Das Verschwinden des Kopfsteinpflasters

  • Vor kurzem sah ich auf YouTube eine Sendung des Saarländischen Rundfunks (SR) über Weimar.


    "Städtetrip nach Weimar - Mehr als nur Goethe und Schiller" (Link: hier)


    Darin kam auch Architekt und Denkmalpfleger (!) Dr. Lutz Krause zu Wort.


    Der SR-Reporter stellte Lutz Krause folgende Frage:


    "Wo würde der Denkmalpfleger sagen, das hätte ich vielleicht anders gemacht, hätte ich freie Hand komplett gehabt?"


    Weimar Altstadt ist alles Pflaster und alles Naturstein und ich weiß nicht warum man das gemacht hat. Ich hätte mir vorstellen können in einigen Stellen, wo Geräusche vermieden und Erschütterungen vermieden werden sollen, in der Nähe vom Schloss und so, da hätte man auch mit Asphalt arbeiten können!

    "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)

  • In meine Heimstadt in Frankreich ist was interessantes passiert : bisweil hatten wir im Stadtzentrum typisch asphaltierte Strassen und Gehwege.

    Es wurde dann entschieden, alles umzubauen, um es "moderner" zu machen : weg mit dem Asphalt, her mit Kopstein, aber gleichzeitig wurden die Gehwege au Bodenniveau nivelliert, um dein Eindruck zu erwecken, es ist jetzt eine Fussgängerzone (was nicht der Fall ist), und um die Autos zu zwingen, langsamer zu fahren.

    Trauriges Nebeneffekt : mit der Zeit hatten sich grosse Löcher im Strassenasphalt gebidelt...Und sieh einer an : unter den Asphalt war "Vintage" Kopfstein, extrem stark abgenutzt, warscheinlich 80-70 Jahre alt, die in den 70ger einfach mit Asphalt überdeckt wurden.

    Und jetzt wurde es absurd : die alte Pflasterung wurde entfernt, um sie mit eine neuere zu ersetzen, die einfach grauenhaft aussieht... :(

  • In meine Heimstadt in Frankreich ist was interessantes passiert : bisweil hatten wir im Stadtzentrum typisch asphaltierte Strassen und Gehwege.

    Es wurde dann entschieden, alles umzubauen, um es "moderner" zu machen : weg mit dem Asphalt, her mit Kopstein, aber gleichzeitig wurden die Gehwege au Bodenniveau nivelliert, um dein Eindruck zu erwecken, es ist jetzt eine Fussgängerzone (was nicht der Fall ist), und um die Autos zu zwingen, langsamer zu fahren.

    Trauriges Nebeneffekt : mit der Zeit hatten sich grosse Löcher im Strassenasphalt gebidelt...Und sieh einer an : unter den Asphalt war "Vintage" Kopfstein, extrem stark abgenutzt, warscheinlich 80-70 Jahre alt, die in den 70ger einfach mit Asphalt überdeckt wurden.

    Und jetzt wurde es absurd : die alte Pflasterung wurde entfernt, um sie mit eine neuere zu ersetzen, die einfach grauenhaft aussieht... :(

    Um welche Stadt handelt es sich und hättest Du zu den Vorgängen Bildmaterial, gerne eigenes oder Verlinkungen, eventuell Vorher-nacher-Bilder?


    Jeder, der sich die Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
    www.archicultura.ch

  • Es gibt auch die Möglichkeit, vorhandenes Kopfsteinpflaster abzuschleifen, so dass die Optik von gepflasterten Flächen (ungefähr) erhalten, die Stolpergefahr aber eliminiert wird. Das halte ich für einen guten Kompromiss...

  • Chatou.

    Nun, mann kann, dank Streetview.

    Also zuerst Bahnhofsplatz Nord vorher

    chatou11.png

    Mann beachte die Ur-Pflasterung, die bedeckt war, und für immer weg ist

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    Und heute: beachtet bitte diese Poller, da die Nivellierung zur Gefahr geworden ist, und die regelmässig angefahren werden, und eneuert müssen

    chatou11.jpg

    Stadtzentrum vorher --->rechts war eine Büste eines Lokalpolitikers angebracht, auf einem 3-Meter hohen Podest, die ist dann umgezogen, auf einem 1-Meter Podest, und wird regelmässig vandalisiert...

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    chatou13.jpg

    chatou13.png

    Nacher

    chatou14.png

    chatou15.jpg

    chatou14.jpg

    Die Büste wurde dann an eine neu angeschaffene Grünecke angebracht, die voher ein Parpkplatz war. Durch die Fehlende Parkplätze mussten die meisten Geschäfte dicht machen :(

    Vorher

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    Nacher

    mauric10.png

    Und hier ist die Büste :

    chatou16.jpg

    Richtung Bahnhof, Süd, Vorher

    chatou16.png

    Nacher

    chatou15.png

    Bahnhof Vorher

    gare_210.jpg

    Nacher

    gare_110.jpg

  • Es gibt auch die Möglichkeit, vorhandenes Kopfsteinpflaster abzuschleifen, so dass die Optik von gepflasterten Flächen (ungefähr) erhalten, die Stolpergefahr aber eliminiert wird. Das halte ich für einen guten Kompromiss...

    Da dieser „Kompromiss“ der Denkmaleigenschaft historischer Pflaster zum einen zuwiderläuft (Aussagewert) und selbige Pflaster im Realitätscheck aus Kostengründen final in der Vielzahl solcher Fälle dann eben doch zugunsten des Austausches neuer (Platten-) Belägen weichen, ist diese Lösung nicht zielführend. Bei bereits vorhandenen Verlusten und dadurch bedingt neu zu pflasternden Bereichen sind gesägte/ geflammte Pflastersteine in traditioneller (!) Verlegung (Bogen- oder Reihen) die augenscheinlich adäquate und attraktivere Option im Sinne des Stadtbildes. Aber auch solche Beispielen findet man hier aus besagten Gründen eher selten.


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  • Ein Pflaster, das in den 80er Jahren verlegt wurde, ist kein Denkmal und kann problemlos verändert werden.

  • Ein Pflaster, das in den 80er Jahren verlegt wurde, ist kein Denkmal und kann problemlos verändert werden.

    In deiner Theorie kann es das. Die Praxis sieht wie beschrieben aus.


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  • uhugreg

    Um beim Thema Pflasterung zu bleiben, konzentriere ich mich auf diesen Aspekt.


    Den Verlust des alten Pflasters unter der Asphaltdecke kann man nicht schönreden. Solche Vorgänge kenne ich auch aus der Praxis, z.B. von Straßenbauarbeiten in Stuttgart. Und selbstredend tröstet die Beseitigung des alten zugunsten des neuen Pflasters am Beispiel Chatou nicht darüber hinweg, wenn ich feststelle, dass die Machart des neuen in Verlegung und Proportionen zumindest anhand der Bilder im großen Vergleich gegenüber anderen Orten augenscheinlich harmonisch daherkommt, einmal abgesehen von den restlichen Aspekten deines Beispiels, das in der Neugestaltung des öffentlichen Raumes Mängel aufweist und keine umfassende Verbesserung.


    Jeder, der sich die Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
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  • In meiner Brust schlagen zwei Herzen: Einerseits bin ich großer Liebhaber des Kopfsteinpflasters, andererseits sind das Abschnitte, die für Menschen in Rollstühlen oder Rollatoren absolut untauglich sind. Entscheidend ist am Ende, was wir als Gesellschaft höher bewerten: Die Teilhabe von in ihrer Mobilität eingeschränkten Menschen an allen Orten oder der historische Straßenbelag.


    Eine Frage, auf die ich keine abschließende Antwort habe. Worauf ich allerdings eine Antwort habe, ist die Frage, ob das für Menschen in Rollstühlen, etc. wirklich so schlimm ist: Ja, ist es.

  • In Bremen ist Pflaster in Wohn- und selbst in vielen Geschäftsstraßen eigentlich noch die Regel im Altstadtbereich und im Bereich der gründerzeitlichen Stadterweiterungen, dabei gibt es diese gröbere Granit-Pflaster, das stark dominiert und mit dem Fahrrad leider wirklich nervig ist:



    oder klassisches Basaltpflaster, das mit dem Fahrrad und auch für Fußgänger viel angenehmer ist, aber bei Glätte/Schnee/Eis extrem rutschig werden kann:



    In Bremen ist Kopfsteinpflaster und sein Erhalt auch ein großes Thema. Mittlerweile gibt es die verschiedensten Lösungen, im Straßenzug "Vor dem Steintor" z.B. wurde der Bereich zwischen den Straßenbahnschienen asphaltiert, hier sollen die Fahrräder fahren, dies macht aber unfallträchtiges tangentiales Queren der Straßenbahngleise nötig, was wiederum bei Nässe oder Schnee echt gefährlich ist.


    Eine andere, sehr alte Lösung ist das Asphaltieren eines schmalen Mittelstreifens (ca. 1 m) in Wohnstraßen, auf dem Fahrräder gut fahren können, aber der Charakter der Straße erhalten bleibt (das gab es in Bremen angeblich schon vor 100 Jahren in manchen Straßen). Ich mache von beiden Lösungen in den nächsten Tagen mal ein Foto. In jedem Falle sollte man die Argumente gegen Kopfsteinpflaster nicht einfach so empört wegwischen. Ich war heute mit auswärtigem und altersbedingt gehbehindertem Besuch in der Stadt, und für diese Leute ist Bremen der Horror wegen des Kopfsteinpflasters überall. Meine Schwiegermutter ist mit der unerfreulichen Kombination aus Straßenbahngleisen zwischen unebenem Kopfsteinpflaster schon vor einigen Jahren mal blöd gestürzt.


    Also gerade vor dem Hintergrund der Alterung der Gesellschaft sind das grundsätzlich schon legitime Anliegen, die eines Ausgleichs bedürfen und Kompromissbereitschaft erfordern. Das Gleiche gilt tatsächlich für Fahrradfahrer, die auf den besonders grob gepflasterten Straßen dann notgedrungen oft auf die Gehwege ausweichen, was aber auch nicht im Sinne des Erfinders sein kann.


    In den historischen Bereichen von mittelalterlichen Altstädten darf es natürlich keine echte Diskussion geben, aber in den gründerzeitlichen Stadterweiterungen müssen Lösungen her, die möglichst alle zufriedenstellen.

  • Es wäre durchaus zu fragen, wie die mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Straßen denn tatsächlich befestigt waren und ob überhaupt. Die Befestigung sämtlicher noch so kleiner Landstraßen z.B. ist ein Recht neues Phänomen; noch mein Vater weiß aus den 60er Jahren von Sand-Landstraßen im Rheinland zu berichten. Ähnlich kann ich mir vorstellen, dass in den Innenstädten die wichtigsten Straßen gepflastert waren, aber die Seitenstraßen nur wassergebundene Sandoberflächen aufwiesen. Wir unterliegen da vielleicht einer romantischen Idealisierung...

  • Hier mal mein angesprochenes Beispiel mit dem eben gepflasterten Mittelstreifen:



    Solche Straßen machen echt keinen Spaß zu befahren, nichtmal mit dem Auto:




    Die Nebenstraßen sind oft mit Basaltstein gepflastert, das geht ganz gut bis auf die Glättegefahr bei Nässe und Schnee:



    Die im Zuge von Kanalsanierungen neu gepflasterten Straßen (nach Asphalt zuvor) erkennt man an den helleren Steinen:



    (Hier ist auch der Versiegelungseffekt geringer, wie man an dem "Unkraut" zwischen den Steinen erkennt, aber auch wirklich fies mit dem Fahrrad.


    Hier mal das Beispiel mit dem Fahrradstreifen "in den Schienen", ein weiterer Versuch, den bestehenden Konflikt zu lösen:



    Mir macht das nichts aus, aber viele ältere Fahrradfahrer fühlen sich in dieser Situation unwohl, zumal mit einer Straßenbahn im Nacken. Umgekehrt ist hier auch das Straßenpflaster recht eben, so dass der Fahrkomfort auch in den gepflasterten Bereichen kaum abnimmt.


    Hier mal der Übergang von neuem (links) zu altem Granitpflaster:



    In jedem Falle ist hier Fingerspitzengefühl gefragt. Und man sieht exemplarisch die Komplexität vieler Verkehrsthemen. Als Fahrradfahrer hasse ich grobes Kopfsteinpflaster, als Stadtbildfreund liebe ich es. Solche Konflikte gibt es ganz viele, selbst innerhalb derselben Person manchmal.

  • Bei der Sanierung der Augustusbrücke in Dresden hat man geschnittenes Pflaster für Teile der Fahrbahn verwendet, um einerseits Radfahrtauglichkeit herzustellen und andererseits dem Denkmalschutz Rechnung zu tragen.


    Vorher:

    2017-04-05-Augustusbruecke2.jpg

    Bildnachweis: Neustadt-Geflüster


    Nachher:

    Augustusbruecke-Freigabe-Frei.jpg

    Bildnachweis: W. Schenk in: Pieschen-Aktuell.de


    Hier ein direkter Vergleich in der Sophienstraße:

    1280px-20200811.Sophienstra%C3%9Fe%2C_Dresden.-013.jpg

    Bildnachweis: Bybbisch94, Christian Gebhardt, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons


    Nachdem man in den 90ern noch geprägten Asphalt als Kompromiss verwendet hatte, scheint mir die Verwendung geschnittenen Pflasters heute die Ideallösung zu sein. Es geht zwar etwas Atmosphäre verloren, aber wie bereits erwähnt ist die Pflasterung unserer Straßen noch keine allzu alte Technik und die Vorteile, nämlich das Stadtbild damit gestalten zu können, bleiben erhalten.