Das alte Konstantinopel

  • Wir beschäftigen uns hier ja oft mit zerstörten Städten, nur meist liegen die von uns behandelten Verheerungen ja nicht allzu weit zurück. Ich habe hier jedoch ein hochinteressantes Video gefunden, das die Architektur einer lange untergegangenen Zivilisation rekonstruiert.


    Aber seht selbst:


  • Lieber Triforium,


    vielen Dank für die Eröffnung dieses Themenstranges.


    Die größten baulichen Verluste seit dem unsäglichen Jahre 1453 dürften die fast totale Zerstörung des Großen Palastes - südlich der Hagia Sophia und östlich vom Hippodrom gelegen - und die Verdrängung der majestätischen Apostelkirche, in deren Anbau die Kaiser seit Konstantins Zeit in Porphyr-Sarkophagen zur ewigen Ruhe gebettet wurden, durch die Eroberer-Moschee (Fatih-Moschee) Sultan Mehmets II. sein.


    Mit dem heiligen Konstantinopel hat Europa in der Tat sein zweites vitales Herz verloren. Aber eines Tages soll ja die Göttliche Liturgie, die am 29. Mai des genannten unsäglichen Jahres durch die in die Kirche der Heiligen Weisheit eindringende osmanische Soldateksa abrupt und blutig unterbrochen wurde, in ihrer ganzen Erhabenheit zu Ende gefeiert werden, an dem Tag, auf den alle Griechen und viele Europäer hoffen...


    Hier noch ein 'Link' zu einer weiteren Seite, die sich mit dem Stadtbild Konstantinopels am Vorabend des unnötigen und brudermörderischen 4. Kreuzzuges 1204 beschäftigt:


    Dort sind sehr detailreich Computerrekonstruktionen aller wichtigsten Großbauten eingestellt:


    http://www.byzantium1200.com/contents.html


    Und hier ein Video von der Youtube-Seite von Byzantium1200 mit animierten Luftbildern der Stadt:



    Die Stadtmauern und die Schutzgräben:



    Pferderennen im Hippodrom:



    Konstantins-Forum:



    Und noch ein 'Rundgang':



    Also: Was sich heute 'Istanbul' (ein von den Türken furchbar verballhornter griechischer Satz: 'i stan polis' - für : 'in die Stadt') nennt, ist nur noch ein schwacher Abglanz der christlichen Kapitale und Mega-Metropole des Oströmischen und später Byzantinischen Reiches !

  • Wobei ich finde, dass die osmanische Architektur auch durchaus ihre Qualitäten hat, mit den beeindruckenden Großmoscheen

    Letztendlich hat aber - der gebürtige Christ und erst durch die osmanische Knabenlese zum Islam zwangskonvertierte - Sinan, Anthemios von Tralleis und Isidor von Milet nicht übertreffen können. Die Hagia Sophia blieb das unerreichte Vorbild für alle osmanischen Großmoscheen, da die osmanischen Bauherren zwar die äußeren Formen, nicht aber die hinter diesen stehende byzantinische Spiritualität kopieren konnten.


    Hier eine Rekonstruktion des Innenraums der 'Großen Kirche' mit ihrem für den christlichen Gottesdienst notwendigen Inventar:


    (Man beachte z.B. den Pantokrator in der Hauptkuppel)



    Und hier noch die wahre 'Stimme' der Hagia Sophia (nein, nicht das Plenum ihrer Glocken, daß den Quellen zufolge beindruckend gewesen sein muß, sondern orthodoxer, liturgischer Gesang).



    Die islamischen Hinzufügungen hat man sich natürlich wegzudenken.


  • Quote from Triforium

    Gerade die Apostelkirche muss ja wundervoll gewesen sein, nur in den Schatten gestellt von der Hagia Sophia!

    Die Apostelkirche hatte ja ihre Schwesterkirche in der Johannesbasilika von Ephesos (heutiger Zustand, Rekonstruktion), die immerhin in den Grundmauern erhalten ist - und die tatsächlich nicht durch die muslimische Eroberung (die hier schon um 1330 stattfand) zerstört wurde, sondern direkt durch ein Erdbeben Ende des 14. Jahrhunderts, und indirekt durch das fehlende Interesse an einer Weiternutzung und damit einem Wiederaufbau, da man bereits Mitte desselben Jahrhunderts eine Moschee direkt nebenan gebaut hatte - die übrigens ebenfalls schon einmal bis auf die Außenmauern verfallen war.


    Im Übrigen bin ich kein Verfechter davon, die osmanische Architektur als weniger hochstehend als die Byzantinische zu sehen - vor allem in der Frühzeit, bis zur Eroberung Konstantinopels, entstanden höchst individuelle Werke, die sich deutlich vom später vorherrschenden Einheitsstil absetzen und teils stark in byzantinischer Tradition stehen - etwa die Orhan-Bey-Moschee in Bursa von etwa 1340 (Ansicht, Grundriss) - oder völlig andersartige Einflüsse und eigenständige Entwicklungen zeigen - etwa die Çelebi-Sultan-Mehmed-Moschee von 1420/21 im griechischen Didymoticho mit ihrer einzigartigen Holzkuppel, die März diesen Jahres bei einem Brand vernichtet wurde.

  • Die osmanischen Bauten der Frühzeit sind noch sehr von der seldschukischen Architektur geprägt, welche wiederrum (teilweise) persischen Vorbildern folgt.


    Ich finde aber auch die osmanischen Architektur der Spätzeit kunstgeschichtlich sehr interessant, als da abendländische Baustile aufgenommen und neuinterpretiert wurden.


    So gibt es zum Beispiel den osmanischen Barock:


    https://www.google.de/search?c…PEc#imgrc=voD6cV0JhbWdTM:


    https://www.google.de/search?c…PEc#imgrc=D7hwyYyigitw-M:


    https://en.wikipedia.org/wiki/Ortak%C3%B6y_Mosque (Neo-Barock)


    https://de.wikipedia.org/wiki/Ortak%C3%B6y-Moschee


    https://en.wikipedia.org/wiki/…Mosque,_Konya,_Turkey.jpg


    https://www.google.de/search?q…&biw=1536&bih=704#imgrc=_


    Im 19. Jahrhundert wurde in Konstantinopel (die Stadt wurde erst unter Atatürk offiziell zu "Istanbul") im Stile einer europäischen Metropole gebaut. Trotzdem blieb auch der orientalische Einfluss sichtbar.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Dolmabah%C3%A7e-Palast


    https://de.wikipedia.org/wiki/Beylerbeyi-Palast

  • Nach dem Ansehen dieser tollen Rekonstruktionsvideos sollten wir nicht ins Jammern über den Verlust dieser wundervollen, antiken Bauten verfallen, obschon es auch irgendwie berechtigt wäre. Aber es bringt nichts, außer daß es uns danach schlecht geht. Weltreiche und Kulturen kommen und gehen und haben ihre Zeit! Freuen wir uns über das , was noch da ist. Vor allem über die Hagia Sophia, die Krone des alten Konstantinopels. Sie steht noch, kann betreten und besichtigt werden, sie ist noch nicht wieder zur Moschee umfunktioniert worden.
    Mir wurde 2012 das Glück geschenkt diese wunderbare byzantinische Kirche sehen und besichtigen zu dürfen. Was ein erhabenes Gefühl in diesen antiken Hallen wandeln zu dürfen, an den bronzenen, alten Portalflügeln vorbei diese riesige Halle zu betreten. Was für ein Raumwunder mich da aufgenommen hat. Unbeschreiblich! Erfüllt Euch diesen Wunsch, wenn Ihr ihn habt. Die Hagia Sophia erleben zu dürfen..., dann habt ihr die "Architektur der Welt" gesehen!
    Habe nun auf Anregung dieses Fadens dank Triforium gleich mal nach meinen Fotos gekramt! Frage mich nun ob ich die hier gesammelt ohne viel drumherum einstellen sollte!? Gäbe auch viele ferne Stadtansichten über den Bosporus hinweg und die großen Moscheen zu sehen.

  • Der Untergang von Konstantinopel war nicht nur für die griechischen Welt, sondern auch für den lateinischen Westen ein traumatischer Schock, der seinen Niederschlag in der zeitgenössischen Musik fand. Hier jeweils ein Beispiel:




    Letztendlich war man sich auch im Westen bewußt, daß diese Stadt und das von ihr aus regierte Reich mit ihren 'breiten Schultern' das enstehende, junge Europa über Jahrhunderte hinweg geschützt und damit die Entwicklung des christlichen Abendlandes überhaupt erst möglich gemacht hatten. Die kulturelle Befruchtung Europas durch Byzanz begann sehr früh und reicht von der verkleinerten Übernahme der Bauformen der Apostelkirche für die Markus-Basilika in Venedig, über den - nicht ganz freiwilligen - Export von unschätzbaren kunsthandwerklichen Kostbarkeiten nach 1204 vom Bosporus an den Kanale Grande, bis hin zum Anstoß für die Renaissance durch byzantinische Exilanten in Westeuropa nach 1453, um nur einige wenige der bekannteren Beispiele zu nennen.
    Man hätte diesem Staatswesen und dieser Stadt eine evolutionäre Weiterentwicklung und damit ein ungebrochenes Überleben bis in unsere Tage gewünscht ! Nun, es ist anders gekommen...

  • Istanbul ist ohne Zweifel immer eine Reise wert. Ich war aber von der eigentlichen Altstadt sehr enttäuscht. Wo früher 12000 Holzbauten standen, stehen nur hässliche Betonblocks. Ganz wenige Osmannische Holzhäuser stehen noch - aber nicht mehr lange.


    DW-Beitrag

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Besichtigungsgang zur Hagia Sophia, Istanbul Juli 2012



    (Auf die Schnelle ungeordnet eingestellt!)


    Über diesen Link sind weitere Ansichten Istanbuls, vor allem die blaue Moschee, die Stadtsilhouette bei Sonnenuntergang, eine Fahrt über den Bosporus von der asiatischen Seite zur europäischen und die weiteren Moscheen eingebettet in der Stadtansicht zu sehen!
    Viel Augenfreude damit!
    http://stadtbild-deutschland.org/bilder/album/NF







































    Eigene Fotos!

  • In Bezug auf die Abrisse: Sollte aber nicht die erneute Wertschätzung des osmanischen Reiches unter Erdogan auch ein Interesse daran wecken, die architektonischen Zeugnisse dieser Epoche zu bewahren? Ich stelle mir Istanbul immer als unglaublich urban vor, ein gewaltiges Gassengewirr, durch das man wochenlang irren kann, um immer neue Entdeckungen zu machen.


    Es passt zwar nicht wirklich zum Thema, aber es wird gerade in Istanbul eine neue, gigantische Großmoschee in osmanischem Stil errichtet, die "Moschee Çamlıca". Auch sehr beeindruckend:


    https://www.google.de/search?q…_AUICygC&biw=1536&bih=704



    Habe nun auf Anregung dieses Fadens dank Triforium gleich mal nach meinen Fotos gekramt! Frage mich nun ob ich die hier gesammelt ohne viel drumherum einstellen sollte!? Gäbe auch viele ferne Stadtansichten über den Bosporus hinweg und die großen Moscheen zu sehen.


    Das wäre natürlich toll, Schortschibähr!!!

  • Großartige, atemberaubende Bilder SchortschiBähr !


    Ich habe mir erlaubt, eines der Bilder etwas zu bearbeiten, um auf etwas hinzuweisen, was in unseren Tagen nicht ganz ohne Relevanz zu sein scheint:


  • Alleine die kurze Bauzeit der Hagia Sophia vermag uns heute noch in Staunen zu versetzen. Dieses gigantische Gotteshaus wurde in nur fünf Jahren (!) errichtet! Diese Tatsache alleine reicht, um die hohe Zivilisation des römischen Griechentums zu verdeutlichen. Da hat Justinian Salomo wahrhaftig übertroffen!

  • @Triforium & Pagentorn


    Sie beide bezeichnen den Untergang Konstantinopels / Ende von Byzanz folgerichtig als Tragödie. Mindestens ebenso tragisch empfinde ich aber auch den Verlust des griechischen Gepräges der Stadt, welches bis zu den Pogromen 1955 fortlebte. Die Istanbuler Griechen waren ja ausdrücklich vom Lausanner Vertrag 1923 ausgenommen und durften im Gegensatz zu den Pontos-Griechen im Küstenbereich des Schwarzen Meers genau wie die Griechen an der türkischen Ägäisküste in ihrer Heimat bleiben (total mehr als 1,7 Mio.). Konstantinopel war vor dem 1. Weltkrieg ein wahrer "Melting pot" der Völker: Griechen, Türken, sephardische Juden, Armenier etc. die seit Jahrhunderten die Stadt besiedelten und ihr einen enormen kulturellen Reichtum bescherten. Wenn man sich genauer mit diesem spannenden Thema (Griechische Kolonisation) auseinandersetzt, dann zeigt sich einem den bis in die Antike zurückreichenden Einfluss der Griechen (vielleicht kann man das Thema ausgiebiger im Keller besprechen?):


    Quote

    Während noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast 500.000 Griechen in Ägypten in und um die Stadt Alexandria lebten, waren es 1950 nur mehr noch knapp 100.000 und im Jahr 2000 kaum mehr als 800.


    Daneben siedelten Griechen bis ins 20. Jahrhundert an der bulgarischen Schwarzmeerküste um die Stadt Burgas sowie in Ostthrakien. In den Städten Constanța, Plowdiw (gr. Philippópoli Φιλιππόπολη), Warna und Odessa bildeten sie große Gemeinden. In der Ukraine, in Teilen der Krim und um die Stadt Mariupol leben bis heute beträchtliche griechische Minderheiten, die ebenfalls eine Variante des Pontischen sprechen.


    Wer mehr in das alte Konstantinopel / Istanbul eintauchen will dem empfehle ich folgende Bücher:


    Sebastian Fleming: Byzanz (Historischer Roman)


    Orhan Pamuk: Istanbul - Erinnerungen an eine Stadt


    Mario Levi: Istanbul war ein Märchen


    Ahmet Hamdi Tanpinar: Seelenfrieden

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Von dem 3D-Reko-Video "Die Wasser von Konstantinopel", das Pagentorn uns dankenswerterweise rausgesucht hat, bin ich so derart begeistert (extrem authentisch gemacht!!!), daß ich noch ein paar Bilder aus der Hagia Sophia rausgesucht habe, mit einer besseren, aber leider auch nicht guten Kamera fotografiert als die Bilder weiter oben. Entschuldigt die schlechte Qualität. Das waren noch meine alten Kameras.
    Diesmal ist der Schwerpunkt etwas mehr auf die mamornen Wandvertäfelungen gerichtet. Welch' ein Kunsthandwerk und kreatives Spiel mit den Maserungen des Gesteins und deren vielfältige ornamentale Anordnung in den Gliederungen der Innenwände. Hier können wir noch die antike Kunst der Marmorinkrustationen im Bodenbelag und den Wandverkleidungen bewundern. Damals glänzte das alles noch. Jetzt ist es eher eingetrübt und verschmutzt. Die Hagia Sophia bräuchte dringend mindestens eine Reinigung!


    Hagia Sophia, Istanbul, 2012
























    Fotos eigene!

  • What all was lost...


    Gegen Ende des folgenden Videos wird über Verluste infolge des 29. Mai 1453 gesprochen, die uns Menschen des 21. Jahrhunderts zwar nicht gleich in den Sinn kommen, deren Auswirkungen jedoch für die Geistesgeschichte Europas verheerend waren...


    Welch dramatischer Abbruch bisher gelebter und lebendiger Kontinuität !