• Oje :kopfschuetteln: das ist traurig. Ich war noch nie in der Schweiz und dachte immer es wäre ein Land, das alles bewahrt.

    Ich hatte ja schon in Post #3 oben meine Eindrück geschildert.

    Aber es passt irgendwie zu meinem Bild des modernen Basel. Als ich dort mit der Straßenbahn quer durch die Stadt fuhr, war ich erschrocken. Ich dachte, ich würde in ein vom Krieg unversehrtes Stadtbild fahren, aber es sah exakt so aus wie in vielen westdeutschen Städten. Je weiter man sich vom engen Altstadtkern entfernte, umso "moderner" und monströser wurde diese Stadt.

    Es hat mich damals auch etwas schockiert. Ich dachte, ich fahre in die kriegsunversehrte Idylle, und dann kam ich in eine Stadt, die sich kaum von ihren westdeutschen Verwandten unterschied. Ohne Not. In Westdeutschland hätte man vielleicht gesagt: "Halbwegs gut durch Krieg und Wiederaufbau gekommen."

  • Vielleicht liegt es auch an der Nähe zu Deutschland. In der Nachkriegszeit war die "moderne" Architektur ja scheinbar total angesagt. Da wollte man in der Schweiz vielleicht auch ein so schickes und modernes Stadtbild haben. In den weiter entfernten Städten, wie Bern, Luzern, Lausanne,... sind die Stadtbilder, denke ich, noch deutlich intakt.

  • Zu Basel möchte ich gerne etwas beitragen. Von meinem Onkel, der ein "hohes Tier" bei der Polizei des Kantons Basel-Land war (verstorben 2015) habe ich einige Hintergrundinformationen zu den Abrissen von Gebäuden ja, mitunter von ganzen Straßenzügen in Basel. Dies gebe ich aus der Sichtweise meines Onkels wieder, der mit der Situation sehr vertraut war.


    Die Stadt Basel liegt eingepfercht zwischen Deutschland und Frankreich. Bauland gab es " z' Bassel" schon in den 50 er und 60 er Jahren so gut wie gar keines mehr. Die Stadt- bzw. Kantonalgrenze ist nach Deutschland und Frankreich hin auch zugleich die Landesgrenze. Basel hat nicht nur die vielen bedeutenden Banken, sondern auch eine große chemische Industrie. Diese expandierte ebenso wie auch die Banken, die immer mehr Raumbedarf hatten. Da kein Bauland da war, ging es in die Höhe. Die ständig steigende Einwohnerzahl bedeutete zusätzlichen Bedarf an Wohnraum. Deshalb wurden so viele an sich wertvolle Gebäude abgerissen, auch aus Gotik, Renaissance und Barock . Man machte auch vor den Villen des städtischen Patriaziats aus der Mitte bis zum Ende des 19. Jh. nicht halt. Diese Villen wurden abgerissen und in die Parks Hochhäuser geklotzt. 1967, im Alter von 14 Jahren war ich erstmals in Basel. Damals waren die Abrisse in vollem Gange. Mein Onkel zeigte mir, was "denn alles weg kommt". Wobei mein Onkel mehr für die Moderne eingestellt war, während ich die Abbrüche sehr bedauerte. Der Onkel zeigte mir auch ein Beispiel, dass auch die reichen Familien nicht verschon würden. Es könne nicht hingenommen werden, dass die Patrizierfamilien so viel Platz für sich in Anspruch nähmen, der andersweitig für zusätzlichen Wohnraum dringend gebraucht würde. In dem Park sah ich außer den Hochäusern aber noch ein sehr prachtvolles Haus und dachte, da hätte man eine Villa stehen lassen. Mein Onkel lachte nur und stellte klar, dass dies nur das Gärtnerhaus sei, das stehen bleiben durfte. Im Vergleich zur Villa, die mehr einem großen Schloss geglichen habe, sei das Gärtnerhaus nur eine Hundshütte . Dann musste in Basel auch noch eine Schneiße für die Autobahn durch die Stadt geschlagen werden, ebenso eine städtische Schnellstraße, beides in der Nähe der Wohnung meines Onkels. Für den Flughafen war in Basel auch kein Platz vorhanden. DerFlughafen wurde dann schließlich in Frankreich bei Mülhausen errichtet. Er trägt den Namen Basel-Mülhausen / Bale/Mulhouse wurde aber nach Angaben meines Onkels, wenn ich mich recht erinnere, von Basel-Stadt alleine finanziert und unterhalten.


    Die Grundstückspreise im Kanton Basel-Stadt sind exorbitant teuer, übrigens im Kanton Basel-Land kaum minder, so dass viele gut verdienende Basler nach Deutschland oder nach Frankreich, dort in den nahen Sundgau ausweichen. So hat z. B. eine Neffe meines Onkels ein Haus in Ferette/Pfirt im Sundgau erbaut. Das Grundstück wäre in Basel weder zu haben, noch zu bezahlen gewesen.


    Es ist freilich mehr als bitter, dass eine einst sehr schöne Stadt, die ja keine Kriegsschäden erlitten hat, so sehr viele Verluste hinnehmen musste. Der verbliebene Rest der Altstadt um Marktplatz, Spalenberg und Münster ist immer noch sehr schön und steht , wie man mir versicherte unter strengem "Heimatschutz". Dort wohnt aber fast niemand mehr, weil dort der Wohnraum unbezahlbar ist. Die Häuser dienen Anwälten etc. als Kanzleinen und Büros.

  • Die festen Grenzen des Stadtkantons sind ein Grund. Ein anderer ist eine maßlose Selbstüberschätzung. Man riss vieles ab, als die Stadt im Wachstum begriffen war und glaubte, man würde Metropole. Mittlerweile kann man aber seit Jahren eine massive Abwanderung beobachten, vor allem aufgrund des Steuerwettbewerbs mit Basel-Land, als auch aufgrund einer rechtsbürgerlichen Politik im Nachbarkanton, die den Mittelstand anzieht. Dennoch lassen sich Abrisse wie die des Theaters oder der alten Post nicht darauf zurückführen. Die Fläche des alten Theaters ist seither unbebaut mit einem Brunnen von Tinguely (der trotz des lukrativen Auftrags gegen einen Abriss war). Man glaubte, dass man mit einem Betonbunker eine Theaterstadt von Weltrang würde. Die alte Post hätte sich wunderbar in einen Neubau integrieren lassen. Die rostende neue Post wird nun wiederum abgerissen und neu bebaut. Vieles hätte sich durch angepasste Aufbauten regeln lassen, zumindest in einer Stadt, die auch nur einen Funken Selbstliebe empfindet.


    Die Vergrößerung der Mustermesse durch die Stümper von Herzog/DeMeuron (die hier unverständlicherweise Narrenfreiheit genießen) erwies sich ebenfalls als kommerzieller Flop. Der Fischmarkt wurde ebenfalls zu großen Teilen zerstört. Die Aeschenvorstadt ist eine Wüste, deren teuren Abriss man durch den Denkmalschutz (tolle 50er und 70er Jahre Architektur) verhindert. Die Straße wurde dort verbreitert- ohne dass es den geringsten städtebaulichen Sinn machte, da der Bürgersteig nun breiter ist als die Straße selbst. Städtebaulich hat man einfach an allen Ecken und Enden gepfuscht.


    Die gründerzeitliche Adler-Apotheke, die ich postete, hätte alle weiteren Unternehmungen, die folgten, problemlos übernehmen können. Und es gibt hunderte ähnlicher Fälle. Das Geburtshaus Arnold Böcklins wurde abgerissen um einer „Migros“ Platz zu machen. Immerhin konnte das Zaha Hadid-Ungetüm per Volksabstimmung verhindert werden (Begründung der Basler, die sich für ihre „Rückständigkeit“ schämten: der Bau sei „unheimlich gut“, aber „zu groß“ für den Platz. Selten tritt drückender Konformismus selbstbewusster und „weltoffener“ auf, als in dieser Stadt...)


    Bern zeigt, wie es geht: die gesamte Innenstadt ist erhalten. Man staunt, wie die Berner es schafften in diese kleinen Häuschen ganze Malls hineinzupferchen. In Basel herrschen seit mindestens den 50er Jahren Ideologen. Erst waren es hornbebrillte Fortschrittsgläubige, heute sind es rot-grüne Internationalisten, die im „internationalen Stil“ (vornehmlich von ihren Hausarchitekten Herzog/DeMeuron) ihre architektonische Entsprechung finden. Mit der Stadt Burckhardts und Nietzsches oder der bürgerlichen Vernunft, die diese Stadt einst auszeichnete, hat dieser Ort nichts mehr zu tun- auch wenn es mit „Kulturstadt Basel“ wirbt. Ein ernüchternder Moment war, als einer der renommiertesten Kunsthistoriker der Stadt mir einst sagte, das Kunstmuseum „müsse abgerissen werden“, weil es ein „Nazi-Bau“ sei. Und der unterrichtet die kommende kulturelle „Elite“ dieser Stadt.


    Nein, diese Stadt hatte zahlreiche Chancen. Und hat so viele verpasst, dass sie die neuen gar nicht mehr wahrnehmen kann...

  • Ach schade, ich hatte früher immer den Traum, eine Nietzsche-Bildungsreise zu unternehmen. (Mittlerweile hat es sich überholt, aber in Teilen habe ich es geschafft) Das alte Basel erschloss ich mir durch seine Briefwechsel. Die Stadt hatte bei seiner Ankunft nur 30 000 Einwohner. Die wunderschönen Fotos, Stahlstiche und Lithografien sah ich mir gerne dazu an. Aber wenn selbst Heimdall (der weitaus toleranter beurteilt als ich) schreibt, dass er erschrocken war, dann muss wirklich etwas schief gelaufen sein.

  • Es gibt nicht einmal ein Nietzsche-Museum.. Vor einigen Jahren wurde ein bestehender Brunnen ‚feierlich‘ in „Nietzsche-Brunnen“ umgetauft, that’s it. Ein Nietzsche-Platz ist seit langer Zeit in Planung, aber die Regierung gab vor einigen Jahren an, dass alle weiteren Plätze Frauennamen erhalten werden, weswegen der Plan auf Eis liegt.


    Ja, ist wirklich einiges schief gelaufen... Es gibt an zwei, drei Plätzen noch eine weitestgehend geschlossene Altstadt, aber (fast) überall mit „Brüchen“ versehen. Das Kunstmuseum lohnt sich natürlich auch, sowohl architektonisch als auch von der sehr guten Sammlung her, vor allem was das 19. Jahrhundert und die klassische Moderne betrifft.