Orte, die erst nach dem 2. Weltkrieg zerstört wurden

  • Generell fällt mir hier in Württemberg auf, wie viele sogar kleinere Ortschaften und Städte ihrer architektonischen Schätze beraubt wurden ... und das ganz ohne Kriegszerstörungen. Ich war vor einigen Wochen in Bopfingen. Das ist eine kleine Stadt am Fuße des Ipf - ein Zeugenberg und Ausläufer der Schwäbischen Alb. Ostalb, um genau zu sein. Bopfingen besaß bis 1802 den Status einer Reichsstadt, obwohl sie relativ klein und unscheinbar wirkt, allerdings zeugen nicht mehr viele Gebäude von dieser Zeit, abgesehen vom Bereich des kleinen Marktplatzes mit angrenzendem Rathaus. Dieser Ort wurde meines Wissens nach im Krieg nicht zerstört, jedenfalls kann ich mir das nicht vorstellen und auch in den Chroniken wird eine größere Zerstörung nicht erwähnt. Im Umland gab es auch keine kriegswichtigen Produktionsstädten. Einzig die Bahnstrecke nach Stuttgart und Nördlingen hätte für die Amerikaner und Briten ein lohnenswertes Ziel abgegeben. Aber offenbar war selbst die zu unwichtig und Bopfingen wohl zu weit ab vom Schuss. Dafür spricht auch, dass das benachbarte und deutlich größere, dazu architektonisch reichere Nördlingen ebenfalls glimpflich davonkam.
    In Bopfingen muss nach dem Krieg der typisch schwäbische Fortschrittswahn geherrscht haben. Kaum ein Haus, dass noch aus reichsstädtischer Zeit zeugt, dafür aber unzählige farblose 50er/60er/70er-Jahre Häuser. Dasselbe Phänomen kommt auch in dutzenden anderen Ortschaften im Schwabenland vor. Weiß jemand, was hier geschah?

  • Es gab keinen Fortschrittswahn in dem Ort, sondern Kriegseinwirkungen. Wikipedia hat offenbar das "allumfassende Wissen" nur von einer Seite abgeschrieben (http://www.bopfingen.de/,Lde/94187.html) und eine andere übersehen (http://www.bopfingen.de/,Lde/94394.html).


    Zitat: "1941 In der Nacht vom 14./15. Oktober wurde Bopfingen, vermutlich von englischen Flugzeugen, bombardiert. Juden wurden in vier Deportationszügen nach Stuttgart ins Lager Killesberg gebracht."

  • Ja, das haben wir schon mehrfach besprochen, und ich habe auch darauf hingewiesen, dass man von diesem Befund wiederum das fränkische Nordwürttemberg (die Hohenloher Ebene mit dem Schwerpunkt Schwäbisch Hall) ausnehmen muss.

  • Mir liegt keinesfalls daran, hier Zeno indirekt zu widersprechen; aber Kempten (Allgäu), kann, obwohl jedenfalls das historische Zentrum von Kriegszerstörungen weitgehend verschont wurde, infolge der Altstadtsanierung in der Nachkriegszeit schon mit einer "Schadenskarte" aufwarten, die sich hinter schwer von Luftangriffen getroffenen Städten nicht zu verstecken braucht. Die weiträumigen Abrisse v. a. im ehemals reichsstädtischen Teil dürften in unzerstörten Städten ohne Vergleich seien.


    Später erfolgte dort hingegen ein deutliches Umdenken mit der sorgsamen Restaurierung historischer Bausubstanz und sogar einer kleinen Reko-Welle, angefangen vom Gallo-römischen Tempelbezirk bis hin zu zwei Stadttoren.

  • Die Geschichte gibt es aber nicht nur im Süden. Spontan fallen mir die Städte Greven und Emsdetten bei Münster ein, die bis heute so ziemlich alles, was ein gewisses Alter erreicht hat, abreisst und durch Neues ersetzt.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • In Memmingen und Biberach, ebenfalls Oberschwaben, wurde ebenfalls seit dem Zweiten Weltkrieg viel Bebauung ausgetauscht, bald mit noch recht annehmbaren, bald mit eher nicht mehr akzeptablem Ergebnis. Wangen kam mir früher selbstverständlich vor, heute manchmal wie eine Insel der Seligen.


    PS: In Memmingen war ich lange nicht mehr, aber Biberach hat zumindest keine riesigen Bausünden in der Stadtmitte – jedoch sehr viele (mehr oder weniger gelungene) Neubauten, die höchstens teilweise auf Kriegsschäden zurückzuführen sind.


    PS2: Natürlich gibt es auch in der Wangener Altstadt vor allem in der Schmiedstraße einige wenige Nachkriegsbauten. Aber solange ich mich erinnern kann, kenne ich nicht einmal einen Abrissgedanken – in der gleichen Zeit wurde in Memmingen massiv abgerissen!

  • (...) Das bayerische Schwaben und das württembergische Oberschwaben besitzen ein hohes Traditionsbewusstsein und pflegen ihre alten Städte. Im restlichen Württenberg herrscht dagegen eine völlig andere Einstellung.


    (...) Unter allen Regionen Deutschlands gibt es gewisse Grundübereinstimmungen. Aber Altwürttemberg fällt ziemlich aus dem Rahmen, weil sich dort von früh bis spät das ganze Leben nur um eines dreht, nämlich materiellen Besitz und Geld. Irgendwas ist bei denen anders, was unsereins nie verstehen wird.
    (...) Aber das Thema Denkmalschutz in Württemberg haben wir ja schon unzählige Male im Forum besprochen...

    Und wir haben ja auch schon mehrfach diskutiert, dass diese Entwicklung nicht völlig unverständlich ist, deckt sie sich doch interessanterweise mit der konfessionellen Verteilung in Baden-Württemberg. Alt-Württemberg ist mehrheitlich protestantisch.

  • Das mit den Schwaben ist ja jetzt geklärt. Bayerische Schwaben, Württembergische Schwaben, Oberschwaben... Ich bin auch nur ein "Reigschmeckter" aus dem Preußenland. Ich hoffe, man sieht es mir nach.


    Überraschend ist für mich immer wieder die Feststellung, wie viele doch unwichtig wirkende Orte damals im Krieg bombardiert wurden, auch wenn es nur eine Bombennacht gewesen sein sollte. Sogar Landstädte und teilweise Dörfer wurden angegriffen. Die Alliierten müssen Unmengen von Spreng- und Brandbomben produziert haben, dass sie schon gar nicht mehr wussten, wohin mit dem ganzen todbringenden Zeug. War die Last, die man auf Bopfingen abwarf vielleicht noch eine Restmenge, die man von einem vorangegangen Angriff übrig hatte? Vielleicht Nürnberg? Oder "Probebombardierungen" auf dem Weg dorthin?


    Hier in Württemberg, besonders im Großraum Stuttgart, sind diese sich selbst überlassenen Straßenbilder doch recht häufig. Besonders negativ fiel mir das immer wieder im Bereich des Filstals auf. Entweder lässt man Gebäude gnadenlos verfallen, bis gar nichts mehr zu retten ist und ein Komplettabriss rentabler ist als eine Rekonstruktion/Restaurierung. Oder man saniert die Häuser dahingehend, dass von der alten Bausubstanz gar nichts, oder nur noch ein Bruchteil übrig bleibt: Unnatürlich wirkende Fassadenfarben außen dran, komplett andere Dachaufbauten und Neuanordnungen der Fenster, Isolierungen der Fassaden, Türen/Fenster an komplett anderen Stellen als zuvor etc. Das Handwerk hier schreit geradezu nach solchen Aufträgen, da wird ein Mordsreibach gemacht. Die Baumarkt- und Großbauhändlerdichte in der Region ist auch einer der höchsten Deutschlands - so ist zumindest mein subjektiver Eindruck, wenn ich hier unterwegs bin.

  • Schlimm fand ich auch Waiblingen, als ich es besuchte. Ich kannte nur die Eckdaten (50.000 Einwohner, nicht/kaum kriegszerstört, ehemalige Reichsstadt, begehbare Stadtmauer samt Turm). - Man kann dort die Stadtmauer begehen und es gibt dort einige Fachwerkhäuser und "nette" Sträßchen, aber insgesamt fande ich die Stadt sehr, sehr enttäuschend. Vieles kaputt saniert, eine furchtbare "neue Mitte" etc. Läge Waiblingen in Thüringen, Franken oder Baiern, könnte man es für eine schwer kriegszerstörte Stadt halten, die sich noch ein paar Restchen Altstadt bewahren konnte.


    Das ist im Allgemeinen das Traurige an Württemberg: Die Region ist nicht nur landschaftlich reizvoll, sondern besitzt als ehemals "reichsnahe" Region ein reiches Erbe aus dem Mittelalter, in seiner langen politischen Zerstückelung entwickelten sich prächtige Reichsstädte. In Vielem ist es hier mit Franken zu vergleichen. Nur die Entwicklung seit der Industrialisierung hat leider so manches dem schnöden Mammon geopfert.
    Das gängige Klischee von "schaffe, schaffe, Häusle baue"" trifft leider häufig zu. So wirkt die Region um Stuttgart trotz der sehr hohen Einwohnerzahl sehr, sehr unurban; die Stadt Stuttgart selbst erscheint ebenso wie eine Aneinanderreihung von Industrievororten ohne wirkliches Zentrum. Schade!

  • Irgendwann in nächster Zeit kommt auch eine Galerie von mir zu Hechingen, einer Stadt, die von den hier beschriebenen Entwicklungen leider auch nicht verschont blieb.

  • Ja, ich denke auch, dass es teilweise an dem Protestantismus liegt. Generell lässt sich ja beobachten, dass in katholischen Regionen noch eher ein kulturelles Bewusstsein existiert - weckt der katholische Glaube, der ja mehr Wert auf Ästhetik und Tradition legt, eher einen Sinn für das Alte? Natürlich tendierten katholisch geprägte Landstriche immer schon zu einer eher lockeren Sicht auf das Leben, während sich in protestantischen oft die pietistische, strenge Arbeitsmoral durchsetzte. Diese Betrachtung lässt sich jedoch nicht nur auf Deutschland übertragen, auch anderswo in der Welt kann man es beobachten. Protestantische Länder - die USA, Großbritannien, Skandinavien - neigten historisch eher dazu, einem wirtschaftlicheren Ethos zu folgen, während im katholischen Europa meist Ästhetik und Schönheit im Vordergrund standen, wie zum Beispiel in Österreich oder Italien. Vielleicht könnte man die im Protestantismus verankerte Ablehnung aller Pracht als Begründung hierfür heranziehen oder eine eventuell komischerweise stärker vorhandene Diesseitsablehung.

  • Zumindest bei den Rekonstruktionen alter Pracht liegen aber die protestantischen Gegenden in Deutschland aktuell in Führung, siehe Dresden, Potsdam, Berlin und Lübeck.
    Zudem hat der Protestantismus einen großen moralischen Vorteil, wie ich finde. Er geht nämlich davon aus, daß jeder Mensch zu jeder Zeit in seinem Handeln die Wahl zwischen Gut und Böse hat und somit auch die Konsequenzen zu tragen hat. Da ist es nicht mit einer Beichte getan nach der einem die Sünden von einem Pfarrer erlassen werden.

  • Es gibt ja diese calvinistische Vorstellung von einer Prädestination, sprich, Gott habe zu Anbeginn der Zeiten die Auserwählten bestimmt, was sich in deren Leben schon durch Reichtum und Erfolg offenbaren würde. Dies diente natürlich als Triebfeder für einen besonderen Fleiß, weil ja niemand zu den Verdammten gehören wollte.


    Das mit den Rekonstruktionen stimmt allerdings, Münchner. Die Aussagen waren natürlich pauschalisierend und sollen die bloße Tendenz aufzeigen, dass sich in protestantischen Regionen oft eine eher ökonomische Sicht auf die Dinge durchgesetzt hat. Das ist ja grundsätzlich nichts schlechtes, sogar im Gegenteil, aber es sollte Beiwerk bleiben und nicht zum bestimmenden Faktor der Kultur werden.


    Ich finde es einfach extrem interessant, wie sehr die Konfession das architektonische Gepräge einer Region beeinflusst hat. Das kann man alleine am Barock erkennen: In protestantischen Regionen hat sich der Barock - es gibt natürlich Ausnahmen - entweder kaum (wie in Großbritannien) oder in einer strengeren, klassischeren Form (z.B. Preußen) durchgesetzt. Aber wirklich pompöse, schwelgende Ausprägungen des Stils wird man in protestantischen Regionen erwartungsgemäß kaum finden. Die Ursprünge des Klassizismus hingegen lagen in protestantischen Regionen, wo er zuerst zu Ruhm gelangte, auch wenn er sich später natürlich auch gleichermaßen auf katholische Territorien ausbreitete.


    Ich bin als, wie schon erwähnt, "Alt-Württemberger" selbst Protestant und möchte deshalb nicht zu kritisch erscheinen, da mir der Protestantismus von der grundsätzlichen Lehre her sympathisch ist. Aber ich finde, dass der Katholizismus mindestens genauso sehr zu moralischem Handeln animiert, da er ja noch die Werkgerechtigkeit kennt.

  • Genau das, Zeno, habe ich mir auch schon gedacht. :D Ich denke, ein Calvinist würde es damit erklären, dass der Drang und die Motivation zum Fleiß auch schon vorherbestimmt seien.

  • am Barock erkennen: In protestantischen Regionen hat sich der Barock - es gibt natürlich Ausnahmen - entweder kaum (wie in Großbritannien) oder in einer strengeren, klassischeren Form (z.B. Preußen) durchgesetzt.

    Alles richtig, nur gibt es da auch eine Ausnahme: Frankreich ist sehr katholisch, aber hatte in der Barockzeit genauso wie England auch mehr dem strengen Palladianismus bevorzugt. Zugegebenermaßen hat die "klassische" Architektur dort mehr den Grund, dass der König eine klare und geordnete Stellung in seinem Reich haben wollte und verfestigte so auch durch seine "puristische" Architektur in dieser absolutistische Ordnung. Trotzdem natürlich hat Religion etwas mit der Architektur zu tun, aber nicht nun. Im Übrigen bin ich auch ein sehr großer Württembergfreund, wenn es um die Substanz der hervorragend erhaltenen Altstädte in Nordwürttemberg geht. Ich sehe es nicht so krass wie Zeno, der ja eine richtige Phobie aufgebaut hat gegen die "Württemberger", weil er durch seine östliche Situation eher die verunstalteten Städte wie Aalen, Heidenheim, usw kennt, aber es gibt wirklich sehr hübsche Altstädte in Nordschwaben wie Schorndorf, Kirchheim/ Teck, Bad Urach, Herrenberg, Calw, Leonberg, Tübingen, Esslingen, Murrhardt, Backnang, Großbottwar, welche mir wirklich von der Substanz her super gefallen haben, von der Qualität der fränkischen und alemannischen Fachwerkbauten gibt es nur in wenigen anderen Landstrichen Vergleichbares :daumenoben: . Und trotzdem muss ich auch den Kritikern rechtgeben, die den Zustand der "Neustädte" beklagen, die teilweise extreme Zersiedlung, die schlechte Renovierungen von Fachwerkhäusern mit Alufenstern, und der andauernd, vorallem in Tübingen verputzte Zustand dieser Juwele, das gefällt mir auch nicht :daumenunten: . In diesen Dingen haben wiederum Hessen und Franken die Nase vorn!

  • ein Calvinist würde es damit erklären, dass der Drang und die Motivation zum Fleiß auch schon vorherbestimmt seien

    Auch wenn es um ein ernstes und seriöses Thema geht, fällt es schwer, hier das Lachen zurückzuhalten. Das ist ähnlich wie das Wohlstandsevangelium, das in großem Kontrast zum biblischen Zeugnis steht: Man ist nicht nur für die Ewigkeit gerettet, sondern auch jetzt und hier geht es einem schon viel besser als den Gottlosen. Nein, das ist nur Wunschdenken und Selbstüberheblichkeit und hat mit biblischer Lehre nichts zu tun.

  • Clavinisten und Lutheraner waren schon im alten Preußen recht unversöhnliche Gegner. Calvinisten sind die striktesten Verfechter des Puritanismus, wa sogar den Preußen zuviel war. Der Calvinismus hat ja seinen Ursprung in der Schweiz, daher ist vielleicht die ähnliche Mentalität in Würtemberg durch die räumliche Nähe zu erklären.

  • Natürlich verfügt Württemberg über hervorragende Altstädte, keine Frage, aber diese sind mehr oder weniger als "Traditionsinseln" zu verstehen. Gerade auf dem Land sieht es oft recht düster aus: In dem typischen Dorf hier hat man vielleicht noch vier, fünf hübsche renovierte Fachwerkhäuser neben der Kirche, der Rest besteht aus diesen typischen tristen Nachkriegsfassaden und verstümmelten Altbauten. Es gibt natürlich immer positive Ausnahmen, aber ich spreche von den durchschnittlichen Ortskernen.