Worms - die Nibelungen- und Lutherstadt Innenstadt (Galerie)

  • Eigentlich, habe ich mir gerade gedacht, vereinen ansonsten nur wenige Städte (oder keine) die zentralen Aspekte der deutschen Geschichte derart in sich wie Worms. Da wären einerseits die keltisch-römischen Wurzeln der Stadt, die sich mit der germanischen Herrschaft in der Frankenzeit zu einem verdichteten Abbild unserer Frühgeschichte verbinden. Dann ist Worms, wie Wissen.de schon geschrieben hat, natürlich Handlungsort des Nibelungenliedes, des deutschen Nationalepos, was der Stadt an sich schon einen besonderen Platz im kulturellen Bewusstsein verschafft. Der Dom zeugt vom Glanz des mittelalterlichen Kaisertums, das zugleich ein Höhepunkt, aber auch ein Verhängnis deutscher Geschichte war. Krönung der bewegten Historie ist natürlich der Reichstag von Worms, wo Luther einen seiner symbolträchtigsten Auftritte hatte. Die Reformation gehört sicherlich zum wirkmächtigsten, was der Mitte Europas in all den Jahrhunderten entsprungen ist. In Worms werden also wie in einem Brennglas Nationalmythen verdichtet, die für frühere Generationen maßgeblich die Vorstellung von Deutschland prägten - das Nibelungenlied, die Macht des Reiches vor dem Interregnum, Luther. Dann kommt da noch, wie Grimminger geschrieben hat, die große jüdische Tradition hinzu, die Deutschland auch geprägt hat und leider im dritten Reich vernichtet wurde.


    Die Wormser können auf dieses Erbe stolz sein, aber gleichzeitig auch die daraus erwachsende Verantwortung erkennen. Eine große Vergangenheit ist nichts, worauf man sich ausruhen sollte, im Gegenteil, es sollte dazu anspornen, sich dieser als würdig zu erweisen. Worms ist eben nicht irgendeine beliebige Stadt, sondern eine zentrale Stätte deutscher Historie. Das sollte auch nicht nur an den herausragenden Einzelbaudenkmälern wie dem Dom, der Nibelungenbrücke oder der Synagoge erkenntlich werden, sondern auch ansonsten im Stadtbild ablesbar sein.

  • Hervorragend formuliert, Triforium!


    Tatsächlich wird diese große Tradition kaum wo offenbar, die von dir schon genannten Einzelbauten ausgenommen.


    Worms kann immerhin mit einer gewissen Legitimation von sich behaupten, die älteste Stadt Deutschlands zu sein, ist sie doch diejenige, die in den Arbeitskreis der ältesten Städte Europas aufgenommen wurde.
    Dem Stadtbild hilft dies freilich an keiner Stelle weiter.


    Und so wie ich die Stadt in den letzten Jahren bei Besuchen kennengelernt habe, wird sich hier in Sachen Rekonstruktion in nächster Zeit nichts tun.


    P.S.: Ich musste gerade feststellen, dass der Arbeitskreis wohl seit 2006 nicht mehr besteht. Hm, wieder etwas gelernt. 11 Jahre später. ;)

  • So, die Tour geht nach einem Tag Unterbrechung weiter, leider hat das mit der Symbiose mit Neußer im ersten Versuch noch nicht so geklappt wie erhofft :lachentuerkis: , aber er reicht seine Bilder dann nach, wenn meine Bilder eingestellt sind, also ihr könnt euch auf eine fast vollständige Doku der Innenstadt freuen.


    Ich setze den Rundgang am südlichen Marktplatz fort. Blick auf einen der besser gelungenen Neubauten im Wormser Zentrum



    Im Vordergrund zu sehen ist der Siegfriedbrunnen, mit der überlebensgroßen Statue des Drachentöters. Errichtet wurde der Brunnen erst 1921 nach Entwürfen von Adolf von Hildebrand.


    Dann geht es über die Straße hoch zum Kaiserdom St. Peter. Dazu habe ich ja bereist eine umfassende Galerie eingestellt, so dass der Bau hier nur am Rande Erwähnung findet (Worms - Kaiserdom St. Peter (Galerie))




    Es geht jetzt am Dom rechts vorbei zum Schlossplatz und blicken auf das Heylsschlösschen





    Die Nordseite macht durchaus einen akzeptablen Eindruck



    Dieser real-life-Anblick ist der Situation aber völlig unwürdig. Um UNESCO-Welterbe zu werden müsste dieser Bau wohl als erstes fallen.



    Blick zur Dreifaltigkeitskirche




    Und dann der Dom und das Heylsschlösschen, das ist schon wieder eher welterbelike :D:D



  • Brunnen am Schlossplatz



    Ein wirklich tolles Ensemble




    Und jetzt geht es auf historisch extrem bedeutsamer Terrain, nämlich den Heylshofpark, dem Ort des ehemaligen Bischofpalastes. Dort lag nicht nur der heilige Tempelbezirk der Römer, die Königsburg der Nibelungen und der Hof des Bischofs von Worms, hier fanden auch die Reichstage statt und damit auch die Konfrontation Luthers mit Kaiser Karl V. Der 17. und 18. April 1521 markieren einen der einschneidensten Ereignisse europäischer Geschichte, als es eben Martin Luther war, der sich in Worms weigerte, seine Thesen zu widerrufen und damit epochale Umwälzungen auf dem Kontinent einleitete, die die europäische Geschichte über Jahrhunderte prägen sollte und an deren Ende die Reformation und die Spaltung der Kirche stand. Die gesamte Anlage wurde 1689 durch die Franzosen zerstört, der geschichtliche Ort aber bleibt.





    Es geht hinauf in den Park



    Blick auf Heylshof, welcher heute als Kunstmuseum genutzt wird.





    Und dann wird es extrem trauirg, wenn wir uns nämlich den Zustand des Parks anschaune, ich lasse das zunächst mal unkommentiert



    Hier fehlt nur der Arm, die anderen Statuen sind beinahe völlig zerstört



    Blick zum Dom


  • Und jetzt wird es für alle Kunsthistoriker und Liebhaber von authentischem Material echt bitter, ich habe noch in keinem Park gesehen, dass man original Skulpturen so lange der Verwitterung aussetzt, bis faktisch nichts mehr übrig ist. Teile der Figuren lagen auf dem Boden, ich hätte sie am liebsten eigenhändig zur Restauration getragen



    Ob hier noch etwas zu retten ist, ich weiß es nicht, vermutlich muss man eine komplett neue Figur anfertigen



    Weiter Richtung Süden sieht es nicht besser aus, wir kommen zur alten Stadtmauer und dem Herkulesbrunnen




    Auch der Brunnen ist in einem desolaten Zustand



    Immerhin weißt ein Schild auf eine anstehende Restaurierung hin, hier ist es echt fünf nach zwölf, ich hoffe, dass mit dem anstehenden Rheinland-Pfalz Tag in Worms im nächsten Jahr die Restaurierung dann zumindest begonnen hat.




    Man sieht, die Substanz ist schon fast nicht mehr als solche zu bezeichnen, wie kann man sein Kulturerbe an so einem wichtigen Ort so verrotten lassen?



  • Wenigstens die Bismarck-Statue macht einen guten Eindruck



    Wie sind jetzt schon auf der Westseite des Doms



    Wieder Originalfragmente in sehr schlechter Verfassung



    Es geht hinaus auf den Platz der Partnerschaft





    Blick zum Dom




    Und dann die Baustelle zum "Haus am Dom"







    Blick zum Dom und zur Baustelle



    Nachtrag:



    Heute Abend geht es dann weiter mit der Magnuskirche im Süden der Stadt.

  • Geht es nur mir so oder erinnert dieser gelungene Neubau neben der Dreifaltigkeitskirche nicht irgendwie sehr an Nürnberg?? Teils wecken die "angepassteren" Nachkriegsgebäude um den Wormser Marktplatz herum auch Würzburger Assoziationen, wo der Stil der wiederaufgebauten Altstadt ja ein ähnlicher ist.


    Der Zustand des Parks ist natürlich ein Jammer und da drängt sich unwillkürlich wieder das von mir oben geschriebene auf: Aus einer bedeutsamen Vergangenheit erwachsen große Verpflichtungen auch in der Gegenwart. Ein solches Erbe ist nichts abgeschlossenes, fertiges, sondern etwas, woran stetig gearbeitet werden muss, damit das früher entzündete Feuer nicht erlischt. Wie kann man eine so zentrale Stätte der deutschen Geschichte derart verkommen lassen?! Es will einfach nicht in meinen Schädel.


    Auch wenn ich es schade finde, dass der Heylshof nur vereinfacht wiederaufgebaut wurde, bietet er gemeinsam mit dem Dom doch noch ein beeindruckendes Ensemble von internationalem Rang. Worms hat trotz Kriegszerstörung und teils verfehltem Wiederaufbau eben doch noch einiges zu bieten.

  • Der Parkzustand ist wirklich katastrophal. Aber was ist eigentlich mit dem Heylsschlösschen selbst bzw. dessen Brüstung? Hat der Malermeister auf halbem Weg aufgehört, die Brüstung zu streichen?

  • Dieser real-life-Anblick ist der Situation aber völlig unwürdig. Um UNESCO-Welterbe zu werden müsste dieser Bau wohl als erstes fallen.

    Jawohl, das Unding vor dem Dom müsste unbedingt weg. Gerade die Umgebung des Domes und des Rathauses könnte sonst recht annehmbar sein.
    Ich finde übrigens den Wormser Bahnhof im sogennanten "Nibelungen Stil" ganz grossartig.

  • Der Parkzustand ist wirklich katastrophal. Aber was ist eigentlich mit dem Heylsschlösschen selbst bzw. dessen Brüstung? Hat der Malermeister auf halbem Weg aufgehört, die Brüstung zu streichen?

    Da kann ich mich nur anschließen, der Zustannd ist eine Zumutung. Dabei muss man ja auch sagen, dass wir es nicht mit einem Park von der Größe Potsdams zu tun haben. Es geht hier faktisch um den Herkulesbrunnen, einen ganz kleinen Teil der Stadtmauer und vielleicht 7 Skulpturen. Wie man mit der Restaurierung so lange warten kann, bis von den Originalen so gut wie nichts mehr übrig ist, das ist schon ein kulturelles Verbrechen. Gerade an diesem zentralen Ort.


    Was die Malerarbeiten angeht, so passt das leider perfekt ins Bild dieser Stadt, es ist wirklich partiell zum Heulen, was eines der reichsten Länder der Welt mit seinem Erbe so anstellt.

  • Ja genau, Bostonian, das habe ich mir auch schon gedacht. Ich finde den Marktplatz eigentlich, verglichen mit den anderen am Anfang der Galerie gezeigten Quartieren, auch ganz ordentlich. Natürlich ist er kein Highlight deutschen Städtebaus, aber es gibt anderswo bei weitem schlimmere Anlagen. Die Häuser in diesem "Würzburg-Stil" sind zwar auch keine architektonischen Meisterleistungen, jedoch vermitteln sie immerhin noch etwas Altstadtcharakter und halten sich soweit zurück, dass die erhaltene Pracht ungestört wirken kann. Generell scheint hier ja auch noch vergleichsweise viel Altbausubstanz erhalten zu sein, was der Ausstrahlung der Gegend natürlich nur dienlich sein kann. Das Rathaus halte ich, wie schon geschrieben, für relativ gelungen und die Dreifaltigkeitskirche spricht mich sowieso sehr an. Am Marktplatz spürt man immerhin noch, dass man sich in einer bedeutenden alten Stadt befindet, was ja in Worms sonst meist nicht so wirklich der Fall ist. Die Gegend um Dom, Dreifaltigkeitskirche und Rathaus bietet also durchaus Potential und mit etwas Pflege könnte hier ein recht nettes Zentrum entstehen.

  • Auch diese Häuserzeile auf der Nordseite des Schlossplatzes (vom Dom aus gesehen zwischen Heylshof und Bankgebäude) ist, wie Wissen.de schon geschrieben hat, ganz passabel und schadet der historischen Atmosphäre, welche aus den herausragenden Einzelbaudenkmälern entsteht, immerhin nicht. Die Bauten sind recht kleinteilig und verfügen wenigstens über Schrägdach und Fensterläden, was sie als wenigstens etwas angepasst erscheinen lässt. Das ist genau die Bauweise, der ich im vorherigen Beitrag die ominöse Bezeichnung "Würzburg-Stil" verpasst habe. Ich weiß, dass hierzu die Forumsmeinung geteilt ist, aber ich finde, dass es schon einmal einen gewaltigen Unterschied macht, ob die Nachkriegsbauten über Schräg- oder Flachdächer verfügen. Letztere wirken aktiv gegen ein Altstadtgefühl, wohingegen erstere ein solches zwar schwerlich aus sich heraus erzeugen können, aber in Verbindung mit Erhaltenem durchaus zu einem Stadtbild in der Lage sind, das zwar den Vorkriegszustand nicht ersetzt, aber dennoch immerhin einen Eindruck von Historie vermitteln kann.


    Würde man auch noch den Park auf Vordermann bringen, dann könnte sich Worms hier echt sehen lassen.

  • Triforium kann ich in seiner Analyse nur zustimmen, ich hatte es glaube ich in Frankfurt auch schon mehrfach erwähnt, welch urbane Wirkung den Dächern zukommt. Warum man sich derart ans Flachdach klammert, ich verstehe es nicht, dem Stadtbild tun diese Auswüchse vor allem in den Altstadtkernen nie gut.


    Weiter geht es mit der Galerie im Süden der Wormser Innenstadt; es geht zur Magnuskirche und dem ehemaligen Andreasstift.


    Zunächst liegt in der Dechaneigasse die Jugendherberge auf dem Weg.




    Und dann erreichen wir auch schon die Magnuskirche am Weckerlingplatz



    Gegenüber liegt das ehemalige Andreasstift, welches heute das Museum der Stadt Worms beheimatet



    Blick zurück zum Dom



    Magnuskirche - Die Einraumkirche aus karolinischer Zeit (8. bis 9. Jahrhundert) wurde später zu einer dreischiffigen Pfeilerbasilika erweitert. Sie stellt die Pfarrkirche des ehemaligen Andreasstiftes dar und gilt als Ausgangspunkt der Reformationsbestrebungen in Worms.




  • Es geht in die Kirche hinein



    Gewölbe



    Altar




    Orgel



    Erhalten ist hier leider nicht wirklich viel, wie in der Dreifaltigkeitskirche auch schon.


    Dafür gibt es noch Reste historischer Bebauung, was den Platz insgesamt recht schön erscheinen lässt.






    Es geht zum ehemaligen Stiftsgebäude, einer ehemaligen romanischen Kirche, welche später gotische Erweiterungen erfahren hat. Sie diente als Stiftiskirche, heute beheimatet sie das Historische Museum der Stadt Worms.


  • Portal



    Reste der ehemaligen Stadtmauer





    Tor




    Drache




    Im Hof selber läuft die Sanierung des Baus, wenigstens hier passiert mal was.




    Magnuskirche und Dom


  • Wir kommen zum schönsten Fleckchen in der Innenstadt, dem Neumarkt




    Adlerapotheke, repräsentatives Bürgerhaus des Barock, erbaut 1725 und Geburtshaus des Komponisten Rudi Stephan






    Wie bereits zuvor beschrieben, ist dies die einzige Ecke, wo man den Geist des alten Worms erahnen kann, dabei wäre es verhältnismäßig einfach, zumindest dem Areal um den Dom und den Marktplatz wieder eine Altstatdatmosphäre zu verleihen, die Eingriffe hielten sich in Grenzen, man müsste es nur wollen.

  • Es geht jetzt zunächst in die Wollstraße, ich zeige nur Bilder, die erträglich sind, den Rest schenke ich mir :D






    Die Tür, naja, das hätte man auch anders lösen können, wenigstens hat man die historische Tür davor nicht rausgerissen, ist ja auch schon mal was.






    Dieser Bau war sehr schön




  • Es geht jetzt hoch Richtung Hagenstraße




    Ein real life Bild muss aber sein :lachentuerkis::lachentuerkis:



    Blick in die Fischstraße




    Wenn man auf die Details guckt, ist das sicher eher in Heimarbeit gestrichen worden als fachgerecht, aber besser als nichts :lachentuerkis:




    Wir sind am Ende der Hagenstraße und je weiter man sich vom Zentrum entfernt, umso mehr Altbauten gibt es noch.



  • Jetzt aber zu einem sehr schönen Ort, dem Rest der Stadtmauer an der Petersstraße







    Das Tor ist gerage so 1,90 hoch, wurde für mich schon schwer aufrecht durch zu kommen :D:D




    Rückseite



    Hier befindet sich auch das Nibelungenmuseum