Neue Stadt rein im Gründerzeitstil - Was würdet ihr davon halten?

  • Mir geht schon lange ein Gedanke durch den Kopf. Was wäre wennn eine rein im Gründerzeitstil (für ca 11.111-12.500 Einw. zählende) Stadt errichtet würde. In der allen die die jetzige Architektur auf den Zeiger geht und die alte Architektur im Herzen liegt, und die Weltkriegs-Verluste schmerzlich vermissen, dort wohnen können. Mit typischen Zenrumsbauten, Wohnanlagen, und vorallem freistehenden Bauten (Villen und ähnliche Bauten).

  • Zuerst einmal würde ich dich fragen, was genau du unter "Gründerzeitstil" verstehst, da der Begriff recht ungenau ist.

  • Der Baustil aus der Zeit von 1880 bis 1905, alles was (möglichst) stilecht im Romanikstil Gotikstil, Renaissancestil und Barockstil errichtet wurde.

  • Wo ist das für dich Gründerzeit? Schau dir mal ein Bild von Leipziger Str 100 Halle/Saale oder vom ehem. Landtagsgebäude/Prannerstr in München (Kriegsverlust) an, das ist GRÜNDERZEITSTIL.

  • Nana, Zeno... die Intention wird schon klar, aber ich denk wir beide wissen, was jetzt mit "Gründerzeit" in diesem Falle gemeint ist ;)
    Ich denke, da gibt es grundsätzlich das Problem der "Retortenstadt". Jede aus dem Boden gestampfte Stadt bzw großes Quartier krankt erstmal an ihrer "Neuheit". Sie wirkt tot und künstlich. Erst im Laufe vieler Jahrzehnte entwickeln sich entweder temporär gefestigte Sozialstrukturen oder aber totale Problemfälle, abhängig von unzähligen Faktoren.
    Eine Stadt braucht erstens einen Grund zum Bestehen, der über den bloßen Selbstzweck hinausgeht (meist wirtschaftlich, ergo leider funktional) und zweitens Zeit zur Entwicklung. Zeit, für die das Leben eines einzelnen ambitionierten Stadtplaners, ja, nichtmals die Dauerhaftigkeit seiner Ideen, ausreicht. Somit wäre das Projekt "Neogründerzeit" in meinen Augen leider ein unrealistisches Gedankenexperiment. Aber ein schönes :)

    Form is Function.


    "Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet."

    Adolf Loos (Ja, genau der.)

  • Ich wuerde das Empfelen!


    Gruenderzeit Stil ist Historismus. National und International. Da gab es schon mal Marrokanische Kaffees neben Venezianisch Gotischen Bueros.


    Gruenderstil ist Romanik, Gotik, Reneconce, Barock, den nie Mainstream gegangenen Rococo 1750-1760 und natuerlich Klassizismus.


    Neu interpretiert wurden Biedermaier, spaeter Heimatstil genannt. Ausserdem dem Reformstil. Dann kaeme noch der Jugendstil.


    Der Gruenderstil heist Gruenderstil weil Historismus in den 50 zigern einen faden beigeschmack erhielt. Zur Zeit des Gruenderstils wurden Boersen, Firmen, Staaten, Zoos, Eisenbahnen, Schulen und so weiter gegruendet on mass. Daher der name Gruenderstil. Der Zeitrahmen war 1840 bis 1925. Schon um 1790 bis 1805 wurde mit Historismus angefangen, war aber nicht Mehrheitlich. Der durchbruch kam um 1840. Regionale Unterschiede natuerlich vorraussgesetzt. Der Klassizismus hielt nur sehr kurz von 1800 bis 1850 je nach Region. :zeitung:

  • Nana, Zeno... die Intention wird schon klar, aber ich denk wir beide wissen, was jetzt mit "Gründerzeit" in diesem Falle gemeint ist ;)
    Ich denke, da gibt es grundsätzlich das Problem der "Retortenstadt". Jede aus dem Boden gestampfte Stadt bzw großes Quartier krankt erstmal an ihrer "Neuheit". Sie wirkt tot und künstlich.

    - seh ich anders.


    Das Tote und Künstliche alles Neuen ist nicht gottgegeben, sondern die Folge von Architektur und Städtebau unserer Zeit. Würde man eine "Altstadt" neu bauen, und dabei stadtplanerisch auch die entsprechende Dichte, Kleinteiligkeit, architektonische Vielfalt, Unübersichtlichkeit betreffend Grundriss und Nutzungsmischung einer echten Altstadt zulassen - wäre also baulich kein Unterschied wahrnehmbar zu einer sehr gut gepflegten echten Altstadt, würde sich auch im Lebensgefühl kein Unterschied ergeben.


    Ansatzweise kann man dies find' ich schon spüren, wenn man durch die Seitenstraßen des Neumarktes geht - und dort sind nur wenige Meter eines solchen Erlebnisraumes verfügbar, und die Umsetzung ist wegen der modernen Elemente und der unzureichenden Nutzungsmischung nicht so gut, wie sie sein könnte, wenn es administrativ gewollt gewesen wäre.

  • Nein, das funktioniert nicht, denn GründerzeitFan will ja nur Gründerzeit zulassen und davon offenbar auch nicht die normalen Gebäude, sondern nur eine ganz bestimmte Art, die sie bisher noch nicht ausreichend konkretisiert hat. Dass die in meinen Augen normale Bauweise der Gründerzeit nicht als dieser Epoche zugehörig betrachtet wird, ist schwer verständlich.


    Und wenn man nun ein paar Gebäude dieser Art von Gründerzeit hinstellt, die GründerzeitFan vorschwebt, aber nicht allzu viele, denn sonst passen zu viele Leute rein (die Obergrenze war bei 12.500 Einwohnern), dann gibt das eine Ansiedlung, die, isoliert in der Landschaft stehend, sehr komisch ausschaut. Mitten in der Landschaft ein paar Großstadtklötze, das ist ja wirklich absurd.


    die entsprechende Dichte, Kleinteiligkeit, architektonische Vielfalt, Unübersichtlichkeit betreffend Grundriss und Nutzungsmischung einer echten Altstadt


    Aber genau das, den Charakter einer Altstadt, will GründerzeitFan nicht haben, denn sie bedient sich der Bauweise von Stadterweiterungebieten des 19. Jahrhunderts! Gründerzeitgebäude, wie GründerzeitFan sie will, passen nicht in kleinräumige Altstädte rein. Und wenn sie dennoch dort stehen, zerstören sie die kleinteilige Struktur: http://geo.hlipp.de/photos/04/71/047112_4ddea5b6.jpg.


    Aber was sollen diese absurden Tagträumereien? Statt irgendwas Kitschiges zu bauen gäbe es genug zu bewahren und zu sanieren.

  • Gründerzeit ist nicht gleich Gründerzeit. Wenn man einmal den Vergleich nimmt zwischen Leipzig, Dresden, Plauen, Görlitz und Frankfurt / O. etc. wird man dort recht schnell die kleinen regionaltypischen Unterschiede in der Gestaltung und auch den Schmuckformen feststellen. Viele dieser Gebäude sprechen einen eigenen Dialekt (Nu gugge...)..., was sicherlich auch mit länger gewachsenen Traditionen zu erklären ist. In Wiesbaden ist eine große Opulenz spürbar, währenddessen in Frankfurt und Mainz viele Bauten dieser Zeit schon deutlich schlichter gehalten sind. Auch dieses Handwerk, das einmal vom Streben nach höchster Qualität geprägt war und diese Traditionen scheinen heute weitgehend verloren zu sein.
    Wenn man heute über eine Ideal-Gründerzeit-Kleinstadt nachdenkt, stellt sich auch hier die Frage: In welchem Style sollen wir bauen?

  • In welchem Style sollen wir bauen?

    :biggrin:
    Nein, im Ernst: Weingeist hat ja recht. Regional gibt es wirklich Unterschiede selbst beim Historismus. Da stellt sich wiederum die Frage: Wo sollte diese Stadt entstehen?

  • Mitten in der Landschaft ein paar Großstadtklötze, das ist ja wirklich absurd.


    Müssen ja keine Großstadtklötze sein, bei mir in der Gegend zB gibt es ebenerdige und einstöckige Gründerzeithäuser, wenn man sich etwas der Stadt nähert sind sie dann schon zweistöckig (aber dennoch niedrig aufgrund der weniger hohen Decken). Bei uns ist die Gegend auch durch Acker geprägt, und es stört die Landschaft ganz und gar nicht. :)


    Aber ich denke auch, dass das schwer funktionieren wird, wenn es eine neue Stadt werden soll. Am Besten würde es bei einer schon bestehenden Stadt funktionieren. Einer modernen Stadt, die man, Stück für Stück, komplett abreißen kann und die am Besten auch gar keine Vorgeschichte oder keine nennenswerte hat. Dann einfach mit der Zeit die hässlichen Häuser durch schöne ersetzen, eine neue alte Kirche bauen lassen, ein neues altes Rathaus, usw.


    Und am Ende, siehe da: In der Stadt leben vermutlich mehr Leute als davor, und sie ist nun komplett im Gründerstil. :biggrin:

  • Nein, im Ernst: Weingeist hat ja recht. Regional gibt es wirklich Unterschiede selbst beim Historismus. Da stellt sich wiederum die Frage: Wo sollte diese Stadt entstehen?


    Oder man kreiert einen eigenen Historismus-Stil ggf. mit regionalen Anleihen.
    Früher hatte ja auch jeder (gute) Architekt seinen eigenen Stil, manchmal offensichtlich, manchmal nur an Kleinigkeiten erkennbar.


    Ähnliches ist mir auch in einem Projekt aufgefallen, daß hier mal vor Jahren auf diesem Forum gestartet wurde, und zurzeit leider im Dornröschen-Schlaf liegt
    "Idealstadt" hieß der Strang. Unter dem vielleicht etwas mißchen Strangtitel wurde von Forumsmitgliedern versucht, ja wie soll man es sagen, eine möglichst perfekte Stadt, eine Stadt wie wir sie uns erträumen, zu planen und mit Sketch-up zu visualiseren. Dabei ging es nicht nur im Gründerzeit, sondern wir haben uns mehr auf die Alstadt konzentriert.
    Aber man hat recht schnell gemerkt, daß jeder so seine eigenen Vorstellungen vom schönen Haus hat, jeder hatte seine eigene individuelle Handschrift; und es sind sehr viele wunderbare Ergebnisse bei heraus gekommen.

    "Schönheit wird die Welt retten" - Dostojewski

  • Jetzt melde ich mich auch mal wieder zu Wort. Es soll natürlich die gesamte notwendige Infrastruktur geben, nur alles halt im Gründerzeitstil und der ensprehend gestaltete Bauten des Klassizismus und Jugendstils/Neue Sachlichkeit/Heimatstil. Es soll schon einen dichten inneren Kern im Stil einer Altstadt (mit einem großen zentralen Platz mit den wichtigsten Bauten wie Rathaus, 2 Stadtkirchen ....) geben aus der die Ausfallstraßen mit Querverbindungen und Siedlungsstraßen langsam in immer lockerer Bebauung zum Stadtrand führen. Außerhalb dem Zentrum mit abwechselnder Bebauungsart. Da ich nicht aus Oberbayern wegziehen würde/möchte soll sie dort entstehen. Außerdem finde ich den Gründerzeitstil in Südbayern, Thüringen (ala Schloß Hummelshain zB), Östrreichs nordwestliche Grenzregionen, Sachsen und Raum Halle am schönsten (aus Hessen gefällt mir noch der Bürgersaalbau vom Frankfurter Römer und Schloß Ramholz/Großraum Fulda). Aus den kriegsbedingt-fehlenden und bestehenden Gebäuden würde eine entsprechend große Auswahl zusammmengestellt die nachgebaut wird.

  • Da ich ... möchte soll sie dort entstehen.


    Jetzt wird's langsam skurril. Hört sich ja gerade so an, als ob Du ernsthaft glauben würdest, dass so etwas denkbar ist. Und Du bist natürlich der Maßstab, nach dem sich alle richten müssen. Ja, manche kommen aus ihren infantilen Tagträumen wohl nie raus... Wenn ich bei Dir im Profil das Alter sehe, dann denke ich, dass man in diesem Alter schon etwas mehr Lebenserfahrung und Realitätssinn haben müsste.

  • Ich weiß selbst daß dies wohl ein (unerfüllter) Wunsch-/Lebenstraum bleiben wird, und was das "ich bin der Maßstab allem" gehört leider auch zum oben genannten. Nur halt falls Gott doch ein Einsehen haben soll und ich den Eurojackpot gewinnen (wenn er mal wieder über 65 Millionen liegt) würde ich mit dem Vorhaben loslegen, falls ich dafür genügend Unterstützer habe.

  • Zeno,


    Jetzt lass ihn doch bitte! Was waere die Welt ohne Tag- oder Nachtraeume?


    Guettler hatte auch seine und ein paar andere auch...Frauenkirche, Neumarkt, diverse Stadtschloesser usw. Vor 27 Jahren haettest Du ueber diese Leute sicher auch so gedacht wie jetzt ueber GF - Hand aufs Herz. Das war damals alles noch denkunmoeglich!


    Ich denke auch an Prinz Charles, der quasi am Reissbrett Poundbury aus dem Boden stampfte und ein totaler Erfolg wurde und der war schon etwas aelter damals. Lassen wir doch allen ihre Traeume und lassen wir sie wahr werden!

  • Ich muss da auch an Poundbury und Jakriborg denken, die ich zwar als nette Experimente empfinde, aber nicht als Vorbild für Städteneugründungen sehe. Eine gewachsene Stadt, wie es unsere Städte nunmal normalerweise sind, kann man nicht aus dem Boden stampfen, es wird immer irgendwie künstlich wirken. Von daher halte ich einen neuen Gründerzeitstil für angebrachter, um Wunden in bestehenden Städten zu heilen, Straßenzüge und Stadtbilder wiederherzustellen und diese schöner zu machen.

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Auch wenn ich mit dem Kapitel hier im Forum abgeschlossen habe, bei mir braeuchte keiner in beengten Wohnverhaeltnisse (66-75 qm wahren das Minimum) und den heute üblich niedrigen Raumhoehen leben.

  • Der Gedanke, heute Gründerzeitstädte völlig neu zu erbauen, mag ruhig durchgedacht werden, aber wenn man über den Sachverhalt einige Nächte schläft, werden sich mit der Zeit durch Überlegen und Abwägen einige neue weitere Denkanstöße geben, die dem bevorzugten Erstgedanken das Ergebnis liefern, daß an ihm dies und das noch weggeschliffen wurde und er somit an Karat verloren hat. Die bereits angesprochenen Originale in Leipzig und Dresden, Görlitz, Frankfurt / Oder und weitere wollen durchlaufen und mit allen Sinnen ausgekostet sein. Irgendwann kristallisiert sich dann ein Ergebnis heraus, in dem alle Erfahrungen eingeflossen sind und bei dem auch die Aufgabe bestanden haben sollte, aus dem gesehenen etwas zu lernen. Ein Gründerzeitler mit drei Vollgeschossen dürfte wohl von innen gesehen mehr Lebensfreude geben als eine Mietskaserne mit sechs bis sieben Etagen. Ein Parkplatz ist eine feine Sache. Eine Zufahrtsmöglichkeit zu einem Innenhof macht sich daher schon ganz gut. Aufgelockerte Bebauung ist im Vergleich zu meilenweit zugekleisterten Wohngebieten sicher etwas, wofür man sich eher begeistern kann. Was geht über einen eigenen kleinen Garten...
    Meine persönliche Tendenz entwickelt sich immer mehr zu den Gebäuden der 1910er/ 20er Jahre, da man dort vieles von dem genannten wiederfindet. Stichworte: aufgelockerte Bebauung, Parkmöglichkeiten, kleiner Garten, Leben nahe der Natur, Grün rundherum, sachliche Fassaden, handwerklich hervorragende Ausführung etc. etc.
    Meine persönliche Traumstadt ist daher keine Gründerzeitstadt, sondern eine Gartenstadt.