Das Verschwinden des Kopfsteinpflasters

  • Als ich das letzte Mal in Berlin war, habe ich einige Straßen in Mitte nicht mehr wiedererkannt. Natürlich haben sich im Laufe der Zeit einige Fassaden verändert, aber was jetzt gefehlt hatte und vor allem atmosphärisch gefehlt hatte, war das Kopfsteinpflaster. Alleine in der Hauptstadt wurden in den letzten 15 Jahren 350.000 Quadratmeter Steine asphaltiert (s. auch http://www.bz-berlin.de/berlin…-auf-kopfsteinpflaster-ab ).


    In meinen Augen wird dieses Thema absolut vernachlässgt. Für ein stimmungsvolles, historisches Stadtbild ist dieses Pflaster unverzichtbar. Während noch in den 80iger und 90iger Jahren viele Straßen zumindestens mit Verbundsteinen ausgelegt wurden, kommt jetzt einfach Asphalt hin. Sind das Sparmaßnahmen, oder was soll das?


    Die Vorteile der Kopfsteinpflasters hinsichtlich der Haltbarkeit und der Verkehrsberuhigung sind unbestritten. Schade, dass nach den Gaslaternen in Berlin und anderswo, jetzt wohl auch noch das Kopfsteinpflaster mehr und mehr verschwindet...

  • Kopfsteinpflaster sind schön, keine Frage. Es ist immer toll, diese Steine anzusehen und auf ihnen zu gehen.


    Doch es gibt da leider zwei Probleme:
    Erstens, dass sie eine enorme Bauzeit in Anspruch nehmen. Es ist doch recht aufwendig und immer noch Handarbeit. Zweitens gehen immer wieder Beschwerden ein, dass das Befahren sehr unangenehm ist. Da sind vor allem Radfahrer (Herumgeruckel ist nervig und kostet Geschwindigkeit), Eltern mit Kinderwagen (Kind kann bei dem Geruckel nicht entspannen oder schlafen) und Rentner mit Rollator, für die das anstrengend ist.


    Kopfsteinpflaster vor dem Schloss Versailles


    So sehen wir, dass die Faulheit wieder siegt, denn größere Steine sind viel leichter einzusetzten und auch leichter zu entfernen, auch wenn sie optisch nicht gerade attraktiv sind.

  • Haltbar ist es, leicht wiederherstellbar nach Straßenaufriß (etwa bei Kabel- oder Rohrarbeiten) ist es, Regen läuft auch relativ gut ab. Andernseits ist es laut für Anwohner und schädlich für Patienten im Krankenwagen (Holpern).
    In Charlottenburg wurde vor etwa 10 Jahren die Schloßstraße asphaltiert, die vorher noch mit Kopfsteinpflaster belegt war, u.a. mit den obigen Argumenten.
    Klar ist, daß Pflastern eine höhere Anfangsinvestition braucht (Steine + höhere Lohnkosten für langsames Steinsetzen im Vergleich zu Asphalt + niedrigere Lohnkosten für relativ schnelles Asphaltieren), es ist allerdings sehr teilreparaturfreundlich bei häufigen Erdarbeiten wie Kabel und Röhren.
    Wie es sich im Unterhalt macht - es krautet leichter zu als Asphalt, ob es resistenter gegen die an manchen Stellen schon nach wenigen Jahren merkbaren Fahrrinnen ist, weiß ich nicht - wäre der nächste Punkt.
    Ich vermute aber schon, daß asphaltieren schlichtweg billiger ist und es deswegen mehr angewandt wird.

  • Wikos, gut, dass Du das Thema aufgreifst. Die Gestaltung des Straßenraums ist ein wesentlicher Aspekt, der zum Ge- oder Misslingen des Stadtbildes beiträgt. Der weitere Vorteil eines Pflasterbelages mit gesandeten Fugen gegenüber Asphalt ist, dass er die Oberfläche nicht komplett versiegelt und Regenwasser somit leichter versickern kann.
    Die hier gezeigten Großpflaster in Reihen gefallen mir im übrigen besonders gut. An Dresdens Neumarkt wurden und werden sie glücklicherweise verlegt. Besonders in den schmaleren Gassen kommen diese meinem Empfinden nach mit den einrahmenden schmalen Trottoirs besonders gut zur Geltung. Ein guter Kompromiss zugunsten des Stadtbildes hinsichtlich der Begehbarkeit sind gesägte und geflammte Pflastersteine.

  • Das Bild von Obsolet stellt sehr deutlich dar, daß mit einer Pflasterung auch größere Leerflächen noch gut aussehen können. Verschiedene Farben und Formen lockern das Gesamtbild auf. Wogegen eine große asphaltierte Fläche sofort unangenehm wirkt. Wie ein Aufmarschplatz oder eine "Steinwüste".


    In Konstanz gab es doch kürzlich mal eine Diskussion wegen der Kopfsteinpflasterung am Münsterplatz. Rollstuhlfahrer und Nutzer von Rollatoren hatten sich beschwert, weil der Platz nur sehr beschwerlich zu überqueren ist. Was nun daraus geworden ist, weiß ich nicht. Wurde das Pflaster entfernt?

  • Vielleicht könnte man für eine bessere Barrierearmut Fußgängerfurte und Pfade über große Plätze (am besten optisch an günstigen Stellen angelegt) asphaltieren oder ein sehr glattes Pflaster verwenden, das wäre doch mal ein Kompromiß.

  • @Neußer
    In Konstanz sind meines Wissens derlei Furten/ Pfade angelegt worden, die von Karou angesprochen werden.
    Wobei es sich hierbei um Wacken/ Grobkies ähnlich wie auf Freiburgs Münsterplatz handelt, die hinsichtlich der Begehbarkeit wesentlich problematischer sind als die eingangs genannten Pflastersteine.
    Konstanz hat sich in einer Testphase glücklicherweise am Basler Vorbild orientiert, auch dort ist der Münsterplatz betroffen, und keinen Asphalt verwendet, sondern die Oberflächen der Wacken abgeschliffen. So bleibt der optisch homogene Gesamteindruck bewahrt und der Begehbarkeit wird Rechnung getragen.

  • Kopfsteinpflaster sind schön, keine Frage. Es ist immer toll, diese Steine anzusehen und auf ihnen zu gehen.


    Doch es gibt da leider zwei Probleme:
    Erstens, dass sie eine enorme Bauzeit in Anspruch nehmen. Es ist doch recht aufwendig und immer noch Handarbeit. Zweitens gehen immer wieder Beschwerden ein, dass das Befahren sehr unangenehm ist. Da sind vor allem Radfahrer (Herumgeruckel ist nervig und kostet Geschwindigkeit), Eltern mit Kinderwagen (Kind kann bei dem Geruckel nicht entspannen oder schlafen) und Rentner mit Rollator, für die das anstrengend ist.

    Es gibt noch ein drittes Problem: die Lärmbelastung, die je nach Art des Pflasters und Verkehrsaufkommen zunimmt und die Aufenthaltsqualität mindert.

  • Es gibt auch noch spezielles fahrradfreundliches Kopfsteinpflaster. Bei diesem sind die Kanten der Pflastersteine nicht so sehr abgeschrägt wie auf herkömmlichem Kopfsteinpflaster und es ist mit mehr Sorgfalt verlegt. Mir ist dieses spezielle Pflaster erstmalig in der Hamburger Hafencity aufgefallen.


    Das normale Kopfsteinpflaster ist für alles, was keine Kombination aus Feder und Stoßdämpfer hat, ein echtes Ärgernis.

  • Es lässt sich auch positiv ausdrücken: Wo Kopfsteinpflaster noch existiert, fahren Autobesitzer*innen in eigenem Interesse langsamer, was wiederum zur Verkehrssicherheit beiträgt.

  • Altstadt Tübingen, Sanierung Hafengasse
    http://www.gea.de/fastmedia/38/krtu_altstadt_tuebingen.jpg


    Die Bogenpflasterung ist anstelle der Reihenpflasterung getreten.
    Besser als Asphalt, klar, doch in der Wirkung verliert die Gasse durch das Kleinpflaster gegenüber dem Großpflaster.
    Inwieweit diese Sanierungsmaßnahme in Tübingen Schule macht ist mir nicht bekannt.


    Jeder, der sich die Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
    www.archicultura.ch

  • In der Rigaer Gertrudstraße (und auch in anderen Straßen) hat man zur Lärmreduktion diesen Kompromiss gewählt.



    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Das Pflaster in Riga ist sehr interessant. Eine neue Variante, die ich so noch nirgends gesehen hatte.

  • Es lässt sich auch positiv ausdrücken: Wo Kopfsteinpflaster noch existiert, fahren Autobesitzer*innen in eigenem Interesse langsamer, was wiederum zur Verkehrssicherheit beiträgt.

    Langsamfahren lässt sich aber auch durch andere Maßnahmen wie Fahrbahnverengung erreichen.


    So schön Kopfsteinpflaster auch ist, als Straßenbelag trägt es insbesondere im Winterhalbjahr sicher nicht zur Verkehrssicherheit bei. So langsam können Fahrrad- und Autofahrer gar nicht fahren, um die erhöhte Rutschgefahr bei Glatteisbildung wieder auszugleichen.
    Insofern sollten Kopfsteinpflaster einhergehen mit verkehrsberuhigten Zonen.

  • Ja, dafür war Kopfsteinpflaster ursprünglich auch gedacht: Straßenbelag für eine Verkehrswelt, in der die Pferdekutsche das schnellste Fortbewegungsmittel ist. So sehr uns hier im Forum ältere Wohnhäuser gefallen: Ohne Internet und Zentralheizung würde da kaum einer wohnen wollen.


    Es wäre mal interessant, alte Entwurfszeichnungen von Wohnhäusern daraufhin zu untersuchen, ob der Architekt irgendwie Bezug zu Straßenpflaster hergestellt hatte oder ob das völlig egal war. Denn andererseits ist eine große Asphaltfläche schon ziemlich monoton. Irgendetwas sollte man da zur Steigerung der Aufenthaltsqualität machen!

  • Quote

    Insofern sollten Kopfsteinpflaster einhergehen mit verkehrsberuhigten Zonen.

    Da bin ich ganz bei Dir, newly, und wer dann trotzdem meint rasen zu müssen, bekommt es doppelt zu spüren.




    Quote

    So sehr uns hier im Forum ältere Wohnhäuser gefallen: Ohne Internet und Zentralheizung würde da kaum einer wohnen wollen.

    Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Erst das ältere Gebäude bietet den Rahmen und die Behaglichkeit, in denen die Errungenschaften unserer Zeit vollends zur Geltung kommen. Architektonisch hat sie ja vergleichsweise wenig zu bieten.


    Jeder, der sich die Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
    www.archicultura.ch

  • Zum Glück war es bei uns in Bremervörde umgekehrt..es wurde eine bis dahin mit Asphalt versehene innerstädtische Strasse (Fahrbahn) mit eienm glattgeschliffenem Kopfsteinpflaster versehen...lässt sich wunderbar auch von Rollatornutzern oder Fahradfahrern befahren...der oben angemerkte Kritikpunkt des erhöhten Verkehrslärms trifft meines Erachtens auch nicht zu. Die Strasse hat dadurch auch noch optisch sehr gewonnen.

  • Was man auch noch probieren könnte, sind Flächenaufteilungen aus verschiedenen Asphaltmischungen nach Art der Terrazzoböden. Gegen eine große Asphaltfläche spricht ja eigentlich nur ihre Eintönigkeit.

  • Der auch heute noch zunehmende Wegfall von Kopfsteinpflasterstraßen hat mich auch schon beschäftigt. Als gelegentlicher Fahrrad- und leidenschaftlicher Autofahrer haben mich Kopfsteinpflaster nie gestört. Zum einen betrifft es aufgrund ausgebauter Stadt- und Landstraßen sowie Radwegen sowie nur die letzte Meile, zum anderen fahre ich dann einfach etwas langsamer. Das Geruckel sowie Geräusch beim Autofahren stört mich auch überhaupt nicht. Aus meiner Sicht schlagendere Argumente sind die schlechte Begehbarkeit durch hohe Absätze sowie die Befahrbarkeit mit Rollatoren und Rollstühlen. Aber dafür wurden oben ja bereits Lösungen präsentiert.
    Insbesondere in Innenstädten fände ich die Rückkehr von historisch anmutenden, leicht begehbaren Kopfsteinpflaster mit herausgearbeiteten Gehsteigen (gerne niveaugleich) wünschenswert. Die übliche Glattpflasterung, wie z.B. auf der Langen Straße in Oelde lässt ja den ursprünglichen Straßencharakter nichteinmal mehr erahnen.


    In den 1990er Jahren wurde ja auf vielen Alleen in der ehemaligen DDR das Kopfsteinpflaster durch Asphalt ersetzt, um die Straßen sicherer zu machen. Es wäre mal interessant zu wissen, auf welchen Straßen jetzt prozentual weniger tödliche Unfälle passieren: auf den verbliebenen Kopfsteinpflasteralleen oder auf den schneller befahrbaren asphaltierten Strecken.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)