Göttingen (Galerie)

  • Ich mag Göttingen sehr.
    Ein tolles Städtchen welches von Kassel gut mit dem Zug erreichbar ist.


    Markus hat uns leider noch 2 Highlits vergessen zu Zeigen.
    Das sind die Marienkirche und die Nikolaikirche.
    Werde wenn ich wieder nach Göttingen kommen noch Fotos machen.

  • Ja, Göttingen ist schon echt nett. Man kann an dieser Stadt im Guten wie im Schlechten sehen, wie (west)deutsche Städte ohne den 2. Weltkrieg aussähen, was ja hier im Forum immer wieder Anlass zu Diskussionen und Spekulationen ist. Die schiere Masse an erhaltener Bausubstanz ist nicht zu vergleichen mit kriegszerstörten Städten, was jedoch explizit NICHT heißt, dass diese Stadt ein geschlossenes oder durchgehend schönes Stadtbild böte. Es gibt einige übelste Bausünden in extrem zentraler Lage, die einem jedes Mal wieder den Atem rauben.


    Ich habe einen kurzen Besuch in meiner Heimatstadt für ein paar meiner berüchtigt unscharfen Handyfotos genutzt (wobei diese, ich wiederhole mich hier, weder im Original noch über übliche Hoster hochgeladen so unscharf wirken, das ist eine Spezialität der neuen Hochladeregeln hier im Forum).


    In medias res: Am geschlossensten und insgesamt gediegensten präsentiert sich die Innenstadt von Osten kommend, eine Route, die meist Einheimische wählen, da Bahnhof und die Zugangsstraßen die Stadt eher von Westen und Norden erschließen. Hier in der Gegend um das Theater geht die Altstadt fast fließend über in das Ostviertel, welches in vielen Straßen einen vollkommen geschlossenen Villenbestand aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg aufweist. Hier folgend ein typisches Beispiel für eine solche Villa in der Theaterstraße:



    Wir befinden uns in der Theaterstraße, hier ein Blick in die Obere Karspüle Richtung Albanikirche:



    Typisch ist in Göttingen dieses Nebeneinander von Fachwerk und Gründerzeit, auch im Kern der Altstadt. Die Theaterstraße selbst ist ein vollkommener "Neubau" der Kaiserzeit, es erfolgte für ihre Anlage ein Walldurchbruch:




    Die Seitenstraßen sind deutlich gemischter mit dieser typischen Göttinger Melange:




    (man beachte oben v.a diese sehr gedrungenen Häuser im Hintergrund)



    aus Fachwerkhäusern verschiedenen Alters und Zustands und Gründerzeithäusern neueren Datums. Es geht noch weiter.

  • Insgesamt hat sich die Stadt in den etwa 15 Jahren seit meinem Wegzug gut entwickelt. Die Innenstadt ist weiterhin und wohl typisch für diese deutschen Unistädte sehr lebendig und wirkt über weite Strecken funktionierender als etwa die Bremer Innenstadt, sie ist ein wichtiger Wohn- und Einzelhandelsstandort geblieben, es gibt auch in den Nebenstraßen kaum Leerstand, es wurde massiv in eine Neugestaltung der Pflasterung und Möblierung im Fußgängerzonenbereich investiert, die in weiten Teilen noch aus den 1970er Jahren stammte (und in einigen Restbereichen noch stammt).


    Die unangefochtene Hauptmeile ist die nach Norden führende Weender Straße geblieben (benannt nach dem nördlichen Vorort Weende), auch hier herrscht eine Melange aus gründerzeitlichen Geschäftshäusern, wenigen alten und vielen verkleideten Fachwerkhäusern des 18. und 19. Jhdts. und ein paar in deutschen Altstädten wohl unvermeidlichen Bausünden:



    Blick nach Norden am Marktplatz:



    Das alte Rathaus:



    Blick in die Barfüßerstraße, rechts angeschnitten die Ratsapotheke:



    Blick in die Rote Straße mit einigen der ältesten Häuser der Stadt weiter hinten:



    Hier das recht bekannte, bis zur Entdeckung eines noch älteren Exemplars in Quedlinburg als ältestes Fachwerkhaus Deutschlands geltende Haus Rote Straße 25, welches vor einigen Jahren teilsaniert wurde. Leider ist der Zustand des Erdgeschosses weiterhin unwürdig mit dieser Plastiktür zur Dönerbrate:



    Dendrochronologisch wurde es auf ein Baujahr im späten 13. Jhdt. datiert, 1276 wird in verschiedenen Quellen angegeben, allerdings gibt es auch neuere Daten. Immerhin wurden die Fenster im Zuge der Sanierung wieder angepasst, das waren vorher sprossenlose weiße Plastikfenster, wie sie immer noch unzählige Altbauten in Niedersachsen zieren (wenngleich ihre Zahl zumindest in Göttingen doch spürbar abnimmt, auch hier hat sich einiges zum Guten gewendet).


    Ein sehr schönes Ensemble von Fachwerkhäusern befindet sich in der Kurzen Straße, die vom Kornmarkt abgeht:



    Von hier geht auch die Lange Geismarstraße ab, auch hier gibt es einige Fachwerkhäuser, wenngleich der Betsand fragmentierter ist, die Gegend ist eine der schwächeren der Altstadt, der Zustand der Häuser deutlich gemischter:


  • Der Nord- und Westteil der Altstadt wurde am stärksten verändert, hier gibt es so einige wirklich sprachlos machende Bausünden selbst aus der jüngeren Zeit. Die folgenden Fotos stammen sämtlichst aus der Weender Straße:



    Schiefes Fachwerkhaus am Jacobikirchhof:



    Das Schrödersche Haus von 1549:



    Blick zurück nach Süden Richtung Markt (noch die alte Stadtmöblierung aus den 1970er Jahren):



    Schließen möchte ich mit zwei der schlimmsten Bausünden in der Altstadt, 1. das Gothaer Haus, welches seit Jahren leersteht und verwahrlost, es hakt irgendwie mit den Neubauplänen, die sehr ansprechend waren und hier im allgemeinen Göttingen-Strang vorgestellt wurden:



    Und das ehemalige Hertiekaufhaus, bereits 18 Jahre nach Eröffnung geschlossen und als "Carré" wiedereröffnet. Für diesen Klotz wurde einer der wenigen erhaltenen Universitätsreitställe 1968 abgerissen. Die Proteste gegen den Abriss wurden auch in Göttingen zu einer der Initialzündungen der Studentenbewegung.



    Interessant an dem Gebäude ist die offenkundige Anleihe an die Kaufhausbauten der 1920er Jahre, was mir erst jetzt auffällt, Fassade und Material zeigen im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Kaufhausbauten der Zeit sogar so etwas wie "Geschmack" an, was die Monstrosität und Vorgeschichte aber nicht reinwaschen soll. Die fürchterlichen Werbebanderolen und Fassadenaufbrüche sind Produkte der 1990er Jahre.


    Das wars. Nicht vollständig, es fehlen nahezu alle Kirchen, das schöne Johannisviertel, die Junkernschänke, insgesamt einige auch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Das kommt dann ein andermal!

  • Besten Dank Heimdall. Diesen Artikel hatte ich auch gefunden. Wollte mich aber nicht extra dafür beim Göttinger Tageblatt registrieren, um ihn lesen zu können.


    Nun habe ich es aber doch getan. Das Projekt interessiert mich einfach zu sehr.
    Die Hauptaussage ist einfach diese:

    (...) Aber „so ein Projekt braucht einen langen Atem“, kommentierte Bettges jetzt die Verzögerung. Es müssten „unglaublich viele“ Faktoren miteinander abgestimmt werden. Vor diesem Hintergrund habe „Development Partner“ auch noch keinen Bauantrag bei der Stadt gestellt. Wann es konkret weiter geht und das alte Gothaer Haus abgerissen wird, sei zurzeit offen – „wir wollen da auch keinen Zeitpunkt nennen, bevor alles sicher geklärt ist“, so Bettges. (...)

    Naja. Also ist noch alles offen. Im Artikel wird auch erwähnt, daß Archäologen schon am Parkplatz arbeiten. Nach Abriss des Gothaer-Hauses werden die vielleicht auch noch einige Monate buddeln. Was ich nicht hoffe.


    Hier nochmal der geplante Neubau:


    https://www.goettinger-tagebla…c60-3380542ad1bb_w760.jpg


    Wenn der so kommt, wäre das wirklich toll.

  • Danke für den Auszug aus dem Artikel. Die Tatsache, dass dieser elende Komplex abgerissen werden soll, stimmt mich ganz froh. Zumal dieses Ungetüm auch abseits der bemitleidenswerten Ästhetik bei Studenten negativ konnotiert ist - dort musste man sein Blutplasma spenden, um die Literatur bei Teuerlich zu bezahlen.


    Fehlt noch, dass man das Neue Rathaus am Hiroshimaplatz direkt am anderen Ende der Altstadt beseitigt (https://www.ecosia.org/images?q=neue+rathaus+g%C3%B6ttingen). Letztes Jahr noch bin ich die Weender-Transversale von West nach Ost entlang (hatte 'nen Termin bei Fräulein Gänseliesel) und bin immer wieder ganz entsetzt ob dieses gruseligen Rathauses am Hiroshimaplatz. Selbst das stehengebliebene Gebäude (Genbaku Domu) knapp unter dem Hypozentrum der Hiroshimabombe im dortigen Friedenspark finde ich attraktiver. Als Erstsemester hat man sich im Neuen Rathaus bei der Wohnsitz-Ummeldung wie in einem Kafka-Roman gefühlt. Das ist wirklich architectura contra homine.

  • Wo wir gerade bei Göttinger Bausünden sind,...


    Ziemlich übel finde ich auch die düstere Filiale der Deutschen Bank direkt am Markt und neben dem alten Rathaus. Das Ding hat mich bei meinem Besuch furchtbar gestört.


    Ich war übrigens 2011 zum Weihnachtsmarkt in Göttingen. In meiner Erinnerung war das einer der schönsten Weihnachtsmärkte, die ich kenne. Auch die Stadt selber, hat mir super gefallen. Wenn jetzt nach und nach einige Klötze verschwinden, wäre das perfekt.

  • Es sollte dabei bedacht werden, dass es immer auch Wandel gibt. Eine Stadt ist schwer in einem Status Quo komplett "einzufrieren". Das Problem ist somit weniger, dass es auch gewisse Abrisse gegeben hat (die es in anderen Städten auch ohne den Krieg gegeben hätte), sondern dass die nachfolgende modernistische Architektur disharmonisch gestaltet wurde und auf einen kompletten Bruch mit dem historischen Gefüge hinauslief. Gerade deshalb betone ich immer mal wieder, dass das Ziel nicht allein in ein, zwei Rekonstruktionen liegen kann, während man den Rest der Stadt dem Modernismus weiter als "Spielwiese" überlässt. Es geht um die Entwicklung einer traditionellen modernen Architektur, die es versteht, sich harmonisch in spezifische regionale Stadt- und Landschaftsräume einzupassen.

  • Sehr richtig erkannt. Doch die Entwerfer der Neubauten hinterlassen nur zu gerne ihre eigene markante Handschrift, indem sie provozieren oder einen "Kontrast" herstellen. Selbst wenn es einfühlsame und stadtbildverträgliche Ideen und Lösungen gibt, entscheiden sich dann die Experten-Preisrichter dennoch viel zu oft für den unpassendsten Entwurf.


    Das müsste auch mal geändert werden. Daß nicht nur Experten und andere Architekten-Freunde in der Jury sitzen, sondern Bürger der Stadt, die sehr wohl, anders als behauptet, über gute Architektur entscheiden können.

  • Stadt ist Veränderung. Es ist vollkommen illusorisch und auch gar nicht wünschenswert, irgendwelche Zustände quasi einzufrieren und bewahren zu wollen. Es muss auch nicht jedem Gründerzeitbau nachgeweint werden, der abgerissen wird, wenn auf dem Grundstück Neues entstehen würde, das eine qualitative Verbesserung darstellt.

    Das sehen die Italiener zum Beispiel und zum Glück anders, denn wenn wir uns die vielen unzerstörten Städte dort an zum Beispiel analog zu Göttingen die Universitätsstadt Bologna (und unzählige andere mehr) ansehen, dann merken wir, dass leider die kulturelle Entwurzelung unseres engeren Kulturkreises hier eine besonders unrühmliche Rolle spielt.


    Aber etwas tröstlich stimmt wenigstens, dass immer mehr junge Leute oder gerade die besonders darunter leiden und heran gehen und für Rekonstruktion unserer verlorenen Stadtbilder eintreten!

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Ich habe im Rathaus mal eine Führung mitgemacht. Der Tenor des Stadtführers war, dass die Wandgemälde im Saal ja nicht original seien, sondern eine kitschige Zutat aus historistischer Zeit und leider die originale spätmittelalterliche Bausubstanz verdecken würden. Eine - wenn auch nur punktuelle - Freilegung wäre wünschenswert. :kopfwand:

    Ich habe dazwischen gerufen: dann solle man doch bitte in Paris auch die Mona Lisa von der Wand nehmen damit man die originalen Steine des Louvre genießen kann.... Gelächter!:thumbsup: