kleine Gemeinde benötigt eine Synagoge und ein Gemeindezentrum. Der Impuls für den Neubau der Synagoge kam aus den jüdischen Kreisen Kaliningrads. Die Synagoge haben sie primär für sich gebaut und nicht für deutsche Königsberg-Nostalgiker.

      Ja, das Gebäude wirkt heute mit der Bänderung etwas orientalischer, aber ich finde, das passt durchaus. Für Synagogenbauten im Deutschen Reich wählte man häufig einen Historismus mit neobyzantinischen und orientalisierenden Elementen. Auch die Königsberger Synagoge entsprach ja nicht ganz einem altdeutschen Stil. Ich finde, dass die Fassade heiterer wirkt als die des Vorgängerbaus. In das Kaliningrad unserer Tage passt sie auf jeden Fall.

      Die Verwendung von Orgeln und einer an christliche Vorbilder angelehnten geistlichen Musik durch das deutsche liberale Judentum war von Anfang an, also schon im 19. Jahrhundert, nicht unumstritten. Heute gibt es in der jüdischen Welt Stimmen, die sagen: Seht ihr, ihr habt euch angepasst, angebiedert, und es hat euch nichts genützt. Wie die heutige Kaliningrader Gemeinde ihre Gottesdienste gestaltet, entscheidet sie selbst. Ich glaube kaum, dass deutsche Orgelmusik dabei eine Rolle spielen wird. Innerhalb des Dachverbandes "Föderation der jüdischen Gemeinden Russlands" ist die Kaliningrader die westlichste Gemeinde.

      Links neben der Synagoge steht übrigens ein altes rotes Haus. In meinem Beitrag oben ist es auf dem Baustellenbild zu sehen. Dies ist das 1904 errichtete Heim für jüdische Waisenkinder. Es hat Nazizeit, Krieg und Sowjetzeit überstanden (ist also keine Rekonstruktion!) und wurde im Jahre 2016 unter Denkmalschutz gestellt. Das Haus ist heute Teil des jüdischen Gemeindezentrums.