Vom Stellenwert der Architektur

  • Nachricht von "stadtbild-deutschland.org"

    Dass das Architektonische in Deutschland seit 70 Jahren als quantité négligeable, als eine zu vernachlässigende Größe im zivilisatorischen Prozess gehandelt wird, ist hinreichend bekannt. Dass es aber niemanden kümmert und dass selbst die Standesvertretung der Architekten darüber hinwegdöst, wenn sogar die deutsche Regierung uns immer aufs Neue eine solche Einschätzung unter die Nase reibt, das […]

  • Ein fehlendes Interesse der Architekten unseres Landes an diesem Thema ist definitiv nicht vorhanden! Als Beispiel dafür kann man folgende angeregte Diskussion im Forum des Deutschen Architektenblattes heranziehen:
    http://dabonline.de/2013/06/01…mmungslos-konrad-fischer/
    Dieses Thema begegnet uns täglich in unserem Berufsalltag und wir müssen uns schlicht und einfach damit auseinandersetzen! Vielversprechende Ansätze, um im meist sehr eng bemessenen Kostenbudget die leidigen WDVS- Fassaden zu vermeiden, werden von allen Architekten (da bin ich mir sicher!) aufmerksam verfolgt.
    Zu behaupten, die Architekten würden leidenschaftslos die Bestands- und Neubauten zudämmen, ist ganz einfach unwahr. Das ist wirklich die letzte Fassade die Architekten wählen würden (zumindest gilt das für mich). Leider sind diese Systeme wirklich konkurrenzlos billig, wenn man lediglich die Investitionskosten betrachtet.
    Hier mache ich mir große Hoffnungen auf die auch bei den Entscheidungsträgern immer wichtiger werdende Thematik der Nachhaltigkeit. Was da als scheinbar neues Thema immer relevanter wird, ist eigentlich ein ganz Altes: ein Gebäude auch über seine gesamte Existenzdauer zu betrachten und zu erkennen, was länger hält - substanziell und auch ideell.

  • Dass "Architekten leidenschaftslos Bestands- und Neubauten zudämmen", habe ich auch nicht behauptet. Ohnehin ist der Einsatz von WDVS bei Neubauten wieder ein spezielles Thema, das in diesem Artikel nicht berührt wird. Aber auffällig ist doch, was für eine Durchsetzungsmacht in unserem Lande die Dämmstoffindustrie an den Tag legt, während auf der Gegenseite die für Baukultur zuständigen Architektenverbände sich in schweigendem Einverständnis üben, mag auch hier und da in Fachblättern hitzig diskutiert werden. Mir ist kein einziger Zeitungsartikel begegnet, in dem von der Architektenschaft im Namen der Baukultur gegen die Verdämmungsbarbarei Stellung bezogen wird. Sollte es doch einen gegeben haben, bitte ich um Entschuldigung, aber es gibt doch keinen Zweifel, dass der ästhetische, der architektonische Aspekt so gut wie niemals thematisiert wird.

  • Mir ist kein einziger Zeitungsartikel begegnet, in dem von der Architektenschaft im Namen der Baukultur gegen die Verdämmungsbarbarei Stellung bezogen wird.


    Es mag zwar nicht sooo häufig sein, aber das gibt es durchaus und auch mit der gebotenen Klarheit und Abwägung:


    Quote from Pressesprecher der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen

    Nicht übersehen werden sollte auch die Frage der Architekturqualität eines Gebäudes und seiner Wirkung: Eine ausdrucks-starke Fassade sollte im Zuge einer energetischen Sanierung nicht einfach aufgegeben (und überklebt) werden; auch hier kennt der Fachmann bzw. die Fachfrau geeignete Alternativen.

    Wie sinnvoll ist dämmen?


    Quote from Bundesgeschäftsführer der Deutschen Architektenkammer

    Hässlichkeit ist auch keine Lösung. Wenn niemand mehr in einem Gebäude wohnen oder arbeiten will, weil es so hässlich ist, bringt das dem Klimaschutz auch nichts.

    Stoppt den Dämmwahn


    "Dämmungslos, hemmungslos" - Beitrag des Dämmkritikers Konrad Fischer im Deutschen Architektenblatt


    Es sind wohl eher die aktuell noch mal gesteigerten finanziellen Fehlanreize der Bundespolitik (steuerliche Förderung + Mieterhöhungsprivilegierung), die zur billigsten Variante führen, als dass die Architekten auf die Maßnahmen drängen würden.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Das ist aber nicht das, was ich meine. Die angeführten Zitate bestätigen ja gerade, dass in den zahlreichen dämmkritischen Artikeln durchaus auch mal ein Satz über die durch Dämmung beeinträchtigte Architekturqualität eines Gebäudes oder eine verkaufshemmende "Hässlichkeit" vorkommt, während die entscheidende Argumentation stets auf die zweifellos vorhandenen harten Fakten verweist. Was ich vermisse, ist eine Öffentlichkeitsarbeit der Architektenschaft, welche die großflächige Preisgabe von Baukultur, den leichthin in Kauf genommenen ungeheuren Kulturverlust im Erscheinungsbild unserer Städte und Dörfer anprangert und diesen auch mit der diesbezüglichen Praxis in anderen Ländern vergleicht. Wenn Sprecher der Architektenschaft dazu nicht mehr zu sagen haben als das, was in den genannten Zitaten anklingt, dann haben sie die Tragweite dieser Entwicklung nicht erkannt, dann vermag die Architektenschaft nichts Wesentliches zur Lösung des Problems beizutragen, sondern ist selbst Teil des Problems.

  • Philoikódomos
    Du stellst Dir die "Architektenschaft" offenbar zu sehr als homogene, geschlossene Gruppe vor, wie dies beispielsweise Parteien oder auch Vereine sind. Wir sind nur ein Berufsstand, deren Vertretungen, d.h. die Bundes- und die Landesarchitektenkammern, mit Mühe und Not an ein paar Stellschrauben drehen können.
    Im Grunde sind wir eine (übrigens leider viel zu große) Anzahl Einzelkämpfer, die nur wenig im Sinne der von Dir eingeforderten Einflussnahmen bewerkstelligen können.
    Im Übrigen ist es ja nun leider so, dass in der breiten Bevölkerung auf die Meinung von uns Architekten nicht gerade allzu viel gegeben wird (und das bis zu einem bestimmten Punkt sicher nicht völlig von uns unverschuldet).