Quartier VI - Blobel (im Bau)

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • East_Clintwood wrote:

      Und nein, für seine Physiognomie kann man nichts, wohl aber für sein Verhalten und die Art, sich auszudrücken. Und auch hier wäre der Vergleich m.E. nicht ganz abwegig
      genau, und nur darum geht es.
      Ehrlich gesagt, mir gibt die Bundeskanzlerin ja nicht das Gefühl, sie fassen zu können. Ich wüsste gar nicht wie ich ihr als Bildhauer gerecht werden könnte.

      Naja, diese Karyatidenwirken wirken ja im Gegensatz nicht weggeduckt oder so. Die Gesichter könnten tatsächlich etwas lieblicher sein. Ursprünglich sind sie ja auch sklavenhaft und ernst. Die Jugendstilvarianten gefallen mir allerdings mehr.
    • Wie wir alle wissen, war Prof. Blobel beim Bau seines Dresdener Hauses trotz der Beschwörungen der GHND nicht zu einer Rekonstruktion des historischen Gebäudes zu bewegen. Statt dessen wollte er einen ihm (und der von ihm geplanten Nutzung) entsprechenden Neubau mit historischen Fassaden-Zitaten errichten. (Moderne Grundrisse, große Geschosshöhen, trotzdem historisierende Fassade.)
      Man mag davon halten was man will; viele Menschen haben mit dem Gebäude ihren Frieden gemacht, weil es sich auf den ersten und zweiten Blick gut in die Fassaden-Abwicklungen des Neumarktes einfügt - was man ja von anderen modern(istisch)en Fassaden nicht unbedingt behaupten kann...
      Natürlich gibt es aber auch immer wieder
      - historisch geschulte Kunstwissenschaftler mit und ohne Studienabschluss, die an Blobels Fassade die komplette Unkenntnis aller Beteiligten und den bereits erfolgten unumkehrbaren Untergang der klassischen abendländischen Kultur ausmachen
      sowie
      - "moderne" Architekten die an dieser Fassade das Unvermögen aller Beteiligten und den Untergang der Bau-Kultur ausrufen...

      Nun lies sich das kreative Genie Prof. Blobel offensichtlich nur bedingt von Fachleuten in sein Projekt "reinreden". Und statt einer Skulpturen-Reko hatte er - so erfährt man aus gut unterrichteten Kreisen - auch bei seinen NEUEN Karyatiden (denn sie entsprechen ja in keiner Weise - auch nicht in der Größe - den historischen) ganz eigene Gedanken. Sein Wunsch und Impetus - und dieser wird als letzter Wille nach seinem Tod von den neunen Eigentümern respektiert - war es, einen Karyatiden-Zyklus mit den Gesichtern berühmter Wissenschaftlerinnen der Geschichte zu schaffen.

      Ich finde es bemerkenswert (und es spricht aus meiner Sicht FÜR das Kunstwerk), dass hier im Forum durch quasi "eigene Kunstbetrachtung" der Foristen festgestellt werden konnte, dass sich
      - der Figuren-Zyklus der Karyatiden in sich stilistisch unterscheidet (Was liegt näher, als durch stilistische Unterschiede in der Darstellung der Skulpturen einen Zeitenlauf erkennbar werden zu lassen...) und
      - die Figuren in Summe nicht klassisch wirken, sondern bei genauer Betrachtung deutlich als Skulpturen unserer Zeit - mancher sieht Parallelen zur Neunen Leipziger Schule - erkennbar sind.
      In meiner persönlichen Ablehnung von gestalterischen Brüchen sehe ich es als eine Qualität des skulpturalen Werkes, dass es sich von Weitem unaufdringlich in die Fassade einfügt und nur bei detaillierter Betrachtung in seinen deutlich zeitgenössischen Formen als modernes Kunstwerk erkennbar wird.

      Zudem interpretiere ich vielfältige offensichtliche Bezüge des Werkes
      - zum Standort Neumarkt,
      - der Stadt Dresden und
      - seinem geistigen Vater, Nobelpreisträger Prof. Blobel,
      die ich als Qualität des Werkes anerkenne und bei manchem mir unergründlichen zeitgenössischen Kunstwerk vermisse.

      Welche Bezüge sind das?
      - Das Motiv des Zeitenlaufs ist besonders präsent am nahen Fürstenzug und wird in einem "Reigen von Wissenschaftlerinnen" wieder aufgegriffen.
      - Am anderen Ende des Neumarktes finden sich Musen-Darstellungen und historische "Künste" an den Fassaden des Albertinum und der Kunstakademie und verweisen auf die "Kunst-Stadt" Dresden. Zu diesen Allegorien wird inhaltlich ein Kontrapunkt gesetzt, welcher der "Wissenschafts-Stadt" Dresden mit Exzellenz-Universität gut zu Gesicht steht.
      - Für die Karyatiden erwarte ich prognostisch, dass Passanten sich bei Stadtführungen oder im "Selbststudium" - sicher Dank einer weiteren Tafel der GHND, wie es sie schon an vielen anderen Häusern am Neumarkt gibt, möglich - über den dargestellten INHALT austauschen werden (vermutlich anders als bei einer bloßen Reko des Vorkriegs-Bestandes ?). Über den Zyklus der Wissenschaftlerinnen wird unweigerlich der Nobelpreisträger als Auftraggeber und geistiger Vater präsent. Welch ein schöner Weg von Herrn Prof. Blobel, sich - hoffentlich über viele Generationen - als Teil einer Anekdote in der Erinnerung der Dresdener und ihrer Gäste zu verankern.


      ------------
      Ich denke es wäre sinnvoll, auch hier im Forum als allgemeine Diskussionsgrundlage zu akzeptieren, dass es NICHT die Intention des Bauherren war, das historische Gebäude zu kopieren. Vielmehr wollte er etwas Neues (weiter-) entwickeln.
      Über Erfolg oder Misserfolg mag man streiten; ich plädiere in diesem Streit wiederholt für die Betrachtung von End-Ergebnissen unter Einbeziehung von Hintergrundwissen. Ferndiagnosen gepaart mit Hybris sowie despektierliche Äußerungen zur Physiognomie prominenter Zeitgenossen sind leider aufgrund falscher Grundannahmen nur selten vollständig erhellend, führen bedauerlicherweise viel zu oft zum Verriss der Leistung am Projekt Beteiligter und werden zudem sicher als "Munition" der Reko-Gegner dienen.

      The post was edited 2 times, last by eryngium ().

    • New

      Wenn das Blobels Intention war, hätte man zwingend die Namen der Wissenschaftlerinnen im Sockel anbringen müssen, da hier jeder ratlos davorstehen und keinerlei Bezug zu diesem Thema feststellen kann. Ohne dem weiblichen Geschlecht zu nahe treten zu wollen: 90% kennen diese Personen nicht. Man sieht nur, dass sie zeitgenössisch und derb gestaltet sind. Eine Würdigung sieht leider anders aus. Und ich schließe mich Mattiellis Kritik an: es ist der Gipfel der Lieblosigkeit, zwei (klumpige) Körper als Blaupause für fünf sehr individuelle Figuren zu benutzen. Mir scheint es, dass der neue Eigentümer den letzten Willen zwar respektiert hat, aber schlampig und möglichst billig umsetzen ließ.
    • New

      Ich halte, wie schon mehrfach betont habe, den Ansatz, neue Formen des Bauens zu entwickeln, die sich gut in einen historischen Kontext einfügen, grundsätzlich für gut. Stehende Fenster, Sockelzone und ein Dach allein genügen noch nicht - das zeigen viele der "zeitgenössischen" Bauten am Neumarkt deutlich. Wir brauchen wieder eine Architektur, die aus dem Schatz der Tradition schöpft und daraus - wie dies zu allen Zeiten war - neue Formen entwickelt. Insofern halte ich den Blobel-Bau für einen interessanten Ansatz, zumal einige Formelemente sehr gelungen sind. Aber es gibt eine ganze Reihe von Unzulänglichkeiten, die deutlich machen, dass es noch viel zu lernen gibt.
      Letztlich zeigt der Bau überdeutlich, dass er eine Tapetenarchitektur ist, weil ihm jedes Verständnis von Tektonik fehlt.

      • Karyatiden sind gewissermaßen anthropomorphe Säulen. Das heißt, sie brauchen eine feste Standfläche. Die Blobel-Karyatiden haben keinen festen Untergrund, sie sind mit den Pilastern unter ihnen nicht schlüssig verbunden (vgl. Beitrag 402). Bei den alten Karyatiden war das anders (Beitrag 329)
      • Den Pilasterschaft und das Gebälk darüber mit einen Fallrohr zu durchziehen, ist eine absolute Absurdität (siehe Beitrag 338).
      • Ein Pilaster ist ein gedanklich vermauerter Pfeiler. Sein Kapitell muss also aus der Wand herauswachsen, es darf zwischen Kapitell und Wand keine Nut geben (vgl. Beitrag 401).
      • Konsolen haben die Aufgabe, zwischen der Auflast und der tragenden Wand bzw. einer tragenden Stütze zu vermitteln. Das heißt, auch sie müssen einen sie tragenden Untergrund haben. Diese Voraussetzung erfüllt keine der Balkon-Konsolen. Die über den Karyatiden stehenden Konsolen nicht, weil die Karyatiden selbst keinen Halt haben, die übrigen nicht, weil sie über einem Fensterglas sitzen. Dass der Architekt dort auf Konsolen verzichtet hat, wo im Fenster eine Holzstrebe fehlt, macht es nicht besser, im Gegenteil. Denn so vermittelt er den widersinnigen Eindruck, dünne Holzstreben seien in der Lage, die Auflast eines Balkons aufzunehmen.
      • Problematisch finde ich ferner das Einfahrtsgitter (Beitrag 401). Die Auflösung in Ornament ist sehr zu begrüßen, aber gerade solch florale Muster wirken nur glaubwürdig, wenn sie nicht zweidimensional sind, also wie vom Laser-Cutter fabriziert wirken.
      Fazit: das genauere Hinsehen ist doch nicht ganz so unwichtig.