Narva in alten Ansichten - eine baltische Tragödie

  • Als ich bei Bildindex ein bisschen alte Fotos anschaute, entdeckte ich mehrere alte Ansichten des historischen Narva. Wahrscheinlich ist nicht jedem die Stadt Narva ein Begriff. Narva ist Estlands östlichste Stadt am gleichnamigen Fluss und blickt auf eine lange Geschichte bis in die Ordenszeit zurück. Der Fluss trennt die Stadt vom russischen Ivangorod und markierte früher symbolisch die Grenze zwischen der germanisch-protestantischen und slawisch-orthodoxen Welt. Mit dem Zweiten Weltkrieg kam nicht nur das Ende des historischen Stadtbildes -Narva wurde zu 97% zerstört- sondern auch das Ende der deutsch-schwedischen Bevölkerung, welche die Stadt seit der Hansezeit entscheidend geprägt haben. Anstelle von Deutschen und Schweden besteht die Stadtbevölkerung heute zu 95% aus Russen. Der Wiederaufbau des kriegszerstörten Narva erfolgte ähnlich deprimierend wie in Königsberg und verwandelte die Stadt in ein Plattenbaumeer (http://photos1.blogger.com/blogger/857/671/1600/06.jpg). Die heutige architektonische Belanglosigkeit verdeckt aber die historische Bedeutung Narvas:


    Quote

    Durch die günstige Lage am Fluss Narva und die Küstennähe war das Gebiet der heutigen Stadt schon im frühen Mittelalter ein beliebter Handelsplatz. Schon um 1171 wurde eine Siedlung in der Nowgoroder Chronik erwähnt. Das Gebiet Nordestlands war zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Besitz des dänischen Königreiches. Um 1276 wurde der Grundstein zum Bau der Hermannsfeste gelegt. Ziel war es die westlichen Gebiete vor dem Einfluss Nowgorods zu schützen. Nur 70 Jahre später, im Jahr 1346, verkauften die Dänen die Gebiete von Nordestland an die Ordensritter. Sie veranlassten den Bau einer neuen, befestigten Stadt, nördlich der Festung. Leider war Narva nie ein Mitglied des Hansebundes. Der Antrag Narvas wurde durch Einspruch der Stadt Tallinn (deutsch Reval) verwehrt. So hat die Blütezeit der Hanse die Stadt Narva nicht in dem Maße erreicht, wie die Städte Riga und Reval. Jedoch mit der Schließung des östlichen Hansekontors Peterhof in Nowgorod durch Zar Ivan III. war der Handelsplatz Narva wieder von Bedeutung für die Hanse. Das Narva eine aufstrebende Handelsstadt an der Grenze zwischen Ost und West wurde lag an der starken Befestigung durch die Herrmannsfeste. Im Zeitabschnitt von 1558 bis 1581 gehörte das Gebiet um Narva zum russischen Zarenreich. Im nachfolgenden Russisch- Schwedischen Krieg (1590-1595) war die Grenzregion stark umkämpft und die Festungen Hermannsfeste in Narva und die Festung in Iwangorod standen im Mittelpunkt des Krieges. Letztlich waren die Russen unterlegen und haben im Waffenstillstand von Teusina große Zugeständnisse an die Schweden machen müssen. Die Schweden regierten dann Estland über hundert Jahre. Erst im Jahr 1704 eroberten die Truppen von Zar Peter dem Großem Teile des Baltikums und gliederten die Gebiete an Russland an.


    http://www.reise-ziele-online.…ten-%E2%80%93-narva.phtml


    Zeit also, das traurige und vergessene Schicksal Narvas 70 Jahre nach Kriegsende wieder ins Bewusstsein zur rücken.



    Blick von der russischen Seite auf Narva mit der Johanniskirche als Dominante. Erbaut 1636-1648, diente sie als Hauptpfarrkirche der deutschen Gemeinde zu Narva.



    Blick aus der Ferne auf Narva. Die gesamte Altstadt war von einem Festungsgürtel umgeben, der von sechs Bastionen verstärkt war. Der Bau der Anlagen begann 1681 und war noch vor Beginn des Nordischen Krieges zu Ende. Der Turm ganz rechts ist bis heute ein Narvaer Wahrzeichen, der "Lange Herrmann".





    Zahlreiche stattliche Bürgerhäuser prägten das Bild der Narvaer Altstadt.

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.



  • Deutsche Spuren gab es an vielen Häusern.



    Blick vom Turm der Johanniskirche.



    Charakteristisch auch die vielen Erker im vorwiegend barocken Stadtbild.


    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.




  • Kanzel in der Johanniskirche.



    Deutsche Spuren überall.


    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.




  • Die Ähnlichkeit zum Revaler Rathaus ist unübersehbar.




    Die Inschrift unterhalb des Gemäldes lautet: "Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt."




    Zum Abschluss noch einmal der Blick auf das Narvaer Dächergewirr.


    Quelle: Bildindex.de


    Das wars aus dem alten Narva. Nachfolgend noch ein siebenminütiger Film mit weiteren alten Ansichten sowie Impressionen vom zerstörten Narva.



    Und eine Fotodatenbank mit weiteren Ansichten.


    http://old.narva.ee/index.php?…=user&action=view&id=pank

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

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  • Das letzte Bild sind solche Beispiele, die mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurücklassen...das Treppengeländer hat die Zeitläufte überstanden, die Häuser am Platz nicht.

    „Groß ist die Erinnerung, die Orten innewohnt“ - Cicero

  • Neues aus Narva. Der Plan, einen Teil der Altstadt zu rekonstruieren, wurde vom Gemeinderat auf den Weg gebracht. Etwa 10 % der Altstadt sollen wieder aufgebaut werden. Das gesamte Projekt wird derzeit auf nur rund 16 Millionen Euro geschätzt (in der Realität wahrscheinlich mindestens verdoppelt) und wird fast vollständig durch private Spenden finanziert. Wann es in die Wege geleitet wird, ist schwer zu sagen. Das Projekt wird jedoch sowohl von ethnischen Esten als auch von Russen unterstützt, die in der Stadt leben. Hoffentlich werden die Modernisten die Bemühungen nicht behindern.


    https://www.err.ee/1608454751/…ali-ajaloolist-taastamist

  • Wunderbar! Für diese grossartige, geschichtsträchtige aber so geschundene Stadt ein Segen. Das wird der ganzen Region einen grossen Schub geben. :applaus:

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Wunderbar! Für diese grossartige, geschichtsträchtige aber so geschundene Stadt ein Segen. Das wird der ganzen Region einen grossen Schub geben. :applaus:

    Ich möchte betonen, dass die Wiederaufbaubemühungen in Deutschland zur Inspiration für viele andere Wiederaufbaubemühungen in Europa und darüber hinaus geworden sind, und selbst wenn sie nicht so abgeschlossen waren, würden wir uns alle wünschen, dass sie es sind. Diese Wiederaufbauprojekte: in Dresden, in Frankfurt, in Potsdam und in Lübeck - sie sind der Präzedenzfall, das Beispiel, das den Streit gewinnt. Andere schauen und können sagen - sehen Sie, es ist möglich, wir können das auch. Und ich sage, es wird nach Deutschland zurückkehren, als Echo, das mit jeder Reflexion stärker wird. Nun könnten diese neuen Wiederaufbauprojekte in Zukunft Vorbild und Inspiration für andere Wiederaufbauten in Deutschland sein.

  • Dazu kommt noch noch das Schloss in Berlin und Karstadt am Hermann Platz !!

    Vielleicht je noch ein Reko einer der damals weltberühmten Wertheim oder Tietz Warenhäuser in Berlin.

  • Snork

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