• Frage zur Sepulkralkultur in Greußen


    Auf dem 1576 begründeten Friedhof vor dem Grüninger Tor wurden an der 1602 errichteten nördlichen Friedhofsmauer unterhalb eines aus dem Jahre 1608 stammenden hölzernen Arkadenbaus – den sogenannten ‚Schwibbogen’ – die Angehörigen der betuchtesten Familien dieser schwarzburg-sondershausischen Landstadt beigesetzt. Die ‚Schwibbogen’ sind schon lange wieder verschwunden, ebenso die meisten der Gräber. Heute stehen nur noch vereinzelte Grabsteine in dem genannten Bereich. Der – soweit ersichtlich – einzige, dessen Inschrift noch lesbar ist, ist der Stein des 1719 verstorbenen Ratsherrn und Lohgerbermeisters Andreas Samuel Heßler.


    Das Zentrum des Steins mit den von Arkanthusblättern bekrönten Inschriften wird von zwei Frauenfiguren flankiert, deren linke Kopf und beider Arme verloren hat, während die rechte noch komplett erhalten ist und – wohl – ein Salbgefäß in ihrer linken Hand hält. Der von einem stark profilierten Gesims getragene Aufsatz wird von zwei - vorne offene Schleier tragenden - Frauenfiguren flankiert, von denen die rechte in Richtung Himmel schaut, während die linke den Betrachter anblickt. Das Haupt des Aufsatzes bilden- wohl – die Wappen des Verstorbenen und seiner Ehefrau, während das zentrale, schon etwas verwitterte Feld möglicherweise eine Darstellung des Lohgerberhandwerks enthält, nämlich die Zusammenstellung eines Trockengestells von Lohrinde durch den Meister.


    Meine Frage an die verehrten Mitforisten ist nun, ob Ihnen ähnliche Grabsteinarrangements vom Anfang des 18. Jahrhunderts bekannt sind und ob Sie eventuell sogar graphische Vorlagen benennen können. Auch würde mich interessieren, ob mein Ansatz der Deutung der Frauenfiguren, sowie des Mittelfelds des Aufsatzes in die richtige Richtung weist.


    Abbildungen:


    Luftbild von Greußen (Friedhof vor dem Grüninger Tor rot markiert).




    Luftbild des Friedhofs.






    Nördlicher Teil des Friedhofs wo ehedem die ‚Schwibbogen’ standen. Die Position des hier in Rede stehenden Grabsteins ist mit einem roten Kreis markiert.





    Gesamtansicht des Grabsteins vor der nördlichen Friedhofsmauer.





    Nahansicht.



    Die Frauenfigur an der linken Seite des Inschriftenfeldes





    Die Frauenfigur an der rechten Seite des Inschriftenfeldes mit dem Salbgefäß (?).




    Die linke Verschleierte vom Aufsatz.




    Die rechte Verschleierte vom Aufsatz.



    Das zentrale Feld des Aufsatzes mit den Wappen und der Darstellung des Trockengestells für die Lohrinde (?)



    (Das Foto des Steins ist von mir im September 2016 aufgenommen worden.)

  • Fides und Fortitudo ?


    An der inneren Südwand der evangelischen Pfarrkirche in Milkel (nördlichen von Bautzen) befindet sich das Sandsteinepitaph für Johann Aldoph von Ponickau (gestorben im Jahre 1721), ein Werk des Bildhauers Georg Vater. Siehe hierzu den folgenden ‚Link’: https://www.serbski-institut.d…lp2007-1mirtschin_232.pdf. Die beiden großen, das Epitaph flankierenden und auf eigenen Postamenten stehenden Frauenfiguren, stellen (links) die Fides (also den Glauben) und (rechts) die Fortitudo (also die Stärke dar).


    Beim Vergleich mit dem Heßler-Grabstein in Greußen spricht nun einiges dafür, daß der von mir als ‚Salbgefäß’ bezeichnete Gegenstand, tatsächlich das Kapitell der von einer Fortitudo gehaltenen Säule darstellt. Und das seltsame Loch auf Höhe der Taille der linken, stehenden Frauenfigur in Greußen, könnte darauf hindeuten, daß hier ein – wahrscheinlich – metallenes Kreuz appliziert war, ähnlich dem steinernen in Milkel. Ebenso könnte die Greußener Figur auch eine aufgeschlagene Bibel in ihrer linken Hand gehalten haben.


    Anbei die Vergleichsbilder (jeweils links: Greußen und jeweils rechts: Milkel).


    Fides:



    Fortitudo:



  • Gemeinsames strukturelles Vorbild ?


    Wenn man den Gesamtaufbau des Epitaphs in Milkel mit dem Stein in Greußen vergleicht, so fallen, trotz Verschiedenheit im Detail doch so große strukturelle Ähnlichkeiten auf, daß möglicherweise beide Kunstwerke auf ein in den Jahren um 1719 -1721 gängiges Schema zurückgehen.
    Den beiden, je einen Totenkopf haltenden Putten in Milkel, würden dann die zwei trauernden (siehe die Verschleierung), sitzenden Frauen im Aufsatz des Greußener Grabsteine entsprechen. Den den Letzteren fehlenden Totenschädel findet man am Fuß des Steins innerhalb eines Bogens (auf dem Foto ist nur dessen rechte Augenhöhle mit der Schädeldecke zu erkennen).
    Der – wie abgeschnitten wirkende – gerade Sturz des Aufsatzes in Greußen, könnte zudem, ebenso wie das leicht gebogene Hauptgesims des Epitaphs in Milkel eine Darstellung des Chronos (der Zeit) getragen haben.
    Die heraldische Zier ist allerdings in Greußen im Aufsatz, in Milkel hingegen in der Basis des Kunstwerks positioniert.


    Das Foto des Epitaphs in Milkel entstammt dem im vorigen Beitrag erwähnten ‚Link’.



    Vergleich des Gesamtaufbaus:





    Der Totenkopf in Greußen:


  • Der ganze Aufbau erinnert schon sehr an einen barocken evangelischen Altaraufsatz, bestehend aus Sockelzone, Retabel, Gebälk und Auszug (Oberstück).


  • (Foto von Erwin Meier)


    Der 1722 eingebaute Altar der Kirche St. Martini zu Greußen. Wenn der Grabstein bereits 1719 entstanden sein sollte, schiede dieser Altar natürlich als Vorbild aus. Aber wenn man sich mit der Erstellung des endgültigen Grabmonuments noch ein paar Jahre Zeit gelassen haben sollte, könnte der Mittelteil des Altars - ohne die beiden Sakristeitüren - durchaus schon entfernt Pate gestanden haben...

  • Die Säulengänge von Buttstädt und die Schwibbogen von Greußen


    Im 35 km östlich von Greußen gelegenen Buttstädt, im Landkreis Sömmerda, haben sich am Rande des dortigen ‚Campo Santo’ zwei zum Gräberfeld hin offene überdachte Säulengänge erhalten, die möglicherweise einen Eindruck davon vermitteln, wie die – schon lange wieder verschwundenen – ‚Schwibbogen’ des Friedhofs vor dem Grüninger Tor in Greußen einst gewirkt haben mögen.


    Die geringe Stärke der Grabsteine in Buttstädt und die – durch die Stellung in den Bogennischen – wie gekappt wirkende obere Endung der Steine, findet sich genau so an dem Heßler-Stein aus Greußen. Man könnte sich diesen somit gut im Säulengang von Buttstädt vorstellen.



    Bildquelle: http://www.altertuemliches.at/termine/presse/44745


    Auf diesem Bild vom Nordeingang des Greußener Friedhofs erkennt man, wie schmal der Heßler-Stein (rechts von Hinweistafel und Laterne) tatsächlich ist – eben weil er in der Rückwand der Schwibbogen eingelassen gewesen sein mag. (Bild von mir im September 2016 aufgenommen.)



    Hier der direkte Vergleich: Buttstädt / Greußen


  • Irgendwie beschämen einen bei diesem traurigen Zustand der Gräber diese Bilder und erinnern mich an einen Auspruch meiner Omi, die stets als erstes, wenn sie in ein fremdes Land fuhr schnurstraks einmal zuerst den dortigen Friedhof aufsuchte:


    "Die Kultur eines Landes und seiner (aktuellen) Bewohner erkennt man, wie sie mit ihren Toten umgehen". Wie wahr. Wenn auch ich den Greußenern hier keinen direkten machen will, da sie sich die Jahrzehnte unter Diktatur bekanntlich nicht selbst ausgewählt haben.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Verwunschene Atmosphäre


    Anbei ein Video des 'Campo Santo' in Buttstädt. So ähnlich wird wohl auch der Friedhof in Greußen einst gewirkt haben, als die 'Schwibbogen' noch standen. Schön, daß es solche weltfernen Orte, jenseits der Hektik unserer Tage heute noch gibt !


  • Bereits im späten 17. Jahrhundert scheint es Probleme mit der Instandhaltung der Greußener 'Schibbogen' gegeben zu haben, so schreibt es jedenfalls der Chronist Sternickel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (siehe rote Markierung) :






  • Und hier noch eine Luftaufnahme der Stadt aus der Vorkriegszeit. Der Friedhof ist mittig, an der oberen Bildkante zu erkennen, rechts von einer markanten Baumreihe und dem 'Schützenhaus'. Die rechte Bildhälfte dominiert die Stadtkirche St. Martini.


  • Rundgang über den Friedhof


    (Bilder von mir im September 2016 aufgenommen)


    Der Nordeingang, der auch gleichzeitig der Haupteingang ist.



    Fassade der Friedhofskapelle.



    Innenansicht der Kapelle.



    Das Monogramm des zur Erbauungszeit amtierenden Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen.



    Die vier Evangelisten-Fenster der Kapelle.






    In der Südwestecke des Friedhofs gibt es einen Bereich, der - als Biotop ausgewiesen - der Natur überlassen wurde. Dort mögen sich noch Gräber aus dem frühen 19. Jahrhundert befinden. Er wirkt wie ein 'Spuk-Wald'.



    Eine recht humorvolle Beschreibung dieses 'Spuk-Waldes' findet sich unter folgendem 'Link':


    https://forum.ahnenforschung.net/showthread.php?t=42367


    Eigentlich ist dieser Zustand sehr traurig. Die Stadtväter von Greußen sollten vielleicht einmal darüber nachdenken, ob es nicht doch besser wäre, den Tieren, die momentan dieses Areal bewohnen, andernorts ein neues Biotop zu schaffen. Denn wer weiß schon, was für regionalhistorische Schätze unter dem undurchdringlichen Efeu-Dickicht verborgen sein mögen...





  • Auf dieser Ansicht Greußens von Caspar Merian aus dem Jahre 1650 (veröffentlicht in: Matthäus Merian d.Ä., Topographia Superioris Saxoniae Thüringiae Misniae Lusatiae) sind ganz links Turm und Helm der alten Friedhofskapelle, der Vorgängerin des jetzigen Gebäudes, zu erkennen.

  • Weihnachtliche Impression


    Anbei einfach mal nur eine stimmungsvolles Foto des diesjährigen Greußener Weihnachtsbaums auf dem Marktplatz. Im Hintergrund das schöne Rathaus.



    (Foto von Peter Georgi, 2019)