Göttingen (Galerie)

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    • Vielen Dank für die schöne Bildergalerie. Als gebürtiger Göttinger immer wieder schön, etwas von dort zu sehen. Die Bilder sind aber schon einen Tacken älter, oder? Kann sein, dass das irgendwo schon erwähnt wurde, aber ich würde die auf die frühen Nullerjahre datieren, von den Ladenlokalen und der Stadtmöblierung her (mittlerweile wurden die tlw. aus den frühen 70ern stammenden Laternen und die Pflasterung z.B. in der Weender komplett erneuert).

      Sonst ist der Fachwerkbestand v.a. in den südöstlichen Bereichen der Innenstadt wie gezeigt durchaus noch imposant (Rote, Lange/Kurze Geismar, Kurze Straße). Ein zweites Nest (welches aber Ende der Siebziger nur sehr knapp der "Flächensanierung" für ein Karstadt-Parkhaus entronnen ist) ist der Block Johannis/Paulinerstraße/Papendiek. In diesem bzw. am Ende des Papendieks stehen auch noch einige durchaus beeindruckend hohe neuere Fachwerkhäuser aus dem 18. Jhdt. sowie das sogenannte Grätzelhaus am Anfang der Goetheallee (Wikipedia-Link zum Grätzelhaus).

      Im Rest der Stadt ist der Fachwerkbestand sehr fragmentiert und kann in seiner Qualität bekanntermaßen keinesfalls mit Städten wie Goslar o.ä. mithalten (dort war ich gerade gestern wieder, meine Herren, was für eine Stadt). Tlw. trösten Gründerzeitgebäude über dieses Manko hinweg, v.a. aber im nordwestlichen und westlichen Teil der vom Kriege fast komplett verschont Altstadt (es gab ein paar Treffer auf den Komplex der alten Unibibliothek) dominiert tlw. grauslicher Nachkriegsschrott.

      Ein letzter Satz noch: Auch im vergleichsweise südlich gelegenen Göttingen wurde bis ins 20. Jhdt. hinein Niederdeutsch gesprochen, auch an den Inschriften des Bornemannschen Hauses zu sehen. Eine ganze Region hat freiwillig und völlig ungezwungen einen identitätsstiftenden Teil ihres kulturellen Erbes aufgegeben, eine ziemlich traurige Sache, wie ich finde. In Göttingen würden Schüler von heute wohl überhaupt verneinen, dass in der Stadt je Platt gesprochen wurde, das wird nach Hamburg oder Ostfriesland verortet und spielt nicht mal mehr als kultureller Rest in Redewendungen eine Rolle, außer in aus Norden reimportierten Wörtern wie "Moin" oder so.

      Danke nochmal

      The post was edited 1 time, last by Heinzer ().

    • Ja, Göttingen ist schon echt nett. Man kann an dieser Stadt im Guten wie im Schlechten sehen, wie (west)deutsche Städte ohne den 2. Weltkrieg aussähen, was ja hier im Forum immer wieder Anlass zu Diskussionen und Spekulationen ist. Die schiere Masse an erhaltener Bausubstanz ist nicht zu vergleichen mit kriegszerstörten Städten, was jedoch explizit NICHT heißt, dass diese Stadt ein geschlossenes oder durchgehend schönes Stadtbild böte. Es gibt einige übelste Bausünden in extrem zentraler Lage, die einem jedes Mal wieder den Atem rauben.

      Ich habe einen kurzen Besuch in meiner Heimatstadt für ein paar meiner berüchtigt unscharfen Handyfotos genutzt (wobei diese, ich wiederhole mich hier, weder im Original noch über übliche Hoster hochgeladen so unscharf wirken, das ist eine Spezialität der neuen Hochladeregeln hier im Forum).

      In medias res: Am geschlossensten und insgesamt gediegensten präsentiert sich die Innenstadt von Osten kommend, eine Route, die meist Einheimische wählen, da Bahnhof und die Zugangsstraßen die Stadt eher von Westen und Norden erschließen. Hier in der Gegend um das Theater geht die Altstadt fast fließend über in das Ostviertel, welches in vielen Straßen einen vollkommen geschlossenen Villenbestand aus der Zeit vor dem 1. Weltkrieg aufweist. Hier folgend ein typisches Beispiel für eine solche Villa in der Theaterstraße:



      Wir befinden uns in der Theaterstraße, hier ein Blick in die Obere Karspüle Richtung Albanikirche:



      Typisch ist in Göttingen dieses Nebeneinander von Fachwerk und Gründerzeit, auch im Kern der Altstadt. Die Theaterstraße selbst ist ein vollkommener "Neubau" der Kaiserzeit, es erfolgte für ihre Anlage ein Walldurchbruch:





      Die Seitenstraßen sind deutlich gemischter mit dieser typischen Göttinger Melange:





      (man beachte oben v.a diese sehr gedrungenen Häuser im Hintergrund)



      aus Fachwerkhäusern verschiedenen Alters und Zustands und Gründerzeithäusern neueren Datums. Es geht noch weiter.
    • Insgesamt hat sich die Stadt in den etwa 15 Jahren seit meinem Wegzug gut entwickelt. Die Innenstadt ist weiterhin und wohl typisch für diese deutschen Unistädte sehr lebendig und wirkt über weite Strecken funktionierender als etwa die Bremer Innenstadt, sie ist ein wichtiger Wohn- und Einzelhandelsstandort geblieben, es gibt auch in den Nebenstraßen kaum Leerstand, es wurde massiv in eine Neugestaltung der Pflasterung und Möblierung im Fußgängerzonenbereich investiert, die in weiten Teilen noch aus den 1970er Jahren stammte (und in einigen Restbereichen noch stammt).

      Die unangefochtene Hauptmeile ist die nach Norden führende Weender Straße geblieben (benannt nach dem nördlichen Vorort Weende), auch hier herrscht eine Melange aus gründerzeitlichen Geschäftshäusern, wenigen alten und vielen verkleideten Fachwerkhäusern des 18. und 19. Jhdts. und ein paar in deutschen Altstädten wohl unvermeidlichen Bausünden:



      Blick nach Norden am Marktplatz:



      Das alte Rathaus:



      Blick in die Barfüßerstraße, rechts angeschnitten die Ratsapotheke:



      Blick in die Rote Straße mit einigen der ältesten Häuser der Stadt weiter hinten:



      Hier das recht bekannte, bis zur Entdeckung eines noch älteren Exemplars in Quedlinburg als ältestes Fachwerkhaus Deutschlands geltende Haus Rote Straße 25, welches vor einigen Jahren teilsaniert wurde. Leider ist der Zustand des Erdgeschosses weiterhin unwürdig mit dieser Plastiktür zur Dönerbrate:



      Dendrochronologisch wurde es auf ein Baujahr im späten 13. Jhdt. datiert, 1276 wird in verschiedenen Quellen angegeben, allerdings gibt es auch neuere Daten. Immerhin wurden die Fenster im Zuge der Sanierung wieder angepasst, das waren vorher sprossenlose weiße Plastikfenster, wie sie immer noch unzählige Altbauten in Niedersachsen zieren (wenngleich ihre Zahl zumindest in Göttingen doch spürbar abnimmt, auch hier hat sich einiges zum Guten gewendet).

      Ein sehr schönes Ensemble von Fachwerkhäusern befindet sich in der Kurzen Straße, die vom Kornmarkt abgeht:



      Von hier geht auch die Lange Geismarstraße ab, auch hier gibt es einige Fachwerkhäuser, wenngleich der Betsand fragmentierter ist, die Gegend ist eine der schwächeren der Altstadt, der Zustand der Häuser deutlich gemischter:

    • Der Nord- und Westteil der Altstadt wurde am stärksten verändert, hier gibt es so einige wirklich sprachlos machende Bausünden selbst aus der jüngeren Zeit. Die folgenden Fotos stammen sämtlichst aus der Weender Straße:



      Schiefes Fachwerkhaus am Jacobikirchhof:



      Das Schrödersche Haus von 1549:



      Blick zurück nach Süden Richtung Markt (noch die alte Stadtmöblierung aus den 1970er Jahren):



      Schließen möchte ich mit zwei der schlimmsten Bausünden in der Altstadt, 1. das Gothaer Haus, welches seit Jahren leersteht und verwahrlost, es hakt irgendwie mit den Neubauplänen, die sehr ansprechend waren und hier im allgemeinen Göttingen-Strang vorgestellt wurden:



      Und das ehemalige Hertiekaufhaus, bereits 18 Jahre nach Eröffnung geschlossen und als "Carré" wiedereröffnet. Für diesen Klotz wurde einer der wenigen erhaltenen Universitätsreitställe 1968 abgerissen. Die Proteste gegen den Abriss wurden auch in Göttingen zu einer der Initialzündungen der Studentenbewegung.



      Interessant an dem Gebäude ist die offenkundige Anleihe an die Kaufhausbauten der 1920er Jahre, was mir erst jetzt auffällt, Fassade und Material zeigen im Gegensatz zu vielen vergleichbaren Kaufhausbauten der Zeit sogar so etwas wie "Geschmack" an, was die Monstrosität und Vorgeschichte aber nicht reinwaschen soll. Die fürchterlichen Werbebanderolen und Fassadenaufbrüche sind Produkte der 1990er Jahre.

      Das wars. Nicht vollständig, es fehlen nahezu alle Kirchen, das schöne Johannisviertel, die Junkernschänke, insgesamt einige auch der wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Das kommt dann ein andermal!
    • Besten Dank Heimdall. Diesen Artikel hatte ich auch gefunden. Wollte mich aber nicht extra dafür beim Göttinger Tageblatt registrieren, um ihn lesen zu können.

      Nun habe ich es aber doch getan. Das Projekt interessiert mich einfach zu sehr.
      Die Hauptaussage ist einfach diese:

      Göttinger Tageblatt wrote:

      (...) Aber „so ein Projekt braucht einen langen Atem“, kommentierte Bettges jetzt die Verzögerung. Es müssten „unglaublich viele“ Faktoren miteinander abgestimmt werden. Vor diesem Hintergrund habe „Development Partner“ auch noch keinen Bauantrag bei der Stadt gestellt. Wann es konkret weiter geht und das alte Gothaer Haus abgerissen wird, sei zurzeit offen – „wir wollen da auch keinen Zeitpunkt nennen, bevor alles sicher geklärt ist“, so Bettges. (...)
      Naja. Also ist noch alles offen. Im Artikel wird auch erwähnt, daß Archäologen schon am Parkplatz arbeiten. Nach Abriss des Gothaer-Hauses werden die vielleicht auch noch einige Monate buddeln. Was ich nicht hoffe.

      Hier nochmal der geplante Neubau:

      goettinger-tageblatt.de/var/st…c60-3380542ad1bb_w760.jpg

      Wenn der so kommt, wäre das wirklich toll.
    • Neußer wrote:

      Besten Dank Heimdall. Diesen Artikel hatte ich auch gefunden. Wollte mich aber nicht extra dafür beim Göttinger Tageblatt registrieren, um ihn lesen zu können.

      Nun habe ich es aber doch getan. Das Projekt interessiert mich einfach zu sehr.
      Die Hauptaussage ist einfach diese:

      Göttinger Tageblatt wrote:

      (...) Aber „so ein Projekt braucht einen langen Atem“, kommentierte Bettges jetzt die Verzögerung. Es müssten „unglaublich viele“ Faktoren miteinander abgestimmt werden. Vor diesem Hintergrund habe „Development Partner“ auch noch keinen Bauantrag bei der Stadt gestellt. Wann es konkret weiter geht und das alte Gothaer Haus abgerissen wird, sei zurzeit offen – „wir wollen da auch keinen Zeitpunkt nennen, bevor alles sicher geklärt ist“, so Bettges. (...)
      Naja. Also ist noch alles offen. Im Artikel wird auch erwähnt, daß Archäologen schon am Parkplatz arbeiten. Nach Abriss des Gothaer-Hauses werden die vielleicht auch noch einige Monate buddeln. Was ich nicht hoffe.
      Hier nochmal der geplante Neubau:

      goettinger-tageblatt.de/var/st…c60-3380542ad1bb_w760.jpg

      Wenn der so kommt, wäre das wirklich toll.
      Danke für den Auszug aus dem Artikel. Die Tatsache, dass dieser elende Komplex abgerissen werden soll, stimmt mich ganz froh. Zumal dieses Ungetüm auch abseits der bemitleidenswerten Ästhetik bei Studenten negativ konnotiert ist - dort musste man sein Blutplasma spenden, um die Literatur bei Teuerlich zu bezahlen.

      Fehlt noch, dass man das Neue Rathaus am Hiroshimaplatz direkt am anderen Ende der Altstadt beseitigt (ecosia.org/images?q=neue+rathaus+g%C3%B6ttingen). Letztes Jahr noch bin ich die Weender-Transversale von West nach Ost entlang (hatte 'nen Termin bei Fräulein Gänseliesel) und bin immer wieder ganz entsetzt ob dieses gruseligen Rathauses am Hiroshimaplatz. Selbst das stehengebliebene Gebäude (Genbaku Domu) knapp unter dem Hypozentrum der Hiroshimabombe im dortigen Friedenspark finde ich attraktiver. Als Erstsemester hat man sich im Neuen Rathaus bei der Wohnsitz-Ummeldung wie in einem Kafka-Roman gefühlt. Das ist wirklich architectura contra homine.
    • Ja, Blutplasma habe ich dort auch gespendet in den 1990ern ;). Ein wahrhaft schreckliches Gebäude, in allen Aspekten. Obwohl ich es als Kind immer ganz toll fand, dort mit meiner Mutter in die Malteser Apotheke zu gehen, weil die Medikamente über so eine Wendelspirale von oben runter rutschten. Auch in dem seit Jahrzehnten geschlossenen Kino im hinteren Teil des Komplexes war ich oft, u.a. habe ich dort den "Club der toten Dichter" gesehen. Insofern hängen selbst an solchen schrecklichen Kästen dann immer Erinnerungen.

      Das Neue Rathaus hingegen finde ich fast schon wieder witzig. Mir wird hier ja sehr oft ein zu optimistischer oder lockerer Blick auf die Nachkriegsarchitektur vorgeworfen, so wird es wohl auch hier sein. Aber mit seiner Zinnenoptik und den außenliegenden Treppenhäusern hebt es sich zumindest etwas vom üblichen Brutalismusbrei ab. Das vollkommen verbreite, schreckliche Idunazentrum ist um ein Vielfaches schlimmer fürs Stadtbild. Von innen ist es aber in der Tat sehr bedrückend, auch wegen der viel zu niedrigen Geschosshöhen. Es wird jetzt aber ohnehin für teures Geld saniert, insofern brauchen wir von Abrissplänen wohl gar nicht zu träumen... es ist schon Wahnsinn, wie sich durch pure Gewöhnung ein gewisses Verhältnis zu Gebäuden entwickelt. Stadthalle? Finde ich mittlerweile fast cool mit ihren violettblauen Fassadenfliesen. Auch das ZHG, damals eigentlich der klassische grausliche Brutalismusklotz wird eher durch die vielen baulichen Veränderungen in den Folgejahrzehnten hässlicher. Z.B. sind die hoch von den Decken hängenden gelben, grünen oder orangenen Spots mittlerweile längst durch irgendwelche praktischen Strahler ersetzt, der Sichtbeton cremegelb gestrichen, viele der ursprünglichen Raumideen zur Unkenntlichkeit verschlimmbessert.

      Nun ja, wieder mehr geschrieben, als ich wollte. Kann man zu dem Termin beim Fräulein Gänseliesel noch nachträglich gratulieren?
    • Wo wir gerade bei Göttinger Bausünden sind,...

      Ziemlich übel finde ich auch die düstere Filiale der Deutschen Bank direkt am Markt und neben dem alten Rathaus. Das Ding hat mich bei meinem Besuch furchtbar gestört.

      Ich war übrigens 2011 zum Weihnachtsmarkt in Göttingen. In meiner Erinnerung war das einer der schönsten Weihnachtsmärkte, die ich kenne. Auch die Stadt selber, hat mir super gefallen. Wenn jetzt nach und nach einige Klötze verschwinden, wäre das perfekt.
    • Ja, die Deutsche Bank ist auch so ein Ding.

      Göttingen ist wohl neben Oldenburg die größte Stadt in Nordwestdeutschland, die vom Krieg wirklich fast gar nicht getroffen wurde. Die meisten Bombenschäden waren reparabel (Treffer auf den Komplex der Universitätsbibliothek in der Prinzenstraße, Bahnhof) oder irrelevant (einzelne Wohnhäuser um Industriegebiete, entlang der Bahntrasse?). Der einzige mir bekannte Totalverlust war derjenige der alten Anatomie am westlichen Ende der Goetheallee auf dem Areal, wo heute der ZOB liegt. Es mag und wird noch mehr Totalverluste gegeben haben, aber ihre Zahl war wirklich klein.

      Wenn man sich nun vergleichbar große Städte in anderen Regionen des Landes heraussucht, die ebenfalls kaum zerstört wurden, so gibt es diese in der Großregion West (NRW, RLP, Saarland) schlicht nicht. Vielleicht könnte man Herford nehmen? Detmold? Aber beide auch vor dem Krieg doch kleiner. Im Osten fällt einem Görlitz ein, im Süden Regensburg. Bevor man nun Zustand und Erscheinungsbild dieser drei Städte vergleicht, sollte man die Situation vor dem 2. Weltkrieg betrachten: Görlitz und Regensburg waren schon vor dem Krieg als Kleinode erkannt, Göttingen war eine graue Maus, wirtschaftlich vollkommen abhängig von der Universität und von einer geringen Urbanität. Die Altstadt war schon vor dem Krieg von gemischter Qualität mit vergleichbar wenig wirklich herausragend wertvoller Architektur. So gibt es außerhalb des Walls genau einen Straßenzug, der im Blockrand bebaut ist, den Stegemühlenweg. Sonst dominiert selbst an den Hauptachsen im Prinzip "Villenbebauung", natürlich nicht als Villen, sondern als durchaus große, aber immer freistehende und selten mehr als 2 Eingänge aufweisende Mietshäuser von sehr variabler Qualität. Selbst Städte wie Hildesheim oder Lüneburg dürften vor dem Krieg urbaner gewirkt haben als Göttingen.

      Und trotzdem kommt man nicht umhin, zu sagen, dass Göttingen von den drei genannten Städten die mit Abstand meisten Nachkriegszerstörungen in seinem inneren Kern aufzuweisen hat. Auch Regensburg wird seine freudlosen Nachkriegsviertel haben, auch Görlitz seine "Commieblocks". Aber nirgends hat sich der Modernismus so weit und so ausgreifend in das Herz der Stadt gefressen wie in Göttingen. Ein Großteil der als Neustadt bezeichneten, von kleinen Fachwerkhäusern bestandenen Gebiete in der westlichen Altstadt wurde im Zuge der Flächensanierung plattgemacht und durch Blocks der 70er und frühen 80er ersetzt, mehrere unpassende und große Einkaufs- und Bürokomplexe (C&A, Karstadt, Karstadt Sport, Gothaer Haus, ehem. Hertie), Deutsche Bank, sowie Parkhäuser (am Wochenmarkt, in der Reitstallstraße, am Groner Tor) verunstalten die Altstadt, hinzu kommen die genannten "städtebaulichen Dominanten" im unmittelbaren Umfeld des Walls wie das Idunazentrum, das Neue Rathaus, der Komplex Groner Landstraße 1. Und es konnte noch einiges gerettet werden, so sollte das extrem wertvolle Paulinerviertel für ein Karstadtparkhaus abgerissen werden, auch im Zuge der "Osttangente" genannten Pläne einer östlichen Innenstadtumfahrung waren großflächige Abrisse geplant.

      Göttingen ist ganz zweifellos auch weiterhin eine schöne Stadt. Es gibt sehr viele wirklich schöne Straßenzüge in der Altstadt und gerade in ihren weniger besuchten und bekannten Randbereichen an der alten Stadtbefestigung gibt es unzählige Ecken von unerhörter Schönheit mit Wasser, alten Mühlen, altem Baumbestand. Aber im aktuellen Zustand und ohne den 2. Weltkrieg, der die meisten anderen Städte zerstört hat würde es in Deutschland wohl zu den hässlicheren gehören. Es gibt nicht nur eine Gegend in der Innenstadt und ihrer direkten Umgebung, in der man sicher ist, dass es hier Zerstörungen durch Bomben gegeben haben muss, so flächig und hässlich sind manche Ecken.

      Lange Rede, kurzer Sinn: Auch völlig ohne Kriegseinwirkungen sehen Städte in West- und Norddeutschland inkl. Hessen und sogar Teilen Schwabens heute tlw. zerrupft aus. Es gibt zentralste Straßenzüge in Göttingen, die aussehen wie Kassel oder Braunschweig - nur völlig ohne Zerstörungen. Mir scheint tatsächlich nur Bayern, Teile Badens und sonst Ostdeutschland (und hier waren es leider nicht Weitsicht, sondern Geldmangel) in nicht zerstörten Ortschaften wirklich weitgehend unversehrt dazustehen.
    • Es sollte dabei bedacht werden, dass es immer auch Wandel gibt. Eine Stadt ist schwer in einem Status Quo komplett "einzufrieren". Das Problem ist somit weniger, dass es auch gewisse Abrisse gegeben hat (die es in anderen Städten auch ohne den Krieg gegeben hätte), sondern dass die nachfolgende modernistische Architektur disharmonisch gestaltet wurde und auf einen kompletten Bruch mit dem historischen Gefüge hinauslief. Gerade deshalb betone ich immer mal wieder, dass das Ziel nicht allein in ein, zwei Rekonstruktionen liegen kann, während man den Rest der Stadt dem Modernismus weiter als "Spielwiese" überlässt. Es geht um die Entwicklung einer traditionellen modernen Architektur, die es versteht, sich harmonisch in spezifische regionale Stadt- und Landschaftsräume einzupassen.
    • Sehr richtig erkannt. Doch die Entwerfer der Neubauten hinterlassen nur zu gerne ihre eigene markante Handschrift, indem sie provozieren oder einen "Kontrast" herstellen. Selbst wenn es einfühlsame und stadtbildverträgliche Ideen und Lösungen gibt, entscheiden sich dann die Experten-Preisrichter dennoch viel zu oft für den unpassendsten Entwurf.

      Das müsste auch mal geändert werden. Daß nicht nur Experten und andere Architekten-Freunde in der Jury sitzen, sondern Bürger der Stadt, die sehr wohl, anders als behauptet, über gute Architektur entscheiden können.
    • Völlig richtig, Heimdall. Dieser Gefahr sitzen wir sicherlich alle auf, in dem wir einen Idealzustand im Geiste rekonstruieren, den es natürlich so nicht geben kann und auch niemals gegeben hätte, selbst ohne Krieg. Der Modernismus wäre genauso gekommen, auch Abrisse hätte es immer gegeben. Deshalb finde ich Göttingen als Beispiel eben auch so interessant, weil hier einer der seltenen Sonderfälle in einer deutschen Großstadt besteht, dass es praktisch keine Kriegszerstörungen gibt - und die Stadt sich in manchen Ecken trotzdem kaum von kriegszerstörten Städten unterscheidet.

      Sie kann also gutes Anschauungsmaterial für die auch hier immer wieder aufflammende Diskussion darüber bieten, wie groß der Anteil des 2. Weltkriegs an unseren versauten Stadtbildern wirklich ist, Stichwort "zweite Zerstörungen" der Nachkriegszeit.

      Insgesamt hast Du natürlich völlig Recht. Stadt ist Veränderung. Es ist vollkommen illusorisch und auch gar nicht wünschenswert, irgendwelche Zustände quasi einzufrieren und bewahren zu wollen. Es muss auch nicht jedem Gründerzeitbau nachgeweint werden, der abgerissen wird, wenn auf dem Grundstück Neues entstehen würde, das eine qualitative Verbesserung darstellt. Gerade Städte wie Göttingen sind voll von tlw. wirklich ärmlichen, kleinen, mit Eternit verkleideten und anderweitig verhunzten Arbeiterwohnhäusern aus dem späten 19. Jhdt., die nun sicherlich nicht alle unbedingt und um jeden Preis erhalten werden müssen. Auch Bremen hat in den ehemaligen Arbeiterbezirken wie Walle, Teilen der Neustadt, aber auch in der Östlichen Vorstadt eine tlw. richtiggehend ärmliche, einstöckige und sehr wechselhafte (Versätze im Blockrand, Geschosshöhendifferenzen etc.) Bebauungsstruktur aus dem späten 19. Jahrhundert selbst an großen Ausfallstraßen, bei der man mit mir immer über Abriss und Ersatz sprechen könnte, wenn die Neubauten eine qualitative Verbesserung bedeuten würden.

      Das Problem ist -wie Du richtig skizziert hast- also gar nicht die Veränderung oder einzelne Abrisse alter Häuser, sondern die fast durchgehende mindere Qualität dessen, was diesen Häusern dann nachfolgt.
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      Heinzer wrote:

      Stadt ist Veränderung. Es ist vollkommen illusorisch und auch gar nicht wünschenswert, irgendwelche Zustände quasi einzufrieren und bewahren zu wollen. Es muss auch nicht jedem Gründerzeitbau nachgeweint werden, der abgerissen wird, wenn auf dem Grundstück Neues entstehen würde, das eine qualitative Verbesserung darstellt.
      Das sehen die Italiener zum Beispiel und zum Glück anders, denn wenn wir uns die vielen unzerstörten Städte dort an zum Beispiel analog zu Göttingen die Universitätsstadt Bologna (und unzählige andere mehr) ansehen, dann merken wir, dass leider die kulturelle Entwurzelung unseres engeren Kulturkreises hier eine besonders unrühmliche Rolle spielt.

      Aber etwas tröstlich stimmt wenigstens, dass immer mehr junge Leute oder gerade die besonders darunter leiden und heran gehen und für Rekonstruktion unserer verlorenen Stadtbilder eintreten!
      „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)








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      Nun mir aber bitte nicht das Wort im Munde umdrehen. Das Stadtzentrum Bolognas mit irgendwelchen einstöckigen Arbeiterhäuschen von 1905 mit dünnen Wänden und Eternitverkleidung zu vergleichen, finde ich etwas vermessen. Ich habe mich zudem ja sehr kritisch zu den Abrissen innerhalb des Wallrings in Göttingen geäußert.

      Trotzdem wurden und werden auch in Bologna und anderen italienischen Städten kunsthistorisch irrelevante Gebäude abgerissen und durch größere/vermeintlich bessere ersetzt. Ich glaube nicht, dass der Weg über eine totale Veränderungssperre der richtige ist und kann mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, dass Du das so meinst, wie Du es gesagt hast. Jedes Altstadthaus in nahezu jeder Altstadt der Welt ist ein Nachfolgebau, entstanden auf dem Grundstück eines abgerissenen/verbrannten/massiv umgebauten Hauses.

      Es würde aus meiner Sicht den Tod der Stadt bedeuten, wenn es absolut überhaupt keine Veränderungen mehr an ihrer baulichen Struktur geben dürfte. Zumal die meisten von uns wohl aus behaglichen, zentral beheizten Gebäuden des 20. Jahrhunderts schreiben. In den einfachen Göttinger Fachwerkhäusern liegen die Deckenhöhen tlw. unter 2m, ich kenne einige der Wohnungen selbst sehr gut. Ein guter Freund von mir hat jahrelang in einem Fachwerkhaus aus dem 16. Jhdt. gewohnt mit Gewölbekeller und allen Schikanen. Trotzdem: Gebückt durch die Türen zu gehen, kein Raum über 10 qm, die Enge einer schlechten belichteten Hinterhofsituation - das muss man alles auch mögen. In einer Studentenstadt bekommt man solche Wohnungen wohl noch am besten vermietet, weil viele Studenten in der Altstadt wohnen wollen und derartige Einschränkungen charmant finden -auf Zeit.

      Und ehe mir auch das wieder als Aufruf zum Abriss spätgotischer Fachwerkhäuser ausgelegt wird: Quatsch. Jedes einzelne dieser Häuser muss erhalten bleiben. Aber ob das nun für jedes einzelne noch so ärmliche und kaputtrenovierte Gebäude aus dem Kaiserreich gelten muss, da habe ich so meine Zweifel. Ein Mangel an Interesse an der Architektur der Zeit vor dem ersten Weltkrieg wirst Du mir in Anbetracht meiner zahlreichen Fotostrecken aus Bremens Altstadt und gründerzeitlichen Stadterweiterungen wohl auch kaum vorwerfen können, hoffe ich zumindest.

      Insofern bleibe ich bei meiner Meinung. Es kann nicht um eine vollkommene Veränderungssperre gehen. Wir würden damit die gesamte Idee, die das Konzept "Stadt" ausmacht, zerstören, es ist obendrein natürlich auch vollkommen unrealistisch. Es wird nur durch eine Mischung aus deutlich besseren Gesetzen zum Erhalt alter Gebäude inkl. steuerlicher Instrumente, die Renovierungen eines Altbaus gegenüber Neubau bevorzugen, Rekonstruktionen und einer insgesamt menschlicheren, klassischeren Neubauarchitektur gehen. Alles andere halte ich für (nicht einmal besonders erstrebenswerte) Träumerei.