Der Oblast Kaliningrad und das alte Königsberg

  • Angeregt durch einen Hinweis von @Berkowitz im Zusammenhang mit Hamburger Synagogenbauplänen möchte ich euch hier die Neue Synagoge in Kaliningrad vorstellen. Sie wurde genau vor einem Jahr eröffnet.


    Nach Berlin und Breslau hatte Königsberg die drittgrößte jüdische Gemeinde im Deutschen Reich. Entsprechend eindrucksvoll war der 1894-1896 errichtete Neubau der Liberalen Synagoge. Diese Synagoge wurde in der Pogromnacht 1938 durch Brandstiftung zerstört. Danach gab es 70 Jahre lang im nördlichen Ostpreußen keine einzige Synagoge. Unter den Angehörigen der Roten Armee, die 1945 am Sturm auf Königsberg teilnahmen, waren auch einige Juden, und unter den neuen Bewohnern der sowjetischen Stadt Kaliningrad gab es seit den Anfangsjahren eine kleine Zahl von Juden. Doch ein öffentlich sichtbares jüdisches Leben war in kommunistischer Zeit nicht möglich. Erst 2011 wurde der Grundstein für eine neue Synagoge gelegt. Dieser Neubau sollte am Standort der früheren Synagoge errichtet werden und genauso aussehen wie jene. Das ist wirklich bemerkenswert, denn die heutigen Kaliningrader Juden stammen aus verschiedenen Teilen der Sowjetunion und haben keine familiären Bindungen an das deutsche Königsberg.


    In meinem Beitrag Nr. 509 zeigt das erste Bild ein Modell des alten Königsberger Stadtzentrums. Die Synagoge ist oben links noch zu erkennen. Auf Bild 4, Luftaufnahme der Umgebung des Domes, sehen wir östlich vom Dom die Baustelle der neuen Synagoge.


    Auf der folgenden Ansichtskarte sehen wir das städtebauliche Umfeld der Synagoge um 1908. Der große Kuppelbau rechts ist die Synagoge. Links, also westlich von ihr bietet der Dom einen guten Vergleichsmaßstab. An der Stelle der Häuser rechts von der Synagoge am Pregelufer liegt heute das historisierende Neubauensemble Rybnaja derewnja / Рыбная деревня (zu deutsch "Fischdorf" oder "Fischerdorf").


    Ansichtskarte um 1908


    Dieses historische Zentrum ist bekanntlich nicht das Zentrum der russischen Stadt. Dennoch war der Bauplatz der neuen Synagoge blockiert - durch einen Zirkus. Nach längerem Rechtsstreit wurde der Zirkus schließlich verlegt.


    Neue Synagoge in Königsberg, Ansichtskarte etwa 1901-1904


    Kaliningrad, Visualisierung des geplanten Synagogenneubaus am historischen Standort (Foto: Avner, Dezember 2012, CC0)


    Aufgrund der veränderten Gegebenheiten weicht das Baugrundstück geringfügig vom historischen Grundstück ab. Die Architektin Natalja Lorens passte alle Proportionen entsprechend der etwas kleineren Grundfläche an. Der Gesamtbau ist 10 Meter niedriger als die frühere Synagoge. Aufgrund dieser Planänderung verzichtete die Architektin auf die Verwendung von Ziegelsteinen zur Verkleidung, wie oben auf der Visualisierung noch vorgesehen. Stattdessen wurde der Rohbau mit Streifen aus Marmor und Travertin verkleidet.


    Baustelle der Neuen Synagoge im Sommer 2018 (Foto: Kgh222, CC0)


    Filmaufnahmen der fertigen Neuen Synagoge und ihrer Umgebung findet ihr hier: Klick.


    Gute deutschsprachige Informationen zu dem Projekt bietet die Seite des Ebenezer Hilfsfonds.


    Hier noch ein Zwischenstandsbericht vom November 2015 aus der Jüdischen Allgemeinen.


    Die eigentlichen Bauarbeiten gingen sehr schnell voran. Im Mai 2017 stand erst das Betonskelett ohne den Rohbau der Kuppel. Am 8. November 2018 konnte die Neue Synagoge - 70 Jahre nach der Zerstörung ihres Vorgängers - feierlich eröffnet werden. Der Bau wurde durch Spenden finanziert. Innen wurde das Gebäude nicht rekonstruiert, sondern neu gestaltet, aber nicht im Sinne eines Bruchs. In der Kuppel gibt es farbige Glasfenster, auf denen die Erschaffung der Welt nach Motiven von Marc Chagall dargestellt ist. Im Eingangsbereich der Synagoge ist durch einen Glasboden das Fundament des Vorgängerbaus zu sehen. Neben dem Betsaal enthält der Neubau alles, was ein jüdisches Gemeindezentrum braucht - einen koscheren Speisesaal und Laden, ein Museum, einen Kindergarten und anderes. Die westlichste Synagoge Russlands dient nicht nur als Zentrum jüdischen Lebens für die Stadt, sondern für die ganze Region.


    Ich finde, dass dies ein beeindruckendes Projekt ist. Die Neue Synagoge wirkt sehr sympathisch und bietet einen weiteren Impuls für die Wiederbelebung des alten Königsberger Stadtzentrums. Nahebei ist der Dom über die Honigbrücke zu erreichen. Südlich der Synagoge liegt am Pregelufer der historisierende Komplex Rybnaja derewnja ("Fischerdorf" oder "Fischdorf"). Der Name klingt im Russischen ziemlich albern.


    Rybnaja derewnja / Рыбная деревня / "Fischerdorf", erster Bauabschnitt, ganz links die Ecke der Kantinsel (Foto: A. Savin, Mai 2017, FAL)


    Der erste Bauabschnitt wurde in den Jahren 2006-2010 errichtet. Im Hintergrund sehen wir Plattenbauten aus sowjetischer Zeit, die einen guten Vergleichsmaßstab bilden. Der sogenannte "Leuchtturm" dient als Aussichtsturm. Mit unseren deutschen Augen erkennen wir sofort, dass dies keine authentischen deutschen Gebäude sind. Für russische Betrachter sieht das aber schon sehr deutsch aus. Fachwerk ist der russischen Kultur völlig fremd. Selbst das Wort "Fachwerk" wurde aus dem Deutschen entlehnt. Auch diese Dachformen und Giebel sind in Russland nicht üblich.


    Die Fortsetzung des "Fischerdorfs" nach Süden, von der Kantinsel (Kneiphof) aus gesehen (Foto: Alexey Komarov, August 2019, CC-BY-SA-4.0)


    Das nördlichste Haus von "Fischerdorf", rechts im Bild die Ostseite des Domes (Foto: Rimantas Lazdynas, Juli 2009, CC-BY-SA-3.0)


    Das Fachwerk hat natürlich keine konstruktive Funktion, besteht aber immerhin aus Holz. Auch die Deckung mit Dachziegeln und die Klinkerverblendung des Erdgeschosses kennzeichnen dieses Haus als "typisch deutsch". (Die Fotos lassen sich über die Bildlinks vergrößern, sodass Fassadendetails besser zu erkennen sind.)


    Blick pregelaufwärts, links "Fischerdorf", im Vordergrund die Nordwand des Hauses aus dem vorigen Bild, rechts ein neuer Wohnkomplex

    (Foto: Nikater, Juni 2010, CC-BY-SA-3.0)


    Der rechts zu sehende Komplex ist typisch für den gehobenen Wohnungsneubau der letzten Jahre in Russland. Hier der Blick in umgekehrter Richtung im April 2007:


    Blick flussabwärts, von links nach rechts: Wohnkomplex im Bau, Dom, Honigbrücke, Haus der Sowjets, die ersten Häuser von "Fischerdorf", der Zirkus, Plattenbauten der Sowjetzeit (Foto: Irina Yakubovskaya, April 2007, CC-BY-2.5)

  • Königsberger Tradition


    Bei aller Freude und der ausdrücklichen Zustimmung zu diesem Projekt, ist es - für meinen Geschmack - dennoch zu bedauern, daß man auf die traditionellen Backsteine verzichtet hat. Denn in der nunmehr vorhandenen äußeren Erscheinung mit der Bänderung der Fassade würde das Synagogen-Gebäude gut als Teil eines rumänischen Klosters oder als spätbyzantinischer Palast in Konstantinopel durchgehen. In Königsberg hingegen wirkt es so leider doch etwas fremd.
    Insofern: 'Erbarmung'.


    Es bleibt aber dennoch zu hoffen, daß man sich bei der gottesdienstlichen Nutzung der neuen Synagoge etwas mehr an die berühmte Königsberger Tradition halten und insbesondere wieder einen Synagogen-Chor sowie eine Orgel einführen wird, denn wo, wenn nicht am Pregel, sollte diese spezifisch Königsberger Tradition gepflegt werden ?
    Isofern: 'Masel tov' !


  • Vorbild in Kreuzberg ?


    Was ich mich beim Gebäude der liberalen Synagoge auf der Lomse schon länger beschäftigt, ist die Frage, ob sich das Berliner Architekturbüro Cremer & Wolffenstein nach dessen Plänen von 1892 das Gotteshaus bis 1898 erbaut wurde, an der Heiliggkreuzkirche in Berlin-Kreuzberg orientiert hat, welche von 1884 bis 1888 nach Plänen von Johannes Otzen errichtet worden war.


    Hier ein Vergleich (links die Heilligkreuzkirche, recht die Königsberger Synagoge):


  • Die Kaliningrader Gemeinde soll etwa 3.000 Personen zählen. Das bezieht sich auf das ganze Kaliningrader Gebiet, nicht nur die Stadt. ("Oblast" heißt im Russischen nichts anderes als "Gebiet".) Das ist nicht viel, aber auch diese kleine Gemeinde benötigt eine Synagoge und ein Gemeindezentrum. Der Impuls für den Neubau der Synagoge kam aus den jüdischen Kreisen Kaliningrads. Die Synagoge haben sie primär für sich gebaut und nicht für deutsche Königsberg-Nostalgiker.


    Ja, das Gebäude wirkt heute mit der Bänderung etwas orientalischer, aber ich finde, das passt durchaus. Für Synagogenbauten im Deutschen Reich wählte man häufig einen Historismus mit neobyzantinischen und orientalisierenden Elementen. Auch die Königsberger Synagoge entsprach ja nicht ganz einem altdeutschen Stil. Ich finde, dass die Fassade heiterer wirkt als die des Vorgängerbaus. In das Kaliningrad unserer Tage passt sie auf jeden Fall.


    Die Verwendung von Orgeln und einer an christliche Vorbilder angelehnten geistlichen Musik durch das deutsche liberale Judentum war von Anfang an, also schon im 19. Jahrhundert, nicht unumstritten. Heute gibt es in der jüdischen Welt Stimmen, die sagen: Seht ihr, ihr habt euch angepasst, angebiedert, und es hat euch nichts genützt. Wie die heutige Kaliningrader Gemeinde ihre Gottesdienste gestaltet, entscheidet sie selbst. Ich glaube kaum, dass deutsche Orgelmusik dabei eine Rolle spielen wird. Innerhalb des Dachverbandes "Föderation der jüdischen Gemeinden Russlands" ist die Kaliningrader die westlichste Gemeinde.


    Links neben der Synagoge steht übrigens ein altes rotes Haus. In meinem Beitrag oben ist es auf dem Baustellenbild zu sehen. Dies ist das 1904 errichtete Heim für jüdische Waisenkinder. Es hat Nazizeit, Krieg und Sowjetzeit überstanden (ist also keine Rekonstruktion!) und wurde im Jahre 2016 unter Denkmalschutz gestellt. Das Haus ist heute Teil des jüdischen Gemeindezentrums.

  • Die Kaliningrader Gemeinde soll etwa 3.000 Personen zählen. Das bezieht sich auf das ganze Kaliningrader Gebiet, nicht nur die Stadt. ("Oblast" heißt im Russischen nichts anderes als "Gebiet".) Das ist nicht viel, aber auch diese kleine Gemeinde benötigt eine Synagoge und ein Gemeindezentrum. Der Impuls für den Neubau der Synagoge kam aus den jüdischen Kreisen Kaliningrads. Die Synagoge haben sie primär für sich gebaut und nicht für deutsche Königsberg-Nostalgiker.

    Soso….

    Es ist doch wunderbar und vorbildlich, wenn sich "Königsberg-Nostalgiker" und Einheimische gemeinsam für eine Sache einsetzen (wie hier für den Wiederaufbau und die Geschichte der Synagoge).

    Da sollte man doch keinen künstlichen Gegensatz aufbauen.


    Anbei ein Link zu einem Beitrag in Deuschlandfunk-Kultur vom 13.11.2019 über die Synagoge

    https://www.deutschlandfunkkul…ml?dram:article_id=463313


    Darin heißt es u.a.

    Die in der Pogromnacht 1938 von den Nationalsozialisten zerstörte Synagoge von Kaliningrad prägt wieder das Stadtzentrum. Die Förderer des Wiederaufbaus haben sich zur Aufgabe gemacht, die deutsch-jüdische Geschichte der Stadt sichtbarer zu machen.

    Michael Leiserowitz vom deutschen Verein „Juden in Ostpreußen“ ist begeistert vom Wiederaufbau eines der bedeutenden Baudenkmäler des früheren Königsbergs. Mitten im Zentrum Kaliningrads steht wieder die „Neue liberale Synagoge“, im Stil des Historismus mit mächtiger Rundkuppel, die an den Aachener Dom erinnert.

    „Dieses Zentrum ist jetzt entstanden. Es steht groß und unübersehbar mitten in der Stadt, an dem Ort, wo die meisten Touristen auch hinfahren, nämlich neben dem Dom von Königsberg, der auf der Dominsel liegt. Und gleich gegenüber, wo die ganzen Busse halten, steht die große Synagoge, und viele Menschen kommen nicht umhin, sie zu fotografieren, weil sie nun mal schön ist und eine große Ausstrahlung hat.“

    ...

    Die Kaliningrader Juden sind heute eine Gemeinschaft von fast 2000 Personen. Sie haben aus eigener Initiative diese Synagoge mit fast nur eigenen Mitteln aufgebaut. Und ich finde, das ist für Russland schon etwas sehr Bedeutendes. Bedeutend ist es ferner, dass sie sich in der Tradition der Königsberger jüdischen Gemeinde sehen. Sie haben es mit viel Mühe vor circa zehn Jahren durchgeboxt, dass sie auf dem Territorium der ehemaligen Königsberger Synagoge bauen dürfen, dass sie die Synagoge also wieder aufbauen und dass sie sie Königsberger Synagoge nennen. Insofern bringen sie auch ein Stück der Geschichte der Stadt zurück.

    ...

    Michael Leiserowitz ist ein westdeutscher Israeli mit ostpreußischen Vorfahren und einem besonderen Faible für diese für ihn auf besondere Weise verloren gegangene Heimat.

    Durch ihren gemeinsam geführten Geschichtsverein „Juden in Ostpreußen“ haben Ruth und Michael Leiserowitz die jüdische Gemeinde von Kaliningrad beim Wiederaufbau der zerstörten „Neuen liberalen Synagoge“ unterstützt ...

    ...

    Bei der Eröffnung der wieder aufgebauten Synagoge trafen die Nachfahren alter Königsberger Juden auf die überwiegend russischen Angehörigen der heutigen jüdischen Gemeinde von Kaliningrad. Das klingt nach einer Begegnung fremder Kulturen.

    Tatsächlich sind verblüffende Übereinstimmungen zu verzeichnen. Denn genau wie nach 1945, als Juden aus allen Teilen der Sowjetunion nach Kaliningrad kamen, wanderten auch zu deutschen Zeiten, vor allem im 19. Jahrhundert, Juden aus dem russischen Reich ins benachbarte Ostpreußen ein. Viele von ihnen wurden binnen kurzer Zeit zu überzeugten deutschen Ostpreußen.

    Jüngere jüdische Aktivisten im heutigen Kaliningrad finden gerade das spannend und arbeiten die zu Sowjetzeiten tabuisierte deutsch-jüdische Geschichte Königsbergs auf. Zu ihnen gehört Julia Oisboit: „Ich finde es wunderbar, dass es eine solche Synagoge in unserer Stadt gibt. Für mich persönlich ist das wie der Königsberger Dom. Das ist ein Symbol von Königsberg.“

    ...

    Michael Leiserowitz sprüht vor Ideen, wie man die deutsch-jüdische Geschichte Königsbergs in Kaliningrad sichtbar machen sollte. Im Augenblick arbeiten er und seine Frau Ruth mit ihren Kaliningrader Partnern am Konzept für ein Museum – in den Räumen der wieder aufgebauten Königsberger Synagoge.


    Blick auf die neue Synagoge im Zentrum Kaliningrads (picture alliance / NurPhoto / Michal Fludra)


    Die Synagoge im ehemaligen Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, aufgenommen um 1918. (imago images / Arkivi)

  • Anbei zwei Fotos von Bauwerken des Architekten Hanns Hopp, der sein Planungsbüro in Königsberg hatte. Hier sieht der Bauhausstil ganz interessant aus; der Wasserturm sogar utopisch Fritz-Lang-verdächtig.



    Detail des Wasserturms in Pillau (1927).


    Wissen allein bringt nichts. Nur das angewandte Wissen verändert die Dinge.

  • Hier die Ostpreußische Mädchengewerbeschule in Königsberg.

    Wer hätte es gedacht, dass es in der deutschen Peripherie so repräsentative Bauhausarchitektur gab. Ich sage das jetzt als Bauhistoriker, nicht als Ästhet. Danke für dieses seltene Bild.

    Kunsthistoriker, Webdesigner und Blogger

    Hat die Website für Stadtbild Deutschland erstellt und administriert sowie zeitweise das Forum als technischer Administrator begleitet.

  • Nach dem Krieg hat sich der Architekt Hoop dann leider der radikalen Moderne verschrieben

    Das stimmt aber nun gar nicht. Hanns Hopp hat in der DDR Bauten im Stil der nationalen Tradition errichtet: Blöcke E und G an der Karl-Marx-Allee in Berlin, Deutsche Hochschule für Körperkultur in Leipzig (hier nur die älteren Bauten), Kulturhaus der Maxhütte in Unterwellenborn, Lungenheilstätte Bad Berka und dann noch das Krankenhaus in Saalfeld/Saale. Ich wusste gar nicht, dass diese Gebäude alle von ihm sind. Besonders gut gefällt mir das Saalfelder Krankenhaus. Ich empfinde es als sehr angenehm, da weder radikal modern noch stalinistisch pompös. Solche Gebäude finden im Allgemeinen zu wenig Beachtung. Ich will das an dieser Stelle aber nicht vertiefen, weil es hier ja um Ostpreußen geht. Dort in Königsberg hatte Hopp um 1930 seine stilistisch modernsten Bauten errichtet. Den erneuten Übergang zur Moderne Anfang der Sechziger Jahre hat er dann nicht mehr mitgemacht. Da war er zu alt.


    Hopps Wasserturm in Pillau steht noch, ist aber in schlechtem Zustand. Er wurde 2016 in die Denkmalliste eingetragen und ist als Kulturdenkmal von regionaler Bedeutung geschützt. Zuständig ist also die Gebietsverwaltung. Die Adresse des Turmes ist heute Lenin-Prospekt (ja, der heißt immer noch so), Hausnummer 66w.


    Baltiijsk (Балтийск, ehemals Pillau), Wasserturm von Hanns Hopp, erbaut 1927, Prospekt Lenina 66w (проспект Ленина 66в)

    (Foto: Vdi92, September 2016, CC-BY-SA-4.0)


    Baltijsk (Pillau), Wasserturm von Hanns Hopp, erbaut 1927 (Foto: Vdi92, September 2016, CC-BY-SA-4.0)

  • Wer hätte es gedacht, dass es in der deutschen Peripherie so repräsentative Bauhausarchitektur gab. Ich sage das jetzt als Bauhistoriker, nicht als Ästhet. Danke für dieses seltene Bild.

    Dazu von mir Ergänzungen aus russischen Quellen.


    Auf der Internetplattform "Strana 39", die zur regionalen Mediengruppe "Westpresse" (Западная пресса) gehört, wurde am 11. März 2019 ein Artikel zum Bauhaus-Jubiläum veröffentlicht. Titel: Kaliningrad im Bauhausstil. Das deutsche Wort "Bauhaus" dient im Russischen nur zur Bezeichnung des historischen Bauhauses und des entsprechenden Stils in Deutschland. Die verwandte Stilrichtung in Russland wird als Konstruktivismus bezeichnet. Der Artikel lenkt die Aufmerksamkeit auf das Bauhauserbe, das heute noch in Kaliningrad vorhanden ist. Ich möchte die Gebäude hier kurz vorstellen.


    Kaliningrad (Königsberg), prospekt Mira 1 (проспект Мира 1, ehemals Hansaring), Neues Funkhaus, jetzt Institut für Ozeanologie, erbaut 1932-1933 von Hans Hopp (Foto: Triefeline, 29. September 2018, CC-BY-SA-4.0)


    Neues Funkhaus (Foto: Kemal KOZBAEV, 13. März 2016, CC-BY-SA-4.0)


    Dieses Gebäude hat noch keine Nummer im Denkmalsinventar. Es gilt aber unter Leuten, die sich für die Architektur der Stadt interessieren, als denkmalwürdig. Ich vermute, dass es in absehbarer Zeit von der Gebietsverwaltung unter Denkmalschutz gestellt wird.


    Kaliningrad, uliza Sergejewa 2 (улица Сергеева 2, ehemals Hintertragheim), Parkhotel, erbaut 1929 von Hans Hopp, jetzt Büronutzung

    (Foto: Valdis Pilskalns, September 2010, CC-BY-3.0)


    Beim ehemaligen Parkhotel wurden Teile des Gebäudekomplexes abgerissen oder verändert. Nutzung als Geschäftshaus. Denkmalschutz besteht nicht. Ich vermute, dass man es aufgrund der Veränderungen nicht unter Schutz stellen wird. Hier noch ein Foto von der Rückseite (zum Schloßteich) - Klick


    Kaliningrad, uliza Generala Galizkogo 20 (улица Генерала Галицкого 20), Anatomisches Institut, erbaut 1930-1934, Architekt Richard Friesen, heute "Gas-Oil", Denkmalschutz besteht (Foto: Platinovaya, September 2016, CC-BY-SA-4.0)


    Anatomisches Institut (Foto: Platinovaya, September 2016, CC-BY-SA-4.0)


    Kaliningrad, uliza Generala Oserowa 57 (улица Генерала Озерова 57), Handelshochschule, erbaut 1930-1938, Architekt Hans Malwitz, heute Baltische Föderale Universität "Immanuel Kant", Institut für Ingenieur- und Technikwissenschaften (Инженерно-технический институт), Denkmalschutz besteht (Foto: Kemal KOZBAEV, Januar 2013, CC-BY-SA-4.0)


    Kaliningrad, uliza Klinitscheskaja 74 (улица Клиническая 74), Krankenhaus, erbaut um 1930, heute Teil des Kaliningrader Gebietskrankenhauses, Denkmalschutz besteht (Foto: Kemal KOZBAEV, März 2016, CC-BY-SA-4.0)


    Krankenhaus. Die Büste von I. P. Pawlow im Hof ist eine russische Zutat, das radförmige Objekt an der Fassade darüber dürfte ein ursprüngliches Gestaltungselement sein (Foto: Анастасия Кравцова, September 2015, CC-BY-SA-4.0)


    Die beiden wichtigsten Gebäude - Staatsarchiv und Mädchengewerbeschule - bringe ich in einem späteren Beitrag.

  • In den Jahren 1929-1930 errichtete Robert Liebenthal am Hansaring einen Neubau für das Preußische Staatsarchiv. Das im Krieg nur leicht beschädigte Haus wurde mit Beschluss des Ministerrats der RSFSR vom 27. Juni 1947 der im Jahr zuvor gegründeten Gebietsbibliothek zur Nutzung übergeben. Der Bibliotheksbetrieb in dem Gebäude wurde 1948 aufgenommen. Es ist heute als Kulturdenkmal von regionaler Bedeutung geschützt (Quelle).


    Kaliningrad (Königsberg), prospekt Mira 9-11 (проспект Мира 9-11, ehemals Hansaring), Gebäude des Staatsarchivs, heute Wissenschaftliche Bibliothek des Kaliningrader Gebiets (Foto: Kemal KOZBAEV, 13. März 2016, CC-BY-SA-4.0)


    Hier ein aktuelles Foto der linken Fassade mit blühenden Kastanien - Klick

    Die Fassade wurde offenbar 2018/19 restauriert und hat dabei neue, historisch korrekte Fenster bekommen. Zum Vergleich eine Ansicht des Staatsarchivs vor 1933:


    Königsberg, Preußisches Staatsarchiv, historische Fotografie, um 1931/32


    Das Gebäude des Staatsarchivs, jetzt Gebietsbibliothek (Foto: Аксеновский Эдуард, 16. September 2010, CC-BY-SA-3.0)


    Wissenschaftliche Gebietsbibliothek (Foto: Ekaterina Tikun, 29. April 2016, CC-BY-SA-4.0)


    Haupteingang der Wissenschaftlichen Bibliothek des Kaliningrader Gebiets. Hinter der verglasten Ecke befindet sich ein Treppenhaus

    (Foto: Ctac, 6. April 2018, CC-BY-SA-4.0)


    Blick in das Treppenhaus (Foto: Ctac. 6. April 2018, CC-BY-SA-4.0)


    Gebietsbibliothek (Foto: Ctac, 6. April 2018, CC-BY-SA-4.0)


    Die Fenster an dieser Seite sind Kunststofffenster mit dünnen vertikalen Leisten zur Imitation von Fensterteilungen. Ich schätze, dass sie irgendwann zwischen 1995 und 2010 eingesetzt wurden. Aus ästhetischer Sicht sind sie nicht ideal. Es folgen zwei Innenansichten aus dem Vortragsraum im ersten Obergeschoss.


    Vortragsraum in der Bibliothek (Foto: Ctac, 6. April 2018, CC-BY-SA-4.0)


    Vortragsraum in der Bibliothek (Foto: Ctac, 6. April 2018, CC-BY-SA-4.0)

  • Häuser, wie das zuletzt gezeigte, haben vermutlich deshalb so gut überlebt, weil sie zum Einen sehr einfach gestaltet waren, somit leichter reparierbar und nutzbar. Zum Anderen waren sie vermutlich auch optisch in das neue System leichter integrierbar. Ein "internationaler", modernistischer und nicht spezifisch deutscher Stil, der völlig reibungslos in die Sowjet-Kultur übernommen werden konnte.