Neubau des Hauptgebäudes der Uni Leipzig

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    • @ Strandfliese

      Deine Technikgläubigkeit ist erstaunlich. Innerhalb weniger Minuten kann die Technik also alles, was in Jahrhunderten in das Bauwerk eingebracht wurde, wieder herstellen?

      Hier ist die Zerstörung der Paulinerkirche mit einem Mord verglichen worden. Einen ermordeten Menschen kann man auch als Wachsfigur wieder erschaffen. Bei ausreichender handwerklicher Fähigkeit kann das Ergebnis sehr lebensecht wirken. Aber halt nur so wirken. Das Leben, die Seele wird immer fehlen.
    • Stahlbauer schrieb:

      @ Strandfliese

      Deine Technikgläubigkeit ist erstaunlich. Innerhalb weniger Minuten kann die Technik also alles, was in Jahrhunderten in das Bauwerk eingebracht wurde, wieder herstellen?


      Das hat mit Glauben nichts zu tun..kauf Dir doch mal diesen "Architekturplaner" (oder wie das Proggi heißt) , das ist im Grunde genommen ein Spielzeug für den heimischen Rechner. Aber dann schau mal, was Du damit schon alles anstellen kannst? Mit einer professionellen Software kannst Du definitiv jedes Detail aus jeglicher Epoche rekonstruieren.

      Was meinst Du wohl wie die Aufbauplanung der Frauenkirche in Dresden vonstatten ging? Da gab es mal einen sehr schönen Zeitungsartikel in der Berliner Mottenpost - dies geschah mittels Computeranimation.

      Dein Vergleich mit der Leiche....nun ja, man kann wohl keinen neuen Gebäude eine alte Seele einhauchen, das ist schon richtig - nur ist dann ein "Wachsfigurenkabinett" doch noch wesentlich authentischer als eine abstrakte Pseudoleiche.

      Viele Grüße

      Strandfliese
    • Der Vergleich mit der Frauenkirche ist hier wieder unangebracht. Die ist in ihrer baulichen Substanz bis in die 30 Jahre, als man soweit ich mich entsinne neue Ringanker einbetonierte usw., nur sehr geringfügig beeinflusst worden. Schon gar nicht mit dem Ziel sie achitektonisch umzugestalten.

      Die Paulinerkirche ist in den fast 800 Jahrhunderten so oft umgebaut und umgestaltet worden, dass man heute unmöglich mehr sagen kann wo, wie und was. Allein schon weil man es selbst vor der Sprengung kaum wusste. Wie auch, wenn man das Gebäude nicht in Einzelteile zerlegt kann man das unmöglich. Eine Rekonstruktion hätte das alles zwangsläufig außer acht lassen müssen. Lieber ein ehrlicher Neuaufbau in klassischen Materialien, der das Erscheinungsbild herstellt, anstatt womöglich fehlerhafte Architekturgeschichte im Glaube der Korrektheit nachzuahmen (allein die Kosten).
    • Saxonia schrieb:

      Lieber ein ehrlicher Neuaufbau in klassischen Materialien, der das Erscheinungsbild herstellt, anstatt womöglich fehlerhafte Architekturgeschichte im Glaube der Korrektheit nachzuahmen (allein die Kosten).


      Ich sag mal so. lieber eine Rekonstruktion mit Fehlern, als ein Fehler ohne Rekonstruktion - und genau letzteres ist geschehen. Dann hätt man doch bittschön den Platz gleich freilassen können, anstatt diese optische Beleidigung dort hin zu pappen.

      Viele Grüße

      Strandfliese
    • Viele Universitätsangehörige sind ja keine Leipziger. Bei den Studierenden nicht und auch nicht bei den Lehrenden. Vielleicht fühlen sie sich auch von den ganzen historischen Gebäuden, in denen sie wohnen müssen, erschlagen und brauchen etwas moderne Abwechslung von den Historismuszumutungen im:


      MUSIKVIERTEL und BACHSTRASSENVIERTEL

      BACHSTRASSENVIERTEL


      oder den 250 qm-Etagenwohnungen im:

      WALDSTRASSENVIERTEL



      Gohlis und die Südvorstadt sind hier noch gar nicht dabei.

      Was macht man in einer Stadt, in der fast 15.000 Gebäude unter Denkmalschutz stehen?

      WALDSTRASSENVIERTEL.

      Natürlich sind es nur Bauten des Historismus. Aber auch die Paulinerkirche wurde historistisch überformt.

      Vorsicht Ironie! :biggrin:

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Stahlbauer ()

    • Stahlbauer schrieb:

      Viele Unversitätsangehörige sind ja keine Leipziger. Bei den Studierenden nicht und auch nicht bei den Lehrenden. Vielleicht fühlen sie sich auch von den ganzen historischen Gebäuden, in denen sie wohnen müssen, erschlagen und brauchen etwas moderne Abwechslung von den Historismuszumutungen im:


      Alles richtig - aber du führst die gründerzeitlichen Stadterweiterungsgebiete auf, die auch mich faszinieren und die ich in der Qualität nur noch aus Görlitz oder Halle kenne, wenngleich die Geschosshöhe geringer ist.

      Das, was mir Sorge bereitet, ist aber die leipziger Innenstadt. Sie ist im Krieg zerstört aber Gott sei Dank nicht flächenberäumt worden, so wie es in Dresden oder Magdeburg passiert ist. Unbeschädigte Gebäude blieben stehen, aber sehr viele sind zerstört und im Wiederaufbau abgebrochen worden. Die Innenstadt hat mittlerweile ein starke Prägung der Nachkriegsarchitektur (DDR-geprägt wie nach 1990er Jahre-geprägt). Die Innenstadt Leipzigs befindet sich weitgehend auf dem alten Stadtgrundriss – auch wenn einige Baufluchten nach 1945 geschliffen worden, aber es sind viele Neubauten seitdem als Lückenbebauung entstanden. Das bedeutet keine Wertung ihrer Qualität, aber eine bauhistorische bzw. historistische Ensemble-Wirkung ist sehr schwach ausgeprägt und genau deswegen betrachte ich die Uni-Neubauten als fatal, weil sie diesen Aspekt noch weiter betonen. Ein Reko wäre aus meiner Sicht zu bevorzugen, wenngleich mir die damit verbunden Probleme bewusst sind.
    • ASCBY schrieb:

      @ Philon,

      bitte richtig lesen und vor allem richtig zitieren. Ich habe klar und unmissverständlich zwischen dem architektonischen Wert und dem kulturhistorischen Wert der Paulinerkirche unterschieden. Ersteres ist nicht gegeben, weshalb eine Rekonstruktion des historistischen Umbaus von Arwed Rossbach viel zu kurz greift. Die kulturhistorische Bedeutung wird mit dem Neubau hingegen - so weit und gut es eben geht - zurückerlangt.

      Ja, und ebendiese Unterscheidung zwischen dem Architektonischen und dem Kulturhistorischen finde ich eben sehr künstlich. M.E. gibt es das eine nicht ohne das andere. Die kultur- und geistesgeschichtliche Dimension der Paulinerkirche - das Geistige - war und ist eben untrennbar mit ihrem äußeren Erscheinungsbild verknüpft und umgekehrt (hinter der Auftrennung scheint mir ein unreflektierter impliziter cartesianischer Dualismus zu stehen).
      Du, und noch einige andere Beitragende hier, sind doch sehr stark (negativ) auf die neogotische Roßbach-Fassade fixiert. Um die geht es mir aber gar nicht, sondern um den gesamten Baukörper. Genau in diesem war eben die kultur- und geistesgeschichtliche Dimension der Kirche manifestiert. Man bringt sie demnach nicht mit einem Bauwerk zurück, das sich nur entfernt an den ursprünglichen Baukörper anleht.

      ASCBY schrieb:

      Deinen letzten Absatz verstehe ich nicht. Vor allem verstehe ich nicht, was dieser mit meiner Aussage zu tun haben soll.
      Na, der Absatz bezog sich auf deine Aussage, die Forderung nach Wiedergutmachung des Verbrechens der Kirchensprengung sei "verbohrt und rachsüchtig". Daraus kann man wohl kaum etwas anderes folgern als das, was ich gefolgert habe.
    • @Roland

      Wäre es dann nicht angebracht noch vorhandene, aber unsanierte und ungenutzte Gebäude vor dem Verfall zu retten? Mit dem Paulinum werden wir die nächsten Jahrzehnte leben müssen.


      Meinhard Michael hat den Wettbewerb, in dem der Entwurf von Erick van Egeraat den ersten Platz erreichte, als Verfahren bezeichnet, dass gekennzeichnet war von den Verletzungen des Wettbewerbsgeheimnisses durch Jurymitglieder und parteipolitischem Gezänk. Die Universität Leipzig wäre von der Landesregierung in Dresden erpresst und entmündigt worden.

      Hier noch einige Fotos zur weiteren Diskussion.




      Blick vom Fockeberg.
      Links, neben dem Cityhochhaus ist das Paulinum zu sehen. Erkennbar ist dessen beachtliche Baumasse z.B. im Vergleich mit der Nikolaikirche.
















      Das Mensagebäude an der Universitätsstraße, entworfen von Behet, Bondzio und Lin.












      Augusteum und Paulinum am Augustusplatz.














      Details am Paulinum.
















      Eigene Fotos.
    • Du, und noch einige andere Beitragende hier, sind doch sehr stark (negativ) auf die neogotische Roßbach-Fassade fixiert. Um die geht es mir aber gar nicht, sondern um den gesamten Baukörper. Genau in diesem war eben die kultur- und geistesgeschichtliche Dimension der Kirche manifestiert. Man bringt sie demnach nicht mit einem Bauwerk zurück, das sich nur entfernt an den ursprünglichen Baukörper anleht.


      Richtig, um die Fassade geht es nur sekundär. Der Rest ist aber nicht kultur- und baugeschichtlich exakt rekonstruierbar da schlichtweg die Kenntnis dazu fehlt. Bei einem 800 Jahre alten Bauwerk ist das auch irgendwo selbstverständlich. Ob man sich nun eine Paulinerkirche hinstellt, die so aussieht wie die alte, aber es nicht ist, oder ob man sich eine Neue hinbaut. ist im Anbetracht deines kultur und gesitesgeschichtlichen Ansatzes zur Rechtfertigung der Rekonstruktion einerlei.

      Daher argumentiere ich auch Lieber mit städtebaulichen Argumenten, die sind weniger auf das wie und warum sondern eher auf das äußere Vorhanden oder nicht Vorhandensein bezogen. ^^
    • Natürlich geht es hier primär um die Fassade, die in diesem Forum den Rekonstruktionsbefürwortern nicht zusagt. Das Gebäude ist - unschwer zu erkennen - eine Kirche. Wer nur den sozialistischen Vorgängerbau mit dem Karl-Marx-Relief kennt, die Paulinerkirche aber nicht, der fragt sich jetzt, warum dort eine Kirche steht. Der Innenausbau startet ansonsten erst in diesen Tagen, der sich voraussichtlich bis Ende 2014 hinzieht. Die kultur- und geistesgeschichtliche Dimension der Kirche, wie Philon schrieb, kommt bis dahin wieder zurück.



      @ Roland,

      mit der Ensemble-Wirkung in der Leipziger Innenstadt war es schon immer schwierig. Darüber hinaus existieren noch mehr als 50 Prozent der Vorkriegsbebauung. Vor dem Zweiten Weltkrieg hingegen waren die allermeisten Gebäude in der Innenstadt entweder kaum älter als 50 Jahre oder wurden in diesem Zeitraum modern überbaut. Daraus schließt, dass der Zweite Weltkrieg und die Zeit danach nicht die größte Zerstörung historischen Bauerbes in der Leipziger Innenstadt (von Altstadt konnte man auch vor '45 nicht reden) darstellt.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von ASCBY ()

    • In Leipzig noch auf Rekonstruktionen zu hoffen, ist verschwendete Energie. Die beiden letzten Rekonstruktionen waren die Fassade des Brühlkaufhauses und das Gebäude Klostergasse 7/9. In beiden Fällen sind Fassaden aus Ostzeiten wieder hergestellt worden. Im Falle der Klostergasse 7/9 hatte wohl das Denkmalamt gehofft, der süddeutsche Investor würde das barocke Hôtel de Saxe wieder aufbauen. Annette Menting hat dazu geäußert, dass damit die Architektur der jüngeren Vergangenheit bewahrt werden konnte.

      ursus carpaticus hat das schon ganz gut zusammengefasst:


      ursus carpaticus


      Leipzig sehe ich in erster Linie in gesamtsächsischem Zusammenhang, denn so hab ich es touristisch erlebt. Und in diesem Zusammenhang, der für mich ein höchst erfreulicher ist, da ich sächsische Stadtbaukunst äußerst schätze, steht es natürlich nicht an erster Stelle, schneidet aber nicht schlecht ab.
      Vom großstädtischen Flair übertrifft es natürlich die arg heimgesuchten Schwestern.
      Interessant erscheint zunächst, dass sich seine enorme kultur- und geistesgeschichtliche Bedeutung (welche mE der von Florenz entspricht, für meine subjektive Wertschätzung jene sogar übertrifft, was kann schon gegen Bach, Goethe und Wagner bestehen?), architektonisch kaum niederschlägt, und zwar unabhängig von allen destruktiven Ereignissen dieses Jahrhunderts, ja man kann sagen, dass sich L in diese Relation gesetzt wie ein Provinznest ausnimmt. Was sind schon zwei, gut, eine wurde abgerissen, also sagen wir drei mittelgroße gotische (andere gibt s gleich überhaupt nicht) Innenstadtkirchen, so schön sie auch sind, für eine europäische Kulturmetropole?
      Wo sind etwa umfangreiche mittelalterliche Zeugnisse der ersten dt Universitätsstadt? Von neuzeitlichen Geschäftshäusern überlagert, aber war davor bzw vor der Barockzeit so Überwältigendes da? Verglichen etwa mit Erfurt oder dem Vorkriegsfrankfurt? Oder im Osten mit Krakau, Breslau?
      irgendwie spürt man andererseits die große Geschichte auf Schritt und Tritt, und das macht einen gewissen ambivalenten Reiz aus.
      Ich war nur sehr kurz dort und hab ganz sicher nicht alles gesehen. Nur die Innenstadt, von Gohliser Schlösschen, Waldstraßenviertel, Völkeerschlachtdenkmal keine Rede. Schließlich gibt s viel Bedeutendes in der Umgebung, mit der man in einem touristischen Menschenleben ohnehin erschöpfend fertig wird. Dafür kenn ich auch Pegau, Wurzen, Grimma, Altenburg, das Muldetal und vieles mehr.
      Aber es hat mir gefallen und ich werd sicher noch mal kommen und bin gespannt auf die weitere Entwicklung.





      .
    • Saxonia schrieb:


      Richtig, um die Fassade geht es nur sekundär. Der Rest ist aber nicht kultur- und baugeschichtlich exakt rekonstruierbar da schlichtweg die Kenntnis dazu fehlt. Bei einem 800 Jahre alten Bauwerk ist das auch irgendwo selbstverständlich. Ob man sich nun eine Paulinerkirche hinstellt, die so aussieht wie die alte, aber es nicht ist, oder ob man sich eine Neue hinbaut. ist im Anbetracht deines kultur und gesitesgeschichtlichen Ansatzes zur Rechtfertigung der Rekonstruktion einerlei.


      Ich gebe zu, dass ich diese Aussage jetzt wieder nicht verstehe. Wieso sollte es egal sein "ob man sich nun eine Paulinerkirche hinstellt, die so aussieht wie die alte, aber es nicht ist, oder ob man sich eine Neue hinbaut"?!
      Wenn das egal wäre, könnte man den ganzen Rekonstruktionsgedanken in die Tonne treten. Das ganze Anliegen hängt doch daran, dass es eben nicht egal ist. Egal wäre es nur, wenn man eben die geistes- und kulturgeschichtliche Dimension von der materialen Manifestation trennen würde (das war das was ich mit "implizitem Cartesianismus" gemeint habe).

      In der Gestaltung eines Bauwerks manifestiert sich der Geist einer Epoche, einer Region, einer Nation und (vor allem ab der frühen Neuzeit) ggf. auch eines bestimmten Architekten. Wenn man nun dieses Bauwerk nach einer Zerstörung orginalgetreu wiederaufbaut (und das heißt natürlich immer: so weit orginalgetreu wie die Dokumentationslage es zulässt - aber das ist trivial), ohne eigene Zutaten und Veränderungen, dann lässt man diesen Geist sich neu manifestieren.
      Das ist aber eben nicht der Fall, wenn man eine neue Kirche baut, die irgendwie ein bßchen die alte zitiert. Insofern ist es keineswegs egal, ob man die alte Paulinerkirche, und sei es nur dem Baukörper und dem Erscheinungsbild nach, rekonstruiert oder eine neue baut. Vielmehr ist das genau der alles entscheidende Unterschied. Jene ist in der wesentlichen Hinsicht, die Manifestation desselben Geistes zu sein, mit der zerstörten Kirche identisch; diese ist es nicht, weil sich in ihr ein anderer Geist manifestiert.
    • Du sprachst davon, dass die Fassade hier zweitrangig sei. Wenn ich eine Rekontruktion befürworte, dann in erster Linie aufgrund der städtebaulichen Wirkung, also der Fassade. Die war bei der Paulinerkirche nicht herausragend wie schon oben von mir geäußert. Daher sehe ich es nicht als dramatisch an, wenn eine Neue Fassade entsteht. Gleichzeitig ist es natürlich wichtig, dass man die Spolien der Inneneinrichtung intelligent wiederverwendet. Da steck ich aber gerade nicht so in der Thematik.

      Es ist doch reine Spekulation von dir, welcher Geist sich wie manifestiert. Als ob solche Überlegungen die einzigen Kriterien bei Entscheidungen für oder gegen Rekonstruktionen wären.
    • Es ist überhaupt nicht spekulativ, zu behaupten, dass sich in einem Bauwerk der Geist einer Epoche, einer bestimmten Strömung innerhalb dieser Epoche oder eines besonderen Baumeisters manifestiert. In dieser Geistigkeit erfahren wir das Wesen des Architekturwerks. Und diese Feststellung hat nichts mit der Frage nach dem "Alter" der verwendeten Steine zu tun; denn im Grunde sind alle Steine eines Bauwerks, die vor vielleicht 500 Jahren behauenen und die vor fünf Jahren behauenen etwa gleich alt. Absurd wäre es auch, festzulegen, von welchem prozentualen Anteil an frischbehauenen Steinen man von einer "Kopie", einer Fälschung gar sprechen muss. In dieser Fixierung auf das scheinbare Alter des Materials, die angebliche Authentizität liegt ja der fundamentale Irrtum der Rekonstruktionsgegnerschaft begründet. Er verkennt das Wesen der Architektur, die eben nicht in einer wahnhaften Autenthizität des Materials begründet ist, sondern ausschließlich in der Architekturgestalt, die sich nur durch sukzessiven Austausch des Materials über Jahrhunderte hin, und sei es durch partiellen oder totalen Neuaufbau bewahren lässt. Akte der Vernichtung, des Verfalls und der Wiederherstellung gehören zu der Geschichte eines jeden Bauwerks. Im Falle der Leipziger Universitätskirche aber wurde die Geschichte des Bauwerks durch die Entscheidung, nicht zu rekonstruieren, leider beendet. Der Neubau will lediglich an diese verschwundene Kirche erinnern.
    • Im Falle der Leipziger Universitätskirche aber wurde die Geschichte des Bauwerks durch die Entscheidung, nicht zu rekonstruieren, leider beendet. Der Neubau will lediglich an diese verschwundene Kirche erinnern.

      Hm... liegt nicht eigentlich DOCH eine Rekonstruktion vor? Das sowohl architektonisch als auch erinnerungsgeschichtlich Bedeutsame, nämlich das Innere, wird sehr wohl rekonstruiert. Nach außen hin wird überlagern lediglich städtebauliche Gesichtspunkte den Rekonstruktionsgedanken. Man kann dies für richtig oder falsch befinden, sowohl was diese Frage der Rangordnung als auch das Ergebnis betrifft, dh man kann hinterfragen, ob das moderne Ensemble Augustusplatz höherrangig als das Wiederstehen der historischen Kirchenfassade anzusehen ist bzw ob diese wirklich nicht in das Ensemble gepasst hätte. Man kann sagen: Reko mal anders rum. Nicht das äußere Erscheinungsbild, sondern der innere Kern zählt. Ob richtig, falsch, gut oder schlecht, darüber bin ich selber im Wiglwogl, wie bei uns gesagt wird. Aber ein grundsätzlichen Willen zur Rekonstruktion ist grundsätzlich erkennbar und anzuerkennen. Und ob das Bauwerk bzw dessen Geschichte wirklich zu existieren aufgehört hat bzw nicht wieder zu bestehen begonnen hat, ist mE sehr fraglich. Die Argumentation, dass die Paulinerkirche im selben Maße wie die FK weiterexistiert (sieht man von dem Umstand ab, dass Letztere in ihren umfangreichen Mauerresten kontinuierlichda war), erscheint zumindest vertretbar.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • Es ist sicher zu begrüßen, dass das Innere der Paulinerkirche in exakt den gleichen Maßen und, soweit mir bekannt ist, auch den gleichen Pfeiler- und Gewölbestrukturen wiedererstehen soll wie die frühere gotische Kirche. Aber - der Architekt setzt dennoch ganz gezielt Verfremdungseffekte ein, die es ausschließen, von einer Rekonstruktion zu sprechen. Was bislang fertiggestellt ist, ist der Gebäudekubus aus Beton, in den dann die Pfeiler und Gewölbe wie Kulissenelemente eingestellt werden sollen. Aber nicht nur diese radikale Abweichung von der gotischen Baukonstruktion verbietet es, von einer Rekonstruktion zu sprechen; das Material dieses Innenausbaus wird nicht Stein sein, sondern typisches Kulissenmaterial, wahrscheinlich Gips oder Kunststoff, dazu konsequent weiß gehalten. Und drittens: um die Verfremdung auf die Spitze zu treiben, sollen einige Pfeiler nicht bis zum Boden geführt werden, sondern als Beleuchtungskörper stalaktitenartig über den Häuptern der versammelten Universitätsgemeinde enden. Mag sein, dass ein faszinierendes Raumerlebnis erreicht und dieser Raum als außerordentliche Attraktion erfahren werden wird. Aber eine Rekonstruktion ist das nicht.
    • No, das klingt nicht gut. War ich zu schlecht informiert, muss ich zugeben.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)