Dresden - Postplatz - Geschichte, Gegenwart und Zukunft

  • Ich sehe das absolut emotionslos, weil Dresden für mich „abgehakt“ ist. Zuviel ging verloren, als dass ich noch an die Kraft dieser Stadt glauben könnte. Köln oder Frankfurt traue ich die Vitalität der Stadtentwicklung zu, weil es dort noch ein historisches Fundament gibt, das in Dresden vernichtet wurde. Der Neumarkt - so schön er sein mag - ist nur ein Akt der Selbsttäuschung.

    Das sehe ich genau umgekehrt: Der Bürgerwille zur Rekonstruktion in Dresden ist m.E. weitaus ausgeprägter als in Köln (rund um den Kölner Dom ist kein Funken historischen Fundamentes mehr, die Domplatte und der Bahnhof sind eine städtebauliche Schande) oder Frankfurt (die Skyline gibt den baupolitischen Kurs vor, die Altstadt ist dort tatsächlich reine Selbsttäuschung- die dortigen Politiker sagen sich nun: "Altstadt ist abgehakt für die 'Ewiggestrigen'- das muss reichen, nun können wir wieder modern bauen"). A propos Frankfurt: haben Sie schon die Visualisierungen des "Romantikmuseums" gesehen? Nein, diese Städte sind keine Vorbilder. Was Dresden in den letzten 15 Jahren schuf ist beispiellos und lässt sich mit den genannten Städten in keinster Weise vergleichen. Zumal die genannten Städte keine sozialistischen Sowjet-Satelliten waren und sich nicht auf politische Sachzwänge rausreden können, sondern sie waren und sind frei: und dennoch prägen grauer Beton und Plattenbauten diese Städte- und was noch stand, wurde nachträglich platt gemacht. Dresden hat den Willen, die Wunden zu heilen: das ist das Fundament, das es für künftige städtebauliche Schönheit braucht.

  • Köln oder Frankfurt traue ich die Vitalität der Stadtentwicklung zu, weil es dort noch ein struktuelles Fundament gibt, das in Dresden vernichtet wurde.

    Das müsstest du mal erklären. Für mich ist Köln vielmehr städtebaulich das Fass ohne Boden schlechthin. Für mich hat Dresden deutlich mehr Potenzial, trotz der zahlreichen DDR-Platten und Nachwende-Trivialarchitektur. Man vergleiche mal Luftbilder: Dresden versus Köln.


    Der Neumarkt - so schön er sein mag - ist nur ein Akt der Selbsttäuschung, die Illusion von Urbanität, der aber die Lebensadern fehlen.

    Das ist mir bisher ganz und gar nicht aufgefallen, obwohl ich mehrmals und zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten dort war. Und damit erklärst du die Stadt-Reparatur des Neumarkts für sinnlos und argumentierst im Kern wie unsere Gegner wie Stefan Trüby und seine Zeitgenossen im linken Feuilleton. :kopfschuetteln:
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  • Köln oder Frankfurt traue ich die Vitalität der Stadtentwicklung zu, weil es dort noch ein struktuelles Fundament gibt, das in Dresden vernichtet wurde.

    Sicherlich gibt es in Köln und Frankfurt ein breiteres bildungsbürgerliches Fundament als in Dresden. Genützt hat es beiden Städten in nunmehr 7 Nachkriegsjahrzehnten aber offenkunding rein gar nichts.


    Die Initiative sowohl sowohl für den Neumarkt in Dresden als auch die Neue Frankfurter Alstadt ging jeweils nur von wenigen engagierten Einzelpersonen aus.

  • Sicherlich gibt es in Köln und Frankfurt ein breiteres bildungsbürgerliches Fundament als in Dresden. Genützt hat es beiden Städten in nunmehr 7 Nachkriegsjahrzehnten aber offenkunding rein gar nichts.
    Die Initiative sowohl sowohl für den Neumarkt in Dresden als auch die Neue Frankfurter Alstadt ging jeweils nur von wenigen engagierten Einzelpersonen aus.

    Würde ich so nicht sagen. Ich war öfter in Dresden und der Stolz der Stadt ist m.E. für deutsche Verhältnisse enorm: ihr August der Starke wirkt immer noch stark nach, in einem Café am Altmarkt (ein Vorkriegs-Gründung) wurde mir von der jungen Bedienung auf eine Frage nach dem Café erklärt, dass Herr Soundso (in den 50ern gestorben!) wolle das nicht so (als wäre er immer noch ihr Chef). Jeder Bau sorgt regelmäßig für hitzige öffentliche Debatten, wie z.B. das Narrenhäusel oder die Orangerie. Auch die Bebauung des Neustädter Markts führt zu Kontroversen. In Köln meines Erachtens undenkbar. Natürlich geht es immer von Einzelpersonen aus, aber ohne Rückhalt aus der Bevölkerung hat keiner eine Chance. Und dieser Rückhalt ist in Dresden ziemlich groß.

  • Ich argumentiere ganz gewiss nicht wie die Trübys dieser Welt. Für sich genommen ist die Rekonstruktion von Frauenkirche und Neumarkt natürlich großartig, ich wäre der letzte der dies kritisieren würde. Ich bitte aber zu beachten, was ich geschrieben habe: dass dieser Traditionsinsel die Lebensadern von außen fehlen. Wenn es eine Insel bleibt, die nicht eingebettet ist in eine Gesamtstadt, die sich ihrer städtebaulich würdig erweist, wird es immer nur ein (schönes) Trugbild einer geheilten Stadt bleiben, das von der traurigen Gegenwartsrealität eingeholt wird sobald man das idyllische Areal verlässt. Ich kann nicht erkennen, dass man die Stadt ausgehend vom Maßstab ihres wiederhergestellten Herzens weiterbaut. Was da ringsum entsteht könnte keinen größeren, schmerzvolleren Kontrast darstellen, hier entsteht das Gegenteil von Urbanität, die das Zentrum um den Neumarkt von außen mit Lebenskraft versorgen könnte, und es fällt schwer darin nicht Vorsatz zu vermuten. Wenn es hier in absehbarer Zukunft eine Wende geben sollte, bin ich wieder bereit an die Stadt Dresden zu glauben.

  • Diese Diskussion taucht so oder in ähnlicher Form immer wieder auf, in der Galerie zum Altmarkt (Dresden - Altmarkt, Kulturpalast, Prager Straße - Südliche Altstadt (Galerie)) hatten wir schon recht ausführlich hierüber debattiert. Nun ja, das heutige Dresden scheidet eben die Geister. Entweder man empfindet die erhaltene und wiederhergestellte Pracht als derartig grandios, dass sie über die Tristesse weiter Teile der Stadt hinwegtrösten kann, oder aber man fokussiert sich bei der Betrachtung Dresdens auf das, was eben nicht mehr steht und in den allermeisten Fällen auch keinen würdigen Ersatz gefunden hat. Ich kann beide Standpunkte nachvollziehen, aber identifiziere mich, auch wenn ich sonst eher zum Pessimismus neige, hier mit der erstgenannten Position. Die heutige Dresdner "Altstadt", zwischen Willsdruffer Straße und Elbe, zwischen Polizeirevier Mitte und Semperoper, gehört, so klein sie auch sein mag, zu den großartigsten architektonischen Ensembles, die weltweit zu finden sind. Mir fallen wenige Orte ein, an denen auf so engem Raum derartig viele Weltklasse-Prachtbauten vereint sind. Alleine der Blick über die Brühlsche Terasse! Ein Reigen historischer Pracht, ein Prunkbau neben dem anderen verträumt wie an der Perlenkette sich aufreihend, abgeschlossen vom melancholischen, elegant-mediterranen Turm der Kathedrale! Wir haben heute noch bzw. wieder alle wichtigen Glanzlichter des alten Elbflorenz, doch - und das muss man auch ganz klar konstatieren - das eigentliche Dresden der Vorkriegszeit, die bürgerliche Altstadt, in die diese Highlights eingebettet waren, fehlt. Das Dresden der Fürsten und Könige existiert noch, das der Bürger ist nur noch anhand der Rekonstruktionen am Neumarkt und kleiner Quartiere in der Neustadt erlebbar. Und das ist der wesentliche Kritikpunkt Stuegerts, den ich schon gut nachvollziehen kann. Das Abenteuer Stadt, der steinerne Dschungel, durch den man tagelang irren kann, um immer neue Entdeckungen zu machen, enge, belebte Straßen, lauschige Hinterhöfe und verschwiegene Plätzchen, das städtische Chaos, schlichtweg das, was man Urbanität nennt - das existiert in Dresden so heute wohl nur noch in der Neustadt. Einer meiner besten Freunde studiert in Dresden und lebt dort im oberen Stockwerk eines Hochhauses. Wenn man aus seinem Küchenfenster auf die Stadt blickt, realisiert man das sofort. Von oben betrachtet wirkt Dresden wie eine große Gartenstadt. Man sieht viele Grünflächen, Bäume und Parks, die Häuser sind oftmals durch großzügige Zwischenräume voneinander getrennt und stehen nicht Giebel an Giebel aneinandergedrängt. Zwischendrin hat man dann noch breite Verkehrsschneisen, die den Eindruck einer zugigen, weitläufigen, unurbanen Stadt vervollkommnen. Dieser Vorstadtcharakter dominiert bis in das ferne Zentrum hinein, das sich nur durch die berühmte Silhouette historischer Bauten erkenntlich macht. Bei Nacht ist Dresden von oben betrachtet dementsprechend recht dunkel, ein großstädtisches, konzentriertes Lichtmeer mag bei einer solchen Weitläufigkeit nicht zustandekommen. In dieser Hinsicht hat Stuegert schon Recht. Städte wie Stuttgart oder Köln, auch wenn sie, was die Qualität erhaltener Bauten anbelangt, nicht mit dem Elbflorenz mithalten können, verfügen noch über Urbanität, über die Enge und das Chaos der Metropole. Kürzlich bin ich einmal abends die Weinsteige nach Stuttgart hinabgefahren und der Blick auf die Lichter der Großstadt war einfach überwältigend! Das hatte schon eine ganz andere Qualität als die Sicht aus dem Küchenfenster meines Kumpels auf das nächtliche, dunkle Dresden.

  • http://www.dnn.de/Dresden/Lokales/Wende-zum-Guten


    Ich hätte es nicht für möglich gehalten: Knerer und Lang haben ihren von der Gestaltungskomission zurecht kritisierten Entwurf für das Bürogebäude am Postplatz überarbeitet.


    Zitat: „Wir haben die Gebäudekubatur so weiterentwickelt, dass zur Freiberger Straße eine Platzsituation entsteht“, erklärte Architekt Thomas Knerer. Der Arkadengang des „Motel one“ an der Freiberger Straße werde fortgeführt und laufe über den Gebäudeabschnitt an der Hertha-Lindner-Straße bis zur Schweriner Straße. Die Fassaden sind jetzt kleinteiliger gegliedert, verschieden farblich gestaltet, die Fensterfronten sollen variabel entwickelt werden.

  • Ich sehe das absolut emotionslos, weil Dresden für mich eigentlich „abgehakt“ ist. Zuviel ging verloren, als dass ich noch an die Kraft dieser Stadt glauben könnte. Köln oder Frankfurt traue ich die Vitalität der Stadtentwicklung zu, weil es dort noch ein struktuelles Fundament gibt, das in Dresden vernichtet wurde. Der Neumarkt - so schön er sein mag - ist nur ein Akt der Selbsttäuschung, die Illusion von Urbanität, der aber die Lebensadern fehlen.

    Ich bin zwar anderer Meinung, gebe dir aber trotzdem einen "like" weil ich deinen Gefühlszustand bezüglich dieser Stadt sehr gut verstehen kann. Ich kenne ihn nämlich sehr gut auch von mir selber.


    Manchmal dachte ich das auch, Dresden sei unrettbar verloren. Und zwar dachte /denke ich dies meist dann, wenn ich das heutige mit dem unzerstörten Dresden vergleiche. Da kann das heutige ja natürlich nur verlieren dagegen.


    Aber wenn ich mir vergegenwärtige, was da zum Teil noch erhalten ist , dazu ist das einfach zu viel. Und ich meine nicht nur die Neustadt, auch diese ganzen Villenviertel Blasewitz, Loschwitz et cetera. Es gibt innenstadtnahe Gebiete wie die Friedrichstadt und zum auch die Südvorstadt, wo noch wahnsinnig viel Altbaustubstanz steht. Diese Viertel werden in wenigen Jahrzehnten vermutlich unbezahlbar sein.


    Vor allem aber, und das sagte hier bereits jemand, muss man sich vergegenwärtigen dass das Altstadtareal zwar nicht sonderlich gross ist, dafür aber von solch unglaublich viel Schönheit und dermaßen hoher Qualität, dass hier alles einfach komprimiert ist auf kleinem Raum. Wenn ich ehrlich bin, lohnte sich alleine der Wiederaufbau der Frauenkirche, um sich für Dresden zu interessieren. Dass um diese Kirche herum jetzt noch ein komplettes Barockviertel mit ganzen Strassenzügen entstand, alleine das ist es wert diese Stadt nicht abzuschreiben, finde ich.


    Gib Dresden noch 10 - 20 Jahre, und das wird eine der attraktivsten Städte Deutschlands sein.
    Nein - eigentlich ist es das schon jetzt.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • Den Freiplatz kann ich zwar an der Ecke noch nicht nachvollziehen, aber eine immense Steigerung zu den ersten Entwürfen.

    Wenn nicht anders angegeben, sind alle Bilder von mir.

  • Nach dem Trauerspiel um den Postplatz sind das doch einmal mehr sehr versöhnliche Nachrichten. Wenn es so kommt wie visualisiert, wird der Ecke Freiberger-Schweriner Straße doch eine schöne Fassung gegeben. Die Bauten in der und in Richtung Wilsdruffer Vorstadt sind bei aller Ambivalenz im Ganzen doch recht passabel und haben das Potenzial sie zu einem der besten, urbanen Viertel in Deutschland zu entwicklen - allein durch die wunderbare Nähe zur Dresdener Altstadt und dessen großartigem Kulturangebot. Vllt. wird die WS der Neustadt sogar irgendwann einmal den Rang ablaufen. Wer sich in der Dresdener Innenstadt ewtas kaufen möchte, macht m.E. nichts verkehrt, sich einmal in der Gegend umzuschauen.

  • Was man heute für einen Aufwand betreiben muss, nur um Architekten zu ein paar Rundbögen zu bewegen. Bestimmt herrscht in dem Büro jetzt eine Identitätskrise, weil man einen viel zu "klassischen" Entwurf vorgelegt hat.

  • Die aufmunternden Worte von Suebicus und mir haben wohl jeden erreicht, nur nicht den, den es aufmuntern sollte ;)


    Aber egal. Meine Devise, auch wenn wir manchmal resignieren möchten:


    Wir machen weiter! Ich akzeptiere den Verlust des Schönen einfach nicht, sei es durch Bomben, sei es durch aggressive und böswillige Architeken - weil ich weiss, es ist wiederherstellbar. Schönheit ist kein Privileg vergangener Epochen, sie ist heute genau so möglich und wird es auch immer sein! Die Abschaffung der Schönheit ist von gewissen Kräften politisch gewollt, kann sich aber nur durchsetzen, wenn es von der 'Bevölkerung so toleriert wird. In Dresden wurde es nicht toleriert, und das ist gut so.


    Genau diese Haltung, das Nichtakzeptieren des Verlorenen - weil man wusste die Wiederherstellung ist technisch möglich - war es, die überhaupt erst zu dem geführt hat was wir heute bewundern können: Eine fast vollständig wiederaufgebaute Dresdner Altstadt! Ich finde, das ist ein unglaubliches Glück.


    Ja, die Stadt herum ist nachts dunkel, tagsüber leer und voller Beton und zu viel Vakuum, unurban und teilweise leer. Aber auch hier wird sich eine Menge tun. Und nicht alles ist schlecht, was heute gebaut wird.


    Gerade durch den Neumarkt, können Architekten auch lernen. Einige der Füllbauten sind zum Teil hervorragend.- Schaut Euch mal die Töpferstrasse an - und die meine ich noch nicht mal mit "hervorragend", denn die Prisco Bauten sind eher grenzwertig - aber die Strasse hat definitiv "Altstadtcharacter". Obwohl dort kein einziges erhaltenes Haus und keine einzige Reko steht! Und das sind, wie gesagt, noch nicht mal die besten Füllbauten, sondern eher mittelmäßige und zum Teil sogar schlechte. (Die Priscobauten in der Töpfergasse sind zu steril und kalt). Und dennoch wirkt die Strasse "alt", weil eben auch Blickbeziehungen eine Rolle spielen, von der Frauenkirche kommend gehört der Hausmannsturm des Schlosses optisch zur Situation in der Töpferstrasse dazu, auch dies hat eine Wirkung.


    Mir fällt jetzt kein Beispiel für die hervorrageanden Füllbauten ein, ich glaube Friesengasse ist recht gut, habe den Überblick verloren weil inzwischen so viel gebaut wurde. Diese Füllbauten sind schlicht, aber schön, und passen sich dem alten gut an. Dieser Baustil kann auch übertragen werden auf Grossstädtische Projekte wie z.b. Postplatz.
    Wenn man so will, stehen um den Altmarkt herum auch einige grössere "Füllbauten", sie sind keine Gründerzeit-paläste, aberr dennoch gut und machen Urbanität möglich.


    Dresden wird wieder eine urbane und wunderschöne Stadt werden - ich weiss, dass es so ist!


    Allerdings kann das so 50 - 100 Jahre dauern....das ist der einzige Haken. Mir egal, Hauptsache ich weiss, dass die von Mister Churchill und bösartigen Architekten gewaollte Hässlichkeit nicht das letzte Wort haben wird !


    The mills of god grind slowly.....but they grind.


    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende. ;):blumen:

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

    Edited 2 times, last by Petersburg ().

  • Quote from Petersburg

    Eine fast vollständig wiederaufgebaute Dresdner Altstadt! Ich finde, das ist ein unglaubliches Glück.

    So sehr ich deinen Optimismus ja schätze und deinem Beitrag in großen Teilen zustimme, aber: Nein. Einfach nein. Bei aller Freude über das Wiedergewonnene darf niemals der Verlust aus den Augen verloren werden.




    Und da wurde die innere Neustadt ja noch gar nicht mitbedacht.

  • Dieser Vergleich zeigt tatsächlich die gesamte Dramatik dieses immensen kulturellen Verlusts sehr drastisch. In der Altstadt sind effektiv leider nur ca 3 % der ehemaligen Gesamtfläche wieder zurück. Man kann nur hoffen, dass vom Neumarkt ausgehend zumindest zukünftige Generationen den Prozentsatz an urbaner Stadt erhöhen können. Es muss bzw kann nicht alles rekonstruiert werden, aber nach und nach wird man ja hoffentlich doch die Platten sukzessive durch Blockrandbebauung wieder ersetzen.


    Ein weiteres wahnsinniges Vergleichsbild wäre auch noch das Farbfoto eines ehemaligen Dresdners (das nun sein Enkel besitzt), der glaublich vom Hausmannsturm ein Foto über die noch intakte Dachlandschaft Dresdens von vor der Vernichtung machte. Leider ist dieses Foto (und auch andere Farbfotos von Dresden) privat und wenn er hier mitliest bzw ein Bekannter von ihm, der auch Mitglied hier im Forum ist, dann wäre das wirklich toll wenn man das hier einmal posten könnte! Ich habe es einmal vor Jahren gesehen und schwärme noch immer davon. Zumindest eine Veröffentlichung in einem Buch wäre hier sehr wünschenswert, damit auch der letzte Dodl im SPA versteht, dass noch ca. 97 % der Altstadt zu reurbanisieren sind!

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

    Edited 3 times, last by Exilwiener ().

  • Ich lasse mir die Freude über diese unglaubliche Leistung nicht trüben, auch nicht beim Anblick des "Horror Vacui" jenseits der schönen Gebiete. Ihr müsst nicht glauben, dass ich solche Luftaufnahmen nicht kenne.


    Ich kenne noch eine sehr viel schlimmere Luftaufname als deine, nämlich eine von ca. 1950 auf dem gar nichts zu sehen ist . Tatsächlich Gar nichts. Ausser einigen wuchtigen Steinbauten wie Polizeipräsidium oder Kunstakademie ist dort keine einzige Strasse und kein einziges Wohnhaus zu sehen. So etwas hatte ich noch nie gesehen, eine Luftaufnahme einer so gründlich abgeräumten Deutschen Stadt wie ich es vorher nicht kannte. Horror pur! Auf einem anderen Bild aus den 60ern ist die gesamte Prager Strasse abgeräumt. Nichts übrig! Nur Steppe und Bäumchen am Wegesrand. Das fast schon Unheimliche daran ist, dass die Leute, die dort vermutlich zur Arbeit oder ähnliches gehen so alltäglich wirken, dass Sie der Szenerie beinah eine Normalität verleihen. Würde man nicht wissen dass es die Prager Strasse ist, würde man es für eine nette Parkallee halten. Dabei ist es nicht "nett", sondern das Grauen der Ulbrichtschen Zerstörungswut. Kein einziges Haus steht dort.


    Du musst also nicht glauben, dass ich diesen Horror nicht oft genug sah. Niemand heulte im "alte Bilder Dresden"-Thread so herum wie ich. (erst vor wenigen Tagen wieder). Das öffentliche Trauern betrieb ich gerade hier im Forum so exzessiv, bis sich ob meiner Tränenarien und meiner "ich kann es nicht ertragen" -Lamenti sich schliesslich ein Dresdner zu Wort meldete, und mir ganz nüchtern klarmachte, dass es in Dresden selber so nicht gesehen und auch nicht so empfunden wird wie von mir.


    "Wir wachsen auf mit dem Wissen um die Zerstörung", so stellte er die Zerstörung als Teil der Geschichte und daher beinah als "Normalität" dar - und er machte mir klar, dass das Weinen, oder das innerlich Zerspringen-wollen wie bei mir, bei den jungen Leuten nicht die Regel und eher unüblich sei. (Ich war hier sicher noch um einiges dramatischer als Du, von daher muss mich niemand von Euch über den Schmerz des Verlorenen belehren. Den kenne ich selber mindestens so gut wie Du, wenn nicht schlimmer).


    Geht man aber durch den Schmerz hindurch, und läuft davor nicht weg - so wie ich davor nicht weglief - dann kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man entweder erkennt dass das Weinen und Klagen nichts ändert, oder, mir auch schon passiert: Ein Schmerz kann durchaus die Heilung bringen. (Es gibt hier sogar eine Analogie in Grimm's Märchen, die bekanntermaßen voller psychologischer Symbolik sind).


    Ich bin von meiner Dresdenliebe sicherlich nicht "geheilt", dafür bin ich noch immer zu interessiert :) Aber ich möchte es mal, entgegen meinen sonstigen sprachlichen Gepflogenheiten, etwas simpler ausdrücken:


    Ich habe einfach keinen "Bock" mehr auf die Heulerei. ENDE.
    Es ändert nichts, es bringt nichts.


    Anstatt über die Viertel östlich des Neumarkts zu weinen (definitiv die schlimmsten, gleich auf der anderen Strassenseite beim Pirnaischen Platz beginnt das Grauen der Zombie-Architektur), nutze ich die Zeit lieber um mir Gedanken zu machen, wie sie aufzubauen sind. (Schade dass diejenigen, deren Aufgabe dies eigentlich wäre - nämlich die Herren "Baukünstler" - dies nicht tun).


    PS - Bitte erinnern: Wir sind hier im thread "Postplatz". Ich bin dafür bekannt, dass niemand so übelst gegen pseudo-moderne Müll-Architektur schimpft wie ich. Aber da ich keine Lust habe, mein Leben nur schimpfend zu verbringen, leiste ich mir gelegentlich den Luxus, über die phantastische Auferstehung eines verloren geglaubten Barockviertels einfach simple , dafür tiefe und echte Freude zu empfinden.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

    Edited once, last by Petersburg ().

  • Ich nehme das mit dem „abhaken“ zurück, weil es zu verkürzt ausgedrückt ist. Ich habe einfach nur das Gefühl, dass man in Dresden außerhalb des wiederaufgebauten Zentrums genau das Gegenteil von städtebaulicher Reparatur betreibt, rings um den Neumarkt entsteht bislang nichts, was mich auf eine Revitalisierung und Urbanisierung der gesamten Innenstadt, und eben nicht nur des Altstadtkerns, hoffen lässt. Im Gegenteil, der Bruch zwischen diesen Arealen wird immer offensichtlicher. Solange sich nicht grundlegend etwas an den stadtplanerischen Konzepten ändert, fehlt mir der Glaube an das ganze Dresden, an eine Stadt die in der Fläche funktioniert. Ich fürchte, dazu wurde einfach zuviel an historischen Anknüpfungspunkten beseitigt. Elbkulisse und Neumarkt, und gleich dahinter der zeitgenössische Offenbarungseid. Ich empfinde das als unbefriedigend und bin skeptisch, ob sich in Dresden einmal wieder eine großstädtische Vitalität einstellt, wie sie sogar Städte wie Köln oder Stuttgart haben. Vielleicht ist dieser Punkt manchen auch gar nicht wichtig, das muss man natürlich auch respektieren. Für mich gehört es zum Stadterlebnis, die Urbanität, das dichte Straßennetz, der Verkehr, das geschäftige Treiben. Ich finde das in der Dresdner Innenstadt nicht mehr, bzw. noch nicht. In diesem Zusammenhang fiel das Wort „abhaken“. An die Kulturmetropole und ihre baulichen Schätze glaube ich natürlich dennoch.

  • Quote from exüüweana

    In der Altstadt sind effektiv leider nur ca 3 % der ehemaligen Gesamtfläche wieder zurück.

    3 % von was?
    Doch nicht von der Altstadt!
    von der Gesamtfläche des bebauten Stadtgebiets oder von der 45 zerstörten Fläche?
    Jedenfalls ist diese Verhältniszahl völlig unsinnig. Von der Altstadt sind immerhin an die 40% zurück, und das ist wahrlich nicht wenig.


    Quote from ders

    ca. 97 % der Altstadt zu reurbanisieren sind

    offenbar meinst du wirklich, was du schreibst...
    Ich empfehle dir ernstlich den Erwerb eines Stadtplans.


    Quote from stugert

    dass dieser Traditionsinsel die Lebensadern von außen fehlen.

    Dieses Argument ist indes ernster zu nehmen.
    Allerdings:
    strenggenommen war das über die Jahrhunderte nicht anders.
    Auch das mittelalterliche, ja selbst dem barocke Dresden stand recht isoliert da, zwar inmitten wohl schöner grüner Natur und keiner modernistischen Stadtwüste, was indes am Inseldasein nichts änderte.
    Was fehlt, sind die Gründerzeitquartiere ringsherum.
    Ohne diesen Verlust kleinreden zu wollen - für die Beurteilung des in der Altstadt Erreichten spielt das keine Rolle.
    Inwieweit sollen das die Lebensadern des Inneren sein? Ist es historisch nicht genau umgekehrt? Das Herz der Stadt als Lebensader des Ganzen?
    Sind in Wien Neubau, die Josefstadt, Alservorstadt etc (die übrigens weit mehr historische substanz aufweisen, als es in vergleichbaren DDer Vorstädten der Fall war) die "Lebensader" der Inneren Stadt? Die dortigen Bobos und Rotweinschlürfer, allesamt Linkswähler, kommen mir eher als Totengräber vor...
    Letztlich ist die Lebensader einer Stadt ihre Bevölkerung. Auf diese kommt es an, nicht auf deren Behausung. Und gerade da besteht für DD relativ viel Hoffnung.
    Ist das bloße Bestehen des NMs in heutiger Form nicht Beweis für die Lebensader? Er wurde in den Plattenbauquartieren ausgebrütet und geschaffen, von Dresdnern, die ihren Lebenswillen unter Beweis stellten.
    Diese Leute gibt es auch weiterhin, und sie sind immer noch selbstbestimmter und lebendiger als anderswo.
    Die FFer Altstadt war ein Betriebsunfall, der den Machthabern so ganz sicher nicht ein weiteres Mal passieren wird.
    In DD passierte der NM, weil er nicht zu verhindern war.
    Fazit: DD hat funktionierende Lebensadern wie keine andere Stadt.
    Und jetzt sogar wieder ein schönes Zentrum. Auch ohne Post- und Pirnaischer Platz.


    All das ganz abgesehen davon, dass es sehr wohl noch erhaltene Quartiere gibt, die es hier gar nicht aufzuzählen bedarf.
    Überhaupt nach Norden hin, über die tw intakte und sogar authentische Neustadt hinaus.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Ich bin sicher, du erhältst für diesen Beitrag mehr Zustimmung als ich. Nicht unbedingt weil es mehr der Wahrheit entspricht, sondern weil man es lieber hören will. In meinem Beitrag weiter oben habe ich die - für mich relevanten - Defizite beschrieben. Diese kann man nunmal nicht wegdiskutieren. Es kommt einzig darauf an welche Faktoren für einen selbst relevant sind, und wie man demnach Dresdens Perspektiven beurteilt.