Stuttgart - Das alte Stuttgart - und Vergleiche

  • youngwoerth: Na ja, das Ihme-Zentrum ist schon ein ganz schöner Brocken. Ich verstehe schon Deine Aussage. Die 70er erkennt man eher als Bausünde und einige werden wir in Deutschland noch fallen sehen.


    Zum Teil bin ich aber doch erstaunt, welch gute Qualität einige 50er Bauten haben. In der münchener Altstadt fällt auch kaum auf, dass fast alles Nachkriegsmist ist.


    Fazit: Lieber auf ein paar Jahre noch einen 50er Stuttgarter Marktplatz als noch ein paar Jahre einen 70er Marktplatz. Und aupassen: Schnell kommt manchmal der Denkmalschutz vorbei. Die schützen manchmal die dollsten Dinger.


    Gruß ins Ländle!

  • Wenn ich aber richtig auf der obigen Gegenüberstellung der beiden Platz-Bilder sehe, dann handelt es sich bei dem Gebäude mit der "Breitling"-Werbung um keines der bald denkmalgeschützten 50er-Jahre-Gebäude. Hier also könnte ein Abriss und eine Rekonstruktion der auch im Bild aus den 30ern gezeigten Altstadtzeile möglich sein. Dann wäre zumindest schon mal eine der vier Platzseiten angenehm hergestellt.


    P.S.: Könnte mal jemand die Planungen zum Kröpcke-Center in Hannover in einem anderen Thread verlinken oder einstellen?

  • Ein Verwandter von mir hat mehrere Jahrzehnte in S gewohnt. Eine wirklich unheimlich scheußliche Ecke Deutschlands. Wenn ich mir den Marktplatz von damals so ansehe, dann möchte man am Liebsten in das Bild hineinspringen und flanieren.


    Ist es nicht so, dass der alte Rathausturm noch existiert und nur auf seine Integration in eine rekonstruierte Fassade wartet? :zwinkern:


    Zuerst das Rathaus und dann Stück um Stück am Platz zurück!

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Der Stuttgarter Marktplatz sieht heute wirklich aus wie eine in den Ruinen hineingebauten Baracken-Notlösung der frühen Nachkriegszeit; selbst in Kassel gibt es so was Schlimmes heute nicht mehr.
    Ich glaube nur ein kompletter Neuaufbau mit einigen Rekonstruktionen (oder mit vielen) würde dort noch helfen.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Rekonstruktion ist in Stuttgart, der Stadt der Moderne, nicht angezeigt. Vorgänge in Dresden, Frankfurt und Berlin werden hier scheinbar ignoriert; das neue Kunstmuseum und Breuningers Da Vinci Projekt am Karlsplatz sprechen eine andere Sprache...


    Eine Rundumrekonstruktion des Marktplatzes wäre ein erstes großes Projekt, so der Denkmalschutz die Veränderung der Nachkriegsbauten zuließe...der Weg von dort zur Stiftskirche und dem altem Schloss könnte im Weiteren folgen, wobei auch hier bereits zwei bedeutende Nachkriegsbauten entstanden sind, die sich teilweise noch an traditionellen Gestaltungsformen orientieren und wohl kaum den ursprünglichen Gebäuden weichen dürften.


    Ansonsten sehe ich wenig Chancen, um im größeren Stil Rekonstruktionen durchzuführen, allenfalls traditionelle Inseln ausweiten; den Bereich um den Hans-im-Glück-Brunnen zähle ich dazu und auch die Calwer Straße...ansonsten wären vielleicht noch Einzelobjekte zu nennen.


    Städtebaulich problematisch bleibt die harte Trennung der Leonhardsvorstadt (mit Bohnenviertel) und des Hospitalviertels. In beiden Fällen hat der City-Ring breite Schneisen in das städtische Gewebe gehauen...dabei wäre v.a. die Verbindung durch eine platzartige Hauptstätter Straße zwischen Altstadt und Leonhardsviertel mit Beseitigung des Breuninger Parkhauses eine große Chance :-)


    Jeder, der sich die Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
    www.archicultura.ch

  • Das Rathaus wurde erst vor wenigen Jahren renoviert und wird sicher so bleiben. Hier wird eher noch weitere alte Bausubstanz abgerissen... Rekos sind extrem unwahrscheinlich.

  • Das Problem ist nur - ich habe hier noch nie jemanden getroffen, der sich für dieses Thema interessieren würde. Vielmehr ist man zufrieden mit den Einkaufsmöglichkeiten, wie das ganze aussieht, ist völlig egal.

  • Stuttgart ist wahrscheinlich eine der weinigen Städte in Europa, bei der das Rathausgebäude seit fast 50 Jahren ein Notdach hat. Eine Schande!


    Die Nord-, West- und Südflügel sind bis auf die Giebel und die Dächer vollständig erhalten. Lediglich der Trakt zum Marktplatz wurde in den fünfzigern bis auf den Turm abgetragen und durch diese, nichtsagende - weder Fleisch noch Fisch- Architektur ersetzt. Eine Reko wäre mit wenig Aufwand zu haben.


    Wenn man sich mit Stuttgart darüber hinaus städtebaulich außereinander setzt, man stellt notwendigerweise fest, dass sie womöglich eine der in der Nachkriegszeit ramponiertesten Großstädte Deutschlands ist.


    Ich als Stuttgarter seit 10 Jahren glaube nicht auf eine Auferstehung des schönen Stuttgarts. Dies würde bedeuten, die Leistungen des abrisswütigen Autofans Arnulf Klett, OB vom 1946 bis ca. 1973, in Frage zu stellen und seine Entscheidungen zu revidieren.


    Dazu sind Teile der Stadtvertreter und der Bürgerschaft leider nicht bereit. Unbeschadet der guten Leistungen in anderen Bereichen, sind die Politiker und Altbürger in städtebaulichen Fragen regelrecht stumpf und einfallslos.


    Sie haben sich von der Bahn bei dem Projekt Stuttgart21 über den Tisch ziehen lassen und glauben blind die Lösung ihrer Probleme in der Aufgabe des wunderbaren, etwas verunstaltenen, Kopfbahnhofes von Bonatz gefunden zu haben.


    Dabei verkennen sie, dass das größte Problem von Stuttgart nicht der Bahnhof und die Eisenbahnflächen sind, sondern der Autoverkehr und die Stadtautobahnen.


    Stuttgart ist leider verdonnert, eine Stadt zweiten Ranges zu bleiben.


    :weinen:

  • Und schon tauchen die Stuttgarter auf :gg: :zwinkern:



    Kann dir nur zustimmen Escorial, auch als Auswärtiger, der die Stadt bislang nur bei flüchtigen Besuchen zu Gesicht bekommen hat.
    Es ist traurig, dass an einem Ort, an dem soviel gebündeltes Kapital vorhanden ist, nicht der nötige Bürgerstolz existiert - um Stuttgart zu dem zu machen, was es eigentlich ausmacht/e.


    Eine Stadt, die sich ihrer Wurzeln nicht bewusst ist, kann nur ein Torso sein. Ein Schatten ihrer selbst.


    Es wird Zeit, dass die Stadt Stuttgart über ihren Schatten springt und aus dem Dämmerschlaf erwacht! :D



    (Ich hätte jetzt üble Lust, eine Bürgerinitiative für die Schwabenmetropole zu gründen 8))


  • ...das mit der Initiative ist vielleicht gar keine gar keine schlechte Idee, zur Zeit gäbe es sogar einen konkreten Aufhänger, und zwar der Stuttgarter Karlsplatz.
    Zur Situation: der Platz bildet mit dem Alten Waisenhaus, Altem Schloß der historischen Markthalle (für mich eigentlich eine der Top-Sehenswürdigkeiten in dieser Stadt) und dem ehemaligen Hotel Silber ein nahezu geschlossenes Ensemble, das zur Zeit lediglich durch den 50er Jahre- Bau des Innenministeriums gestört wird.
    Das Land plant ohnehin diesen Standort aufzugeben und der Bau soll abgerissen werden. Es wäre also an dieser Stelle ohne großen Aufwand (entweder durch eine Reko oder einen New-Urbanism Bau) möglich, eine innerstädtische Wunde zu heilen.
    Nun will aber der Investor Breuninger an dieser Stelle sein Projekt "Da Vinci" realisieren. Abgerissen wird dann nicht nur das Innenministerium, sondrn auch noch das Ex-Hotel Silber. Wenn die Pläne auch nur annähernd wie geplant verwirklicht werden, ist das sowohl von den Dimensionen als Auch der ästhetischen Wirkung ein städtebaulicher Bombenangriff und der Karlsplatz wäre ruiniert.
    (Visualisierung und Infos zu den Plänen hier:


    http://www.stuttgarter-zeitung…nd-land-hand-in-hand.html


    http://www.stuttgarter-zeitung…se-bleibt-umstritten.html


    Eigentlich müsste man jetzt massiv an die Öffentlichkeit gehen mit der Zielsetzung "Erhalt bzw. Wiederherstellung des Karlsplatzes als historisches Ensemble" Mann, die Gelegenheit wäre so günstig, da ist ohnehin ein Abriss geplant, und hier könnte man sogar mit vergleichsweise wenig Geld wenigstens eine Wunde heilen...

  • Wenn ich mir die ehemaligen Altstadtbereiche von Stuttgart, Hannover, Frankfurt, Kassel usw. usw. z.B. auf maps.live so anschaue, dann ist es heutzutage nur noch schwer zu erkennen wo die Altstadt lag, wo sie begann und endete.
    Auch könnte man aufgrund der Ansammlung der üblichen Kaufhausketten weitgehend meinen (wenn da nicht zwischendrin mal eine völlig deplaziert wirkende Kirche herumstehen würde), man befindet sich in irgendwelchen Industrie- oder Gewerbegebieten, aber nicht im "Herzen der Stadt".


    Bebauungen wie am Rathausplatz von Stuttgart (oder auch - sehr ähnlich - z.B. auf der Westseite vom Rathausplatz von Augsburg) mit solch einfallslosen, plumpen, primitiven Flachdachkisten anstelle von stattlichen Giebelhäusern würden in jedes x-beliebige, schäbige Gewerbegebiet wunderbar hineinpassen. Wenn da nicht im Hintergrund noch die Stiftskirche zu sehen wäre...

  • Dieser Satz vom Breuninger-Chef "Dort solle stilvolles urbanes Leben pulsieren. "Wir wollen Weltstadt sein - dann müssen wir uns auch so verhalten"...ist das "Nachkriegsargument", das dafür herhalten muss, wenn es darum geht, Altbauten abzureißen. Das ist altbacken, provinziell und total daneben - aber in Stuttgart immer noch die Devise. Die merken einfach nicht, dass sie Provinz waren, sind und bleiben werden, es sei denn, die ändern erstmal Ihre spießige Mentalität.

    Der Tiefpunkt der Baukultur wurde in den 60er und 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts erreicht...

  • Na, dann wollen wir mal schauen:


    Diese beiden Bilder geben doch ungefähr dieselbe Perspektive wieder, oder?



    Quelle: flickr




    Quelle: chroniknet.de


    Grauenhafte Kästen - dagegen erscheinen die 50er-Jahre-Bauten auf dem Frankfurter Römerberg geradezu vorbildlich. Und warum? Weil die Häuser in Ffm wenigstens richtige Dächer haben - das schlimmste am Stuttgarter Marktplatz (heißt der so?) sind nämlich die klotzigen Flachdächer, die versauen alles.


    Wenn ich die beiden Bilder so vergleiche, stelle ich fest, daß die Stuttgarter Bebauung bei aller Häßlichkeit immerhin kleinteilig ist und stehende Fensterformate enthält. Die Häuser haben auch nicht mehr Geschosse als die Vorkriegsbebauung und scheinen von den Proportionen her sogar die Vorgänger vorsichtig zu zitieren. Sollten sie auch noch an derselben Stelle stehen wie die Vorgänger, könnte man sie vielleicht (wie in Mainz am Domplatz) durch Umbauten an Fassade und Dach in historischer Gestalt umbauen. Selbst wenn man keine äußerlich originalgetreue Rekonstruktion vornehmen würde, würde ein Umbau der Dächer sowie der Einbau von ein paar Sprossenfenstern schon Wunder wirken. (Stefan kann das vermutlich in einer Viertelstunde anschaulich zurechtbasteln)

    Der Haken dabei: Wenn nicht mal ein historisches Rathaus als Bezugspunkt da ist, sondern ein monströser, abgrundtief häßlicher Kasten, dann fehlte solchen Rekos doch irgendwie der Gegenpart, der ein stimmiges Ensemble ermöglichen würde. Gut, in Mainz ist ebenfalls kein Rathaus da, aber dafür der Dom gegenüber. Rekonstruierte Häuser (bzw. Fassaden) würden von dem Rathaus vermutlich optisch erschlagen. Ich denke, wenn in Ffm der Römer abgerissen und durch einen riesigen Betonkasten ersetzt worden wäre, hätte man sich die Rekonstruktion der Ostzeile gespart. Aber eine Überlegung wäre das meienr Meinung nach wert.


    Daß der Stuttgarter Rathausturm in den 50er Jahren noch unversehrt dastand und dann - nachdem man die Ruine des restlichen Rathauses beseitigt oder verbaut hatte - so verhunzt wurde, ist im übrigen unfaßbar und meines Erachtens in Deutschland einmalig. Oder gibt es eine andere Großstadt, die so mit ihrem Rathaus umgegangen ist? Ich fand ja immer den Wiederaufbau des kriegsbeschädigten Wiesbadener Rathauses eher schäbig, bei dem der stehengebliebene Hauptgiebel einfach abgerissen und durch eine banale Fassade ersetzt wurde (Vorkriegsansicht und heutige Ansicht), aber verglichen mit Stuttgart ist das ja absolut harmlos. :schockiert:

  • Wie recht du hast, da sieht man den Frankfurter Römerberg plötzlich in einem ganz anderen Licht. :schockiert:


    Der Umgang mit beschädigten Rathäusern wie in Stuttgart ist aber nicht unbedingt eine Seltenheit der Nachkriegszeit. Der fast überall fehlende Wille, die oft uralten Rathäuser, meist das allererste Zeugnis einer Stadt für bürgerliche Selbstverwaltung, das Lossagen vom Diktat des Kaisers / Schultheißen / Vogts im Hochmittelalter, in ihrer alten Form wieder herzustellen, ist eigentlich der ultimative Beweis für das völlig zerschlagene Selbstbewußtsein derer, die den Wiederaufbau betrieben haben.

  • ...und das Beste ist ja das Café vis à vis vom Rathaus. An schönen Tagen ist es voll von Selbstdarstellern, die sich auf den Liegestühlen räkeln und meinen, sie seinen in der schicken Großstadt Diese furchtbare „visuelle Architektur-Armut“ scheint die Stuttgarter gar nicht zu stören, im Gegenteil: Man empfindet die Stadt durch das permanente Schönreden auch noch als schön und attraktiv. Wie meinte der Kolumnist Fred Wiesen (Generation Vorkrieg) vor einiger Zeit im „Stuttgarter Wochenblatt“ über die Häuser am Marktplatz:
    „Es sei eine „ehrliche“ Architektur“.
    Das Ganze erinnert mich immer an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ und ich warte, dass endlich mal ein „Kind“ wie im Märchen kommt und sagt: „Leute, er hat doch gar nichts an/Eure Innenstadt ist einfach nur hässlich!“

    Der Tiefpunkt der Baukultur wurde in den 60er und 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts erreicht...

  • Der heutige Marktplatz sieht aus, wie angemalte und hochkantgestellte Pappkartons. :?
    Scheußlich...ein Glück das meine Heimatstadt Trier ihren Hauptmarkt gerettet hat, obwohl der auch in Schutt und Asche lag.
    Heute würde man nur an zwei Häusern (auch nur auf den zweiten oder dritten Blick) erkennen, dass sie erst nach dem Krieg errichtet wurden. Und diese Häuser haben eine Putzfassade, Fenster mit Sprossen und sogar ein anständiges Spitzdach mit Gauben.

  • Ich habe keine Hoffnung, dass sich da in naher Zukunft was tun wird, betrefflich Reko. Die Bürger hier unten interessiert das Thema einfach nicht. Das ist ein Problem, was einfach nicht existiert bzw. nicht zu existieren hat!
    Und wenn ich so was höre "Weltstadt"... Ach nee, Stuttgart wird niemals so etwas wie eine Weltstadt sein! Die Politiker hier spinnen sich da einfach was zusammen, was niemals zu erreichen ist und auch niemals erreicht wurde!
    Aber ist ja nichts Neues, dass Politiker etwas realitätsfremd denken und handeln.
    Sollte der Karlsplatz wirklich so umgestaltet werden, wie von Breuninger geplant, dann wird das zusammen mit Stuttgart-21 der endgültige Todesstoß für eine Stadt sein, die so viel Potential hatte.
    Ich war am Wochenende in München und ich war wieder überrascht, wie viel schöner es allein auf der Kaufinger Straße aussieht im Vergleich zur Königstraße.
    Zwar gibt es auch dort die ein oder andere 60er-, 70er-Jahre Bausünde, doch so schlimm wie in Stuttgart ist es nicht, wo man wirklich nur an den hässlichsten Einweg-Wegwerfbuden vorbei läuft.


    Leider kenne ich niemanden sonst, der sich für das alte Stadtbild Stuttgarts interessiert, den Otto-Normal-Bürger juckt das nicht die Bohne - das ist leider Fakt!

  • Den gemeinen Stuttgarter juckt bestimmt nur das Geld in der Brieftasche und der Sternchenwagen vor dem Designerhaus, in dem er dank business kaum ist.


    business geht eigentlich viel edler in einem schön alten Schmuckstück. Alte Gemälde sind auch mehr wert als frisch gemalte.