Abrechnung mit dem Städtebau der Wiederaufbaujahre

  • wohl die bedeutendste deutsche Staat. die derart spurlos untergangen ist

    Genau. Und ausgerechnet ich habe vor nächstes Jahr eine ganze Woche dort zu verbringen (wegen einem Wagner Ringzyklus)! Immerhin gibt's wunderschöne Städte wie Fritzlar, Melsungen und Warburg in der Gegend....

  • Auch Kassel-Wilhelmshöhe ist schon ein einmaliges und tagesfüllendes Erlebnis.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • in Nordhessen eine Vielzahl von Fachwerkstädten im "Original" liegen, die an Qualität des Fachwerkes dem alten Kassel um nichts nachstehen.

    Ein sehr interessanter Punkt! Und ein Trost!Das war auch mein Eindruck vom Kasseler Fachwerk.


    Es gibt Städte die in ihrer Bauweise echt einmalig waren. Bestes Beispiel dafür ist Hildesheim, das allein auf Erde eine Fülle von renaissance Fachwerkhäusern mit reich geschnitzten Füllbrettern besass. Diese Art gibt es jetzt, abgesehen vom Wernerschen Haus und dem wiederaufgebautem Wedekindhaus, nur noch als äußerst seltene Einzelgänger etwa in Alfeld an der Leine oder Einbeck. Fachwerkhäuser von Braunschweiger Ausmaß und Braunschweiger Alter sind hauptsächlich in Braunschweig selbst zu bewundern. Die Frankfurter Fachwerkhäuser waren scheinbar auch von ungewöhnlicher Größe und Qualität. Dresdener Barock war einmalig. Deswegen sind die Rekonstruktionen ausgerechnet in diesen 4 Städten von weltweiter Geltung.


    Man freut sich sehr aber wenn eine "Ersatz" Altstadt zu finden ist!

  • Ich würde mir trotzdem eine Traditionsinsel in Kassel wünschen, die die Fachwerkhistorie der Kasseler Altstadt exemplarisch zeigt.

  • Quote from andreas
    in Nordhessen eine Vielzahl von Fachwerkstädten im "Original" liegen, die an Qualität des Fachwerkes dem alten Kassel um nichts nachstehen.

    Der zweite Halbsatz ist mE deutlich zu optimistisch. Vergleichbar mit Kassel dürfte am ehesten Herborn sein, aber das ist eben eine Kleinstadt, die nicht den herausragenden Standard zu erreichen vermag.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Ich denke, thematisch passt es hier am besten rein (obwohl ich es - Entschuldigung dafür - bereits in zwei anderen Themen gebracht habe Diese verweisen nun hierher). Wenn jemand mal danach sucht, dann aber eher hier.


    Artikel zu einer Studie zum Schönheitsempfinden von Architektur, von Dr. Nicole Küster, Prof. Dr. Friedrich Thießen, erschienen im BVI-Magazin, Ausgabe 05/2014. Die ganze Studie ist hier einsehbar (leider momentan Wartungsarbeiten).


    Fazit:

    Schönheitsurteile werden über alle gesellschaftlichen Gruppen hinweg fast völlig identisch ausgesprochen. Die Menschen beurteilen unabhängig von ihrer persönlichen Situation die bauliche Ästhetik erstaunlich einheitlich. Schönheit ist also nichts rein Subjektives. Man muss davon ausgehen, dass die Menschen mit relativ identischen Empfindungen durch ihre Städte gehen und die gleichen Häuser als schön oder hässlich oder belanglos empfinden. Die im Bausektor weit verbreitete These, dass Schönheitsempfinden etwas Individuelles sei und die Bauwirtschaft darauf nicht eingehen könne, weil es keine Mehrheitsmeinung gebe, muss zurückgewiesen werden.

  • "Schönheitsurteile werden über alle gesellschaftlichen Gruppen hinweg fast völlig identisch ausgesprochen."


    Das haben wir hier im Forum doch immer schon gewusst, oder?

  • Bei der Suche nach einer anderen Quelle für den Volltext dieser Dissertation bin ich noch auf folgendes gestoßen:

    Für Neubauten konnte durch Küster (2014) festgestellt werden, dass zu avantgardistische Bauten vor dem Hintergrund einer anzunehmenden Verschlechterung der Optik mit zunehmendem Alter eher einen abnehmenden Wertbeitrag bilden (S. 227)

    Die Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: Der Bauhausstil wird im Vergleich mit anderen Baustilen nur von einer Minderheit präferiert. Menschen in Deutschland präferieren üppiger verzierte und ornamentierte Gebäude. Die weiße Farbe ist absolut kein Muss. Flachdächer werden überwiegend abgelehnt. Bauhäuser, denen nachträglich schräge Dächer aufgesetzt wurden, werden präferiert. Werden Häuser im Bauhausstil in Baulücken gesetzt, so dass eine früher homogene Bausituation gestört wird, wird dies überwiegend abgelehnt. Häuser in homogenen Bausituationen haben einen höheren Wert als Häuser in Gebäudegruppen, die durch ein abweichendes Haus gestört wurden. Homogenität von Gebäudegruppen ist eine wertsteigernde Eigenschaft. Punkten können Häuser im Bauhausstil

    gegenüber traditionellen Immobilien vor allem durch ihre Neuwertigkeit: c.p. wird Neu gegenüber Alt bevorzugt. Wenn Häuser im Bauhausstil in einigen Jahren nicht mehr neu sein werden, dann wird die Zerstörung der Homogenität einer Bausituation übrigbleiben.

    Die Stadtplanung sollte stärker regulierend eingreifen

  • Wenn ich mir vorstelle, daß künftige Generationen das irgendwann nicht mehr ertragen und den ganzen Mist wieder abreißen müssen.....

  • Diese Studie ist wohl die beste Erwiderung gegen das Totschlagargument, die Schönheit der Architektur lege im Auge des Betrachters. Das mag zwar grundsätzlich nicht falsch sein, aber das derzeitige Ideal von architektonischer Schönheit sind eben nicht Beton und Glas.


    Wer sich ein Haus in diesen Formen auf sein eigenes Grundstück stellen und darin leben oder arbeiten Möchte, dem sei es gegönnt. Bei öffentlichen Bauten, die jedermann betreffen, liegt die Sache meiner Ansicht nach aber anders.

  • Ich finde vor allem interessant, dass diese Studien nicht nur das Schönheitsempfinden an sich untersucht haben, sondern daraus auch Rückschlüsse auf den Wert und Wertveränderungen von Immobilien ziehen. Das ist also nicht nur ein Argument für die ästhetische, sondern auch die ökonomische Beurteilung von Architektur.


    Vor allem die viel schlechter eingeschätzte Entwicklung von "moderner" Architektur bei Alterungsprozessen ist das, was wir ja immer wieder beobachten: Solche Gebäude werden mit zunehmendem Alter nicht nur nicht weniger störend, sondern zunehmend hässlicher und unbedeutender, und lassen nur noch die Störung des Umfelds zurück, wenn ihre ursprüngliche "frische" Eigenwirkung verflogen ist. Das ist nicht nur nicht schön, sondern auch überhaupt nicht nachhaltig.


    Der nur kurz beschriebene Auftrag, dass die Stadtverwaltungen dagegen mehr tun sollten (i.e. Gestaltungs- und Erhaltungssatzungen beschließen und auch durchsetzen) kann gar nicht stark genug betont werden. Man kann nur hoffen, dass die Forschung in diesem Gebiet weiter geht und in konkreten Empfehlungen zu Änderungen des Baurechts führt. Bauen (und die Entscheidung, in welcher Art) ist meiner Ansicht nach nicht mehr nur Sache des Grundstückseigentümers, sondern der Allgemeinheit.

  • Ein interessanter, auf Sicherheitsempfinden und Kriminalität bezogener Vergleich zweier Stadtteile Dresdens, die als Kriminalitätsschwerpunkte gelten, erschien heute in der Sächsischen Zeitung: Gorbitz, ein reines Plattenbauwohngebiet, und die Äußere Neustadt (Antonstadt), das Dresdner Szeneviertel mit überwiegender gründerzeitlicher Bebauung.


    Vorweg: Das Fazit ist, dass sich die Bewohner der "Neustadt" weniger Sorgen bzgl. ihrer Sicherheit machen, weil der soziale Zusammenhalt stärker ausgeprägt ist, in Gorbitz dagegen es diesen kaum gibt. Ein Aspekt, der dabei wohl eine große Rolle spielt ist der Anteil der Alterskohorten an der Bevölkerung (Antonstadt: knapp die Hälfte ist 25-44 Jahre alt, 6,7% über 60; Gorbitz: ca. ein Drittel ist über 60, ca. 27% ist zwischen 25-44 Jahre alt) - siehe hier. Zu beachten ist dabei, dass in der "Neustadt" mehr Straftaten pro 100.000 Einwohner verübt werden, als in Gorbitz. Hier die Ergebnisse für Gorbitzund die Antonstadt.


    Ich wage jedoch die These, dass das in großem Maße auch an der städtebaulichen Komponente liegt, denn in der Neustadt gibt es z.B. viel inhabergeführten Einzelhandel, der als integraler Bestandteil des Stadtteils angesehen wird. Das Leben spielt sich mehr draußen ab, als in Gorbitz, bzw. begreift man sich in der Antonstadt wohl eher als Gemeinschaft, als die Gorbitzer, die ihren Stadtteil wohl überwiegend zum Wohnen benutzen.


    Objektiv gesehen ist also Gorbitz, was die Kriminalität und Sicherheit angeht, besser als sein Ruf. Die "Neustadt" hingegen lebt wohl gern mit einem etwas "gefährlichen" Image.

  • In der "Welt" wurde heute ein wirklich überaus lesenswerter Artikel über Städtebau und Architektur der Wiederaufbaujahre veröffentlicht. Die Erkenntnisse des Artikels sind für Leser dieses Forum eigentlich wenig neu, aber in der breiten Öffentlichkeit immer noch wenig bekannt. Es waren in erster Linie Städteplaner und Architekten des Nationalsozialismus, die nach 1945 unseren zerbombten Städten ihren Stempel aufbrückten. Diese "Visionäre" hegten schon in den 30er Jahren einen tiefen Hass gegen die Kleinteiligkeit historisch gewachsener deutscher Städte, besonders aber gegen die angeblich zu "protzige" Architektur der Wilhelminischen Zeit. Im Zentrum des Artikels steht Rudolf Wolters, der zum Planungsstab von Albert Speer gehörte und nach 1945 in der jungen BRD Karriere machte. Bereits in den 30er Jahren lieferte Wolters Pläne für eine "ideale Stadt", deren Grundgedanken nach 1945, und besonders nach dem schleichenden Verabschiedung vom Satteldach vielerorts grauenhafte Realität wurden. Eines der bekanntesten Gebäude von Rudolf Wolters ist das Hotel Königshof in Bonn, das stark an die Formensprache der NS-Architektur erinnert (z.B. Prora) und das hinsichtlich seiner öden monolitischer Strenge und Rasterfassaden bis in die heutige Zeit prägend ist.


    Leider hinter einer Zahlschranke, aber sehr interessant. >> Link

  • Diese Naziarchitektur aus der Nachkriegszeit muss rückgängig gemacht werden! Ich werde den grünroten Jakobiner*innen gleich eine Email schicken, um sie entsprechend damit zu beschäftigen. Nachdem sich im Lockdown herausstellte, dass auch quasi 0 Auto- und Flugzeugverkehr zu keinem Feinstaubrückgang führte, müssen die sich nun eh ein neues Thema und diesmal glaubwürdigeres Betätigungsfeld suchen...machen wir aus der Not also eine Tugend ;-): "Old Towns matter!"

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Diese Naziarchitektur aus der Nachkriegszeit muss rückgängig gemacht werden! Ich werde den grünroten Jakobiner*innen gleich eine Email schicken, um sie entsprechend damit zu beschäftigen.

    Wenn das ernst gemeint gewesen sein soll, stellt sich die Frage, was denn von den heutigen Entscheidungsträgern erwartet wird? Dass sie 50er Jahre-Häuser abreißen und durch Gründerzeitler oder gar Barockbauten ersetzen? Das wurde bislang noch so gut wie nicht beobachtet, ist also ziemlich unrealistisch. Zu erwarten ist doch vielmehr, dass es noch monströser wird, mindestens eine Wärmedämmkiste oder ein Haus mit Schüttelfenstern hinkommt.

    Das ist kein Plädoyer für den 50er-Jahre-Städtebau. Alles andere als das. Aber eben ein Hinweis auf die aktuelle Lage.