Dresden, Neumarkt - Quartier VI - Blobel

  • Ich möchte nochmal betonen, dass Kritik selbstverständlich erwünscht ist. Nur dürfen andere sich eben auch kritisch mit der Kritik auseinandersetzen. So entsteht eine Diskussion.


    Und über das Blobelhaus lässt sich trefflich streiten. Stellt es eine schöpferische Weiterentwicklung traditioneller Bauformen dar oder verdirbt es den guten Geschmack? Ist es Kunst? Was darf Kunst?


    Treverer wies weiter oben auf den Kanon von 8 Kopflängen in der Lehre von den menschlichen Proportionen hin. Das ist richtig. Und es ist gut, dass diese Grundlagen an den Kunstschulen gelehrt werden. Aber wir wissen, dass viele Künstler nach dem Studium von den akademischen Regeln abweichen. Die Kunst des 20. Jahrhunderts folgt zum großen Teil nicht der akademischen Tradition. Wenn hier nun eben kein historisches Gebäude rekonstruiert wird - der Bauherr, Günter Blobel, wollte das ausdrücklich nicht -, warum sollen sich dann die Bildhauer nicht gewisse Freiheiten gegenüber dem Handbuch von Seinsheim nehmen dürfen?


    Wir sprechen gerne von Bau-Kunst. Warum soll dann der Fassadenschmuck abgehandelt werden wie Wärmedämmung oder Brandschutz, für die es zahlreiche Normen und Vorschriften gibt? Gibt es eine DIN-Norm für Karyatiden?


    Meines Erachtens spricht die Tatsache, dass uns das Blobelhaus zu diesen Diskussionen anregt, dafür, dass es gewisse künstlerische Qualitäten hat.

  • Und was nützt das. Anliegen einer Diskussion ist es ein Ziel zu erreichen. Um aber Mindeststandards zu erreichen hat man DIN - Normen eingeführt, über die nicht diskutiert wird. Und sogar ein Rastrelli kann einschätzen, ob das guter oder schlechter Barock ist, warum wohl? Sicher nicht durch den Teil seiner Persönlichkeit, der mit Herzblut auch 89Grad als rechten Winkel ansieht und im Namen der Vielfalt verteidigt.

  • Aber Naumburg, deine Beispiele sind schon so verräterisch: 89 Grad sind kein rechter Winkel. Das gehört zur Mathematik, einer exakten Wissenschaft. Autos mit viereckigen Rädern würden nicht fahren. Aber ein Haus mit schlecht gemachten Pilastern und Karyatiden fällt nicht in sich zusammen. Es wird nicht unbewohnbar, weil der Fassadendekor nach Einschätzung bestimmter Leute schlecht ist.


    Du könntest mit Fug und Recht behaupten, dass es in der Natur keine blauen Pferde und keine gelben Kühe gibt. Dennoch hat Franz Marc blaue Pferde und gelbe Kühe gemalt. Es widersprach der akademischen Malerei des 19. Jahrhunderts. Und Marc hat das trotzdem gemacht. Durfte er das? Die Nazis haben gesagt "Nein" und seine Bilder aus den deutschen Museen verbannt (Aktion "Entartete Kunst"). Welche Meinung hast du dazu? Ich fragte ja oben schon: Was darf Kunst? Und weiter gedacht: Gibt es denn keine "Bau-Kunst" (ich schreibe das bewusst so). Darf es in der Architektur, beim Fassadenschmuck, keine solchen Freiheiten geben, wie sie heute in der Malerei allgemein anerkannt sind? Wenn ja, warum? Auch die Bildhauerei hat sich im 20. Jahrhundert oft weit vom Naturvorbild entfernt.


    Das Blobelhaus Nr. 2 in der Frauenstraße ist weitgehend die Rekonstruktion eines barocken Vorgängerbaus. Das eigentliche Blobelhaus an der Ecke zum Neumarkt - Au petit Bazar - bezieht sich auf einen historistischen Vorgängerbau aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der sich an französische Vorbilder anlehnte und weder dem Neobarock noch der Neorenassance zugeordnet werden kann. Dieses Gebäude hat Blobel aber bewusst nicht rekonstruiert, sondern eine freie Variation dazu geschaffen. Inwieweit ist es da berechtigt, das Haus an Bauprinzipien zu messen, die zu einer ganz anderen Zeit gültig waren? Oder sind diese Prinzipien "zeitlos"? Und selbst, wenn sie als "zeitlos" oder "klassisch" aufgefasst werden können: Besteht eine Verpflichtung, sich bei einem Neubau an diese Prinzipien zu halten?


    Wäre Schinkel unser Zeitgenosse und würde die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin jetzt gerade fertig, dann würden viele Foristen diesen Bau auf das heftigste ablehnen, weil er "kein richtiges Dach" hat. Und zu einer gotischen Kirche, das weiß ja jeder, gehört "ein richtiges Dach". Aber weil die Werdersche Kirche inzwischen sehr alt ist und es sich herumgesprochen hat, dass Schinkel ein großer Künstler war, wird diese Kirche allgemein geschätzt, obwohl Schinkel im Grunde ein "blaues Pferd" gebaut hat. Später im 19. Jahrhundert haben Architekten die Gotik des Mittelalters viel genauer studiert und akademisch korrekte neugotische Kirchen gebaut. Die wirken jedoch nicht selten etwas kalt und langweilig.

  • Natürlich gibt es in der Kunstgeschichte höchst unterschiedliche Stile und Körperauffassungen. Dass das Verhältnis von Körper und Kopf bei einer romanischen Figur ganz anders ist als bei einer klassizistischen oder einer manieristischen, bestreitet niemand. Aber der Blobel-Bau präsentiert sich in einem klassischen Baustil, weil er bewusst Elemente des Spätklassizismus paraphrasiert. Gewisse Grundregeln (tektonische Logik, stimmige Proportionen etc.) wären daher - bei allen Neuschöpfungen im Detail - einzuhalten gewesen. Insofern kann man den unklassischen Umgang mit Figuren, Pilastern und Konsolen schwerlich dem Ringen nach einem neuen Stil oder einem neuen künstlerischen Ausdruck zuschreiben. Hier haben wir es schlichtweg mit Nachlässigkeit und Unkenntnis zu tun.

  • Gut, dass hier einer auf den anderen zugeht und einfach sagt: Du hast recht - das wird es nicht geben. Eher fahren viereckige Räder. Ich kann nur die Empfehlung geben, nicht dem Herrn Blobel wegen seiner so bewundernswerten Allüren auf den Leim zu gehen und gleichsam in zerfliessender endloser Toleranz sich zu entmaterialisieren. Im übrigen bin ich der Meinung, dass es zeitlose Regeln gibt und dabei bleibe ich.


    Baukunst ist eine exakte Wissenschaft und die für sie entwickelten Hilfsmittel wie das Lot und der Winkel sind nachgerade die Prototypen aller späteren Messinstrumente. Und so wie es Menschen mit gutem Gehör gibt, gibt es welche, die den rechten Winkel erkennen und den goldenen Schnitt verinnerlicht haben. Man nennt das wohl Augenmass.


    Die rustizierten Eckpilaster sind unter einem Lastgesichtspunkt die eigentlich tragenden Säulen. Sie müssen gemäss der Säulenordnung den Architrav tragen. Die übrigen säulenartigen Strukturen haben gleichsam wie im Thermenfenster nur unterstützenden Charakter. Um den Eckpilastern nicht den Rang abzunehmen müssen sie damit zurücktreten im wahrsten Sinne.


    Ich habe niemals eine Lehrveranstaltung in Architektur oder Kunstgeschichte besucht. Ich habe nur zwei Augen, lasse jetzt aber von diesem Thema ab.

  • Da das Gebäude steht, bewohnbar ist und auch von der Bauaufsichtsbehörde abgenommen wurde, handelt es sich ganz offensichtlich nicht um Pfusch. Alles andere ist Dekor und damit persönlicher Geschmack.

  • Da hat's Einer wieder nicht kapiert, daß es nicht mit Geschmack zu tun hat, sondern mit den der klassischen Architektur innewohnenden essentiellen Gesetzmäßigkeiten, die nachweisbar und nachvollziehbar sind. Deren Nichtbeachtung hat sichtbare disharmonische Folgen. Eine Bauaufsicht, deren Fokus auf die Statik und Funktionalität, wie der Einhaltung von Bauvorschriften ausgerichtet ist, kümmert das nicht. Aber das dem gesunden Menschen ebenfalls innewohnende natürliche Harmonieempfinden kümmert es sehr wohl.
    Wäre das Blobelhaus nach Art einer Bach'schen Fuge zu Gehör gebracht, würden wir bei genauem Hinhören hier und da Missklänge vernehmen, die den Gesamteindruck stören würden. Eben falsch gerechnet (nach den mathematischen Kompositionsregeln) wie Naumburg schon aufzuzeigen versuchte!

  • Die allererste Aufgabe eines Architekten ist es, Häuser zu bauen, die man nutzen kann. Dann folgt das Design. Wenn hier regelmäßig behauptet wird, dass die modernen Architekten alles Stümper sind, dann ist das eine pauschale Abwertung eines ganzen Berufsstandes. Aber in diesem Forum wurde ja schon mehr als einmal kundgetan, dass "gesunder Menschenverstand" und "Bauchgefühl" mehr geschätzt werden als Berufsausbildung und Professionalität.
    Dabei gefallen mir 90% der modernen Architektur ja ebenfalls nicht - mir würde aber nicht im Traum einfallen, deswegen gleich einen ganzen Berufsstand zu beleidigen. Und Deine herablassende Art kannst Du Dir sparen, @SchortschiBähr . Nimm doch noch einmal Anlauf und versuche das nett zu formulieren. Ich bin sicher, du kannst das...

  • Da legst du aber sehr wenige Ansprüche an den Berufsstand der Architekten. Wenn du einfach ein Haus möchtest, kannst du auch zu einem Maurer- oder Zimmermeister gehen, die dann auch die haustechnischen Komponenten irgendwie organisieren und hineinbringen.


    Als Architekt verstehe ich meinen Beruf so, dass ich die technischen, wirtschaftlichen, funktionellen und gestalterischen Aspekte alle gleichwertig berücksichtige und im Griff habe. Sei es ein Neubau oder Umbau.

  • Wenn der Zimmermann und Maurer auch Statik können - können sie aber meistens nicht. Müssen sie auch nicht, dafür gibt es ja den Architekten.
    Nochmal: ich kann 90% der modernen Architektur auch nix abgewinnen. Aber dass diese Bauten "Pfusch" sind, würde ich niemals behaupten. Offenbar gibt es ja auch Menschen, die diese Bauten mögen, sonst wären die "schlechten" Architekten ja bald alle arbeitslos.

  • Pfusch würde ich jetzt keinesfalls unterstellen, vielmehr gestalterisches 'Nicht-können'. Ich urteile in Bezug auf den Bau von Blobel lieber so:


    - technischer Aspekt: erfüllt
    - wirtschaftlicher Aspekt: erfüllt
    - funktioneller Aspekt: erfüllt
    - gestalterischer Aspekt: nicht ganz erfüllt, aber der Wille war da.


    Ich habe den in der Dresdner Altstadt tätigen Architekten schon mal pauschal unterstellt 'sie können's einfach nicht' und dafür einen Rüffel (nicht von der Moderation) erhalten.

  • Wir sprechen hier von Architektur und nicht von einem Schülertheater, bei dem man selbst die schlechteste Leistung noch lobt. Nur zur Erinnerung, dass der gute Wille hier kein Kriterium ist, das berücksichtigt werden muss und darf. Architektur ist kein Motivationskurs oder Therapie. Für beides kann man Fachpersonal aufsuchen. Und das bitte, bevor man sich an die Umgestaltung des öffentlichen Raums wagt.

  • Es bleibt dabei: wenn wir hier im Forum eine bestimmte Art Architektur tendenziell "schön" finden, ist das ein Geschmacksurteil. Und Geschmäcker sind nun mal verschieden. Wir können (und sollten) darauf hinarbeiten, die "Breite Masse" so wie auch die "Elite" geschmacklich so zu schulen, dass diese unseren Geschmack teilt. Das funktioniert aber ganz sicher nicht, indem man immer wieder - ja, nicht erklärt, sondern unter die Nase reibt, dass alle, die nicht so entwerfen, wie wir das gerne hätten, "es einfach nicht können" oder "schlechte Architekten" sind.
    Das ist eben kein Stammtisch, wo man "sowas ja wohl noch sagen darf", sondern sowohl vom Anspruch als auch von der Wirkung her das Aushängeschild der " Reko-Bewegung". Aber dieser Verantwortung sind sich viele hier immer noch nicht bewusst und reden frei von der Leber weg - komme was da wolle, nach uns die Sintflut. Damit haben wir ja mehr als einen kompetenten Mitstreiter vertrieben - ich nenne nur Oktavian.

  • In erster Linie sollte es um eine ästhetische Sehschulung gehen. Also ein Training, das den Blick und die Empfindungsgabe für das Schöne in der Schöpfung und in der die Schöpfung ursprünglich nachvollziehenden Architektur (und anderer Künste) schult.
    DAS HAT - UND ICH SAGE ES NUN IN ALLER DEUTLICHKEIT - NICHTS MIT GESCHMACK ZU TUN!!!


    Manche Leute sind doch echt beratungsresistent. Aber sei's drum. Ich will hier nicht missionieren. Aber ein Bildungsdefizit muß ich schon feststellen und das, wo wir hier in diesem Forum seit 2004 eine umfassende Sehschulung betreiben. Wer hier schon lange dabei ist, wird dankbar auf die Jahre der kostenlosen ästhetischen Wahrnehmungsschulung zurückblicken. Ich habe jedenfalls sehr viel gelernt.
    (Es braucht wohl eine klare abgrenzende Definition von Schönheitsempfinden/ästhetische Wahrnehmung zu Geschmack - Ein guter Geschmack kann daraus resultieren (aus einer Wahrnehmungsschulung), oder eine Geschmackswandlung. Geschmack scheint mir aber eher eine Gabe zu sein, die man hat oder nicht, und diese mehr unbewußt auslebt mit eine gefällt mir-gefällt mir nicht. Ästhetische Wahrnehmung ist hingegen ein bewußter Prozeß, der sich anhand von Betrachtungskriterien einüben läßt. Bei guter Begabung mit umso besseren Ergebnissen.)
    Das übliche Argument "über Geschmack ließe sich nicht streiten" (das mag ja so ein) ist für mich ein billiges, das eher etwas über den Äußerer aussagt, der damit signalisiert nicht tiefer in die Materie eindringen zu wollen und sich nicht mit den Fragen, was ist schön, was ist das Geheimnis von Schönheit und Harmonie auseinandersetzen will. Es geht hier um tiefere Erkenntnisebenen. Das muß nicht Jedermanns Anliegen sein!

  • Aktueller Stand am Blobelhaus nach persönlicher Inaugenscheinnahme:


    Im Ladenlokal wurden einige Kunstwerke platziert - Vorboten einer künftigen Galerienutzung?


    Die Fallrohre rechts der Neumarktfassade und an der Ecke der Frauenstraße (das Rohr hinter dem Pilaster) wurden im Erdgeschossbereich in der Fassadenfarbe gestrichen. Ob der Anstrich in den Obergeschossen fortgesetzt wird, lässt sich nicht sagen. Für das Rohr hinter dem Pilaster ist der tarnende Anstrich eine gute Lösung.


    Der Farbton der Karyatiden ist etwas dunkler als die Fassadenfarbe. Alle Figuren stammen vom selben Bildhauer. An der Plinthe findet sich jeweils das Kürzel FD (oder TS ?) und die Jahreszahl 2019. Zudem ist die künstlerische Handschrift bei allen Figuren gleich. Die Rückseiten der Figuren sind nicht ausgearbeitet, sondern fest mit der Wand verbunden. In natura wirken die Figuren besser als auf den hier im Strang gezeigten Fotos. Sie stellen eine schöne Bereicherung einer reich geschmückten Fassade dar. Die Kritik einiger Foristen an dem Bildhauer ist völlig überzogen.


    Das Blobelhaus hat eine gute Fernwirkung über die Weite des Neumarktes hinweg, und es wirkt auch gut, wenn man direkt davorsteht und die Details der Figuren und Ornamente erkennen kann. Die Figuren haben individualisierte Gesichter und schaffen den Spagat zwischen der Tradition der Karyatide und einer modernen realistischen Bildhauerkunst. Es sind keine Kopien nach Arbeiten des 19. Jahrhunderts, sondern Werke unserer Zeit.

  • Die Qualität steigt auch dadurch an, dass wir mehr in der Richtung machen und damit an Wissen und Erfahrung reifen.


    Ich denke, dass diese Überlegungen keinem normalen Bürger ins Auge fallen.

  • Bilder vom heutigen Rundgang.

    Kurzer Blick in das Erdgeschoss des Eckbaus. Es wird - wie vorhergesagt - als Galerie genutzt.


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  • Bilder vom heutigen Rundgang.

    Kurzer Blick in das Erdgeschoss des Eckbaus. Es wird - wie vorhergesagt - als Galerie genutzt.

    Ich hoffe, dass da irgendwann mal eine Nutzung mit Publikumsverkehr reinkommt (Cafe, Buchhandlung, meinetwegen auch ein besserer Klamottenladen) - Galerien sind meistens "tot".

  • Ich hoffe, dass da irgendwann mal eine Nutzung mit Publikumsverkehr reinkommt (Cafe, Buchhandlung, meinetwegen auch ein besserer Klamottenladen) - Galerien sind meistens "tot".

    Galerien würde ich mal als "Pionier"-Nutzung beschreiben. Besser als nichts, aber für ein umsatzstarkes Gewerbe reichts es an dem Ort wohl noch nicht. Das wird also noch!