• Das ist jetzt schon aber sehr zynisch :D


    Laß ihn menschlich wegen meiner ein Ekel gewesen sein (ich erschein ja auch im Forum als nett... :D ), aber de Musik hat schon was, auch wenn er es überhaupt nicht für Orgel komponiert hat.

    Jeder hat das Recht auf meine Meinung.

  • Die katholische Kirche St. Maria Neudorf war für mich schon immer einfach eine unter den zahlreichen Jugendstilkirchen in St. Gallen. Die regelmässigen Gottsdienstbesuche fanden in unserer Familie nicht nur in der Kirche statt, in der wir getauft wurden oder die am nächsten lag, sondern in allen Kirchen der Stadt und auch der Umgebung. Abwechslung macht das Leben süss :) . So lernte ich schon als Kind ziemlich alle Kirchen der Stadt kennen und schätzen (nicht aber alle ihre Pfarrer; besonders diejenigen nicht, die nicht mehr mit Predigen aufhören wollten). Vielleicht habe ich unbewusst eine besondere Affinität zu dieser Kirche, weil ich in der Klinik direkt gegenüber auf die Welt gekommen bin und meine ersten dreissig Lebensjahre in einem ebenso monumentalen Jugendstilwohnhaus verbracht habe.


    Die Kirchenanlage St. Maria im Neudorf fällt aber durch ihre imposante Grösse und wenig bebauten Umgebung am Anfang der Stadt auf. Sie wurde während dem 1. Weltkrieg 1914-17 erbaut, aber durch die Kriegswirren und anschliessende Weltwirtschaftskrise wuchs damals kein Quartier mehr um sie herum. Durch die hier herrschende Monoindustire der Stickerei machte die Stadt einen besonders tiefen wirtschaftlichen Fall, indem Luxusgüter nicht mehr gefragt waren. So erhielt das Gotteshaus erst 1927 eine Orgel, und mit dem Geläut musste bis 1930 zugewartet werden.


    Hierzu gibt es eine anschauliche Webseite der 'Freunde der Orgel St. Maria Neudorf':
    https://www.orgel-stmaria.ch/index.php


    Es lohnt sich sehr, die Bildergalerien zu beiden Orgelwerken und zur Kirche selbst zu betrachten. Die Jugendstil-Kirche ist in den letzten Jahren innen und aussen wunderbar restauriert worden! Eine Besonderheit sind die bunten Glasmosaikfenster, die nicht mit Bleistegen zusammengehalten werden, sondern in Betonstege eingearbeitet sind!



    Nun aber zur Orgel:


    Über sie gibt es ein wunderbares Video auf YouTube:


    Ich zitiere aus dem Videobeitrag:

    Quote

    [...] steht eine der bedeutendsten Orgeln der Schweiz. Es handelt es sich um eine Monumentalorgel, die 1927 nach den Grundsätzen der sogenannten Elsässer Orgelreform von Orgelbau Willisau erbaut wurde. Sie ist die grösste Orgel *) der Stadt St. Gallen und gehört mit ihrem Fernwerk zu den grössten erhaltenen Orgeln aus dieser Zeit. Die Orgel besitzt drei Manuale und ein Pedal mit insgesamt 85 Registern.
    [...]
    Einzigartig ist das Fernwerk. Im Zusammenspiel mit der Hauptorgel lassen sich ganz besondere Klangeffekte erzielen. Mit zwei Manualen und 16 Registern ist es das grösste Fernwerk der Schweiz.
    [...]
    über 4000 Pfeifen [...]

    *) Ich bin immer davon ausgegangen, dass die Orgel in der Kathedrale die grösste sei... dem ist offenbar nicht so. > St. Gallen (SG) (Galerie)


    Mich als Technikfreak erfreuen die Zwischeneinblendungen mit den sich bewegenden Ventilen, der Windlade, dem Elektromotor und auch ein Gang durch den Estrich mit den mechanischen Traktionen zum Fernwerk.


    1940 wurde der Spieltisch ersetzt, nachdem derjenige von 1927 einige Mängel aufwies. Von 1938 gibt es eine Expertise eines Paters aus dem Kloster Einsiedeln über diesen Spieltisch. Das Protokoll ist auf der Webseite der Orgelfreunde wiedergegeben. Auch für einen Musiklaien wie mich ist es ein Genuss, dieses zu lesen, ist es doch in perfektem Deutsch verfasst und noch mit einer mechanischen Schreibmaschine ohne durchgedrückte Punkte und anderer Satzzeichen geschrieben, dazu noch fast in Blocksatz (wer von euch hat noch auf einer solchen Schreibmaschine schreiben gelernt?).


    https://www.orgel-stmaria.ch/i…igures/Expertise_1938.pdf


    Auch die Protokolle im Vorfeld zum Bau der Orgel von 1927 sind in der Webseite - allerdings ein bisschen versteckt - zu finden (> Verein > Facts & Figures). Demnach wurde die Orgel für satte 103'400 Franken (95'000 Euro) veranschlagt (nebst baulichen Anpassungsarbeiten) und in Auftrag gegeben. Historiker unter euch können diesen Wert sicher auf die heutige Zeit umrechnen.


    2006-2008 wurde die Orgel revidiert. Für diese aufwändige Arbeit wurde 2006 extra der Verein 'Freunde der Orgel St. Maria Neudorf' gegründet. Aus ihrer Webseite habe ich die Angaben hier zusammengetragen.


    Zuguterletzt: Sowas sieht und vor allem hört man nicht alle Tage:


  • Wenn ich mal wieder in der Schweiz bin, muß ich diese Kirche unbedingt mal besuchen. Die Orgel scheint mir einen herausragenden Klang zu haben.

    Jeder hat das Recht auf meine Meinung.

  • Nur zu, ich kann Dir dann auch Zugang zu weiteren Orgelraritäten in der Gallusstadt verschaffen:
    Übrigens - St. Maria Neudorf hat auch ein fantastisches, sechsteiliges Geläut; siehe Kommentare!




    - Kathedrale: zwei Chororgeln von 1766/67, welche ins Chorgestühl integriert sind und bei denen geplant war, beide von einem Spieltisch aus zu bespielen. Diese Besonderheit konnte damals nicht umgesetzt werden, wurde dann aber beim ersten Umbau 1823/25 realisiert. Weitere Revisionen und Registraturanpassungen, bei denen immer der barocke und klassizistische Zustand im Vordergrund standen: 1939, 1966/67 und 2008.


    - Kathedrale: grosse Domorgel auf der Empore von 1968, deren Gehäuse aus Elementen der 1. Domorgel von 1810 besteht.



    (mit Standbildern, bei denen man auch die Chororgeln samt Spieltisch sieht)



    - ehemalige Klosterkirche St. Katharinen: Orgel von 1900 mit pneumatischer(!) Traktur im Louis XVI-Gehäuse von 1806, in den 1940er-Jahren klanglich dem Zeitgeist angepasst, 2011/12 Rückführung in den Zustand von 1900, aufwändige Restaurierung des gesamten Orgelprospekts. Die Orgel gilt als die kleine Schwester der Linsebühl-Orgel.



    - Linsebühlkirche: Orgel von Friedrich Goll, 1897, für die neu erstellte Kirche. Pneumatische(!) Traktur und Registratur. 1933 vollständiger Umbau, 1941 Purifizierung des Prospekts, 1992 weitestgehende Rekonstruktion des gesamten Instruments.
    http://peter-fasler.magix.net/…sg_stg_linsebuehl_neu.htm



    Zum Geläut der Linsebühlkirche: der Zeitschlag ist sehr laaangsam. Weshalb weiss ich auch nicht. Von meiner Wohnung aus höre ich sehr gut die Geläute von vier Kirchen, dann die Glocke eines ehemaligen Stadttors und jene des Waaghauses aus dem ehemaligen Rathaus. Da kann man alle leicht voneinander unterscheiden. Hier noch ein Beitrag zu allen Glockenklängen der Stadt: St. Gallen (SG) (Galerie)

  • Auch eine Art Rekonstruktion:
    Demo of the Thuringian-style Bach Organ in Budapest, Hungary | Aeris Orgona


    Quote from AerisOrgona

    Bach-organ of Budapest for the jubilee of reformation


    Only from clear mountain springs


    The new organ of the church was built under the inspiration of the most beautiful instruments of the Thüringen organbuilding like masterpieces of Wender, Volckland, Trost and Wiegleb, which instruments were appreciated by J. S. Bach also because of their unique sounding features. The most important reference was the Wiegleb-organ of Ansbach and also was the Trost-organ of the Stadtkirche Waltershausen.
    [...]

    http://aerisorgona.hu/en/hold/
    Auch sehr schön: der an sich an historische Orgeln anlehnende Prospekt.



    Leider gibt es keine gescheite Aufnahme der (ebenfalls relativ neuen) Chororgel im Ingolstädter Münster (2016) zum Vergleich, die ja ebenfalls einer Orgel nahe kommen soll, die zu Bachs Zeiten in Mitteldeutschland aktuell war:

    Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen. — Dr. Melanie Möller

  • Hui 4 Manuale und 64 Register! Wie hat das denn alles Platz in dem unscheinbaren, kubushaften Gehäuse, das dicht gedrängt unter Decke und Wandnische steht? Der Klang dürfte schon überzeugend gut sein, aber so ganz ohne Nachhall, hm!?

  • Hui 4 Manuale und 64 Register! Wie hat das denn alles Platz in dem unscheinbaren, kubushaften Gehäuse, das dicht gedrängt unter Decke und Wandnische steht? Der Klang dürfte schon überzeugend gut sein, aber so ganz ohne Nachhall, hm!?

    https://www.grenzing.com/organosshow.cfm?id=223&ip=223223


    Wenn man sich die Disposition ansieht erkennt man, dass es viele Transmissionen und Extensionen gibt. Also, viele Registerzüge am Spieltisch aber nicht ganz so viele Pfeifen im Gehäuse. Schnitger, Silbermann und Cavailé - Coll würden sich im Grabe umdrehen...


    Sicherlich ist die Qualität des Instrumentes sehr gut und hochwertig, aber die heutigen Organisten können nur noch laut spielen und sich selbst darstellen. Vergleichbar mit heutigen Architekten (Ausnahmen bestätigen die Regel!).


    Auch das Gehäuse ist langweilig. Kubus, Kasten, Klotz... Bestes Beispiel für eine völlig, zumindest optisch misslungene Orgel ist die im Regensburger Dom.


    https://www.orgel-information.…s/2019/10/20191022_2.html


    Im Gegenteil zu der wirklich komplett neuen Orgel in der Neustädter Hof - und Stadtkirche St. Johannis in Hannover:


    https://www.ndr.de/nachrichten…weiht,barockorgel116.html


    In dieser Kirche befindet sich übrigens die Grabstätte des Universal - Gelehrten Gottfried Wilhelm Leipniz (keine Verwandtschaft zur Keks - Fabrik!)

  • Im Gegenteil zu der wirklich komplett neuen Orgel in der Neustädter Hof - und Stadtkirche St. Johannis in Hannover:


    https://www.ndr.de/nachrichten…weiht,barockorgel116.html

    Nochmal eine "Bach Orgel"! Das scheint wohl ein Trend zu werden..^^ Sehr schön auch der Prospekt... Im Gegensatz zur Orgel in Iserlohn, die in die Nische gequetschte, kubenförmige Orgel wirkt überdimensioniert und in der modernen Form auch störend.

    Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen. — Dr. Melanie Möller

  • In der Welt des Orgelbaus tut sich gerade sehr viel. Etliche Instrumente der Nachkriegszeit verschwinden und werden durch hochwertige Neubauten ersetzt. Allerdings werden auch schon wieder viele hochwertige Neubauten der vergangenen 20 Jahre durch geschmacklich - bedingte Veränderungen ersetzt...


    Was kostet die Welt, wenn man bei einem Orgelneubau von einem Registerpreis von circa 20.000 Euro ausgehen kann!

  • Die "spanische" Orgelbaufirma, die offensichtlich von einem Deutschen in Spanien gegründet wurde (!?) kann ja sehr hochwertige und bedeutende Referenzen ausweisen. Wo die schon überall und in welch anspruchsvollen Dimensionen gebaut haben (siehe Kathedrale Brüssel, https://www.grenzing.com/organosshow.cfm?id=23&ip=23000) und auch spanische historische Intrumente neu historisierend oder wesentlich ergänzt neu gebaut bzw. restauriert haben (da sind einige der wohlklingendsten spanischen Kathedralorte dabei!). Habe von der Firma noch nie was gehört, obschon sie sehr bekannt sein muß!