Umfeld Berliner Schloss - Allgemeines

  • Was für blühender Unsinn! Die Museumsinsel war bis ins 19. Jahrhundert unbebaut und wurde als Garten genutzt. Vorgängerbau des Doms war... genau, ein Dom. Die Prachtbauten Unter den Linden waren vom Schloss aus kaum sichtbar, weil die Schlossfreiheit dazwischenstand. Der Neue Marstall entstand 10 Jahre bevor die Schlossfreiheit abgebrochen wurde, hier liegt quasi Gleichzeitigkeit und keine Entwicklung vor. Tatsächlich beseitigt wurde die letzte kleinteilige Bebauung um das Stadtschloss in den 1950er Jahren, nämlich da wo sich heute das Marx Engels Forum befindet. Städtebaulich natürlich ein Glück, gibt es doch jetzt den Blick auf die monumentale Stella-Fassade frei (die, nebenbei gesagt, eine kleinteilige Fassade ersetzt und deswegen wohl auch eine städtebauliche Verbesserung darstellt)...
    Der Barock (als ähnlich geartetes Beispiel wurde hier schon einmal St. Peter in Rom mit der Via della reconciliazione genannt) hatte noch ein Gespür dafür, die verfassungspolitische Wirklichkeit (z.B. Absolutismus) in Architektur und Städtebau abzubilden. Der König war eben nicht ein dem Volke entrückter Herrscher, der - wie die Königin des Vereinigten Königreichs gerade wieder - nur zu besonderen Anlässen vom Premierminister "aus der Kiste geholt" wurde. Er war mitten im Volk, quasi Ellenbogen an Ellenbogen, aber durch sein Amt und seine Würde herausgehoben aus dem Volk. Da kein Parlament zwischen Volk und König stand, musste er auch nah beim Volk sein, um dessen Wünsche, Anliegen und Probleme hören zu können (vgl. Bittschriftenlinde in Potsdam).
    Dieses Verständnis hatte - trotz Parlament - noch Friedrich Wilhelm IV., und noch Friedrich III./I. war "nah beim Volk" , solange er als Kronprinz sein Gut in Bornstedt bewirtschaftete (er hatte dann ja leider keine Zeit, sich als Kaiser zu bewähren). Bloß Wilhelm II. ging dann jedes Verständnis dafür ab, warum er aus seinem Schloss den Bürgern ins Wohnzimmer schauen sollte...
    Es ist ja jedermanns Geschmack überlassen, was ihm besser gefällt. Den Kahlschlag Wilhelms II. als Vollendung der städtebaulichen Konzeption Schlüters und Eosanders verkaufen zu wollen, ist aber reines Wunschdenken.

  • Was für blühender Unsinn!

    Ich finde, es hat jetzt einige interessante Beiträge zur Schlossfreiheit gegeben, auch dein letzter Beitrag. Aber auf was bezieht sich denn deine Aussage? Ich sehe in keinem der letzten Beiträge etwas Gegensätzliches.

  • Vielleicht nützt ja ein wenig kunstgeschichtlicher Nachhilfeunterricht: Die Straße Unter den Linden ist auf Portal V ausgerichtet, insofern standen die friderizianischen Repräsentationsbauten (Oper, Hedwigskirche, Bibliothek, Heinrich-Palais) von vornherein in einem städtebaulichen Bezug zum Schloss. Allein schon deshalb wurde die kleinteilige Bebauung der Schlossfreiheit zunehmend als störend empfunden.


    Der Lustgarten war keineswegs nur eine reine Landschaft. Hier stand ab 1825/30 das Alte Museum, dessen kolossale Kolonnaden sich - wie Schinkel ausdrücklich betonte - an den monumentalen Proportionen des Schlosses orientierten. Es folgten das Neue Museum und die besonders monumentale Nationalgalerie, die auch auf Portal V ausgerichtet wurde. Auch war in der zweiten Hälfte des 19. Jh. bereits der weitere Ausbau der Museumsinsel geplant.


    Was den Dom betrifft, so wusste schon Schinkel, dass er viel zu klein war (aber aus Sparsamkeitsgründen durfte er den Vorgängerbau von Knobelsdorff lediglich überformen). Doch spätestens unter Friedrich Wilhelm IV. gab es Pläne - und auch erste Baumaßnahmen -, den alten Dom durch einen riesigen Neubau zu ersetzen - manche Entwürfe gingen mit einer geplanten Höhe von 175 Metern sogar weit über das hinaus, was Raschdorff dann realisierte. Alle diese Entwürfe gingen übrigens von den Linden als Sichtachse aus, wobei Altes Museum, Schloss und Dom als Trias fungierten.


    An der Stechbahn war schon vor 1880 das sog. Rote Schloss errichtet worden, Mitte des 19. Jh. konkurrierte mit der Schlosskuppel der Turm des Roten Rathauses. Ebenso korrespondierte die von Hitzig erbauten Börse mit den Schloss.


    Angesichts dieser fortschreitenden - und auch für die Zukunft weiter geplanten - Monumentalisierung des Schlossumfelds lag es in der städtebaulichen Logik, die Bauten der Schlossfreiheit niederzulegen, zumal das Schloss unter Wilhelm II. nicht nur als königliche Residenz genutzt wurde, sondern auch Wohnstätte des deutschen Kaisers, was noch mehr nach einem repräsentativen Umfeld verlangte.


    Und letztlich wird man davon ausgehen dürfen, dass schon Eosander einen freien Blick auf sein Portal geplant hatte.


    Insofern war die Situation des Schlosses um 1890 eben nicht mehr mit der des Petersdoms vor dem Bau der Via della Conciliazone (nicht reconciliazione) vergleichbar - wobei es übrigens auch seit dem 16. Jh. Pläne gab, eine solche Straßenachse zu bauen bzw. Petersdom räumlich freizustellen.



    stadtbild-deutschland.org/foru…dex.php?attachment/13569/

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

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  • Ach da können wir doch froh sein, daß Raschdorff seinen Dom hat verwirklichen können und der Bombenkrieg das meiste davon hat übrig gelassen. Alle anderen von Dir gezeigten Entwürfe, werter Seinsheim, sind zwar hochinteressant - dazu würde ich gerne im Domstrang noch mehr sehen - aber mir sind sie zu monumental, zu üppig, zu gewollt, kurz teils recht scheußlich. Ein additives Aneinanderstückeln von architektonischen Versatzstücken ohne eine Gesamtharmonie zu erreichen. Ausgenommen der im mystischen Mondlicht dargestellte gotische Dom, der allerdings so überhaupt nicht nach Berlin gepasst hätte und der vorletzte sehr schöne Entwurf, der mich an lombardische Renaissancebauten erinnert und mit seiner warmen Backsteinarchitektur doch mehr Bezug zu den alten Kirchenbauten Berlins hergestellt hätte.

  • @UrPotsdamer
    Der 'barocke Umbau' des Schlosses erstreckte sich ja über einen längeren Zeitraum. Als Schlüter mit seinen Bauarbeiten begann, war das Umfeld doch noch mehrheitlich kleinteilig geprägt, auch wenn gleichzeitig schon erste Ideen für andere repräsentative Grossbauten wie Zeughaus etc. aufkamen. Den Begriff 'blühender Unsinn' empfinde ich daher schon ein bisschen unangemessen.

  • Lieber @SchortschiBähr, ja, das ist auch immer meine Rede gegenüber allen Kritikern des Raschdorff-Doms: Es hätte ganz anders kommen können - wenngleich auch der ausgeführte Bau die Maßstäbe gesprengt hat.
    Die Pläne kann ich gerne mal im entsprechenden Strang präsentieren.
    Und auch das Nationaldenkmal von WII war vergleichsweise bescheiden.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • @ HGViertel, das schaut mir doch sehr nach einer temporären Oberflächenbefestigung aus. Sonst stauben ja die frischen Schloßfassaden schnell wieder ein, wenn da die Baufahrzeuge vorbeirauschen, vielleicht auch jene von der U-Bahn Baustelle!?

  • Was hat es mit den aktuellen Asphaltierungsarbeiten auf der Nordseite des HF auf sich ? https://cam05.berlinerschloss-webcam.de

    Dieser Artikel der Morgenpost von Dezember 2018 gibt Hinweise zu den Gründen: vermutlich sind es die erwähnten provisorischen Zugangswege und Aufstellflächen für die Feuerwehr. Die endgültige Fertigstellung des Umfeldbereichs der U5-Eingänge kann erst erfolgen, wenn diese (hoffentlich) in 2020 fertiggestellt wird, wobei laut dem Artikel die Berliner Wasserbetriebe dort dann auch noch tätig werden sollen. Mit der endgültigen Fertigstellung der Außenanlagen könne wohl nicht vor 2023 gerechnet werden...
    Ich nehme an, dass der asphaltierte Bereich noch nicht gepflastert werden kann bzw soll, um später dann das Umfeld in Richtung Schlossbrücke in einem Guß fertigzustellen.

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Ja...ich ging schon eine ganze Weil davon aus, dass man zwar entlang der Hauptstraßen am Lustgarten und am Schlossplatz die prächtigen Schupmann-Kandelaber aufstellen wird (immerhin!), aber dass die Beleuchtung der Plätze modern und schlicht ausfallen wird, ganz so wie die Platzgestaltung.
    Ich hoffe nun, dass einerseits die großen, prachtvollen Schupmänner und andererseits die prächtigen Schlossfassaden den Blick größtenteils auf sich lenken werden, sodass diese Lichtstelen praktish vor dem Auge verschwinden. :/ Es is schonmal gut, dass sie grau wie das Pflaster sind und nicht auffällig schwarz.

    Inzwischen wurden zwei der ollen Peitschenlampen auf der zum Schloss gewandten Seite der "Lustgartenstraße" entfernt ... nun bin ich gespannt, ob an deren Stelle die schönen Schupmänner kommen werden, oder ob diese nur, wie bereits jetzt einige, auf der dem Alten Museum zugewandten Seite der Straße stehen werden.

  • Herrlich, schon damals Fleischbrühe und Käsebrot! 8o:applaus:

    In der Architektur muß sich ausdrücken, was eine Stadt zu sagen hat.
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten

  • Das wird man dann doch wohl auch noch auf der Dom-Seite machen!?

    "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"

  • Davon gehe ich aus, vor allem weil auf der gleichen Seite ja auch bereits Schupmänner am Lustgarten stehen.

  • 1937 Blick vom Alten Museum auf den stadtfindenden Weihnachtsmarkt im Lustgarten und auf den Nordflügel des Schlosses



    Sind das zwei Fahnenmaste auf dem Schloss? Sehr schön wie man die Skulpturen über dem Portal abgebildet sieht.

  • Wen ich mir den Baufortschritt im Archiv anschaue, den schnellen Aufbau von der Grundsteinlegung bis zum Richtfest, dann kann ich wahrlich stolz auf die Bauarbeiter sein, aber wen ich mir den Fortschritt in den Aussenanlagen ( besonders die neue Mauer auf der Ostseite ) dann wird mir schlecht und ich muss mich Fremdschämen, aber hier baut ja das Land Berlin und da kann man ja nichts anderes erwarten. :kopfwand: