Berliner Schloss - Umfeld

  • Bis Mussolini kam und die Via Della Conciliazione durchbrach, um einen schönen Blick auf den Petersdom zu erhalten - ein Blick, der von den Architekten von Petersdom und -platz nie intendiert war. Aber das 20. Jahrhundert wusste es eben besser...

    Wobei ich anmerken möchte, dass mir die Sichtachse der Via Della Conciliazione hervorragend gefällt. Gassengewirr gibt es in Rom ja genug. Mir fehlen bisweilen die großstädtischen Stadträume. Hier wurde ein solcher verwirklicht. Nicht alles war schlecht am 20. Jahrhundert.

  • Und der Petersplatz ist nicht groß genug? Der Witz war doch, dass man durch das Gassengewirr auf einmal auf diesen riesigen Platz stieß, mit der imposanten Fassade des Petersdoms (die auch auf dem Platz immer noch imposant genug ausfällt). Die jetzige Situation nimmt den gesamten Überraschungseffekt. Aber Subtilität ist halt nicht die Leittugend des 20. Jahrhunderts. Immer Faust auf Auge...

  • Planungen für eine breite, auf den Petersplatz führende Achse gab es schon unter Carlo Fontana. Dennoch bin ich hinsichtlich der Frage, wie die Via della Conciliazione zu bewerten sei, hin und hergerissen.
    - Das Überraschungsmoment, vom Borgo Nuovo auf den kleinen Vorplatz und von dort auf den Petersplatz zu treten, muss grandios gewesen sein, zumal die Achse des Borgo Nuovo von Bernini exakt aufgegriffen und verlängert wurde: über den nördlichen Korridor, der die Kolonnaden mit Madernos Fassade verbindet, und dann über die Scala Regia. Zugleich war damit eine ikonographische Aussage verbunden: von der Engelsbrücke mit den Passionswerkzeugen Christi empor zum Licht: Per aspera ad astra.
    Anderseits hat Marcello Piacentini die neue Straße sehr intelligent gestaltet: zwei gute Kopfbauten, zwei sehr gute Endbauten, die eine Verengung schaffen und die zu breite Fassade des Petersdoms in bessere Proportionen bringen. Zugleich wird eine Fernsicht geschaffen, in der die Kuppel zur Fassade in einem stimmigen Verhältnis steht.
    Die Straße selbst ist dreigeteilt, die Kandelaber nehmen den Obelisken vorweg, ebenso wie die Schlussbauten die Korridore des Platzes paraphrasieren.
    Nach den 1950er Jahren hat man eine so gute Achse nie wieder hinbekommen, wenngleich ich die neuen Fassaden zwischen den Kopfbauten und den Schlussbauten überwiegend eher schwach finde.

    Früher hieß es: "Der Geist weht, wo er will". Heute muss es heißen: "Der Zeitgeist tickt, wo er will".

  • Nicht vergessen sollte man die palazzi und Kirchen, die für die gigantomane prachtstraße abgebrochen (und nur teilweise an anderem Ort rekonstruiert) wurden.

  • Jede noch so kleine bauliche Veränderung in einer Stadt wie Rom kostet auch historische Substanz. Es hieße jede Weiterentwicklung einzustellen, wenn der Ist-Zustand komplett konserviert werden soll. Ich denke, dass in Rom noch ausreichend historische Substanz vorhanden ist. Wer sich dem Petersplatz durch engere Gassen bzw. Straßen nähern möchte, kann dies weiterhin von Norden oder Süden aus tun.

  • Allerdings bedeutet heutzutage nahezu jede Veränderung Verschlechterung (zumindest in Deutschland). Sie können und wollen es einfach nicht mehr. Deswegen kämpfen wir ja um jedes Gründerzeithaus von der Stange.

  • Hier die Bundestagsrede aus der Gruppe der Paria zum geplanten Bau der Wippe, die der Redner als "Rummelplatz-Attraktion" bezeichnet. Wie passend. Ebenfalls noch erwähnenswert: Der Redner zitiert auch den CDU-Abgeordneten Arnold Vaatz, der seinerseits kritisierte, dass durch die Wippe „das wohl bedeutendste Ereignis der deutschen Geschichte auf Kindergeburtstagsniveau verzwergt“ werde. Wie wahr!


    https://www.youtube.com/watch?v=IC6HXnx3TY



  • Diese Bild von Mantikor aus dem Stadtschloß-Themenstrang macht erneut die ganze Uzulänglichkeit der gegenwärtigen 'Liebknecht-Brücke' deutlich. Die Durchfahrt hat den zweifelhaften Charme einer Schleuseneinfahrt in Bremerhaven oder Hamburg. Dadurch wird die Ansicht der Lustgartenfassade aus Richtung der Burgstraße unglaublich negativ beeinträchtigt. Die Seitendurchfahrt nimmt ja in etwa den eleganten Schwung ihrer Vorgängerin in der Kaiser-Wilhelm-Brücke wieder auf. Das könnte fürs Erste so bleiben. Aber diese Mitteldurchfahrt ist an dieser prominenten Stelle im Herzen der Hauptstadt einfach nur unwürdig und total unpassend !
    Die einzig befriedigende Lösung läge auch hier in der Rekonstruktion der im Dritten Reich abgeräumten gründerzeitlichen Brücke !

  • Hier noch etwas zur Via della Conciliazione. Ich hatte diesen Beitrag zuvor versehentlich auf dem Strang Berliner Schloss-Humboldt Forum gepostet und ihn dort nun gelöscht und hier eigestellt.











    Früher hieß es: "Der Geist weht, wo er will". Heute muss es heißen: "Der Zeitgeist tickt, wo er will".

  • D.h. also die Achse war "zufällig" durch den mittelalterlichen Straßengrundriß schon vorgeprägt und bereits zur Barockzeit als Entwurfsplanung(Idee) präsent!?
    Sehr schön aufgezeigt. Immer weider wunderbar, was Du uns zu vermitteln weißt! Danke!

  • Diese Bild von Mantikor aus dem Stadtschloß-Themenstrang macht erneut die ganze Uzulänglichkeit der gegenwärtigen 'Liebknecht-Brücke' deutlich. [...]


    Die einzig befriedigende Lösung läge auch hier in der Rekonstruktion der im Dritten Reich abgeräumten gründerzeitlichen Brücke!

    Endlich einmal eine Rekonstuktionsidee mit dem Potential für eine breitgefächerte Akzeptanz. Schließlich ist es in Deutschland seit Jahrzehnten gesellschaftlicher Konsens, dass alles gut war, was die Nazis nicht mochten. Da wurde immer wieder scheußliche Kunst und fragwürdige Architektur geadelt durch Ablehnung durch die Nazis.


    Hier könnte man diesen Reflex mal für etwas Gutes instrumentalisieren: "Von den Nazis abgerissene Brücke durch die Demokraten wieder errichtet"

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    Gutmensch = Gut gemeint, nicht zuende gedacht, schlecht gemacht

  • Guten Morgen,


    kann mir jemand auf die Sprünge helfen wie es derzeit mit dem Neptunbrunnen aussieht? Die Beiträge in den Suchergebnissen sind aus 2016. Jetzt, wo sich der Schloss-Bau auf der Zielgeradenb befindet wäre es an der Zeit, das nächste Ding zu drehen? :wink:


    Einen angenehmen Tag,
    Markus

  • Eine Versetzung des Neptunbrunnens wird von Rot-Rot-Grün abgelehnt, obwohl (man möge mich korrigieren, falls dem nicht so ist) eine Finanzierung der Brunnensanierung und Übernahme der Kosten für entsprechende Maßnahmen (Überführung/Anschluß) von Seiten des Bundes vorliegen. Gleiches gilt übrigens für die ehemaligen Kollonaden des Kaiser Wilhelm-Denkmals...dafür kriegen wir ja die Wippe.

    "Willst du eine Stadt vernichten, baue Kisten, Kisten, Kisten!"

  • Gleiches gilt übrigens für die ehemaligen Kollonaden des Kaiser Wilhelm-Denkmals...dafür kriegen wir ja die Wippe.

    Auch hier kenne ich den aktuellen Stand nicht. Ist das nun zu 100% durch oder gibt es immer noch Wahrscheinlichkeiten, dass das Ding aufgrund von Kosten- und geschichtlichen Gründen eingestampft oder zumindest umplatziert wird? Auch hinsichtlich des Untergrundes.

  • Hier noch ein aus meiner Sicht notwendiger Kommentar zu Seinsheims Post über die Via della Conciliazione in Rom:


    Es ist zwar richtig, dass es seit der Barockzeit immer wieder Pläne gab, eine breite und repräsentative Achse zum Petersdom zu schaffen, doch war dies keineswegs das Projekt Berninis, dessen "Heilsweg" im Gegenteil vorsah, aus einem engen und verwinkelten Geflecht aus mittelalterlichen Gassen mit immer wieder kurz aufblitzenden spannenden Perspektiven plötzlich auf die überwältigende Weite des Petersplatzes hinauszutreten und vor der grandiosen Fassade des Petersdomes zu stehen. (Der Heilsweg verlängerte sich danach zum Portal der Scala Regia und von dort ins Innere des Vatikans.) Bernini wollte eigentlich die links und rechts des Petersplatzes errichteten Kolonnaden auch in Richtung der Spina schließen (terzo braccio), um den Überraschungseffekt noch zu erhöhen und den Besucher wie durch eine Kulisse plötzlich auf die Bühne eines Theaters treten zu lassen. Diese Finalisierung seines Projektes kam durch den Tod von Papst Alexander VII. leider nicht mehr zustande, allerdings war die Enge der Spina di Borgo ausreichend, um auch so für einen großen Überraschungseffekt zu sorgen.
    Alle Pläne, die Spina di Borgo zu verbreitern und dafür die alten Häuser abzureißen, scheiterten immer wieder am massiven Protest der Römer, so dass diese Pläne nie zur Realisierung kamen. Erst im Faschismus war die staatliche Macht über die Gesellschaft so groß, dass Mussolini den Gedanken wiederaufgreifen und mithilfe der neoklassizistischen Pläne des Architekten Marcello Piacentini verwirklichen konnte. Die Idee dahinter war u.a. ein gewisser Neid auf das monumentalere Paris, welches nach Meinung Piacentinis seine Monumente besser herausstellen und präsentieren würde als das alte verwinkelte Rom, das seine Schätze eher verstecke und oft keine repräsentativen Achsen besäße, siehe z.B. die Piazza Navona. Zitat Wikipedia:

    Erst das faschistische Regime Benito Mussolinis konnte wieder auf die radikalen Lösungsvorschläge zurückgreifen. Nach der Klärung der Position des Papsttums in den Lateranverträgenbegann man neu zu planen. Der einflussreiche italienische Architekt und Stadtplaner Marcello Piacentini hatte schon 1929 in zwei Grundsatzartikeln vertreten, dass im Vergleich zum „wohl geordneten“, seine historischen Monumente „herausstellenden“ Paris Rom seine schönsten und größten Baudenkmäler geradezu verstecke. Selten sei ein Monument auf die Achse einer geraden Straße hin ausgerichtet. Piacentini, auch Schöpfer der für die Weltausstellung von 1942 vorgesehenen Satellitenstadt EUR, nannte dabei neben der schwer aufzufindenden Piazza Navona als Beispiel auch die unbefriedigende Situation bei der Peterskirche. Piacentinis Auffassung wurde von Mussolini geteilt, der sich „eine der größten Kirche der Christenheit würdige“ Zufahrt wünschte.


    So wurde nicht nur der alte barocke Heilsweg Berninis zerstört, sondern auch eine nicht geringe Anzahl wertvoller alter Palazzi, zwei Kirchen und die reizvolle Piazza Scossacavalli auf halber Strecke. Einige der Palazzi wurden zwar an neuer Stelle mehr oder weniger frei rekonstruiert, allerdings wurde trotzdem wertvollste alte Substanz vernichtet und durch neoklassizistische, banale und hohle Protzarchitektur ersetzt, die in keinster Weise der Bedeutung und architektonischen Qualität des Petersplatzes und Petersdomes gerecht wird. Die antikisierenden Obelisken mit den Laternen links und rechts der Straße empfinde ich sogar als heidnische Verunglimpfung des zentralsten Ortes des christlichen Glaubens, fehlt nur noch, dass anstelle der Laternen offene Feuer auf der Spitze der Säulen brennen...
    Die Monumentalität dieser Zufahrt konkurriert außerdem in unvorteilhafter Weise mit der Größe und Wirkung des Petersplatzes und -domes und zerstört somit jedes Crescendo: man stumpft ab und ist, wenn man schließlich am Petersplatz angekommen ist, nicht mehr wirklich empfänglich für die Wirkung und Aussage des Petersdomes.


    Dass die Fassade des Petersdomes zu breit wäre, ihr die flankierenden Türme fehlten und sie somit eine optische "Korrektur" durch die einengenden Portalbauten nötig hätte, ist eine grobe modernistische Anmaßung und außerdem meines Erachtens Ausdruck eines eher nördlichen Empfindens: der Petersdom muss nicht unbedingt so aussehen wie die Dresdner Frauenkirche ;-) Gemessen am zum Erbauungszeitpunkt noch prägenden italienischen Renaissance-Geschmack, der die horizontale Reihung und Monumentalität einer vertikalen Stoßrichtung vorzieht und der Bedeutung des Domes als wichtigste Kirche der Christenheit ist die Breite schon gerechtfertigt.


    Zum Abschluss noch ein Zitat des römischen Schauspielers Alberto Sordi (1920-2003), der die ursprüngliche Spina noch vor der Demolition als Kind kennengelernt hatte und sich hier an die Wirkung des Hervortretens aus den engen Gassen erinnert:


    Quote from Alberto Sordi

    «Avevo quattro anni quando vidi per la prima volta San Pietro e fu proprio per il Giubileo del 1925. Ero in compagnia di mio padre, venivamo da Trastevere, dove ero nato in via San Cosimato e dove vivevo con la mia famiglia. Arrivammo percorrendo i vicoli, che poi furono distrutti, di Borgo Pio: un ammasso di casupole, piazzette, stradine. Poi, dietro l'ultimo muro di una casa che si aprì come un sipario, vidi questa immensa piazza. Il colonnato del Bernini, la cupola. Un colpo di scena da rimanere a bocca aperta. Ecco, quello che ricordo di più di quel Giubileo fu questa sorpresa.»

    Auf deutsch:


    "Ich war vier Jahre alt, als ich zum ersten Mal den Petersdom sah und dies war gerade zum Jubiläum 1925. Ich war in Begleitung meines Vaters, wir kamen vom Trastevere, wo ich in der Via San Cosimato geboren worden war und mit meiner Familie lebte. Wir kamen an, nachdem wir die kleinen Gassen von Borgo Pio durchlaufen hatten, die später zerstört wurden: eine Anhäufung von Hütten, kleinen Plätzen und Gassen. Dann, hinter der letzten Mauer eines Hauses, welche sich wie ein Bühnenvorhang öffnete, sah ich diesen riesigen Platz. Die Kolonnaden von Bernini, die Kuppel. Ein Paukenschlag, der einen mit offenem Mund dastehen ließ. Voilà: das, was mir von jenem Jubiläum am meisten in Erinnerung geblieben ist, war diese Überraschung."

  • "Leonhard", Deinen Beitrag teile ich überhaupt nicht.

    allerdings wurde trotzdem wertvollste alte Substanz vernichtet und durch neoklassizistische, banale und hohle Protzarchitektur ersetzt

    Sicher ist der Verlust an historischer Bausubstanz stets schmerzhaft. Ich schrieb es aber schon einmal. In einer Stadt wie Rom könnte keinerlei städtebauliche Entwicklung mehr stattfinden, wenn man jeden Zustand komplett konservieren wollte. Und Rom hat so viel Substanz, das es auch mal einen Eingriff, der städtebaulichen Gewinn bringt, verkraften kann.


    Die Via della conciliazione gibt Rom einen kleinen Hauch jener großstädtischen Monumentalität, die ich dort bisweilen vermisse. Mir gefällt die dortige neoklassizistische Architektur sehr gut, ich halte sie durchaus für streng, alt-römisch, aber zugleich für südländisch und heiter. Marcello Piacentini ist für mich einer der interessanten Architekten des 20. Jahrhunderts.


    Dass die Mussolini-Führung heidnisch gewesen wäre und heidnische Symbolik im Stadtbild platziert hätte, wäre mir neu. Es würde mich aber nicht stören, bin ich ja nicht in der Kirche.


    Natürlich aber ist das meine persönliche Meinung und mein persönlicher Geschmack.

  • Guten Morgen, kann mir jemand auf die Sprünge helfen wie es derzeit mit dem Neptunbrunnen aussieht?

    Es gibt keinen neuen Stand der Dinge, der von den linken Dogmatikerinnen Lompscher und Lüscher regierte Bau-Senat ist der Meinung, dass dieser neobarocke Brunnen am besten in der städtebaulichen Einöde des Rathausforums aufgehoben ist (statt vor einer Barockfassade Andreas Schlüters). Bei dieser fleischgewordenen Unlogik wird es bleiben, solange dieser Senat nicht abgewählt wird. Und dass sich die Berliner mehrheitlich ein historisches Schlossumfeld wünschen ist diesen hohen Damen auch völlig egal. :kopfschuetteln: