München - Altstadt

  • Einige mag das Gebäude irritieren, aber mir gefällt das, und zwar gerade weil es weder eindeutig modern noch eindeutig historisch ist. Der Ansatz, nicht entweder oder, sondern traditionell und modern gleichzeitig zu sein, ist mir sympathisch. Ich würde sagen, muss man nicht so machen, aber kann man so machen.

  • Ist das Gebäude übrigens in seiner Substanz alt (dh gründerzeitlich)? Von den Proportionen her wirkt es so.

    Der Zugang von Maßwerk ist mE interessant. Man könnte ihn noch mehr verfeinern, zumal ja die Fassade als solche nicht zwingend modern wirkt. Auch die großen Auslagenfenster in der Beletage sind typisch für die Gründerzeit. Es ist also eine alte Ornamentik, die in alter Technik einer möglicherweise alten Fassade auferlegt wurde. Das Nichtzusammenpassen bzw der reizvolle Zwiespalt ergibt sich daher nicht aus Gründerzeit versus Moderne, sondern aus Renaissance versus modern entstellte Gründerzeit. Sgraffiti auf Gründerzeitlern sind eher selten bzw treten eher als "Zugabe" auf. Sgraffitotechnik war ja eher ein Arme-Leute-Stil der Renaissance, um aufwendigere Plastizität zu vermeiden. Und die Gründerzeit war alles andere als eine Arme-Leute-Zeit. Heute entspricht diese Technik wieder mehr dem Sparsamkeitsideal - sie ist billiger als eine "Restuckierung." Aber diese Idee ist dennoch originell und zudem technisch gut ausgeführt.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Es gab zum neuen FC-Bayern-Gebäude ja auch hier unterschiedliche Bewertungen in puncto Neubau vs. Historizität. Scheinbar wird es von ein paar verschiedenen Meinungsmachern da draußen nun als Reko "anerkannt", denn die üblichen Schlagworte "Disneyland" und "Rückwärtsgewandheit" sind gefallen! :wink: Der Boulvardpresse "tz" ist es jedenfalls einen Artikel wert ... Aber lest selbst: https://www.tz.de/muenchen/sta…eschmacklos-90206030.html

    „Sollt ich einmal fallen nieder, so erbauet mich doch wieder!“ (Inschrift am Schwarzhäupterhaus in Riga)


    Nach Baden-Baden habe ich ohnedies immer eine Art Sehnsucht.
    Johannes Brahms (1833-1897)

  • Es gab zum neuen FC-Bayern-Gebäude ja auch hier unterschiedliche Bewertungen in puncto Neubau vs. Historizität. Scheinbar wird es von ein paar verschiedenen Meinungsmachern da draußen nun als Reko "anerkannt", denn die üblichen Schlagworte "Disneyland" und "Rückwärtsgewandheit" sind gefallen! :wink: Der Boulvardpresse "tz" ist es jedenfalls einen Artikel wert ... Aber lest selbst: https://www.tz.de/muenchen/sta…eschmacklos-90206030.html

    „Ein Highlight der Geschmacklosigkeit“

    Das ist jedenfalls auch meine Meinung. Potthäßlich und jetzt trifft es auch noch über die Bande die kleine Schar der Befürworter von Rekonstruktionen.

  • Es mag vielleicht schade sein, wenn man mit viel Geld und handwerklicher Arbeit kein für alle ansprechendes Ergebnis erzielt hat. Aber es ist doch positiv hervorzuheben, dass ein Eigentümer deutlich mehr Geld in die Hand genommen hat, um eine repräsentative, aufwendigere Fassade zu gestalten. Genau mit diesem Anspruch sind doch die wunderbaren Altbauten entstanden, die wir heute als Schätze Unseres Stadtbildes zählen dürfen. Ich finde wer das als Großmannssucht kleinredet, der redet dem billig billig den Weg.

  • Majorhantines, Du hast da völlig recht. Das wird hier fast jeder unterschreiben. Und trotzdem habe ich einfach keine Lust, quasi in Nibelungentreue für das ´Hagen-von-Tronje-Haus´ in die Bresche zu springen. Ist jetzt so wie es ist, der Versuch war lobenswert - und nun Schwamm drüber und ab in die Deckung.

  • Der Grat zwischen Kitsch und gelungener Architektur ist bei klassischer Architektur sehr schmal. Als Architekt muss man, finde ich, ein Gefühl dafür entwickeln, welche Zierelemente und Materialien für einen Ort angemessen sind und welche nicht. Letzten Endes beurteilen wir ein gutes Gebäude nicht danach wie viel oder wie wenig Stuck dran ist, sondern nach seiner Kubatur, seinen Proportionen, wie es sich in seine Umgebung einfügt oder diese überragt und wie die Gesamtkomposition des Gebäudes gelungen ist. Wie Jacob schon richtig meinte, macht es wenig Sinn, jedes Gebäude zwingend als schön zu empfinden zu müssen, welches klassische Elemente aufweist. Der Vorgängerbau erschien mir da deutlich besser gelungen.

  • Da wäre aber dann schon meine Frage, warum ist Kitsch in jedem Fall vorzubeugen, aber eine gefühlskalte Fassade ist gerne mal drin? Wenn sich durch ein Gebäude der öffentliche Raum sich angenehmer anfühlt, und das erreicht wahrscheinlich eher eine etwas verkitschte Fassade, man denke z.B. an die ganzen Pastellfarben, dann hat man doch die meisten Ziele erreicht einer Fassadengestaltung. Der heutige Gestaltungsanspruch hat sich von der Wahrnehmung des Menschen entkoppelt, z.B. bei der Tragfähigkeit: Man reißt riesige Löcher, am besten sogar noch über die Gebäudeecke als Fensterfronten in Fassaden und stört damit auf mehrerer Ebene die menschliche Erwartung. Ich gehe noch weiter: Der Mensch lebt auch heute noch aus Prägungen der Natur. Nehmen Wir einen Baum her. Von Ferne ein sehr symmetrisches Gebilde im Umriss. Man erkennt dann beim näherkommen mehr Details, die eine sich wiederholende Struktur bilden. Kommt man noch näher, sieht man tausend Details, die nicht mehr genau gleich alle sind. Keine Sorge ich bin nicht total auf Abwegen, das ist nur ein Beispiel, in der Realität geht es da um Entwicklungsbiologie/Psychologie/Informationsverarbeitung, dass es wichtig ist achsensymmetrisch zu sein z.B.

    Gleiches passiert beim Gebäude, das sich gut einfügt: Aus der Ferne symmetrisch bzw. stimmig durch verbindende Elemente, die wie ein Thema sich erstrecken. Bei Nähe kann dann z.B. bei einer Barockfassade alles unterschiedlich abwechslungsreich sein, im Straßenbild wird das kaum auffallen. Es geht also gar nicht so sehr drum, welche Ornamentik man nimmt. Nur dass es überhaupt einen solchen abgestuften Detailisierungsgrad gibt zählt. Lässt man den weg, ist Unser Auge gelangweilt. Kennt es nicht aus der Natur.

  • Ich behaupte gar nicht, dass ein modernes Gebäude an dem Standort vorzuziehen wäre. Das Gebäude erreicht nur für mich nicht die Ansprüche, die ich persönlich habe.

  • Die Renovierung der Alten Akademie hat begonnen: seit einiger Zeit stehen Bauabsperrungen vor dem altehrwürdigen Renaissancebau in der Neuhauser Straße. Die Alte Akademie wurde von 1585 bis 1590 als Jesuitenkolleg erbaut und bildet zusammen mit der daneben liegenden Jesuitenkirche St. Michael ein imposantes Renaissance-Ensemble. Im 2. Weltkrieg wurde sie bis auf die Fassaden komplett zerstört (Fotos hier) und nach dem Krieg unter Beibehaltung der historischen Fassaden neu hinterbaut, d.h. außer den Fassaden an der Neuhauser Straße ist an der Alten Akademie heute alles eine Nachkriegsschöpfung. Der gesamte Gebäudekomplex wurde vor einigen Jahren von der Stadt München im Erbbaurecht auf 65 Jahre an die österreichische Immobiliengruppe Signa Holding, einem Unternehmen von René Benko, vergeben und wird von dieser nun "revitalisiert"... dies bedeutet, dass die Fassaden restauriert und in den dahinter befindlichen Räumlichkeiten Geschäfte, Büros und Wohnungen gestaltet werden. Weitere Infos auf der Website des Projekts: https://alteakademie.de

    Was mich nun überrascht hat, ist, dass die historischen Fassaden anscheinend in einem blassen Grünton gestrichen werden sollen: sowohl auf der Visualisierung an der Baustelle als auch an der Probeachse am rechten Rand zur Michaelskirche hin kann man diesen Farbton sehen. Ich finde das ziemlich gewöhnungsbedürftig; bisher waren die Fassaden in einem Ockerton gestrichen und die Fensterumrahmungen mit einem Braunton farblich abgesetzt (siehe Fotos). Bei der Probeachse sind die Fensterumrahmungen nicht mal weiß abgesetzt wie auf der Visualisierung, hoffen wir, dass wenigstens dies nicht so kommen wird.


    Hier die Visualisierung:



    Hier die Probeachse:



    Eine sympathische Fotomontage als Sinnbild für die Verbindung von alt und neu, von Renaissance und Moderne kann außerdem an der Baustelle bewundert werden:



    Es handelt sich bei der Gemäldevorlage um eine der zahlreichen Madonnendarstellungen von Raffael, nämlich die sogenannte kleine Cowper-Madonna, die so heißt, weil sie im 18. Jh von einem englischen Grafen Cowper erworben wurde und lange in dessen Familienbesitz war. Wer die hübsche junge Dame der Fotografie ist, weiß ich hingegen leider nicht ;-)


    Hier noch zwei Fotos vom bisherigen Zustand der Alten Akademie zusammen mit St. Michael:



    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Erfreulich ist, dass die schiache anschließende Fassade auch ein wenig abgemildert werden soll, wobei das natürlich nicht allzu weit geht, aber immerhin!


    Ergibt diese Collage im Ganzen nicht ein wenig die Wagenknecht?

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Erfreulich ist, dass die schiache anschließende Fassade auch ein wenig abgemildert werden soll, wobei das natürlich nicht allzu weit geht, aber immerhin!

    Ja, könnt sein, schauma mal...

    "In der Vergangenheit sind wir den andern Völkern weit voraus."

    Karl Kraus

  • Apropos St.Michael (mein Interesse ist natürlich namensbedingt), das Gebäude hat für mich nach dem neuen Anstrich vor ein paar Jahren leider etwas an Schönheit verloren. Geht es nur mir so? Ich fand die Fassade von St.Michael vor den Malerarbeiten deutlich schöner. Ich weiß nicht woran es liegt.


    Und ja, die hübsche junge Dame auf dem Bild ist sehr erfreulich. Sie scheint uns alle zu beschäftigen.


    Vielen Dank für die interessanten Information zum Gemälde Raffaels.