Die Diktatur der Rasterfassade

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    • Diese absurden Vergleiche mit wahrlich gelungeneren Bauten sind nun wahrlich dem monoton-monströsen BND-Bau zu sehr schmeichelnd. Zitat:
      Strikt geradeaus sind die Fassaden entworfen, scheinbar immer im gleichen Takt gegliedert – die feinen Unterschiede nimmt man erst bei sehr genauem Studium dieser Riesenanlage wahr. Das erinnert an Hans Poelzigs IG-Farben-Bau in Frankfurt, an das einstige Reichsluftfahrtministerium Görings, und wie bei diesen wird die Mitte durch einen Ehrenhof betont. Erinnert ist damit aber auch an barocke Fürstenpalais mit ihren Vorhöfen, in denen heute noch in Paris oder einst im königlich-kaiserlichen Berlin an der Wilhelmstraße hohe Politik gemacht wurde.
      Das trifft es schon etwas besser. Die Konformität der Durchschnittlichen bzw. der Duckmäuser:
      Ein Regelbruch, zumal die BND-Zentrale im Unterschied zum vergleichsweise offenen Kanzleramt eine einzige riesige Misstrauenserklärung an den Anspruch jedes Menschen ist, als Individuum wahrgenommen zu werden. Diese Architektur erzählt immer wieder die eine Geschichte: nur nicht auffallen, nur nicht gegen den Strich denken, nur nicht Ich sein. Das schräge, gegen den Strich Denken, das Ungewöhnliche, Überraschende ist hier bestenfalls als Kunst am Bau vorgesehen.Kein auch nur halbwegs auf Erfolg ausgerichtetes kommerzielles Unternehmen, und schon gar keines, das wie der BND mit Informationen von und über Menschen handelt, würde sich heute noch eine solche Architektur errichten, die die Individualität der Mitarbeiter systematisch zur Nebensache macht.
    • Ich lese grade die Umfrage in dem Zeitungsartikel......eine von vier Antworten nebst "nicht schön aber wird Funktion gerecht" und ähnlichen Euphemismen, lautet: "Ich finde, dass das Gebäude einfach furchtbar aussieht". :lachentuerkis: :lachentuerkis:

      Kurz und Knapp ! Und mindestens 50 Prozent finden, es sieht furchtbar aus.....Volkes Mund tut Wahrheit kund.

      Ach ja, und raten Sie, welche Antwort ich gewählt habe.... ;)

      Noch ein ernster Zusatz: Das Gebäude ist nicht nur unschön und monoton, sondern hat m.E. auch eine regelrecht bedrohliche Ausstrahlung.- Es hat etwas Unheimliches, erinnert an George Orwells düsteren Klassiker "1984" (Zukunftsvision einer Weltdiktatur). Und ich denke es ist kein Zufall, dass dies Gebäude so aussieht....
      "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

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    • tachMarkus schrieb:


      Frage in die Runde: Ich hatte im Vorfeld ein paar Bauwerke in folgendem
      Stile gezeigt. Nun bin ich hin- und hergerissen, ob dem Betrachter unter
      dem Titel "Diktatur der Rasterfassade" der Kern der Aussage bewusst
      wird.


      Was meint ihr?
      Man sieht jetzt die Fassade aus großer Distanz, also man kann das Gebäude "fassen", das Raster als Teil der Proportionen relativieren. So wirkt es weniger bedrohlich. Diesen freigestellten Blick hatte man aber in realiter nicht. Man stand vielleicht 5 m, vielleicht 50 m davon entfernt und dann sieht man nicht einen Maßstab, man sieht einfach nur unmenschliches Raster, industrielle Architektur. Vielleicht als Visualisierungsidee: Den Ausschnitt, den man sieht, mit etwas anderem dazu, das Maßstab gibt (eine sensible Gründerzeitfassade vielleicht...).
      "Die Qualität städtischen Bauens resultiert aus einer Generationen währenden, kollektiven Leistung." Hans Kollhoff

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Chalco ()

    • Ich lese grade es gibt nicht eine, sondern mehrere Umfragen zum Gebäude in diesem Artikel. Eine lautet, wie das Gebäude auf einen wirkt.

      71 Prozent sagten: "Es sieht aus wie eine Festung und wirkt bedrohlich".

      Wahnsinn! Ich hätte das Volk nicht für so klug und sensibel gehalten.
      "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Petersburg ()

    • tachMarkus schrieb:

      Frage in die Runde: Ich hatte im Vorfeld ein paar Bauwerke in folgendem Stile gezeigt. Nun bin ich hin- und hergerissen, ob dem Betrachter unter dem Titel "Diktatur der Rasterfassade" der Kern der Aussage bewusst wird.

      Was meint ihr?
      Nun sicherlich erkennt man unter dem Titel "Diktatur der Rasterfassade" was du sagen willst. Dennoch - und das war ja schon mal ein leichter Kritikpunkt (obwohl es deine Arbeit als Kommunikationsdesigner ehrt) - ist es aus meiner Sicht viel zu "ästhetisch". Mit dem Untertitel in einer schönen und gut passenden Futura und dem "Lebensdatum" schaut es fast schon museal aus. Es mag sogar Leute ansprechen, die sonst nichts mit moderner Architektur am Hut haben so wie ich. Das könnte ich mir auch gut als Kunstdruck an der Wand vorstellen als eine Serie von Bildern. Aber abschreckende Wirkung hat das für mich nicht. Da fehlt aus meiner Sicht irgendwie der "shocking moment" wie das in einer gewachsenen, Jahrhunderte alten Stadtstruktur wirkt. Wie gammlig das Gebäude bereits nach wenigen Jahrzehnten ausgesehen hat.
      Eher wird sich so mancher Fragen, so losgelöst aus dem umgebenden urbanen Kontext, "Was, diese Ikonen hat man abgebrochen?, eine Schande!" Weil man einfach den destruktiven Charakter nicht erkennen kann.
      Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen. — Dr. Melanie Möller
    • thommystyle™ schrieb:

      tachMarkus schrieb:

      Frage in die Runde: Ich hatte im Vorfeld ein paar Bauwerke in folgendem Stile gezeigt. Nun bin ich hin- und hergerissen, ob dem Betrachter unter dem Titel "Diktatur der Rasterfassade" der Kern der Aussage bewusst wird.

      Was meint ihr?
      Nun sicherlich erkennt man unter dem Titel "Diktatur der Rasterfassade" was du sagen willst. Dennoch - und das war ja schon mal ein leichter Kritikpunkt (obwohl es deine Arbeit als Kommunikationsdesigner ehrt) - ist es aus meiner Sicht viel zu "ästhetisch". Mit dem Untertitel in einer schönen und gut passenden Futura und dem "Lebensdatum" schaut es fast schon museal aus. Es mag sogar Leute ansprechen, die sonst nichts mit moderner Architektur am Hut haben so wie ich. Das könnte ich mir auch gut als Kunstdruck an der Wand vorstellen als eine Serie von Bildern. Aber abschreckende Wirkung hat das für mich nicht. Da fehlt aus meiner Sicht irgendwie der "shocking moment" wie das in einer gewachsenen, Jahrhunderte alten Stadtstruktur wirkt. Wie gammlig das Gebäude bereits nach wenigen Jahrzehnten ausgesehen hat.Eher wird sich so mancher Fragen, so losgelöst aus dem umgebenden urbanen Kontext, "Was, diese Ikonen hat man abgebrochen?, eine Schande!" Weil man einfach den destruktiven Charakter nicht erkennen kann.
      Danke für die Zusammenfassung und Bestätigung. Als meine Freundin mir über die Schulter sah und "Schön!" meinte, war mir das schon fast klar. Es scheint wirklich zu ästhetisch.
    • Noch eine kleine Ergänzung zum Thema Fraktur:
      Hitler hat die Fraktur, die im Barock entstanden ist, keinesfalls geschätzt. Martin Bormann sprach sogar abfällig von den "Schwabacher Judenlettern" (in Bezug auf die der Fraktur vorausgehenden Alten Schwabacher, die im 16. Jh. weit verbreitet war, z.B. in der Lutherbibel).
      Anfangs verwendeten die Nationalsozialist*innen (hier macht das Gendersternchen mal Spaß) noch die Tannenberg-Schrift. Sie begegnet uns heute noch in einigen Stationschildern der Berliner S-Bahn.
      1941 wurde die Fraktur ebenso wie die Sütterlinschrift abgeschafft. Hitler befand, die römische Antiqua gleiche den germanischen Runen mehr.

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    • Vielleicht kannst du mal versuchen in die Perspektive zu gehen: Standpunkt am linken oder rechten Ende der Fassade, relativ nahe mit perspektivischen Fußgängerblick über die Fassade. Und das ganz als negativ, sprich die feinen Linien hell, die weißen Flächen schwarz und die hellen Flächen dunkel.
      Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen. — Dr. Melanie Möller
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      Solche Schuldfragen sind immer etwas heikel. Für mich aber liegt die "Schuld" bei den Architekten. Sie machen das Angebot. Die Jury, Politik entscheidet sich unter den eingereichten Angeboten. Wenn der Supermarkt entscheidet, dass er Knorr-Produkte aus dem Regal nimmt und stattdessen nur noch Maggi anbietet, ist der Kunde gezwungen, sich unter den angebotenen Produkten zu entscheiden. Beim Supermarkt kann der Kunde allerdings zur Konkurrenz abwandern, hat also eine Alternative gewahrt. Im Bauwesen wollen die Bauherren aber ein neues Museum, Krankenhaus, Rathaus. Sie können nur schwer sagen: "Der Stil gefällt uns gar nicht. Also warten wir mit dem Krankenhaus-Bau einfach mal 20 Jahre." Die Architekten weisen ihre "Schuld" natürlich stets von sich. "Schuld" seien die Verordnungen und das knappe Budget der Bauherren, die nur an das Sparen denken. Das stimmt zwar einerseits, aber ich prophezeie, dass bei mehr Budget statt Rasterfassade kein Jugendstil, sondern eben nur mehr im Libeskind-Stil entstünde. Es gäbe dann eben "abenteuerlichere" Konstruktionen, bei denen es nach vier Jahren durch das Glasdach regnet, was dann wieder sehr viel mehr kostet.