Bremen - Schwachhausen - Parkallee + Nebenstraßen

  • Parkallee 119

    Das ehemalige Stallgebäude in der Franziusstraße ist noch übrig geblieben von der großen Villenanlage an der Parkallee. links: Eingang zur Kutscherwohnung mit Treppe nach oben (Franziusstraße 1a), Mitte: Doppeltor für die Kutschen, rechts: Zugang zu den Pferden.



    Edwin Redslob schrieb in der Zeitschrift: Dekorative Kunst vom März 1912über das Gebäude Parkallee 119:


    „Das Schrödersche Haus liegt an der Parkallee mit zwei Fronten an Straßen gelegen. Vor dem Haus liegt das Stallgebäude in der Nebenstraße. Deshalb war es erlaubt, die Seitenansicht etwas weniger reich zu bilden. In diesem Haus haben die Architekten die richtige Form der Fassade gefunden: Hier ist der Dachfirst durchgezogen, die Parterre-Erker haben Dächer, der Mittelbau fehlt ganz. Bei der Seitenansicht stört vielleicht eine kleine Dissonanz: Der Eingangsbogen ruht auf einem Pfeiler, rechts auf einer Konsole. Das Auge verlangt in solchem Falle zum mindesten einen kleinen Pfeilervorsprung, der sich im übrigens auch nachträglich noch leicht anbringen ließe.
    Die Schönheit des Schröderschen Besitzes besteht aber vor allem in der fein verstandenem Gruppieren seiner Baulichkeiten und der daraus gewonnenen Gartenanlage.
    Um das Haus liegen nämlich noch drei kleine Gebäude: Die Stallung, das Kinderspielhaus und das Gartenhaus. Dementsprechend haben die Architekten - vom Vorgarten abgesehen - drei Gartenteile gebildet: Zunächst in engster architektonischer Verbindung mit dem Hause eine Anlage vor der seitlichen Terrasse, die durch Springbrunnen und Gartenhaus ihre Motive erhält; dann liegt zwischen Stallung und Rückseite eine trennende Rasenfläche, während an der Ecke, versteckt für die Straßenansicht und eingebettet zwischen den Bäumen der Nachbargrundstücke, ein intim gestalteter Garten entsteht, der den Spielplatz und die Kinderlaube enthält.“


    Der Bauherr und erste Eigentümer des Hauses Parkallee 119 mit den Nebengebäuden war der Bankier Johann Friedrich Schröder der J. F. Schröder Bank in Bremen. Diese Bank ging 1931 in Konkurs, wurde vom Staat saniert und unter dem Namen Norddeutsche Kreditbank übernommen. Im dem ehemaligem Bankgebäude an der Obernstraße ist heute unter anderem das Textilgeschäft Peek & Cloppenburg


    Mit Schreiben vom 10. Mai 1960 bittet die Handwerker Baugesellschaft m.b.H. beim Bauaufsichtsamt um eine Abbruchgenehmigung: „Das Haus, zur Zeit nur noch gewerblich genutzt, muss abgebrochen werden, da am gleichen Platz der Neubau eines Wohnhauses mit 13 Eigentumswohnungen errichtet werden soll. Die Baugenehmigung hierfür liegt vor.“



    Haus Schröder, Straßenansicht und Stallgebäude, erbaut 1910/11,Architekten Hans und Heinrich Lassen, B.D.A., Bremen.Das Haupthaus ist Parkallee 119, das Stallgebäude ist Franziusstraße 1


    Unten: Das Haus Parkallee 119 heute



    Unten: Parkallee 119 rechts aus einer anderen Blickrichtung. Im Hintergrund links Parkallee 123, hier bereits eingestellt. Bildquelle der historischen Fotos: SchwachhausenArchiv.



    William Faulkner:"Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen"

  • Ecke Wachmannstraße/Lürmannstraße.


    Die Parkallee wird durch den Stern, einen Kreisel, auf den 6 Straßen zulaufen, unterbrochen. Eine dieser Straßen ist die Wachmannstraße, die ich heir als Nebenstraße der Parkallee werte. Kurz nach dem Stern folgt die Ecke Wachmannstraße/Lürmannstraße. In dieser Gegend, der Bürgerpark ist ganz nah, stehen viele große Stadtvillen aus der Jugenstilzeit, wie auch an der bezeichnteten Ecke.


    1943 Beim 121. Luftangriff auf Bremen am 16.12.1943 schlägt eine Sprengbombe auf die Straße auf und
    zerstört die Hausecke von Nr.19. In den folgenden Jahren werden die Beschädigungen beseitigt und das Haus wieder bewohnbar gemacht..



    Im Foto unten, am 11.07.1970 im Weser-Kurier erschienen, sind von rechts gesehen die Häuser: Nr. 15 (heute noch vorhanden), Nr.17 (wurde abgerissen) und Nr.19 (wurde abgerissen). Der Abriss erfolgte im Jahre 1972.



    Wachmannstraße 19
    1960er bis1971 Ende der 1960er verkommt das Haus und bietet Nichtsesshaften Wohnung.
    Der Weser-Kurier beschreibt das Haus in den Jahren 1969-1970 als:
    Spritvilla, Spritdomizil, Pennervilla, Stadtstreicher-Asyl,
    1972 wird das Haus Nr. 19 abgerissen. Ebenso Haus Nr. 17, das allerdings nicht so heruntergekommen war. Es hatte eine ähnliche Fassade wie Nr. 15.
    1973 Nachdem die Baulücke zur Lürmann-straße auch bebaut werden darf, wird einNeubau mit 12 Wohnungen errichtet.


    Wachmannstraße/Ecke Lürmannstraße heute:



    Bildmaterial: SchwachhausenArchiv

    William Faulkner:"Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen"

  • Immer wieder zu bewundern was die Leute damals wieder aufgebaut haben, wehre sowas heute mit einer Blindgänger Sprengbombe passiert die im nachhinein explodiert wehre (Gott behüte soll nur ein bsp. sein). Würde das Haus wohl wegen statischer mängel oder so abgerissen worden.Hut ab :anbeten:

  • Nachtrag zur Wachmannstraße 19



    Vorweg: Für das schlechte Foto muss ich mich entschuldigen, ich habe aber kein besseres. Es wirkt, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Aber es ist kein Kriegsfoto, sondern es stammt aus dem Weser-Kurier vom 16.03.1971. Die Abrissarbeiten haben begonnen. Was verwundert, ist der darunterliegende Text aus dem Weser-Kurier. Der Abriss wird offensichtlich begrüßt und zeigt uns einmal mehr die Geisteshaltung der verantwortlichen Redakteure aber auch, dass sich die Mittel, der sich der Bauunternehmer bedient hat, Erfolg hatten. Was waren das für Mittel? Die Methode scheint immer die gleiche zu sein. Man lässt entweder Fenster und Türen offen, Kinder und Obdachlose dringen in das Haus ein, nach und nach wird es verwüstet und zwar so sehr, dass der Abriss als Befreiung empfunden wird. Wir haben diese Methode ja schon bei den verschiedenen Gebäuden am Osterdeich kennengelernt. Oder aber, man quartiert schwierige Bewohner in das Haus ein, es gibt Konflikte mit der Nachbarschaft, das Haus verkommt immer mehr bis zum Abriss. Die Zielsetzung ist immer gleich: Mehr Fläche durch Abriss generieren.






    Das Foto unten zeigt noch mal, wie rücksichtlos sich dieser moderne Riegel in das Altbaugebiet ohne jegliche Bindung zur vorhandenen Architektur einschiebt. Ein Fremdkörper, Moderne eben. Es zählt nur die Funktionalität, sprich Wohnraum auf Teufel komm raus. Wobei hier erwähnt werden muss, dass der Bauunternehmer nicht Wohnraum schaffen wollte, sondern Eigentumswohnungen, die er verkaufen kann. Danach war er bestimmt Millionär.


  • Parkallee 5





    Bildquelle: SchwachhausenArchiv


    Erbaut 1907/08 an der damaligen Franz-Schütte-Straße 50. Der Abriss erfolgte 2002, vorher gab es eine Hausbesetzung. Es gehörte für mich zu den spannensten Gebäuden in Bremen, wirkte wie eine kleine verwunschene Burg, auch ein wenig unheimlich - ich konnte mir jedenfalls gut vorstellen, dass in der Dunkelheit oben vom dreieckigen Balkon eine Hexe mit ihrem Besen bis ins Ostertor fliegt - jedenfalls zur Walpurgisnacht.
    Aber warum wurde dieses unverwechselbare Gebäude denn abgerissen? Seht selbst:


  • Selbstähnlichkeit


    Der erste Neubau dieser Art fand in der Holleralle statt:


    Dann folgte der nächste Bau an der hinteren Parkallee:


    Einige Meter weiter - fast daneben - Richtung Universität dann dieses Gebäude, noch nicht ganz fertig, aber die Baumaßnahmen sind größtenteils abgeschlossen:



    Mit Werbung, durch ein gutes Framing unterstützt, kann man glatt 100 Euro pro qm2 mehr rausholen: Villa MARIE THERESE - ja, ja, französisch................als Wiener Melange.



    Nur zum Vergleich noch ein auch erst vor einigen Jahren entstandenes Gebäude an der Schwachhauser Heerstraße. Auch wenn es anders aussieht, ist es doch das gleiche Strickmuster:



    Es scheint irgendwo in Deutschland ein Archiv zu geben, da können sich dann alle Architekten bedienen. Bischen rumfummeln, kleine Veränderungen. Das nennt sich dann ökonomisches Entwerfen.

  • Jeder Platz wird jetzt in der Parkallee - dieser einst als Prachtallee angelegten Straße - genutzt. Hier ein moderner Riegelbau - mal eben so reingeschoben. Es wird immer enger und die ursprüngliche Planung ad absurdum geführt.


  • Bin gerade heute durch die Parkallee gefahren und dachte, da müsste man mal Fotos machen! Ja, dieser Vulgärneoklassizismus verbreitet sich gerade massiv in Schwachhausen. Man nehme die übliche uninspirierte WDVS-Kiste und füge ein wenig Plastikgesimse und Fake-Fensterläden an - et voilà! So wird jetzt ganz Schwachhausen zugekleistert, auch Herr Italiano hat ja ähnliches vor auf dem Grundstück des gerade abgerissenen Medienhauses.

  • In Nr. 50 beklagte ich vor einiger Zeit schon den Abriss der Jugendstilvilla an der Parkallee 251. Hier noch mal zur Erinnerung das bereits eingestellte Bild:



    Diese weiße Villa mit Turm hat in Bezug auf mein Engagement für das Stadtbild eine Geschichte. In den 1990er-Jahren war ich Mitglied bei der Initiative "Bremer Stadtbild". Ich übernahm damals den Auftrag, nachzufragen, ob die Villa zum Verkauf bzw. Abriss vorgesehen sei. Ich klingelte eines Tages, die Tür öffnete sich und eine ca. 80 - 90jährige Frau stand vor mir und schaute mich fragend an. Ich erklärte ihr, wer ich bin und worum es mir ging und sie antwortete mir etwas verwundert, dass die Villa nicht abgerissen werden soll. Diese frohe Botschaft konnte ich dann bei meinen Mitstreitern verkünden. Hätten wir uns noch an einschlägige Stellen wie Baubehörde oder Politik gewandt, man hätte uns bestimmt mit einer Mischung aus Kopfschütteln und Lachen eine gewisse Paranoika bescheinigt, da wir gleich immer vom Schlimmsten ausgehen würden.


    Jetzt, im nachhinein, wundere ich mich über unsere prophetischen Fähigkeiten, wundere mich, wie sensibel und mit welch großem Feingefühl wir alle eine Realität ahnten, die jetzterst mit einer Zeitverschiebung von etwa 25 Jahren eingetreten ist. Schon damals bestand bei uns Einigkeit: Dieses Grundstück, diese Villa, ist kontaminiert und steht irgendwann im Fokus von Spekulanten und Immoblienmaklern. Wie recht wir damit hatten.


    Jetzt ist das erste Bild für den Neubau an einer Tafel zu sehen:


  • Wie hier schon mal beschrieben, wurde die Parkallee einst als Prachtallee angelegt. Nach einigen Kriegszerstörungen hätte man diese Prachtstraße unter Ensembleschutz stellen müssen. Das hatte die damalige Denkmalpflege aus verschiedenen Gründen aber verpasst. Und so wurde das Gesamtkunstwerk Parkallee im Laufe der Jahre Stück für Stück dezimiert, Architekten und Immobilienmakler verdienten sich eine goldene Nase. 1990 war auch noch der Wedemeier-Senat mit dem Verkauf und Abbruch des Gästehauses des Senats in diese Abrissorgie verwickelt. Dieses Jahr "feiern" wir den 30-Jährigen Geburtstag eines der großen politischen Skandale der Vergangenheit (natürlich im immer schon korruptionsanfälligen Baubereich). Da nun schon so viele Gebäude verlustig gegangen sind, ist auch eine Unterschutzstellung nach der Erhaltungssatzung nicht mehr möglich, und so wird die ehemals noble Adresse Parkallee mit den Neubauten der Moderne "stilvoll" und auf Masse getrimmt überschrieben. Bau- und Kunsthistorisch gingen und gehen damit die Zeugnisse großbürgerlichen Wohnens, vor allem aber deren überzeugende Ästhetik, verloren. Das ist nicht nur ein Schaden für den Stadtteil Schwachhausen, sondern für den gesamten Bremer Stadtstaat, denn die Parkallee war ja auch ein Merkmal bremischer Identität. Mit dem Abbruch der Jugenstilvilla Parkallee/Ecke Busestraße hat diese einstige Prachtstaße ein weiteres Zeugnis seiner einst großartigen Vergangenheit verloren. Dafür kommt "Sterilität und aseptische Ordentlichkeit", wie es Wolf Jobst Siedler einst so treffend ausgedrückt hatte. Der Neubau ist ohne Rücksicht auf Maßstab und Charakter der früheren historischen Bebauung gestaltet worden. Die Architekten planen immer im grandiosen Selbst-Bewusstsein, dass sie künstlerische Solitäre herstellen. Wie wär´s mal mit einem Bewusstseinswandel: Die Geschichte der Straße erkunden, sich mit ihrem Baustil - Historismus und Jugendstil - befassen, das Ganze auf sich wirken lassen und in Anlehnung an die Baugeschichte ein Gebäude entwerfen, das auch 15 Eigentumswohnungen abwirft. Stattdessen nun sowas. Architekten - ihr könnt es einfach nicht mehr. Man sollte euch abschaffen.


    Interessierte können noch unter FSB-Architekten googlen und sich deren Überseestadt-Ästhetik ansehen. Ich empfehle eine besonders dunkele Sonnenbrille und ein gerüttelt Maß an Masochismus. Sadisten dagegen, die den Investor und die Architekten quälen wollen, empfehle ich: Lasst euren Trieben freien Lauf.

  • Letztlich ist die Parkallee nur mehr das typische Bremer Sammelsurium aus Nachkriegsschrott und üblen Neubauten. Nichts an ihr ist edel oder prachtvoll. Im Prinzip kann die ganze Straße weg.

  • Leute, Leute, ein wenig Contenance!


    Mir sagt dieses als "Villa" kaschierte Sammelsurium an immer gleich geschnittenen Eigentumswohnungen auch nicht wirklich zu. Und das "Parkside"? Wirkt schon auf der Visualisierung grässlich. Das sieht wohl selbst der Architekt so, sonst hätte er Elemente des Renderings nicht so wirr verrückt und koloriert, um die Banalität des Baukörpers nicht bereits in der Planungsphase zu offenbaren.


    Nun aber davon zu sprechen, dass man gleich die ganze Parkallee einebnen sollte, schießt dann doch ein bisschen übers Ziel hinaus (oder funktioniert mein Ironiedetektor nicht, Heinzer?). Man kann das Glas als halb voll oder halb leer betrachten - oder man schmeisst es - typisch bremisch - gleich ganz an die Wand. :)


    Ich erfreue mich jedenfalls noch heute an vielen einzelnen Kunstwerken der Allee, darunter die Villa Dunkel, die Villa Hunckel, die Villa Ahlers (mit der ich allerdings schreckliche Erinnerungen verbinde, sodass hier tatsächlich der Bagger rollen darf /spass) oder die Villa Korff. Daneben gibt es noch das eine oder andere Bauwerk, das in der Denkmaldatenbank leider nicht verzeichnet ist (die Waldbühne etwa zähle ich auch zur Parkallee). Google Streetview hilft hier nicht weiter, da die Aufnahmen vom Sommer sind und zuviel Blattwerk die Sicht behindert (was auch eher FÜR die Straße spricht). Im Übrigen lebt die Straße auch von den Sichtachsen in die typischen Altbremerhausstraßen (Benquestraße, Franziusstraße, Bulthauptstraße, Otto-Gildemeisterstraße etc.), die ich in meiner Top 100 der Altbremerhausensembles ganz weit oben verorte.


    Meine Nummer 1 der Neorenaissance im Bürgerparkviertel eins steht übrigens direkt am Stern (das ehemalige ArbG) und heißt merkwürdigerweise auch Villa Korff (Bauherrn hatten anscheinend den gleichen Nachnamen).

    Und letztlich reden wir ja nur von dem Teil der Parkalle nördlich des Sterns, richtig? Denn weiter südlich findet sich meiner bescheidenen Ansicht nach noch so einiges Prachtobjekt, etwa die Villa Sowerbutts aus der Zeit der Jahrhundertwende (die mich ästhetisch genau so sehr anspricht wie das Eckhaus Osterdeich / Wernigeroderstraße) oder das Hauptgebäude der Oberschule Am Barkhof (Nr. 39), das an die Weserrenaissance erinnert.


    Mir liegt es fern, die Entwicklungen auch nur in irgendeiner Form schön zu reden, dennoch kann man der Parkallee nicht absprechen, dass sie immer noch einige wunderbare Bauwerke aufweist. Ich glaube allerdings, dass vielen gar nicht bewusst ist, welche Gewalt man der Straße in der Vergangenheit angetan hat, und dass diese noch nicht einmal Folge des Kriegs waren. Ich bin das beste Beispiel, erinnere ich mich doch noch daran, ganz ungläubig die Ausführungen von findorffer zum Abriss des Gästehauses des Senats verfolgt zu haben - ungläubig, nicht weil ich dachte, dass findorffer übertreibt oder dergleichen, sondern weil die gesamte Entwicklung kaum zu greifen war - mit dem involvierten Kreditinstitut bin ich jedenfalls durch. Ich war wirklich fassungslos und emotional und ich glaube, dass man hier ansetzen kann. Man kommt heute im Gespräch mit anderen Leuten sehr leicht und zwanglos auf das Thema Architektur, einfach weil eine gewisse Unzufriedenheit schwelt. Wir sollten hier mehr "Aufklärungsarbeit" leisten und versuchen, die Dinge in unsere Richtung zu steuern. Ich stelle mir zum Beispiel einen Blog des Vereins vor, in dem wir auf gewisse Themen aufmerksam machen, etwa auf das 30-jährige "Jubiläum" des Abrisses des Gästehauses, und dies dann breit in den asozialen Medien streuen etc. Genauso könnte man auch den Abriss des Medienhauses thematisieren etc. Aber das ist jetzt alles sehr stream-of-consciousness.

  • Vielleicht liegt die Wahrheit ja irgendwo dazwischen, MAK. Deine Ausführungen empfinde ich als etwas zu positiv, Heinzers dagegen - rational - übertrieben, emotional aber verständlich und in gewisser Weiser sogar nachweisbar.


    Die Parkallee besteht ja eigentlich aus zwei Teilen: Im Bereich zwischen Concordia-Tunnel und Stern sind bis heute etwa ein Drittel der ursprünglichen Gebäude nicht mehr vorhanden. Der Bereich Stern - Richtung Universität hat nach meiner Einschätzung inzwischen ungefähr zwei Drittel des ursprünglichen Bestandes verloren. Diese Tendenz spricht eher dafür, dass der jetzige Status quo so nicht haltbar ist - es sei denn, die Denkmalpflege stellt noch weitere Gebäude unter Schutz.


    Um mir diese vielen Abrisse zu erklären, habe ich inzwischen schon auf die Brocken-Windows-Theorie zurückgegriffen:

    Nur kurz: Ist in einer Straße ein Fenster kaputt gegangen, kann das dazu führen, dass es zu weiteren Zerstörungen kommt. Ein kaputtes Fenster hat in bestimmten Stadtteilen einen hohen Aufforderungscharakter, auf die am Boden liegenden Scheiben mal die Zigarettenschachtel, dann eine Flasche zu werfen. So folgt nach und nach immer mehr Müll und im Laufe der Jahre kann so eine Straße "umkippen", immer mehr kriminelle Elemente machen sich breit, die Bewohner verlassen die Gegend.


    Und in der Tat: Hat mal die Immobilienbranche ihr Augenmerk auf ein Gebiet geworfen, entsteht Goldfieber. Wer bekommt dort ein Grundstück und hat dann zeitlebens ausgesorgt? Schöne Häuser, Tradition, Bau-Geschichtsbewusstsein? Doch nicht im Immobilienbereich.

    Besonders im zweiten Teil der Parkallee befinden sich große Grundstücke, das meiste unbebaut, da Gärten. Daraus kann man - in der Lage - 1. Lage - viele Wohnungen machen. Und so hat sich die Parkallee zu dem entwickelt, was sie heute ist. Tendenz noch nicht beendet, der Prozess der Abrisse noch nicht abgeschossen - so meine Einschätzung. Und deshalb sollten wir ein alarmistisches Grundgefühl haben - auch wenn wir vollkommen machtlos sind und sowieso daran nichts ändern können.


    Worauf ich bei meinem Beitrag zum 30. Jubiläum (Nr. 73) des Abrisses des Gästehauses des Senats (am 30. März 2020) noch hinweisen wollte: Am Anfang dieses Strangs ist dieser Politskandal ganz gut durch diverse Zeitungsartikel dokumentiert, sie geben die Stimmung damals wieder. Am stärksten positionierten sich die Grünen gegen den Abriss durch Senatsbeschluss. Heute stellt diese Partei selbst den Bausenator/in, mir ist nicht bekannt, dass ein grünes Mitglied aus der Führungsebene, geschweige aus dem Bausenat, gegen den Abriss des Medienhauses öffentlich Widerspruch eingelegt hat. So ändern sich die Zeiten.

  • Wie man an meinen Posts bemerkt, schwanke ich hin und her zwischen einer "realistischen", ausgeglichenen Position, die das Positive sucht (und gelegentlich auch findet) und Bremen immer noch für eine sehr sehenswerte Stadt hält und einer deutlich negativeren, bisweilen destruktiven Seite. Mich übermannt mich eine Art Wut, wenn ich sehe, was alles durch die Nachkriegszeit zerstört wurde. Die gesamte Parkallee ist hier -neben dem Thema Altstadt und der Verkehrsplanung im Ostertor- sicherlich eines der schlimmsten Beispiele. Gerade in dem Bereich zwischen Eisenbahntunnel und Stern gab es so gut wie keine Schäden, die Straße hätte das Zeug zu einer der urbansten und großzügigsten der Stadt - und doch sind überall grundlos diese fürchterlichen 70er Kästen an die Ecken geknallt worden, tlw. nach Abriss halber Reihen von Bremer Häusern.


    Und dann denke durchaus manchmal auch, dass diese Stadt es nicht besser verdient hat. Mit einem (relativ und immer auf die exponierte Lage bezogen) vergleichsweise großen Glück durch den Krieg gekommen, und dann nach dem Krieg doch noch zum Essen oder Pforzheim geworden. In solchen Momenten ist es mir dann eben egal, reißt ab, was Ihr wollt, macht die Stadt endgültig kaputt, ich bin nichtmal Bremer, mich hält hier nichts, nicht einmal das gute Wetter.


    Naja, so ähnlich. Und dann geht mir auf, dass Architektur dann doch nicht alles ist und es weiterhin eine einmalige Schönheit gibt in der Stadt, und das alles wirkt wieder etwas übertrieben. So bin ich eben.

  • Die Werbung für den Bauplatz Parkallee/Ecke Busestraße scheint mir widersprüchlich zu sein.


    Einmal wirbt das Architekturbüro in Englisch mit PARKSIDE. Das soll irgendwie international klingen, an die weite Welt erinnern und damit cool/angesagt. New York eben - Central Park!


    Zum anderen aber vermittelt uns der Begriff auch Heimat - so nah, so direkt an diesem riesigen und schönen Park, also einen Ort, an dem man sich wohlfühlt und den es quasi nur hier gibt - er ist einmalig und unverwechselbar.


    "Weltoffen und überall heimisch" vs. "den einen, besonderen Platz an diesem, einmaligen, Park"? Diesen Spagat begreift man nur, wenn man sich das Scharnier vergegenwärtigt, das beide Begriffe in ihrer Widersprüchlichkeit zusammenhält: das Verkaufsinteresse des Investors zwecks Profitmaximierung. Aus der Sicht des Verkäufers passen beide Begriffe sehr wohl zusammen: "Internationalität" und "Heimatgefühl" steigern Kaufinteresse so wie Balkone das Bedürfnis nach Sonne, obwohl diese im vorliegenden Fall doch u. a. nach Osten (und auch Norden) ausgerichtet sind.


    Der Abriss der Jugendstilvilla und dieses noch zu erstellende Gebäude sind nun einer der letzten Bausteine, die die weiter oben bemühte Broken-Window-Theorie stützen. Es begann mit einigen Kriegszerstörungen vorne, Nähe Stern (das kaputte Fenster, dessen Scherben am Boden liegen). Es folgte die erste Zigarettenschachtel, achtlos auf den Boden geworfen sowie Bierflaschen (Die Denkmalpflege in der Nachkriegszeit kümmerte sich wenig um den Erhalt dieser Gebäude, sie interessierte sich für die großen Erzählungen der Architekturgeschichte wie Gotik oder Weser-Renaissance) Weiterer Müll kam dazu (die ersten Abbrüche in den 60er-Jahren), das ganze Gebiet drohte umzukippen (weitere Abbrüche) und in der Kriminalität zu versinken (Profitgierige Immobilienmakler und Architekten hatten nun dieses Gebiet entdeckt und ihre Kontakte zur korruptionsanfälligen Bau-Verwaltung und -Wirtschaft weiter gepflegt, um zu noch mehr Abbrüchen mit anschießender Neubebauung zu kommen ). Und so ist der in den 50er-Jahren eingeschlagene Weg inzwischen fast am Ende angekommen.


    Auch für Bremen gilt, was "Der Spiegel" mal schrieb: Noch nie in der Geschichte hatten Architekten so viel Geld verdient wie in der deutschen Nachkriegswirklichkeit.


    Ich betone: Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig!