Berlin - Marien- und Heiliggeistviertel zwischen Fernsehturm und Spree

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  • Die Aufenthaltsqualität des Schlossplatzes ist für mich auch noch schlecht zu beurteilen. Wie ist das mit der Interaktion zwischen Schloss und Platz? Das Hufo wird natürlich viel frequentiert werden. Aber wie belebt wird dann der Schlossplatz sein? Aufgrund des kleineren Platzraumes und der Fassade im Rücken des Neptun würde der Brunnen dort jedoch sicher besser wirken, als am derzeitigen Standort. Und der Brunnen würde die Aufenthaltsqualität des Schlossplatzes erhöhen.

    Der Schloßplatz war vor seiner Zerstörung eine Paraphrase auf die Piazza Navona in Rom, das ist am Bildprogramm deutlich ablesbar. Das Problem mit dem "neuen Schloßplatz" begint damit, daß dieser keine Platzwände besitzt: im Osten fehlt die Bebauung des Palais Wartenberg und der Burgstraße und im Westen diejenige des Roten Schlosses. Allein deshalb stellt sich kein Platzgefühl ein: es fehlt schlicht die Geschlossenheit eines Platzes.


    Zudem stellt sich durch die bizarre Trassenführung der Straße auch kein Platzgefühl ein, sondern der Eindruck einer verlorenen Straße. Es wird also vorerst bei einer Freifläche vor dem (ehemaligen) Haupteingang des Schlosses bleiben - die Front orientiert sich heute auf die Garten- bzw. Rückseite des Schlosses. Natürlich wird der Schloßbrunnen auch auf dem Vorplatz gut aussehen, das Konzept eines richtigen Platzes ist aber vorloren, solange man die Platzwände nicht schließt.

    „Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kun­den nur raten, Efeu zu pflanzen.“
    George Sand

  • Die Rathauspassagen und ihre Pendants an der Karl-Liebknecht-Straße sind nicht zu groß, wenn man bedenkt, dass man sich im Zentrum einer Millionenstadt befindet und der Bahnhof Alexanderplatz, der Fernsehturm sowie das Rote Rathaus die Nachbarn sind.

    Gerade diese beiden erdrückenden Gebäuderiegel und ihre monströse Hässlichkeit halte ich für das Hauptproblem an dieser Stelle. Man mag ja die Ansicht vertreten, dass eine weitläufige Forums- bzw. Grünanlage zu Füßen des Fernsehturms städtebaulich adäquater ist als eine kleinteilige Altstadt, aber dennoch ist gerade der Rathauspassagen-Klotz ein gravierender baulicher Missstand, der dem ganzen Terrain dieses gewisse unangenehme Ostblock-Feeling verpasst. Das Gebäude ist im höchsten Maße monoton und erdrückt mit seiner überdimensionierten Baumasse und der nicht analogen Traufhöhe zum Roten Rathaus dasselbe und dessen Umfeld (Bild).


    Über die Geschichte der gesamten Honecker-Brache zwischen Fernsehturm und Spree gibt es übriges im Netz eine sehr interessante Diplomarbeit mit dem passenden Titel "Die Macht der Abwesenheit", >> hier der Link.

  • Naja, zumindest farblich orientieren sich die Rathauspassagen etwas am roten Rathaus. Das schlimmste Gebäude im ganzen "Ensemble der Staatsachse" ist für mich der Klotz vis-a-vis des Roten Rathauses an der Karl-Liebknecht-Straße.

  • Der Platz soll den Sieg des Sozialismus über die Vergangenheit symbolisieren. Daher sind Marienkirche, Rotes Rathaus und Neptunbrunnen so sehr an den Rand gerückt. Ursprünglich sollte St. Marien ganz verschwinden.

  • ^Richtig. Und der hat ja in Berlin auch gesiegt, wenn Du dir die Wahlergebnisse anschaust.

    „Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kun­den nur raten, Efeu zu pflanzen.“
    George Sand

  • daß die Marienkirche in dieser DDR Tristesse völlig deplatziert wirkt.

    Das DDR-Wiederaufbaukonzept der leere Räume ist heute Realität, die schon realpolitisch nicht zu ändern sein wird. Die Frage ist allenfalls, ob eine solche Änderung günstig wäre. Schließlich ist hier eine ganz spezifische Eigenheit der Berliner Mitte entstanden, die mir sogar von sehr wenig interessierten Touristen als sehenswert geschildert wird. Ob da eine 08/15 Bebauung, die wir in dt. Städten schon zur Genüge haben, wirklich höherwertig wäre?


    wie die Altstadt wieder aufzubauen und zu gestalten sei

    Grundsätzlich: Was denn für eine "Altstadt" bitte? Dort war ja gar keine mehr.

    Und dennoch liegt hier der einzige Ansatz einer Idee, der in meinen Augen interessant und realisierbar wäre: Grundsätzliche Belassung der sozialistischen Leere und "sanfte", skansenartige Befüllung mit Zitaten an die frühe märkische klein-bzw mittelstädtische Vergangenheit, zB ein paar Fachwerkbauten um die Marienkirche placieren. Das schaut nicht nur ganz DDR-mäßig aus und wäre auch eine gewisse Weiterspinnung des DDR-Konzepts, sondern ließe sich im roten Berlin vielleicht sogar politisch durchsetzen. Und es wäre sicher auch ein ganz spezifischer Stadtraum, der zu den umliegenden Vierteln in interessantem Kontrast stünde.

    Träume von der "urbanen Wiederverdichtung" oä erscheinen mir als Science-fiction und nicht einmal besonders erstrebenswert. Solche Zentren gibt es doch mehr als genug. Berlin soll ruhig anders sein.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Es wäre sinnvoller und naheliegender sich auf das Molkenviertel zu konzentrieren. Dort laufen nämlich die Planungen und stehen auch die politischen Entscheidungen an.

    Denn "altstadtgerechter" als dort würde eine Bebauung des Marienviertels sicher auch nicht werden, warum auch.

    Und vielleicht ist mancheiner hier dann froh, dass keine Bebauung erfolgt und es bei Grünflächen bleibt.


    Ich finde generell, man sollte sich auf das Machbare konzentrieren, und sich nicht in utopischen Maximalforderungen verrennen. Kleine Schritte sind besser als keine.


    Wenn ich einige Punkte des letzten Podcasts zum Molkenmarkt als Nicht-Fachmann einmal zusammenfasse, will die Bauverwaltung dort Folgendes:

    https://molkenmarkt.berlin.de/2020/11/06/podcast-7-planung/ (die zweite Hälfte ist der interessantere Part)


    - alle Gründstücke sollen im Eigentum des Landes Berlin verbleiben

    - im Inneren (Parochialstraße, Jüdenstraße) soll es Wohnbebauung geben

    - es soll eine kleinteilige Bebauung geben

    - die archäologischen Funde sollen in die Architektur mit einbezogen werden

    - eine Fassadenrekonstruktion wie in Potsdam, Frankfurt, Dresden soll es nicht geben


    Gleichzeitig wird das Desinteresse der Berliner an dem neuen Quartier bedauert (die meisten kennen es eigentlich nur als Durchgangsstraße).

  • Das Desinteresse begründet sich doch gerade in der fehlenden Bereitschaft zu Rekonstruktionen.

    Wenn die Geschichte des Ortes nur darin besteht, archäologisch ergraben zu werden, dann braucht man sich über mangelndes Interesse nicht zu wundern. Denn zur früheren Bebauuung und deren Neuerschaffung ist doch absolut nichts wirklich diskutiert worden.

    Visos mit Klötzchenspielchen. Das ist alles.


    Politische Konzeptlosigkeit - was passiert mit dem Grauen Kloster?

    Die Ruine der Klosterkirche - das stellt doch für das "Klosterviertel" den Ausgangspunkt zur Stadtreparatur dar.

    Konkretes gleich null, stattdessen wird nur dick aufgetragen: Werkstattverfahren, Dialog, Nachhaltigkeit und vor allem roter Lippenstift.

  • Grundsätzlich: Was denn für eine "Altstadt" bitte? Dort war ja gar keine mehr.

    Doch, die gab es dort rund um die Marienkirche. Ich muß mal suchen, ob ich irgendwo Bilder da von finde.

    Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt, und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.

    Horst Seehofer

  • Tja in Dresden hat sich mit der geplanten und nun verwirklichten Bebauung des Neumarktes sofort eine Gesellschaft gegründet ( GHND) die sich vehement und überwiegend erfolgreich in die Bebauung des Neumarkt eingesetzt hat. So sind in jedem Strassenzug Leitbauten entstanden die sich am historischen Neumarkt orientieren. Auch die Zwischenbauten wurden überwiegend harmonisch eingepasst, dafür hat die Gesellschaft auch internationale Auszeichnungen erhalten.

    Im Gegensatz zu Dresden ist in Berlin wenig öffentliches Interesse an historischer Bebauung vorhanden. Ich erhoffe mir nach Vollendung der historischen Fassaden des Humboldt-Forum, alleine der Fassaden des Schlüterhofes ein Umdenken in dieser Sache. Leider gibt es im Marienviertel und am Molkenmarkt wenige historische Leitbauten die sich lohnen würden wieder aufzubauen und so werden wir warscheinlich einen Abklatsch der Bauten so ähnlich wie am Schinkelplatz erleben. Gerade hier gegenüber der famosen Schauseite des Eosanderportals wurde eine städtische historische Gelegenheit verpasst und Bauten mit Flachdach würde ich in unmittelbarer Umgebung von historischer Bausubstanz gar nicht erst genehmigen.


    Einige historische Bilder vom Marienviertel und vom Molkenmarkt folgen jetzt















    Die Bilder sollen nur den enormen Verlust an urbaner Bebauung unterstreichen

  • das Blau-gelbe Haus ist der Hammer.

  • Es ist leider kein einziges Bild des "Marienviertels" dabei. Die meisten Bilder sind aus dem alten Nikolaiviertel, ein paar aus dem Klosterviertel.

    Das "blau-gelbe" Haus stand neben dem Palais Schwerin am Molkenmarkt und ist mit dem Neubau der Reichsmünze in den dreißiger Jahren und dem Abbruch des "Krögel" neugefaßt worden.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Palais_Schwerin


    „Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kun­den nur raten, Efeu zu pflanzen.“
    George Sand

  • Das "blau-gelbe" Haus stand neben dem Palais Schwerin am Molkenmarkt

    Danke. Das hätte ich ja auf dem zweiten Bild des Eisernen Piraten erkennen können (müssen).


    In Anbetracht des Nachfolgebaues ist das "blau-gelbe Haus" dann ja kein Kandidat für eine Rekonstruktion als Leitbau.

  • ^Nicht nur in Anbetracht des Nachfolgebaus sondern einfach weil es nicht im Marienviertel lag, wie alle anderen abgebildeten Bauten auch nicht.

    „Ärzte können ihre Fehler begraben, aber ein Architekt kann seinen Kun­den nur raten, Efeu zu pflanzen.“
    George Sand

  • Das "blau-gelbe Haus" müsste ja nicht unbedingt an der alten Stelle wieder entstehen. Die wirklich sehr schöne barocke Fassade könnte m. E. auch woanders gut wirken.

  • Nicht nur in Anbetracht des Nachfolgebaus sondern einfach weil es nicht im Marienviertel lag,

    Hier meinte ich im Zusammenhang mit er Umgestaltung des Molkemarktes (war wohl etwas Unklar, weil wir im Strang "Marienviertel" sind).

  • Nicht ein Bild vom Marienviertel dabei? Aber da ist doch ein Bild, auf dem die Marienkirche zu sehen ist.