Lübeck - Allgemeines

  • Einleitung


    Wo soll man anfangen? Ich habe mich bisher kaum bis wenig mit Lübeck beschäftigt und kam somit relativ „unbeleckt“ in diese Stadt. Natürlich hat man als kunstgeschichtlich Interessierter die Bilder der Palmsonntagsnacht 1942 im Kopf und man weiß, dass neben bedeutsamer profaner Bebauung vor allem mit der Marienkirche ein Gebäude vom Rang des Kölner Domes zumindest in der Ausstattung weitgehend verloren ist. Wenn man zudem noch gerade aus dem perfekt erhaltenen Lüneburg anreist, ist die Erwartungshaltung natürlich hoch, umso mehr war ich erstaunt, wie sehr diese dann noch übertroffen wurde, anstatt, wie erwartet, enttäuscht zu werden.


    Schon nach einem Straßenzug weiß man, ja, das war die Hauptstadt der Hanse. Und ja, das war eine reiche Großstadt des Mittelalters in Deutschland, wie es sie wohl kein zweites Mal mehr gibt. Denn selbst in Handwerkerstraßen übertreffen die Gebäudehöhen schon die der Hauptstraßen einer auch nicht kleinen Stadt wie Lüneburg. Und die Dominanten der Kirchtürme über vielen dieser Straßenzüge führen für mich zu den großartigsten Veduten einer deutschen Stadt, die ich überhaupt jemals zu Gesicht bekommen habe. Das Niveau bewegt sich hier auf dem von Gent oder Brügge mit ihren stadtbildbestimmenden Belforten.


    Natürlich kann man nun entgegnen: ja, aber, die nahezu vollständig verlorenen Straßenzüge v.a. der Alf- oder Fischstraße mit ihren etwas größeren und prächtigeren Gebäuden und dem Westwerk der Marienkirche im Hintergrund waren noch viel großartiger, doch irgendwie fiel und fällt es mir anbetrachts der Tatsache, dass immer noch 70 Prozent – gefühlt mehr – dieser grandiosen Stadt vorhanden sind, schwer, sich dauerhaft zu grämen.


    Und auch wenn mich jetzt mancher einer steinigen mag, viele Bauten und sogar Straßenzüge aus der direkten Nachkriegszeit finde ich persönlich gar nicht mal so übel, beispielsweise den östlichen Abschnitt der Mengstraße ab Schüsselbuden, den anschließende Teil der Breiten Straße oder auch die Nordseite der Holstenstraße. Durchgängige Verwendung von rotem Backstein, ordentliche Dächer und vernünftige Fensterformate fallen nicht nur positiv auf, sondern zeigen auch, wie leicht altstadtgerechte Architektur hier eigentlich ist. Geschmacklosigkeiten haben nach meinem Empfinden wie so oft erst die Wirtschaftswunderjahre (1960er ff.) verbrochen, zu nennen wäre v.a. das Kaufhaus an der Holstenstraße, die gnadenlos in die weitgehend erhaltenen Züge der Großen Peters- und der Marlesgrube hinein gerammten Parkhäuser sowie eine jüngere Neubauten, die im Folgenden an der passenden Stelle angesprochen werden.


    Beim 1942 zerstörten „Kaufmanns-“, manchmal auch, da Keimzelle der Stadt, als „Gründerviertel“ bezeichneten Gebiet zwischen Mengstraße, Schüsselbuden, Holstenstraße und Trave ist das Glas in meinen Augen noch immer halbvoll. Hier steht einfach furchtbar ödes oder gar nichts, aber was dort gebaut wurde, wurde offenbar nicht besonders tief gegründet, wie jetzt laufende Ausgrabungen zeigen, ist ähnlich wie in Dresden vor 20 Jahren im Boden noch viel vorhanden. Sehr von Vorteil ist auch, dass dort das alte Straßennetz mit größtenteils altem Pflaster überdauert hat.


    Anmerkungen & Technisches


    Soviel meine Eindrücke, falls überhaupt jemand bis hierhin gelesen hat. Die nachfolgende Bilderschau, die an einem für die Jahreszeit vom Wetter her nahezu perfekten 5. September 2010 entstand, soll diese nun etwas untermauern. Sie erhebt wie immer keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit. Dafür ist die Stadt auch viel zu weitläufig und die Zahl alleine der denkmalgeschützten Häuser viel zu groß – offiziell deutlich über 1.000, zusammen mit denen, von denen nur noch die Fassade vorhanden oder aus anderen Gründen (noch) kein Denkmalschutz existiert, dürfte eine reelle Zahl zwischen 1.500 bis 2000 liegen. Vor 1942 waren es sicher deutlich über 2.500. Leider ruht die Arbeit an einer Denkmaltopografie für die Stadt schon seit längerem aus Personalmangel.


    Die Kommentare habe ich daher nach bestem Wissen und Gewissen mit Google Maps, Bing Maps, Wikipedia und diversen Kunstführern recherchiert. Eine große Hilfe war mir vor allem das Buch „Weltkulturerbe Lübeck. Denkmalgeschützte Häuser.“ von Klaus J. Groth aus dem Jahr 1999, das eine Art stichwortartige Denkmaltopografie auf Basis der damaligen 200 Aktenordner (!) des Landesamtes für Denkmalpflege zu Lübeck darstellt und bereits vor 11 Jahren über 1.000 Objekte umfasste. Bei einigen Gelegenheiten habe ich auf historische Vergleichsbilder vor 1942 von Bildindex.de oder Wikipedia verlinkt.


    Die Fotos entstanden wie so oft mit der Canon EOS 1Ds Mark II und dem Canon EF 24-70mm 2.8 L USM. Dem sehr Aufmerksamen fällt vielleicht auf, dass ich bei ein paar Bildern die topografische Zusammengehörigkeit über die reale Chronologie gestellt habe. Bei den Abendaufnahmen half neben dem Stativ Manfrotto 055 PROB mit dem Drei-Wege-Kopf Manfrotto 329RC4 vor allem APH-Forumsmitglied Weingeist als Kameraassistent. Dafür sei ihm neben der generellen Hilfe als Ortskundiger an dieser Stelle nochmals herzlich gedankt. Das gute Wetter erlaubte, die nun folgenden Bilder zwischen 10,6 und 13,5 Megapixeln und somit größtenteils nahezu in der nativen Auflösung der Kamera auszuarbeiten.


    Übersichtskarte


    Anbei eine aus Satellitenbildern (Quelle: Google Maps) zusammengestückelte Übersichtskarte:



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    Grün hinterlegt grob die kriegsversehrten Gebiete (nach eigener Einschätzung / Ermessen), in blauen Pfeilen die von mir eingeschlagene Route, die verdeutlicht, dass dies trotz der sehr zahlreichen Bilder noch lange nicht alles war, was man in Lübeck sehen kann.


    Fotos & Kommentar


    Wir nähern uns der Stadt von Norden, vor uns befindet sich das Burgtor, eines von noch zwei erhaltenen der ursprünglich vier mittelalterlichen Stadttore. Die Brücke, auf der wir stehen, ist jedoch keinesfalls ein historischer Übergang. Ursprünglich war das Land, das heute Brücke ist, der einzige trockene Zugang zum einem Werder, also einer Halbinsel, auf der sich heute die Altstadt befindet. Östlich floss, vereinfacht dargestellt, die Wakenitz, westlich die Trave. Bereits im Mittelalter machte man sich diese als Kanäle zunutze, um z.B. Salz aus Lüneburg hierher zu verschiffen, wovon noch heute die alten Salzspeicher am Holstentor zeugen.


    Doch erst der Bau des Elbe-Lübeck-Kanal 1896–1900 machte Lübeck zur Stadt auf einer Insel. Die Landzuge vor dem Burgtor wurde durchstoßen und durch diese Brücke ersetzt, die Wakenitz durch den sogenannten Falkendamm im Osten „ausgesperrt“. Die Trave trennt sich seitdem südlich der Stadt in den westlichen Altarm, auch „Stadttrave“ genannt, und eine östlichen „Kanaltrave“ im ehemaligen Wakenitzbett, um sich an unserer Stelle wieder zu vereinigen.



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    Treten wir durch das Burgtor, so bekommen wir nach Süden einen ersten Eindruck der Großen Burgstraße.



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    Der Blick zurück führt uns noch einmal zum Burgtor. Ein Reisender des Mittelalters hatte eine ähnliche Ansicht, zumindest ab 1444, damals ersetzte nämlich Stadtbaumeister Nicolas Peck einen romanischen Vorgängerbau mit diesem spätgotischen Schmuckstück. Allerdings ist das jetzt zu sehende Tor nur der innerste von einst drei hintereinander gelagerten Bauten, der noch erhalten ist. Auch war ursprünglich nur die Durchfahrt unter dem Turm vorhanden, die anderen drei kamen erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts hinzu, um dem zunehmenden Verkehr Rechnung zu tragen.


    Die rechts zu sehende Nr. 7 im Kern aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die neoklassizistische Fassade von 1919.



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    An das Burgtor schließt auf der Westseite der Großen Burgstraße der ehemalige Marstall an (Nr. 2), der sich auf ältestem Lübecker Boden befindet. Der außerhalb gelegene, von Slawen im 8. Jahrhundert gegründete und namensgebende Ort Liubice („die Liebliche“) ist nämlich nicht die Keimzelle der Stadt. Die Burg Bucu auf der heutigen Altstadtinsel, im Bereich des hinter der Großen Burgstraße gelegenen, aber bis auf das Gebiet des Marstalls reichenden Burgklosters, muss vielmehr als diese angesehen werden. Auch sie entstand wahrscheinlich schon Anfang des 9. Jahrhunderts, an ihrer Stelle gründete Adolf II. von Schauenburg und Holstein 1143 die Stadt. In ungebrochener Folge entwickelte sie sich wohl nach einem Brand im Jahre 1157 und der anschließenden Neugründung durch Heinrich den Löwen, denn schon 1160 erhielt sie Stadtrechte, das Zeitalter der Hanse begann.


    Zurück zum Marstall: er besteht aus einer ganzen Gebäudegruppe verschiedenster Epochen, die sich hinter dem hier zu sehenden Torbau um einen kleinen Innenhof gruppieren. Die meisten Bauten dort aus dem frühen 19. Jahrhundert, die älteste Substanz noch aus dem frühen 13. Jahrhundert. Im Bild rechts ein noch aus dem 14. Jahrhundert stammender gotischer Teilbau mit Treppengiebeln und dem typischen Wechsel zwischen glasierten und unglasierten Backsteinen, links im Bild die aus der Übergangszeit von Gotik und Renaissance des 16. Jahrhunderts...



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    ...stammende Tordurchfahrt, die im hier zu sehenden Detail doch stark an Alt-Braunschweiger Schnitzereien erinnert. Die Balkenköpfe unter anderem mit Dudelsackbläser, Beckenschläger, Bürger und Bettler, bei einigen glaubt man gar, die Jungs und Mädels bei Pixar seien davon für ihren Helden Shrek inspiriert worden. ;) Kulturhistorisch unzweifelhaft wertvoll, da derartig frühe Schnitzereien der niederdeutschen Manier und dieser Güte seit dem Zweiten Weltkrieg äußerst rar geworden sind.



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    An der anderen Seite des Burgtors das ehemalige Zöllnerhaus (Nr. 5), erbaut 1571 mit Veränderungen im 18. Jahrhundert. Ein klassischer Vertreter der Backsteinrenaissance mit mit Terrakottenfries, das in wechselnder Folge den lübischen Adler, das lübische Wappenschild sowie die mecklenburgischen Greifen zeigt.



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    Blick nach Osten in die Kaiserstraße – ja, die heißt wirklich so. Straßen dieses Namens waren also nicht überall Boulevards, zumal sie schon 1438 „plates Caesaris“ hieß. Gut erkennbar das einzige hier unter Denkmalschutz stehende Doppelhaus Nr. 6–8 mit abgetreppten Zwerchgiebel, erbaut 1575 mit vielen späteren Veränderungen.



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    Weiter an der Ostseite der Großen Burgstraße. Die eingerüstete, etwas versifft wirkende Nr. 11 steht schon länger leer und ist doch so bedeutend: Keller noch erste Hälfte 14. Jahrhundert, der Hochbau aus der Zeit um 1600, im Inneren des Vorderhauses wertvolle barocke Raumausstattungen des 18. Jahrhunderts, der hier nicht zu sehende Flügel dahinter teils noch im Originalzustand des 16. Jahrhunderts, die über all das hinwegtäuschende Fassade erst aus dem ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Auf dass sich bald jemand erbarmen möge.



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    Blick von hier nach Süden, die zu sehenden Gebäude stehen aus was für Gründen auch immer größtenteils nicht unter Denkmalschutz, grandios ist die Ansicht dennoch.



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    Wenn wir uns umdrehen, fällt unser Blick auf das monumentale ehemalige Gerichtsgebäude (Nr. 4), 1893–96 nach Entwürfen des Architekten Adolf Schwiening auf dem Gelände des ehemaligen Burgklosters bzw. der Schmiede des Marstalls errichtet. Ein ganz herausragendes und qualitätvolles, wenn auch vielleicht etwas überdimensioniertes Beispiel für die Einfühlsamkeit des damaligen Städtebaus, zumal es auch im Inneren seine Ausstattung bewahrt hat.



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    Ein paar Schritte weiter der nächste Blick nach Osten, hier die Kleine Gröpelgrube mit äußerlich fast durchgängig aus der Renaissance stammenden Bauten der Südseite...



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    ...und der Nordseite, die jedoch im Kern wie so oft viel älter sind.



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    Von hier nochmal die Westseite der Großen Burgstraße, unter vielen bemerkenswert vor allem die zwei Häuser neben dem historistischen Klinkerbau. Das rechte, Nr. 24, aus dem 17. Jahrhundert mit einem sehr stattlichen fünfteiligen Giebel der Backsteinrenaissance, das linke, Nr. 26, im Kern noch Ende 15. Jahrhundert, mit einem spätgotischen Giebel von 1571, dieser mehrfach überformt.



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    Von der Materialität her nicht weniger exotisch als die Bauten des Historismus, aber weit schlichter, drängt sich auf den letzten Metern der Ostseite dann auch die Architektur der 1950er Jahre ins Bild. Bei dem einigen Grusel, den es in Lübeck gibt und v.a. erst kürzlich gebaut wurde, kann man diese Häuser durchaus als gelungen bezeichnen. Zu erwähnen noch die etwas heruntergekommene, klassizistische Nr. 53 links davon, diese besitzt noch ihre sämtlichen aus der Bauzeit stammenden, also auch schon fast 200 Jahre alten Fenster – gut zu erkennen am Reflektionsverhalten.



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    Einmal umgedreht sind wir nun am Koberg angekommen, der schon 1287 unter diesem Namen nachweisbar ist und einen nahezu quadratischen Platz vor der Jakobikirche bildet. In aller Kürze: eine dreischiffige Backsteinhallenkirche aus der Zeit um 1300, die einen Vorgängerbau des noch frühen 13. Jahrhunderts ersetzte, blieb als eine von wenigen Kirchen 1942 unbeschädigt und hat somit noch sämtliche Originalausstattung, hervorzuheben zwei sehr bedeutenden Orgeln. Der 112 Meter hohe Kirchturm wurde noch im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts weitgehend fertig, erhielt seinen charakteristischen Abschluss mit den „Kugeln“ nach dem entfernten Vorbild der Petrikirche aber erst Mitte des 17. Jahrhunderts.


    Das Pastorenhaus an der Ecke zur Königstraße (Jacobikirchhof 5–6) im Vordergrund ist ein neobarocker Historismusbau aus dem Jahre 1908 auf gotischen Fundamenten des Vorgängerbaus.



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    Die Nordseite des Kobergs – bemerkenswert vor allem das stattliche Eckhaus zur Großen Burgstraße (Nr. 12). Sein hohes Alter weist ein vermauerter romanischer Hintergiebel aus, wohl noch zum einem Vorgängerbau des auf 1315 datierten Kernbaus gehörig, die heutige Fassade von 1775–79.


    Links dem wenig originellen „Bullaugenhaus“ mit der Nr. 18 weiteres schönes Beispiel für eine klassizistische Putzfassade vor einem Kernbau der frühen Neuzeit, rechts mit der Nr. 16 eine Neuschöpfung des Historismus von 1897 sowie der Nr. 13–15 ein ausnahmsweise mal traufständiges, wenn auch stark verändertes Haus der Renaissance der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts.



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    Auch auf der Westseite des Kobergs strahlen uns klassizistische Putzfassaden förmlich an, die hier ein nahezu geschlossenes Ensemble bilden. Ausnahme die Nr. 1 ganz rechts, die einen vollständigen Neubau im Stil der italienischen Renaissance darstellt, 1888–89 nach Entwurf von Julius Grube. Links anschließend das sogenannte Hoghe Hus, Nr. 2, hinter dessen Fassade sich, wie gut am hervorragenden Dach erkennbar, ein uralter Bau aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts verbirgt. Rückwärtig noch der ursprüngliche gotische Giebel erhalten, im Inneren u.a. bemalte Balkendecken, Diele mit barockem Treppenaufgang und zahlreiche Stuckdekorationen.


    Auch die folgenden Bauten (Nr. 3–6) stammen fast sämtlich hinter den Fassaden der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts.



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    Die Ostseite des Kobergs nimmt fast vollständig das Heiligen-Geist-Hospital ein. Dieser Hospitalbau ist nicht nur einer der ältesten der Stadt, sondern der ganzen Welt: 1227 an anderer Stelle gegründet entstand der jetzige Bau als Stiftung reicher Kaufleute nach dem Stadtbrand von 1276. Schon gegen 1286 war er in der weitgehend heute noch zu sehenden, backsteingotischen Form vollendet. Vorne am Koberg befindet sich eine einfache Hallenkirche, die Ende des 15. Jahrhunderts mit Sterngewölben versehen wurde, dahinter die Krankenhalle. Mitte des 14. Jahrhunderts kam noch ein Kreuzgang dazu.


    Die letzte große Veränderung erfolgte erst im frühen 19. Jahrhundert, als man die noch mittelalterliche Ordnung der in Viererreihen im Langhaus aufgestellten Betten beseitigte und durch die jetzt noch vorhandenen hölzernen Hospitalitenkammern ersetzte. Erst 1964 ging die ursprüngliche, fast über sieben Jahrhunderte ausgeübte Funktion vollständig verloren und nach Umbauten in den 1970er Jahren in ein Altenheim über. Die Ausstattung mit u.a. Wandgemälden aus dem frühen 14. Jahrhundert, dem fantastischen Lettner aus dem 15. Jahrhundert und zahlreichen Altären noch aus dem Mittelalter zählt zum Schönsten, was Einrichtungen dieser Art in Deutschland noch zu bieten haben.



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    Westlich der Jakobikirche führt die Breite Straße vom Koberg nach Süden bis zum Rathaus, die durch die Kriegseinwirkungen etwa 40 Prozent ihrer Substanz eingebüßt, aber immer noch grandiose Gebäude aufzuweisen hat. Es seien die Häuser Nr. 6 und 8 der Industrie- und Handelskammer, die hinter ihren neogotischen Fassaden eine ganze Sammlung von Raumkunstwerken ehemaliger anderer Bürgerhäuser (Fredhagenzimmer von 1573–85 aus dem Haus Schüsselbuden 16, fast komplette Diele der 1590er Jahre aus dem Haus Schüsselbuden 24 usw.) beherbergen, sowie...



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    ...schon an letzter Stelle, da mir weitere Fotos von dieser Ecke fehlen, mit der Nr. 2 das Haus der Schiffergesellschaft genannt. Erbaut 1535 im Stil der Backsteinrenaissance, 1538 von der Schiffergesellschaft gekauft, der Vorbau mit der Wohnung des Dienstboten und dem Kellereingang entstammt dagegen dem 18. Jahrhundert.


    Von den vielen Details bemerkenswert u.a. das Portal von 1768, die von kannelierten Pilastern gerahmte Darstellung eines auf Kupfer gemalten Dreimasters aus dem 17. Jahrhundert darüber sowie die fast kaum noch zu sehenden Beischläge, hier von 1745 aus gotländischem Kalkstein mit Bootsmotiven. Letztere sorgten ursprünglich für ein heute nicht mehr vorstellbar differenziertes Straßenbild, verschwanden aber im Zuge der Verbreiterung der Straßen im 19. Jahrhundert fast gänzlich aus den norddeutschen Städten.



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    Rechts des Hauses der Schiffergesellschaft spannen sich drei Strebebögen über die vollständig erhaltene, nach Westen zur Trave hinabführende Engelsgrube, zu der wir später wieder zurückkommen.



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    Vom Koberg zurück laufen wir jetzt zur östlichen Parallelstraße der Breiten Straße, der Königstraße. Und ja, königlich ist der Anblick dieser pastellosen Fassaden des Barock und Klassizismus im Morgenlicht, im Süden nur überragt durch die Katharinenkirche wahrhaftig.



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    Bevor es weitergeht, noch einmal von hier der Detailblick auf den Turmhelm der Jakobikirche...



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    ...doch kommen wir zum ersten Highlight. Der genannten Gesellschaft gehört die Nr. 5 erst seit 1891, die es auch mit der stilisierten Weltkugel versah. Wohl 1804 ist nach Entwurf von Christian Frederik Hansen die frühklassizistische Fassade vor ein Haus des 15. Jahrhunderts gesetzt worden, noch ein klein wenig älter ein Flügelbau im Hof mit Rokokoausstattung.



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    Das links angeschnittene Drägerhaus (Nr. 9) und das hier dominierende Behnhaus (Nr. 11) gehören heute zusammen und bilden die Räumlichkeiten für das Lübecker Museum der Kunst des 19. Jahrhunderts und der klassischen Moderne. Dieses, gegründet 1921, bestand zunächst nur im Behnhaus, benannt nach seinem letzten Bewohner, dem Lübecker Bürgermeister Heinrich Theodor Behn. 1783 wohl nach Plänen eines französischen Architekten als Umbau eines aus dem 14. Jahrhundert stammenden Vorgängerbaus errichtet, erhielt es um 1800 durch den dänischen Architekten Joseph Christian Lillie die heute noch zu sehende Gestalt und Inneneinrichtung. Es gilt als Hauptwerk des frühen Klassizismus in der Stadt, die Diele ist die größte erhaltene Lübecks.


    Auch das Drägerhaus geht auf einen Kernbau des 15. Jahrhunderts zurück, heute findet sich hier ein höchst bedeutender Rokokosaal im Erdgeschoss hinter einer Fassade von 1845; es kam als Stiftung seiner letzten Bewohner, der Mäzene Heinrich und Lisa Dräger, in den 1970er Jahren zum Museum im Nachbarhaus hinzu. Hinter beiden Gebäuden befinden sich wunderschöne, ausgedehnte und für den Museumsbesucher zugängliche Gärten.



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    Direkt daneben mit der Nr. 13 weitere großartige Fassade des Spätklassizismus von 1865 vor einem Haus des 14. Jahrhunderts.



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    Von ähnlicher Güte ist dieses Gebäude mit der Anschrift Nr. 17, das sich 1853–54 der Kaufmann und großherzogliche mecklenburgisch-strelitzsche Konsul Peter Hinrich Rodde erbauen ließ.



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    Ersatzweise für viele Bauten, die wir aus Platzgründen überspringen müssen, dieser Blick von der Ecke Glockengießerstraße nach Norden in die Königstraße. Einzigartig das Eckhaus Nr. 1 mit einem halben barocken Schweifgiebel, letztes erhaltenes Beispiel einer mittelalterlichen Eckbebauung in Lübeck, im Kern noch 13. Jahrhundert, beachtenswert auch die sehr alte Ziegeleindeckung auf dem Haus dahinter.



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    Von der gleichen Stelle aus ein Gesamtbild der Königstraße nach Süden, die im Krieg nur im Mittelstück geringfügig und dann eher noch durch unmaßstäbliche Großbauten danach in ihrem Erscheinungsbild beeinträchtigt wurde.



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    Herausgegriffen hier als Einzelexemplar die Nr. 15, im Kern 13. Jahrhundert, der Giebel um 1300 mit Ergänzungen des späten 16. Jahrhunderts und somit einer der ältesten der Stadt, typisch für die Zeit die abwechselnde Verwendung von glasierten und unglasierten Ziegeln, Erdgeschoss im Zopfstil überformt.



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    Schräg gegenüber das Westwerk der Katharinenkirche an der Ecke Glockengießerstraße. Bis zur Reformation Franziskaner-Klosterkirche ersetzte der heutige Bau wohl im Verlaufe der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine schon um 1225 erbaute erste Kirche. Es handelt sich um eine dreischiffige, neunjochige Basilika mit polygonalem Chorschluss und zweischiffigem Querhaus von gleicher Breite wie das Langhaus selbst, wie bei der Bettelordensarchitektur üblich fehlt ein Turm zugunsten eines Dachreiters.


    Nach der Reformation hat die Kirche verschiedenste Nutzungen, u.a. als Filialkirche der Marienkirche, ab 1841 entwickelte sie sich v.a. durch die Bemühungen von Carl Julius Milde und der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit zu dem, was sie heute ist, einer Museumskirche. Neben zahlreichen Wandmalereien, Altären und Epitaphien ist v.a. die Glockensammlung und der Lettner hervorzuheben.



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    Nun geht es in die Glockengießerstraße, eines der vielen großartigen, völlig ungestörten Straßenensembles der Stadt, hier der Blick nach Osten entlang der Südfassaden. Im Vordergrund mit der Nr. 2 die ehemalige Dienstwohnung des Werkmeisters der Katharinenkirche, im Kern 15. Jahrhundert, Fassade vor dem gotischen Traufenhaus um 1750, Tür, Fenster und sogar Verglasung sind ebenso original erhalten...



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    ...wie das meiste, was man hier auf der Nordseite erblickt.



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    Als einer von vielen mit der Nr. 23–27 auf der Nordseite der Kopfbau eines klassischen Stiftungshofes, 1637–39 als Testamentsverfügung des Ratsherren Johann Füchting nach Plänen von Andreas Jeger als Hofwohnanlage für Witwen errichtet, heute Nutzung als Altenwohnheim.


    Das Vorderhaus und viele Hofbauten sichtbar weitgehend erneuert, noch erhalten das Vorsteherhaus mit aus dem 17. Jahrhundert stammenden, original bleiverglasten (!) Kreuzstock-Blockzargenfenster des ersten Obergeschosses, im Inneren stellt das so genannte Vorsteherzimmer von 1653 mit u.a. farbigem Fliesenboden, Lüneburger Fayence-Ofen, Vertäfelung, kompletter Inneneinrichtung und Stifterporträts eine der wertvollsten Inneneinrichtungen dieser Zeit in der Stadt dar.



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    Detail des aufwändigen Portals zum Innenhof aus Sandstein, da dieser nach Lübeck importiert werden musste ein Ausweis ungeheuren Reichtums, erst recht in diesen Dimensionen. Zudem eines der wenigen Werke des Frühbarock in der Stadt, das bereits den Knorpelstil verarbeitet, den man wahrscheinlich in niederländischen Gefilden rezipiert hatte, es zeigt u.a. eine Messing-Inschriftentafel von 1645, eine Kartusche mit der Allegorie der Caritas sowie das Wappen des Stifters Füchting.



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    Der nächste Stiftungshof, die Nr. 45–53, 1609–12 unter dem Kaufmann und Ratsherren Johann Glandorp für Kaufmannswitwen eingerichtet. Das Vorderhaus im Stil der Renaissance stammt noch aus der Bauzeit, bemerkenswert auch hier die Inschriftentafel mit Wappen des Stifters in Sandstein, das Innere im 19. Jahrhundert und zuletzt in den 1970er Jahren verändert, damals die Buden mit dem benachbarten Glandorps Gang zusammengelegt und hier 30 Sozialwohnungen eingerichtet.



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    Von hier der Blick nach Westen bis hinein in die jenseits der Königstraße anschließende Pfaffenstraße. Die äußerst kapitale Nr. 35 gleich rechts im Bild im Kern 14. Jahrhundert mit einer Fassade der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die anschließenden zwei Häuser mit Staffelgiebeln von ähnlicher Baugeschichte.



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    Blick nach Osten an der Ecke zu den Stichstraßen Langer Lohrberg (Norden) und Tünkenhagen (Süden) auf das letzte Teilstück der Glockengießerstraße bis zur Wakenitzmauer...



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    ...und nochmal nach Westen entlang der Südseiten des längeren Teilstücks bis zur Königstraße, gut erkennbar der Dachreiter der Katharinenkirche.



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    Ostseite des Langen Lohrbergs mit nun etwas vorstädtisch wirkender Bebauung, aber gut, in Lüneburg sieht es wie gesagt selbst an den Hauptstraßen oft so aus...



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    ...diese drei Gebäude an der südlichen Glockengießerstraße gleich nach der Ecke zum Tünkenhagen zeigen dagegen dann sofort wieder, dass man eben in Lübeck ist. Solche barocken Schneckengiebel wie bei der Nr. 44 sind nicht eben häufig, ebenso die zahlreichen vorindustriellen Fenster, im Kern ein mehrfach verändertes Gebäude der Zeit um 1300 mit ehemals hoher Diele, erkennbar noch am alten Rückgiebel zum Hof. Die Nr. 46 ein weitgehend klassizistisch überformtes Gebäude von ähnlichem Alter wie sein Nachbar, irgendwo dazwischen der Renaissance-Giebel um 1550; die anschließende Nr. 48 noch ein weitgehend erhaltener Neubau der Spätgotik um 1500 mit neogotischer Verschönerung.



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    Durch den Tünkenhagen geht es nun nach Süden...



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    ...zunächst bis zur Ecke Rosengarten / Hundestraße, letztere die südliche Parallelstraße der Glockengießerstraße, also auch zwischen Königstraße und Kanalstraße. Das Eckhaus Nr. 62 zeigt praktischerweise in den Ankern seiner Geschossdecken bereits Baujahr und Bauherren, anzumerken bleibt nur eine deutliche klassizistische Überformung. Die anschließende Nr. 64 mit einer stattlichen, wenig veränderten Fassade der Mitte des 15. Jahrhunderts.



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    Von hier sei ein Blick in die Hundestraße nach Westen...



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    ...und nach Osten gestattet.



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    Weiter nach Süden geht es durch die nächste Stichstraße, Rosengarten, benannt nach dem Garten der Äbtissin des benachbarten St.-Johannis-Klosters. Dazu gleich mehr. Links ein schöner Historismusbau zwischen Neobarock und Jugendstil, das St.-Johannis-Jungfrauen-Stift...



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    ...in unserem Rücken, also nochmal nach Norden zurückgeblickt, ein bemerkenswertes Fachwerkensemble direkt hinter der bereits vorgestellten Hundestraße Nr. 62. Allerdings gerade mal aus dem 17. Jahrhundert, wesentlich älter sind Bauten mit freiliegenden Holzteilen im rauhen Norden aber auch nur selten geworden.



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    Blick in die große Ost-West-Straße bzw. südliche Parallelstraße der Hundestraße, die Dr.-Julius-Leber-Straße. Den Namen, den sie vor ihrer Umwidmung 1946 nach dem 1944 in Berlin hingerichteten Vorsitzenden der Lübecker Sozialdemokratischen Partei und Reichstagsabgeordneten trug, lautete seit 1262 Johannisstraße. Die Zeit hat zugunsten der südlich verlaufenden Fleischhauerstraße für weitere Bilder leider nicht gereicht, daher bis zum nächsten Mal hier nur eine kleine Geschichtsstunde.


    Das für den alten Straßennamen maßgebliche Kloster, das ein großes Areal im östlichsten Teil, bis zur heutigen Kanalstraße, im Süden bis zur Fleischhauerstraße einnahm, war wohl 1172 gegründet worden. Die nahezu unverändert aus dieser Zeit überkommene romanische Anlage hat man inklusive der Kirche Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisation größtenteils abgerissen, ein weiterer Rest fiel 1903 zwecks Verlängerung der heutigen Straße bis hin zur Kanalstraße. Der Straßendurchbruch wurde im Norden mit dem St.-Johannis-Jungfrauen-Stift und Altenwohnungen aufgefüllt, im Süden entstand das Gymnasium Johanneum zu Lübeck...



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    ...das in seinen zeittypisch monumentalen Stil hier auf der linken Seite nur undeutlich angeschnitten ist, der Blick geht entlang der Stichstraße Bei Sankt Johannis nach Süden. Erhalten blieb immerhin das hochmittelalterliche Refektorium im Innenhof der Schule, das heute für den Musikunterricht benutzt wird.



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    Folgen wir Bei Sankt Johannis, so erreichen wir die 1268 erstmals erwähnte Ost-West-Trasse Fleischhauerstraße, die mit der südlich parallel laufenden Hüxstraße wohl das längste ungestörte Ensemble Lübecks darstellt.



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    Rechterhand mit der Nr. 79–83 (von links nach rechts) drei Häuser der Backsteinrenaissance, im Kern 15. Jahrhundert. Die nach Hieronymus Bosch benannte Gaststätte in der Nr. 81 ist nicht nur wegen des Essens empfehlenswert, sondern bietet auch ein ganz hervorragend restauriertes Hausinneres des späten 15. Jahrhunderts, das mit seinem hohen Dielengeschoss frappierend an die hohen Hallen der Häuser des 13. Jahrhunderts im fernen Limburg erinnert.



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    Ja, was soll man da noch sagen? Leider liegt die Marienkirche hier gerade im Wolkenschatten, ansonsten ist dieses Bild von geradezu surrealer Kraft...



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    ...und weils so schön war, ein paar Meter weiter gleich nochmal mit voller Sonne. Architektonisch in meinen Augen noch relativ erträglich gelöst ist der im Hintergrund sichtbare Nebeneingang in die Königspassage an der Königstraße.



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    Blick zurück nach Osten, links angeschnitten (im vorigen Bild rechts komplett zu sehen) einer der wenigen expressionistischen Klinkerbauten der Stadt von 1924, vom Vorgängerbau blieb das Erdgeschoss mit Terrakotten der frühen Renaissance des 16. Jahrhunderts erhalten.



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    Nicht weniger monumental ist der Anblick auf das Ostwerk der Marienkirche, wenn wir die Fleischhauerstraße über die Königstraße verlassen, ein paar Schritte nach Norden gehen und dann wieder nach Westen abbiegen. Wir befinden uns auf dem so genannten Schrangen zwischen Breiter Straße und Königstraße, bis tief in die Neuzeit der Hauptort des Fleischverkaufs in der Stadt. Diese Ecke war bereits im Historismus nach Norden verbreitert worden, die letzten historischen Häuser fielen aber erst in den 1960er Jahren (!), als man die mittelalterlichen Arkadenhäuser auf der Südseite zugunsten eines Kaufhausbaus abbrach.


    Unten das lang gestreckte, vom eigentlichen Rathaus im Norden bis an die Mengstraße reichende Kanzleigebäude, 1485 und 1588–1614 an das eigentliche Rathaus angefügt, die Arkaden zur Breiten Straße waren einst offen, auf der Rückseite sind sie es noch.



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    Doch nun zum eigentlichen Rathaus, hier an der Breiten Straße vom südlichen Ende des Kanzleigebäudes nach Süden gesehen, im Hintergrund Nachkriegsarchitektur an der Sandstraße. Aus Platzgründen beschränke ich mich im Folgenden weitgehend auf das Äußere, das Innere ist aber trotz Kriegsschäden auf jeden Fall einen Besuch wert. Ein erster Rathausbau, der sogenannte Hauptbau, direkt an die rechts im Bild zu sehende Kanzlei anstoßend, entstand um 1230 in teils noch spätromanischen, überwiegend aber schon gotischen Formen.



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    Die hier zu sehende Laube des Haupteingangs entstammt bereits einer weiteren Bauphasen gegen Mitte des 14. Jahrhunderts. Zu Ikonografie und Alter der Fassadendekorationen vermochte ich auf die Schnelle nichts herauszufinden.



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    Um 1300 kam zum Hauptbau nach Süden hin das so genannte Lange Haus hinzu, das komplett auf Kreuzrippengewölben ruht, welche dem Handel dienten. Der Renaissanceerker, den man hier 1586 oberhalb dem so geschaffenen Verbindungsgang zwischen Breiter Straße und Markt anbrachte, wird dem bedeutendsten Lübecker Künstler der Spätrenaissance, Tönnies Evers d.J. zugeschrieben.



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    Grandios und wohl auch der bekannteste Teil des Rathauses an der Breiten Straße ist der so genannte Kriegsstubenbau, angefügt in den frühen 1440er Jahren. Schon das Äußere mit seinem reichen spätgotischen Schmuck, geschaffen einzig durch die Verwendung von entsprechenden, teilweise glasierten Formziegeln, muss als Meisterwerk angesehen werden. Der flämische Bildhauer Robert Coppens fügte dann 1594 die unten zu sehende Prunktreppe an. Die im ersten Stock befindliche Kriegsstube, 1595–1608 überwiegend von von Tönnies Evers d.J. und seiner Werkstatt geschaffen und Hauptwerk der Renaissance in der Stadt, wurde, wie schon erwähnt, leider 1942 zerstört und bis heute nicht rekonstruiert.



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    Ein Blick in das mächtige Gewölbe unter dem Langen Haus auf dem Weg zum Markt...



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    ...aus dessen Südwestecke sich uns dann dieser Anblick bietet. Rechts der Kriegsstubenbau, links anschließend das Lange Haus und schließlich der so genannte, rechtwinkling zum Hauptbau stehende Querflügel, den wir an der Breiten Straße natürlich nicht sehen konnten. Dieser entstammt der Mitte des 14. Jahrhunderts und fällt vor allem durch seine verschwenderische wirkende Schauwand mit Blendfenstern auf. 1570 erfolgte unter Hans Fleminck und Hercules Midow der Anbau der weißen Renaissancelaube – hier sind flandrische Einflüsse kaum abzustreiten, mich erinnert der Bau v.a. deutlich an den Kanzleiflügel des Rathauses von Brügge, der allerdings schon irgendwann in den 1530er Jahren entstand.



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    Mit den Türmchen des Rathauses bildet die Marienkirche, die übrigens wirklich so schief ist wie auf dem Foto (meiner Erinnerung nach am Ende des gemauerten Teils über fünf Meter aus dem Lot), natürlich ein tolles Ensemble. Das Hauptwerk der sakralen Backsteingotik in Deutschland wurde in etwa zwischen 1250 und 1350 in nur 100 Jahren fertig gestellt, die Türme sind mit 125 Metern meines Wissens nach der Martinskirche in Landshut die höchsten Backsteintürme der Welt. Auf die einst bedeutende Einrichtung und die ungeheuerlichen Verluste, die der Palmsonntag 1942 brachte, kann hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden.


    Unten links nicht wirklich störende, aber eben auch meines Erachtens irgendwie langweilige und diesem großartigen Platz letztlich nicht würdige Nachkriegsarchitektur als Erweiterung des Rathauses – hier standen allerdings bis 1942 auch schon geradezu postmodern anmutende Wohnbauten wohl der frühen 1930er Jahre. Dahinter ist allerdings mit Enger Krambuden, Markttwiete und Weiter Krambuden bis auf das Marienwerkhaus (links eingerüstet zu erkennen) nahezu ein ganzes Stadtviertel verschwunden und nicht wieder aufgebaut worden; der Bildvergleich unter dem Link bei Markttwiete lässt den Verlust am besten erkennen.



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    Nochmal Detail der Renaissancelaube...



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    ...und des Kriegsstubenbaus, an letzteren stößt...



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    ...ähnlich empfundene Nachkriegsödnis wie auf der gegenüberliegenden Seite an.


    Davor der stadtbekannte Kaak, ein schon im 13. Jahrhundert genannter Pranger, im 19. Jahrhundert, trotz Forderungen nach dem Abriss mit der Begründung, man habe „doch schon altertümliches Steingerümpel zur Genüge" in der Stadt nicht abgebrochen und auch 1942 nicht beschädigt, doch 1952 bei der damals üblichen Verbreiterung von städtischen Plätzen, um Platz für die Blechlawinen zu haben, abgebrochen. Immerhin hatte man damals die gotische Substanz eingelagert, aus der das Bauwerk nach einer Spendenaktion 1986/87 wieder aufgebaut werden konnte.



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    Schließlich wirkt zumindest auf mich auch die Südseite mit dem erst vor ein paar Jahren errichteten Kaufhaus wenigstens trostlos. Das neogotische Postamt des Historismus, im Krieg ausgebrannt, befand sich hier mit vereinfachter Fassade noch bis 2003 und wurde dann abgebrochen. Was man sich bei dem Neubau dachte, sei es die völlig ortsuntypische Verwendung von Holz für die Fassade und Blech für das Dach, zumindest ich verstehe es nicht. Im Hintergrund der Turm der Petrikirche.



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    An der Ecke zur Mengstraße ein Blick in die Breite Straße nach Norden. Die Naht der Kriegszerstörung ist unverkennbar, die Qualität der Wiederaufbauarchitektur nach meinem Empfinden gar nicht mal so schlecht und in etwa mit z.B. Würzburg vergleichbar, blödsinnigerweise hat man aber die Straßenflucht ab der Zerstörungsnaht zurückversetzt und so einen empfindlichen Bruch verursacht. Im Hintergrund die Jakobikirche.



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    Doch nun zur Mengstraße, die nördliche Begrenzung des ehemaligen „Kaufmannsviertels“. Zerlegt man sie von Ost nach West in drei Teile, so blicken wir auf das östlichste erste Drittel, das mit Abstand die beste Wiederaufbauarchitektur in der Stadt bietet.



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    Böse Zungen mögen natürlich vielleicht nicht ganz unberechtigt sagen, dass die hier so herausragende Qualität des Wiederaufbaus vor allem dem schon lange vor dem Zweiten Weltkrieg weltberühmten Buddenbrookhaus (Nr. 4) geschuldet ist, das auch für nachfolgende Touristengenerationen in einem halbwegs ansprechenden Ensemble stehen sollte. Bedauerlicherweise trifft das nicht auf das Haus selbst zu, von dem ja nur die Fassade erhalten blieb, dahinter befindet sich eine moderne Raumfolge, die mich ziemlich enttäuschte.



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    Auch die westliche Hälfte des ersten Drittels weiß durchaus zu überzeugen, links der Blick durch den übrigen Straßenverlauf, geschnitten von den Schüsselbuden, bis hinunter zur Stadttrave.



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    Unwürdig dagegen das mittlere Drittel der Mengstraße, im Hintergrund das historische westliche letzte Drittel. Anderswo vielleicht akzeptabel wirkt diese in der Flucht zurückversetzte und zudem mit eingestreuten Staffelgeschoss- und traufständigen Häusern versehene Bebauung hier zumindest auf mich irgendwie provinziell.



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    Wir stehen nun direkt vor den Füßen der Westtürme der Marienkirche, links die Bäume befinden sich schon auf dem Kirchhof. Der Blick geht auf Höhe der Ecke zur Alfstraße, die schon mitten durch das „Gründerviertel“ geht, nach Süden entlang dem Straßenzug Schüsselbuden, der vor dem Krieg sogar noch mit einem romanischen Haus glänzen konnte.


    Hier blieb 1942 kein Stein auf dem anderen, wobei er zumindest durch einige Historismusbauten noch etwas Flair besitzt. Die Giebelhäuser der Nachkriegszeit, wohl der späten 1960er Jahre, sind in der Materialität mit ihrer Kacheloptik und den durchgehenden Fensterbändern auch nicht so das Wahre. Die grüne Ecke zur Alfstraße ist übrigens bis heute Trümmergrundstück, wo man auf gotische Keller blickt.



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    Die Alfstraße selbst ist meines Erachtens der schlimmste Wiederaufbaustraßenzug, da hier der geschlossene Blockrand endgültig verlassen wird – hier zum Vergleich eine ähnliche Perspektive vor 1942.



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    An der Ecke zur Querstraße Fünfhausen, die Schüsselbuden nach Norden bis zur Beckergrube weiterführt, steht dieses wohl herausragendste Beispiel für Wiederaufbau in ganz Lübeck, das Verlagshaus Schmidt-Römhild. Allerdings war der Vorgängerbau bei seiner Zerstörung 1942 auch nur ein paar Jahrzehnte alt, für ihn hatte man einen weit älteren Bau mit herausragender Barockfassade geopfert, der auf der Rückseite noch romanisch war.



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    Dagegen wirklich die Augen auf gehen dem Altbaufreund dann, wenn man sich dem unteren, erhaltenen Drittel der Mengstraße nähert. Zunächst der Blick entlang der Fassaden der Nordseite...



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    ...und der Südseite. Dass dieses quantitativ geringe Ensemble dessen gemahnt, was in dieser Qualität in viel größerer Anzahl verloren ist (ich schätze, dass in der Summe noch etwa 10 bis 15 % des „Kaufmannsviertels“ existieren) ist glücklicherweise bei Bauten...



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    ...wie der Nr. 27 schnell vergessen. Einer der größten Klopper der Stadt, entstanden im 16. Jahrhundert, mit Haustür aus der Mitte des 18. Jahrhunderts im Renaissance-Taubstabportal...



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    ...sowie seriell gefertigten Terrakotten aus der Werkstatt des Statius von Düren, ikonografisch „Gesetz und Gnade“ zwischen Porträtmedaillons antiker Herrscher und Prophetenbildern. Man beachte im Detail die herrlichen, wohl mindestens so alten Außenbeschläge der Fenster der Diele!



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    Die Südseite zwischen Gerader Querstraße und Stadttrave, bemerkenswert das unscheinbare westliche Eckhaus (Nr. 33), im Kern mittelalterlich, 1761 im Stil des Rokoko eingreifend umgebaut, seit 1976 Jugendherberge – dadurch kann man hier für wenig Geld morgens in einem Rokokosaal speisen.



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    Vor dem Haus der Blick nach Osten auf die Nordseite, links die Nr. 56 als noch dem Barock verhafteter Neubau von 1829 mit Strebebogen über die Siebente Querstraße, gefolgt von der Nr. 54, im Kern wohl 14. Jahrhundert, Dachwerk von 1471, Treppengiebel 16. Jahrhundert, Untergeschosse Spätklassizismus um 1880 sowie der Nr. 52, Alter unbekannt, äußerlich wohl 17. Jahrhundert.


    Die anschließenden Nr. 50 und 48 sind als Schabbelhaus zusammengefasst. Zur Geschichte: das ursprüngliche Schabbelhaus benennt sich nach dem Bäckermeister Heinrich Schabbel, der der Stadt 125.000 Goldmark zur Verfügung stellte, um Lübecker Bürgerhäuser und ihre Einrichtungen zu dokumentieren. Die Stadt kaufte daraufhin 1904 das exemplarisch gut erhaltene und durch sein aufwändiges Portal einzigartige Haus Mengstraße 36, wo das Museum 1908 eröffnete und auch eine sehr beliebte Weinschänke betrieb.


    Man ahnt es, das Haus lag im mittleren Drittel der Mengstraße, die 1942 unterging. Kümmerliche Reste des Portals wurden an den Neubau an gleicher Stelle integriert, wer genau hinguckt, kann sie hier auf der rechten Seite erkennen. Nach dem Krieg wurde das Schabbelhaus in die vorgenannten Doppelhäuser verlegt, die sicher nicht mit dem alten Schabbelhaus konkurrieren können, wohl aber immer noch zu den reichsten und besterhaltenen gehören, die die Stadt zu bieten hat. Hinter den teils veränderten Renaissancefassaden der im Kern mittelalterlichen Häuser u.a. barocke Dielen, Stuckdecken, Gartensaal des Rokoko, Kachelöfen, Renaissance-Balkendecken usw., ein Besuch des Museums lohnt also auch hier.



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    Das kostbare Portal der Nr. 50 stammt vom ansonsten vollkommen zerstörten Glandorpschen Haus, Fischstraße Nr. 34 – wir erinnern uns, der, der u.a. in der Glockengießerstraße den gleichnamigen Hof stiftete. Farbig glasierte Formsteine der Renaissance bilden hier Taustäbe, die in korinthischen Kapitellen auslaufen und ein Gebälk mit Fries des „Kindermordes zu Bethlehem“ und „Josephs Flucht aus Ägypten“ tragen. Es wurde nach dem Krieg hierher transloziert. Hoffen wir mal, dass es eines Tages an einen würdigen Nachfolgebau in der Fischstraße zurückkehren kann...



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    ...während diese Renaissance-Terrakotten mit Verweis auf den Epheserbrief, Kapitel 6, an der Nr. 52 wohl auf eher natürliche Weise beim klassizistischen Umbau des Hauseingangs übrig geblieben sind.



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    Ein Blick auf Straßenniveau auf Höhe der Geraden Querstraße nach Norden, die nicht nur gut die zahlreichen Abgänge in die tiefen, noch romanischen Keller erkennen lässt, sondern auch die gewaltigen Dimensionen der Hausportale dieser Ecke verdeutlicht.



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    Das Haus an der Ostecke zur Geraden Querstraße, also die Nr. 31, Fassade von 1612 mit Veränderungen des 18. Jahrhunderts, im Inneren noch umfangreiche Ausstattungsreste zwischen Renaissance und Biedermeier.



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    Nochmals der Blick nach Osten, als wir die Mengstraße komplett in Richtung Stadttrave verlassen und auf die senkrecht verlaufende Straße An der Untertrave treten – im Hintergrund guckt gerade so die Marienkirche hervor. Links im Bild ist die Nr. 68–70 angeschnitten...



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    ...die in der Mengstraße dieses monumentale Portal aus dem frühen 17. Jahrhundert bewahrt hat. Dieses, ikonografisch „Krieg und Frieden“ (rechts bzw. links), u.a. auf dorischen Halbsäulen mit feinster Diamantrustika und einer Haustür des Rokoko um 1750...



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    ...wurde 1907–09 in den die vorgenannten Grundstücke zusammenfassenden Neubau (zuzüglich An der Untertrave 91–94) der Weingroßhandlung C. Tesdopf integriert.



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    Bevor wir uns auf den Weg entlang der Stadtrave nach Süden machen, gehen wir nochmal ein paar Schritte nach Norden und werfen einen Blick nach Osten in die parallel zur Mengstraße verlaufende Beckergrube, die bereits am Rande des Gebietes der Kriegszerstörung lag und so nur etwa geschätzte 30 Prozent ihrer Substanz einbüßte (Mitte der Nordseite und Osten der Südseite). Ganz oben an der Ecke zur Breiten Straße ein in meinen Augen erst jüngst entstandenes Beispiel dafür, wie man nicht in einer Altstadt bauen sollte – wobei selbst dieses noch miesere Nachkriegsbebauung ersetzte.



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    Im von den Dimensionen noch sehr an die Mengstraße erinnernden Ensemble der Südseite zwischen Siebenter Querstraße und Stadttrave fällt vor allem ein wohl postmoderner Neubau sehr angenehm ins Auge.



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    Doch nun entlang der Untertrave nach Süden, hier der Blick in dieselbe Richtung, links das spätgotische Eckhaus Nr. 45 zur Mengstraße, danach einige ziemlich gut aufgefüllte Kriegslücken im Travenpanorama, doch wir...



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    ...werfen nun einen Blick in die südliche Parallelstraße, die Alfstraße. Nicht nur eine vergleichbare Ansicht vor 1942 macht deutlich, was hier unterging, auch die Tatsache, dass zwei von drei hier noch erhaltenen, denkmalgeschützten Häusern im Kern romanisch sind.



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    Eines davon ist das Eckhaus zur Trave, die Nr. 38, von der ich kein Bild parat habe, daher Bildindex. Mein Bild zeigt das Portal an der Alfstraße im Ohrmuschelstil der Mitte des 17. Jahrhunderts (inklusive toll geparktem Schuttcontainer) – doch interessanter das Gebäude selber, im Kern wohl ein romanisches Saalgeschosshaus des 13. Jahrhunderts, welches auf den Resten dendrochronologisch auf 1184–95 zu datierender Holzhäuser steht. Im Inneren noch gut erhaltene Ausstattung vorwiegend des Barock.



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    Ziemlich am nördlichen Ende, im Hintergrund die bereits in Gegenrichtung gezeigte „grüne Ecke“ zu den Schüsselbuden, ist die Gruppe der jüngsten Neubauten (Studentenwohnheim) auf diesem historischen Boden zu erkennen. Eine von der Formensprache meiner Meinung nach gar nicht mal so missratene Neuinterpretation eines klassischen Hauses mit Staffelgiebel, doch warum in einer Materialität wie ein Polarwolf im deutschen Wald?



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    Eine Wechsel via der Geraden Querstraße in die südlich parallel laufende Fischstraße bietet einen leider nicht weniger tristen Anblick – hier ein vergleichbares Vorkriegsbild. Im Hintergrund links die andere Seite des bereits erwähnte Studentenwohnheim-Neubaus, rechts der Gitterzaun um das Ausgrabungsgelände zwischen dieser...



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    ...und der südlich parallel laufenden Straße, der Braunstraße. Am westlichen Stück zur Trave sind auf Nord- und Südseite sowie an der oberen Ecke zu den Schüsselbuden (im Hintergrund erkennbar) hier ein paar mehr Bauten erhalten, die bezogen auf die Straße vielleicht insgesamt 25 Prozent der Vorkriegssubstanz ausmachen. Leider habe ich vergessen, in Richtung Trave Bilder zu machen, und es gibt auch keine analoge Ansicht vor 1942, die ich anbieten könnte.



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    Vorerst soviel zu den Narben von Lübeck. Wir verlassen die Braunstraße Richtung Trave und laufen weiter nach Süden zum Holstentor, von hier aus zunächst der Blick nach Norden entlang der Bebauungsfront zum Wasser, rechts einige in meinen Augen gut gelungene Füllbauten.



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    Das Holstentor ist nach dem Burgtor das zweite noch erhaltene der ehemals vier Stadttore und wohl das bekannteste Wahrzeichen der Stadt. Die Anlage geht auf das 13. Jahrhundert zurück, insgesamt entstanden hier bis zum 17. Jahrhundert vier Tore, von dem das heutige historisch als das mittlere Holstentor bezeichnet wurde. Im 19. Jahrhundert riss man in rascher Folge drei der Tore ab, das Ende des mittleren Holstentors schien 1855 schon besiegelt, angeblich war es König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen, dessen Konservator Ferdinand von Quast die Wende herbei führte – und doch wurde noch 1863 mit nur einer Stimme Mehrheit gegen den Abriss entschieden! Der morastige Grund, der schon kurz nach dem Bau zu starken Verformungen führte, hat seitdem mehrere aufwändige Sanierungen nötig gemacht, zuletzt 2005/06 für über eine Million Euro.


    Noch ein bisschen etwas zu dem Bauwerk selbst: es wurde 1464–78 unter Ratsbaumeister Hinrich Helmstede auf Basis einer testamentarischen Stiftung des Ratsherrn Johann Broling in Höhe von 4.000 lübischen Mark errichtet. Zu der mit den Rathausbauteilen des 15. Jahrhunderts vergleichbaren, äußerst repräsentativen spätgotischen Architektur kommen hier noch zwei rein ornamentale, umlaufende Terrakottabänder. Diese sind ebenso wie die damals nicht mehr erhaltenen Giebelaufbauten sehr frei im 19. Jahrhundert nach alten Bildern erneuert worden. Nicht historisch ist auch die Aufschrift von 1871 nach dem Vorbild Roms, ebenso das vermeintliche Erbauungsdatum, von dem man heute weiß, dass es nicht korrekt ist.



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    Nach Süden ginge es entlang An der Obertrave weiter...



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    ...doch wir wenden uns nun erstmal wieder der Stadt zu, Richtung Holstenstraße...



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    ...welche erkennbar 1942 auch eine Menge abgekriegt hat. Wobei ich die Wiederaufbauarchitektur hier trotz Traufständigkeit gar nicht mal so schlecht finde...



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    ...ganz im Gegensatz zu dieser absoluten Katastrophe auf der gegenüberliegenden Südseite. Im wahrsten Sinne des Wortes zwischen zwei Historismusbauten gerammt frage ich mich, was, oder ob überhaupt etwas im Kopf des verantwortlichen Architekten vorging. Oder auch, wie so etwas jemals eine Baugenehmigung erhalten konnte. Hier ein Bild der Vokriegsbebauung.



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    Blick von der Einmündung Schüsselbuden auf den weiteren Verlauf der Südseite, im Hintergrund das für die Straße namensstiftende Holstentor, rechts gut erkennbar die historische Restsubstanz zwischen Trave und Lederstraße auf der Nordseite.



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    Nun machen wir einen weiten Sprung über Schüsselbuden, Markt und Breite Straße, wo wir auf Höhe der Mengstraße, in die wir vorhin nach Westen abgebogen waren, nun über die hier einsetzende Dr.-Julius-Leber-Straße nach Osten bis hinunter zur Königstraße gehen. Hier der Blick von der Königstraße nach Westen in dieses erste Stück der Dr.-Julius-Leber-Straße, das im Gegensatz zu seiner östlichen Fortsetzung jenseits der Königstraße fast vollständig zerstört wurde.



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    Weswegen wir aber wirklich hier sind: Nr. 13, die Löwenapotheke – heute der älteste erhaltene Profanbau der Stadt, erbaut um 1230, also noch vor dem Großen Stadtbrand von 1251. Der heutige Straßengiebel ist von 1358, der kleinere Nebengiebel von 1403, um 1460 erfolgte eine Aufstockung auf die heutigen Dimensionen, Anfang des 16. Jahrhunderts erhielt es ein prächtiges Renaissanceportal, das nur noch in Zeichnungen des 19. Jahrhunderts überliefert ist. Die Löwen-Apotheke wurde hier 1812 begründet, in der zweiten Hälfte wurde auch der rückwärtig erhaltene romanische Giebel seiner bauzeitlichen Treppen beraubt.


    Bald wollte der Besitzer das Haus aufgrund von Unwirtschaftlichkeit komplett abreißen, sein Lehrling (!), der spätere Schriftsteller Erich Mühsam, verfasste einen anonymen Aufruf, der dazu führte, dass die Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit 1901 mit 25.000 gesammelten Goldmark den Abriss verhindern, bis 1908 die Restaurierung und die Eintragung als Denkmal erreichen konnte. Leider brannte das Gebäude 1942 aus, wurde aber noch während des Kriegs aufwändig gesichert und wieder aufgebaut.



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    Der rückwärtige Giebel, der das Alter wirklich anzeigt, stürzte im Gegensatz zum Vordergiebel 1942 ein, wurde aber wie schon erwähnt binnen kurzer Zeit aus dem Trümmermaterial wiedererrichtet.



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    Wir folgen nun der Königstraße weiter nach Süden und wollen uns die bald abzweigende Hüxstraße anschauen, wie schon anfangs erwähnt, neben der nördlich parallel laufenden Fleischhauerstraße ein weiteres sehr umfangreiches und nahezu vollständig erhaltenes Straßenbild. Zunächst eine Totale ziemlich vom Anfang nach Osten.



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    Das erste wirklich interessante Haus ist die Nr. 32, im Kern Ende 13. Jahrhundert, Fassade Mitte 15. Jahrhundert, Innenausstattung des 17. und 18. Jahrhunderts, 1867 klassizistisch verändert und mit den Büsten zweier Größen des Sturm und Drang versehen, die wohl jedem ein Begriff sein dürften. Die Tafel über dem Eingang besagt: „Auf daß, wenn wie ein Glas / Zerfallen wird der Leib, / Mag doch dies Haus bestehn / In Zeit und Ewigkeit. / Dem Eigentümer sei durch Fleiß / Auch der Verdienst gegönnet / Wodurch er sich mit Achtung / Zu Lübeck Bürger nennet. / Und somit tret ein Jeder / in diese Stätte ein / Und geh zufrieden aus / In seine wieder heim.“



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    Da die Straße bis hier einen leichten Knick beschreibt und erst jetzt in die Gerade übergeht, nochmals der Blick nach Osten, der das hier dominierende Weiß klassizistischer Fassaden vor natürlich viel älteren Häusern erkennen lässt.



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    Direkt gegenüber mit der Nr. 35 ein äußerst stattliches Haus des 17. Jahrhunderts, das eigentlich schon fast ins „Kaufmanns-“ denn in dieses Quartier gehört.



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    Wieder auf der anderen Straßenseite das Ensemble der Nr. 48 bis zurück zur Nr. 32. Bemerkenswert die ersten vier, im Kern sämtlich 13. Jahrhundert, aufgehende Substanz 16. Jahrhundert, Fassaden überwiegend spätes 18. Jahrhundert.



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    Die Nr. 66 ist eine weitere der wenigen noch gotischen Fassaden hier, die um die Mitte des 15. Jahrhunderts errichtet wurde. Die Öffnungen im Giebel sind noch original aus dieser Zeit, die einstigen Luken wurden nur im 19. Jahrhundert durch Fenster ersetzt, Portal 18. Jahrhundert.



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    Nr. 78 bis 88 sind zwar nicht denkmalgeschützt, vermitteln aber trotzdem sehr nordisches Flair.



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    Schon ist die als Stichstraße nach Norden auf Bei Sankt Johannis bzw. in die Fleischhauerstraße führende Schlumacherstraße (kein Schreibfehler!) erreicht, der Blick reicht hier bis zum im Hintergrund erkennbaren Johanneum.



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    Von der gleichen Stelle nochmal der Blick zurück in die Hüxstraße nach Westen entlang der Fassaden der Nordseite – prächtig!



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    Folgen wir der Hüxstraße nun weiter nach Westen in Richtung Kanaltrave, so erreichen wir mit der Stichstraße An der Mauer im wahrsten Sinne des Wortes das Ende der mittelalterlichen Bebauung an dieser Stelle. An der Südwestecke dieser Kreuzung gibt es mit der Nr. 128 ein seltenes Beispiel eines giebelständigen Hauses der Spätgotik um 1480, bei dem auf natürliche Weise die eine Traufe frei steht.



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    Folgen wir nun An der Mauer Richtung Süden, und trampeln kurz vor der Rehderbrücke Richtung Südwesten ein bisschen durch die Botanik, so kommen wir zum Krähenteich, an dem sich einige sehr pittoreske An- bzw. Durchblicke auf den Stadtrand mit dem dahinter auftürmenden Dom bzw. der Aegidienkirche ergeben, die ich nachfolgend unkommentiert lasse (vom benachbarten Mühlenteich ist die Perspektive wohl noch besser, aber dafür hat die Zeit nicht mehr gereicht).



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    Zurück in der Stadt, die wir über die historistisch geprägte Mühlenstraße wieder betreten haben, gucken wir hier jetzt schon auf die ebenfalls von dieser Epoche dominierte Straße Musterbahn, die sich südöstlich des Doms erstreckt. Einziger Verlust 1942 war hier das sehr wirkungsvoll platzierte Museum am Dom, 1892 erbaut nach Entwurf von Adolf Schwiening, wie auf dieser historischen Ansicht erkennbar, 1959–61 durch einen meines Erachtens ziemlich öden Neubau ersetzt. Die im historischen Bild zu sehenden Hausrückseiten rechts gehören zu den Fronten auf meinem Bild rechts...



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    ...hier nochmal die Vorderseite, schätzungsweise 1880er Jahre.



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    Von der gleichen Stelle der Blick auf den Dom von Osten, dessen Türme wie bei fast allen Kirchen hier vor allem unglaublich schief sind. Kurze Baudaten: 1173 unter Heinrich dem Löwen als erste große romanische Backsteinkirche an der Ostsee gegründet, schon 1230 fertig gestellt und 1266–1335 gotisch erweitert. Der heutige Zustand war um die Mitte des 14. Jahrhunderts mit dem Anbau des Ostchors erreicht, der die Kirche auf insgesamt etwa 130 Meter Länge brachte, ein weiterer Superlativ unter den Backsteinkirchen.


    Bei der Bombardierung 1942 griff der Brand des benachbarten Dommuseums auf die Kirche über, [url=http://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Bundesarchiv_Bild_146-1977-047-16,_L%C3%BCbeck,_brennender_Dom_nach_Luftangriff.jpg]dieses Bild[/url] ging um die Welt. Da der Brand sich langsam ausbreitete, konnte bis auf den großen Orgel-Prospekt von Arp Schnittger (!) von 1699 fast die gesamte Innenausstattung noch gerettet werden, einzig der Ostchor mit dem Hochaltar von 1696 wurde von einer Luftmine getroffen und mit dem Hochaltar von 1696 fast vollständig zerstört, 1946 zertrümmerte der Giebel des nördlichen Querschiffs dann noch die Paradiesvorhalle. Diese wurde während des Wiederaufbaus bis 1982 ebenso rekonstruiert wie der Ostchor, das Innere bietet heute dank der geretteten Innenausstattung einen nahezu unversehrten Eindruck, nur der Chor wirkt etwas leergefegt. Bemerkenswert unter vielem der Lettner von 1477 mit astronomischer Uhr von 1628.



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    Nun geht es in die Straßen des südlichen Marienquartiers, die zur Stadttrave führen – hier die Nordseite der Effengrube nach Südwesten, die Häuser überwiegend im Kern 13./14. Jahrhundert mit Fassaden des 15./16. Jahrhunderts.



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    Das Ganze nochmal vom Südwestende der Straße nach Nordosten, hier ist gut zu erkennen, dass die Südseite der Straße bis auf ein Gebäude von den Ausläufern der Kriegszerstörungen versehrt wurde.



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    Mit dem Ausgang der Effengrube setzt nach Nordwesten der äußerst malerische Straßenzug An der Obertrave ein...



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    ...hier der Blick nach Süden zum namensgebenden Fluss, der auf dieser Höhe noch ziemlich naturbelassen wirkt.



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    Ganz typisch für diese Gegend sind die zahllosen Gänge – hier Rehhagens Gang in der Nr. 38, hinter dem sich vier frühneuzeitliche Buden um einen Innenhof verbergen.



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    Von dieser Höhe der Blick zurück nach Südosten in Richtung Kleiner Bauhof.



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    Weiter An der Obertrave fällt das Vorderhaus des Rosen Hofes ins Auge (Nr. 30–31), ein in diesen Gefilden sehr seltenes Beispiel für ein überkragendes Steinhaus, im Kern 13. Jahrhundert, Fassade von 1617.



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    Auf Höhe der nun einstechenden Dankwartsgrube führt die Dankwartsbrücke über den Fluss, von der sich ein grandioses Uferpanorama bietet.



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    Abermals der Blick nach Norden, jedoch direkt entlang An der Obertrave bis hinauf zur Musikschule an der Großen Petersgrube. Das rechts zu erkennende Haus mit dem Laubengang ist tatsächlich ein historisierender bzw. getarnter Luftschutzbunker aus den 1930er Jahren, der einen vergleichbaren historischen Bau des 17. Jahrhunderts ersetzte.



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    Nun zur Dankwartsgrube, hier nach Osten, die bis auf einen meiner Meinung nach ziemlich scheusslichen Schulbau auf der Nordseite noch ein geschlossenes Ensemble von schon wieder weit üppigeren Dimensionen als in den Straßen zuvor bildet. Im Hintergrund der Turm der Aegidienkirche.



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    Zwei Impressionen...



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    ...der Nordseite, im Hintergrund der angesprochene Schulbau.



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    Auf etwa einem Drittel des Verlaufs führt die Düstere Querstraße Richtung Marlesgrube nach Norden...



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    ...oder die Lichte Querstraße Richtung Hartengrube nach Süden, die wir nun einschlagen.



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    Durch die Bepflanzung der Hartengrube kann ich von dieser nahezu vollständig erhaltenen Rippenstraße kein vernünftiges Bild anbieten, daher eine Impression von Wikipedia. Von überragender Bedeutung ist das hier befindliche Fachwerkhaus Nr. 20, im Kern 13. Jahrhundert, dessen Fassade, 1551i, ähnlich dem Burgtor in ganz Alt-Braunschweigerischer Tradition zu stehen scheint und wohl das letzte seiner Art in Lübeck darstellt.



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    Als Grund dafür, wieso die Gänge heute so beliebten Wohnraum darstellen, sei dieser Blick in Schwans Hof, zu dem die vorgenannte Nr. 20 das Vorderhaus bildet, angeführt. Hinter dem Gang mit elf Buden erhebt sich der Turm der Petrikirche.



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    Aus der Hartengrube geht es Richtung Osten am Domkirchhof vorbei in die südwestlich auf diesen führende Straße Fegefeuer – man merkt, auch in Alt-Lübeck hatte man Humor.



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    Vom Fegefeuer geht es über die Mühlenstraße in die St.-Annen-Straße. Den Namen trägt sie vom gleichnamigen, hier 1502–15 errichteten Kloster, dessen gewaltige Anlage vom hiesigen Blockrand nach Süden bis An der Mauer reicht. Nach der Schließung im Zuge der Reformation 1532 hatte das Kloster verschiedenste Nutzungen, 1843 richtete ein Brand große Schäden an. Seit 1915 dient es bis heute als St. Annen-Museum, das dank eines deutschlandweit einzigartig frühen Senatsdekretes aus dem Jahre 1818 (!) zum „Schutz der Denkmäler des Altertums und der Kunst“ heute eine der bedeutendsten mittelalterlichen Kunstsammlungen der Welt beherbergt.


    Der Blick geht hier schon jenseits der Anlage, fast auf dem Aegidienkirchhof, der durch die links zu sehenden Bäume gekennzeichnet ist, nach Nordosten.



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    Der Aegidienkirchhof ist analog der Umgebung der Jakobikirche noch vollständig erhalten und somit eng umbaut, was kein Fotografieren der Kirche selbst erlaubt, daher ein Luftbild bei Bildindex. Der Kirchhof hat eine annähernd dreieckige Form, dessen östliche Seite die St.-Annenstraße bildet, von der nach Nordwesten erst die Schildstraße, und dann nach Westen die Aegdienstraße abzweigen, um sich nach einiger Zeit im Westen wieder zu vereinigen.


    Hier der Blick in die Schildstraße nach Westen, im Hintergrund die Aegidienstraße...



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    ...hier die Aegidienstraße selbst, der wir nun folgen.



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    Blick zurück nach Osten entlang der perfekt erhaltenen Aegidienstraße...



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    ...und nochmal kurz nach der in Lübeck meines Wissens einzigartigen Kopfbau-Situation bei der Vereinigung der beiden Straßen. Im Hintergrund die beste Aufnahme auch nur des 86 Meter hohen Turms der Aegidienkirche, die man mit normaler Optik kriegen kann. Sie ist die kleinste der Lübecker Innenstadtkirchen und entstand in vielen kleinen Bauabschnitten ab dem 13. Jahrhundert bis Mitte des 15. Jahrhunderts, das Innere ist bis auf die Zerstörung aller Glasmalereien durch die Explosion einer Luftmine in der Wahmstraße 1942 (vgl. das obige Bildindex-Luftbild) perfekt erhalten.



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    In der westlichen Fortsetzung der Aegidienstraße steht auf der Südseite mit der Nr. 22, dem Geverdeshof, ein zumindest in dieser Gegend seltenes barockes Stadtpalais aus dem Jahre 1779 an der Stelle eines mittelalterlichen Hofes aus der Mitte des 14. Jahrhunderts, von dem wohl auch noch Reste vorhanden sind.



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    Kurz bevor die Aegdienstraße nach Westen wieder auf die Königstraße führt, erlaubt eine wohl kriegsbedingte Lücke an der Ecke zur selbigen den Blick auf einen als Parkplatz zweckentfremdeten ehemaligen Innenhof mit Rückfassaden der Wahmstraße.



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    Über die Aegidienstraße geht es weiter nach Westen über die Schmiedestraße nun zur Petrikirche. Diese, hervorgegangen aus dem hochgotischen Umbau des 15. Jahrhunderts einer spätromanischen Anlage des 13. Jahrhunderts, wurde wie ein Großteil des nördlich, östlich und südlich angrenzenden Gebietes 1942 mitsamt der reichen Ausstattung vollständig zerstört, denn die hier einzig etwas schmalere Schneise des Luftangriffs zog sich ja auch südlich der Holstenstraße bis hinunter zum Dom (Übersichtsbild Bildindex). Der nur äußerliche Wiederaufbau lässt die Kirche innerlich heute als ziemlich deprimierenden, leer gefegten Torso zurück, jedoch bietet der 108 Meter hohe Turm einen hervorragenden Rundumblick auf die Stadt, der nun folgt.


    Der Blick startet im Norden und bewegt sich dann im Uhrzeigersinn, hier im Vordergrund von der Holstenstraße bis nach hinten etwa Kleine Altefähre, im Westen begrenzt die Stadttrave...



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    ...im Osten schon nahezu die Achse Schüsselbuden – Fünfhausen – Kupferschmiedestraße, wie bei diesem Schwenk nach rechts zu sehen.



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    Zoomt man etwas heran, so ist gut das erhaltene westlichste Drittel der Mengstraße zu erkennen.



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    Etwas weiter nach rechts kommt man jenseits der Schüsselbuden schon in den Bereich des Marktplatzes, dessen Kaufhausneubau meiner Meinung nach von oben ein noch weit größerer Störfaktor ist als auf Bodenniveau.



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    Im Hintergrund des vorigen Bildes zeichnet sie sich schon ab, hier dann die Marienkirche in voller Pracht und Würde.



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    Es folgt eine Nahaufnahme des Markplatzes mit dem Rathaus, im Hintergrund die Katharinenkirche...



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    ...und nochmal ein Panorama der vorhergegangenen Aufnahmen, das ganz gut den unbeholfenen und vor allen unmaßstäblichen Wiederaufbau im „Gründerviertel“ erkennen lässt.



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    Weit erfreulicher ist dann der Anblick nach Osten, im Vordergrund begrenzen Breite Straße und Sandstraße, im Hintergrund der nahezu perfekt erhaltene nördliche Teil der Altstadt, in der Ferne die Dachlandschaft des Stadtteils St. Jürgen.



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    Doch nur wenig weiter rechts muss man wieder den Kopf schütteln, wie ein Bau von solcher Materialität und vor allem mit einem solchen Dach in den 2000er Jahren inmitten einer Altstadt genehmigt und gebaut werden konnte, nach meinem Empfinden die schlimmste Bausünde Lübecks überhaupt.



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    Hier sticht die weitgehend zerstörte Schmiedestraße auf dem Klingenberg ein, der Hotelneubau an ersterer Straße zeigt, dass es auch anders geht, zumal hier auch weit unpassendere Nachkriegsarchitektur ersetzt wurde. Für das wohl aus den 1960er Jahren stammende Bankgebäude auf der Südseite des Klingenberges darf man sich hoffentlich bald etwas Vergleichbares wünschen.



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    Detail der Giebelreihung an der Mühlenstraße, links die Aegidienkirche...



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    ...und abermals ein Panorama der Gesamtsituation.



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    Zu den weiteren großen Geschmacklosigkeiten zählt das meiner Meinung nach in geradezu autistischer Weise an die Ecke der Schmiedestraße zur ansonsten perfekt erhaltenen Großen Petersgrube gestellte Parkhaus, das hier links im Bild noch gerade angeschnitten ist. Die dahinter anschließenden Großbauten an Depenau, Marlesgrube und die bereits vorgestellte Schule an der Dankwartsgrube sind auch nicht viel besser.


    Trotzdem muss man auch hier bemerken, dass schon alleine das dahinter zu sehende perfekt erhaltene Stück Altstadt weit größer ist als manche komplette Altstadt in Deutschland!



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    Zoom auf den Dom im Hintergrund...



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    ...sowie die genannte Altstadtpartie jenseits von Depenau.



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    Die Große Petersgrube in der Diagonalen, einer der wohl großbürgerlichsten noch weitgehend erhaltenen Straßenzüge neben dem Rest der Mengstraße. Die Häuser des zumeist 15. Jahrhunderts größtenteils auf Kellern des 13. Jahrhunderts mit vielfach jüngeren, aber auch noch einigen spätgotischen Fassaden, man beachte ebenso die alten, eingesunkenen Dachstühle...



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    ...mit den teils ebenso alten Eindeckungen, hier im Detail noch besser erkennbar, sowie die schönen Innenhöfe. Anhand des vorigen Bildes ist auch gut zu erkennen, wie bei Abwalmung des Daches klassizistische Fassaden vor ältere Gebäude gesetzt wurden und dass man, wie am Eckgebäude zur Trave (Nr. 29), der bereits aus der anderen Richtung gezeigten Musikschule, manchmal sogar mehrere Gebäude (hier des 16. Jahrhunderts) hinter einer Fassade vereinigt hat.



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    Das Gebiet zwischen Stadttrave im Westen, Pagönnienstraße im Norden (rechts schiebt sich hier die Rückseite des Kaufhauses an der Holstenstraße herein), Kolk im Osten und Großer Petersgrube im Süden...



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    ...und, um den Kreis zu schließen, das schon gezeigte Holstentor jenseits der Holstenstraße. Links davor die Salzspeicher des 16.–18. Jahrhunderts, die der Lagerung des aus Lüneburg sowie der Saline in Bad Oldesloe hierher geschifften Salzes dienten. Der dahinter gelegene, weitgehend historistisch geprägte Stadtteil St. Lorenz wurde als einziger Vorort im Zweiten Weltkrieg erheblich beschädigt.



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    Bis wir vom Turm herunter im Nordwesten der Stadt angelangt sind, geht nun auch schon langsam die Sonne unter. Die Engelsgrube stellt nördlich der Fischergrube in der Westhälfte der Altstadt die erste Rippenstraße da, die völlig unversehrt blieb. Hier der Blick von ungefähr der Straßenmitte nach Westen Richtung Trave, das dritte Haus rechts die Nr. 56 mit noch hohem gotischen Giebel des 15. Jahrhunderts.



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    Schräg gegenüber die Nr. 45–47, äußerlich wie innerlich sehr gut erhaltene Beispiele für die Backsteinrenaissance des 16. Jahrhunderts.



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    Portal zum Gang Sievers Torweg hinter der Nr. 31 mit zahlreichen Buden, der am Abend als einer von wenigen verschlossen wird.



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    Engelsgrube Nr. 6–18 auf der Nordseite, ehemals zu Häusern am Koberg gehörig, im Kern sämtlich um 1500, die Nr. 8 mit den sichtbaren Hölzern des Daches ein seltenes Beispiel für ein überkragendes Haus, bei dem ein ehemaliger Fachwerkstock im 17. Jahrhundert in Stein ersetzt wurde.



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    Eigentlich ging es jetzt nochmal zurück bis zum Hotel, um das Stativ zu holen, während die Sonne hinter den Horizont sank, und die blaue Stunde anbrach. Aus Gründen der Kontinuität finden die anschließend geschossenen Bilder dennoch erstmal ihre Fortsetzung in der Engelsgrube – die Totale auf halber Höhe nach Norden mit dem Turm der Jakobikirche im Hintergrund gehört zu den großartigsten Stadtansichten.



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    Nochmals, ähnlich dem ersten Bild aus dieser Straße, die westliche Hälfe der Nordseite.



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    Es folgen Ansichten der Marienkirche von der Ecke Beckergrube durch die Straße Fünfhausen nach Süden...



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    ...sowie der Nordseite...



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    ...und der Südseite der Mengstraße nach Westen.



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    In Schwarz-Weiß wohl nicht zu datieren wäre dieser Blick von der Mengstraße in die Siebente Querstraße nach Norden...



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    ...während dieses Bild der Mengstraße nach Osten durch die Blechkolonne in seiner Wirkung leider etwas gedämpft wird.



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    Als Klassiker ist dagegen diese Ansicht des Ostwerks der Marienkirche vom Schrangen zu bezeichnen...



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    ...mein persönliches Lübecker Lieblingsbild bleibt aber die Fleischhauerstraße mit den hervorragenden Türmen der Marienkirche im Hintergrund. Da nun norddeutsche Biere verkostet werden mussten, endet zumindest der Rundgang durch die Altstadt von Lübeck an dieser Stelle.



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    Travemünde


    Als kleiner Bonus ein paar unkommentierte Impressionen aus Travemünde vom darauf folgenden Tag, das ja als Stadtteil von Lübeck am ehesten in diesen Strang passt.



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    Outtakes


    Und abschließend, um mal den Anglizismus zu bemühen, die Outtakes, d.h. unkommentiert die Bilder, die ich zwar selektiert und entwickelt hatte, aber dann doch nicht mehr in den Rundgang gepasst haben (meist aufgrund Überschneidungen mit anderen Bildern).



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    Das wars nun aber endgültig. Danke an alle, die bis hier durchgehalten haben. ;)

  • Danke fur deine wunderbare Durchgang...ich werde es oft anschauen. Backsteingotik gibt es ja nicht so viel hier in England...


    Die Fuhrung durch die Stadt ist auch sehr gut gemacht. Deine Bildenbogen sind dafur auch sehr informativ.


    Danke!

  • In der Tat, grandios. Da muss ich wieder mal hin.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Vielen Dank für die zahllosen Bilder und den ungemein umfangreichen und informativen Kommentar - ich habe 1,5 Stunden gebraucht, um alles zu lesen und mir die Bilder einmal kursorisch anzuschauen und möchte gar nicht wissen, wie lange das Zusammenstellen und Schreiben des Kommentars gedauert hat. Mir war zwar bewusst, dass sich hinter vielen Fassaden des 19. Jahrhunderts noch mittelalterliche Substanz verbirgt, aber dass dieses Phänomen derart häufig ist, ja scheinbar für eine Mehrheit der äußerlichen Klassizismusbauten gilt, erstaunt dann doch. Nichtsdestotrotz ist die Zahl der Häuser, die sich äußerlich sofort als Beispiele der Backsteingotik oder -renaissance ausweisen, enorm. Hier liegt substanzmäßig wohl wirklich ein weitgehend erhaltenes "Nürnberg des Nordens" vor, allerdings mit ganz anderen Profanbauten und mit bedeutenderen Sakralbauten. Vergleiche mit Gent und Brügge erscheinen nicht übertrieben.


    Bausenator Franz-Peter Boden sagte 2007 über die Lübecker Altstadt:


    Sicherlich muten die Zahlenangaben für Grundstücke und noch mehr diejenigen für Gebäude sehr hoch an und es ist nicht ganz ersichtlich, was unter den einzelnen Gebäudetypen jeweils genau zu verstehen ist, es liegt jedoch zweifelsohne eine für mitteleuropäische Verhältnisse sehr große Altstadt vor. 150 ha Altstadtfläche sind etwas größer als Frankfurt (128 ha) oder Wien (ca. 130 ha), etwa genauso groß wie Nürnberg (ca. 150-160 ha) und etwas kleiner als Augsburg (ca. 200 ha).

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Vielen Dank für diese tolle Darstellung. Obwohl HL nicht so weit von HB weg liegt, habe ich leider noch nicht viel von der Stadt gesehen. Vieles erinnert micht -natürlich- an Brügge. Der Neubau aus dem Jahr 2000, den Du gegen Ende des Beitrages zeigst, passt natürlich phantastisch schlecht in die Stadt. HL wurde ja nun gezielt für den ersten Großangriff der RAF 1942 ausgewählt, da die eng bebaute Stadt gut brennen musste, was sie dann ja auch getan hat. Aber andererseits war dieser frühe Angriff fast ein Glück der Stadt, ein späterer Angriff hätte noch weit mehr Schäden verursacht.

  • Vielen Dank, RMA, für die wunderbare Fotoserie und die wie immer sehr ausführlichen Recherchen dazu, hier vor allem zum "Kaufmanns- oder Gründerviertel".
    Das Glandorpsche Haus und das ursprüngliche Schabbelhaus sollten unbedingt rekonstruiert werden, ebenso wie die Kriegsstube im Rathaus und die historischen Orgeln in St. Marien, St. Petri und dem Dom.
    Der Wiederaufbau von Holstenstraße und Breiter Straße finde ich auch nicht so schlecht, man kann hier von Reparatur sprechen. Aber am Marktplatz und um St. Petri ist bis auf das neue Hotel eigentlich alles schief gegangen-leider.

  • Wirklich überragend gemacht. Also wirklich ein Querschnitt durch ganz Lübeck und immer sehr ausführlich beschrieben. Vielen Dank noch einmal. Ich finde es sehr schade, dass ausgerechnet am Rathausplatz und in seiner unmittelbaren Umgebung einige sehr triste Bauten stehen, diesen Missstand sollte man unbedingt beheben.

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.


    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • @Breslau:
    Das muss man so sehen, wenn man deinen Nick hat.
    Alte Ansichten des Marktplatzes zeigen indes ein in meinen Augen für (west)dt. Städte typisches Phänomen, wonach der Bebauung des zentralen Platzes anders als im restlichen Mitteleuropa keine besondere Bedeutung zukam (von den öffentlichen Gebäuden natürlich abgesehen). Die alten Giebelhäuser wirken durchaus eher schlicht, und es besteht kein Zweifel, dass man heute noch in diversen Gassen reichere Exemplare findet. Des weiteren, auch das ist ein Phänomen, zeigt sich der wirtschaftliche Erschließungsdruck auf die Platzbebauung weit stärker als anderswo - restaurative oder gar denkmalpflegerische Bedenken hatte man hier wohl nicht. Im Ergebnis wurde der Lübecker Markt im Laufe der Zeit immer mehr nach unten nivelliert - bis zum heutigen traurigen Zustand, der wahrscheinlich zu einem gewissen Teil darauf zurückzuführen ist, dass der Vorkriegszustand eben auch alles andere als berauschend war, und dass es einfach zuvor keine wiederaufbauwürdige Bauten gegeben hatte. Von radikalen, aber der Innenstadt durchaus angemessenen polnischen Methoden, einen (fiktiven oder realen) älteren Zustand wiederherzustellen, hielt (und hält) man bis heute nichts, was sehr schade ist, denn der Lübecker Markt stand wohl um 1870 dem Rostocker um nichts nach.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Wobei im Falle Lübecks der Begriff "westdeutsch" aus historischer Sicht vor den (oftmals zeitlich rückwirkend gebrauchten) Kategorisierungen des Kalten Kriegs problematisch ist. Vielmehr liegt hier einer der Ausgangspunkte für die deutsche Ostkolonisation und deren Planstädte. Der Lübecker Dom, zu dem Heinrich der Löwe den Grundstein legte, ist das Denkmal schlechthin für die deutsche Eroberung, Besiedlung und Christianisierung Ostholsteins. Georg Dehio: "Lübeck ist die älteste der planmäßig angelegten Städte im nordostdeutschen Siedlungsgebiete. Auf dem gestreckten Höhenrücken zwischen Trave und Wakenitz wurden Burg und Stadt 1143 und letztere von neuem 1159 gegründet. Der Ausbau der Stadt und die Errichtung der Kirchspiele vollzog sich in den nächsten Jahrzehnten, und wenn das Straßennetz noch nicht die Regelmäßigkeit zeigt, wie später besonders Neubrandenburg, so gab das beschränkte hügelige Gelände die Ursache."

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Schones Panorama


    Quote

    Auf Höhe der nun einstechenden Dankwartsgrube führt die Dankwartsbrücke über den Fluss, von der sich ein grandioses Uferpanorama bietet.



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  • Trotz Kriegsverluste, eine grandioese Stadt, die ich besser kennen muss...


    Was mich am Luebecker Marktplatz besonders stoert, ist die trostlose Eintoenigkeit (im Gegensatz zu der Nachkriegsbebauung an der breite Strasse, z.B.). Ein bischen mehr weisse Fassaden, ein bischen mehr Vielfalt mit Formen (z.B., die schlichte Fenster!), und es koennte viel mehr attraktiv sein.

  • Quote from "Gil"

    Was mich am Luebecker Marktplatz besonders stoert, ist die trostlose Eintoenigkeit (im Gegensatz zu der Nachkriegsbebauung an der breite Strasse, z.B.)..


    Stimmt. Das neue Kaufhaus stört mich da sogar weniger.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Auf dem Marktplatz müßte man alles außer dem Rathaus, dem Kaak und das neugotische Haus neben der Marienkirche abreißen und irgendwie klassisch neu aufbauen. Das könnte aber eine Jahrhundertaufgabe werden.

  • Ein großes Dankeschön für diesen tollen Beitrag, RMA.
    Ein famoser eindrücklicher Stadtrundgang, den ich über nahezu zwei Stunden mit Begleitung der Bing Vogelperspektive unternehmen konnte und dabei zudem noch sehr häufig die volle Größe der Bilder hinzugezogen habe, welche den Betrachter nahezu vor Ort führen. Exzellent!


    Ich erlaube mir, zunächst noch auf dieses Bild aus dem Zeitraum 1942-1944 hinzuweisen, welches von einem Block westlich der Marienkirche über die Altstadt schwenkt und zeigt, wie verdammt knapp es Marienkirche und Rathaus beinahe doch überstanden hätten. Genau dies zeigt auch jenes - weitreichendere - Lufbild aus dem Jahr 1945, welches den gesamten nordwestlichen Bereich der Altstadtinsel zeigt:



    Bildquelle: Life bei Google


    Dann hätte ich noch beizutragen ein altes Bild, welches die Häuser der Nordseite am Marktplatz links der Renaissancelaube (deutlich) vor dem von Dir auf die 30er-Jahre geschätzte Umbau im "prae-postmodernen" :) Stil zeigen; darüber hinaus natürlich auch den Marktplatz mit dem neugotischen Brunnen und dem damaligen noch vorhandenen Baumbestand.


    Bildquelle: Großdiathek der Universität Halle-Wittenberg


    In diesem Zusammenhang dann schließlich noch der Hinweis auf diese sehr, sehr feine Seite mit Informationen und vielen Abbildungen verlorengegangener Bauwerke in Lübeck:
    http://de.wikipedia.org/wiki/L…3%BCbecker_Bauwerke#Markt

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Wenn ich dem Bericht von RMA lese und dann noch das Luftbild von Palantir sehe, sehe ich genau die "Falle", in die ich getappt bin, als ich das letzte Mal vor vier Jahren in HL war, beruflich bedingt und nur für ein paar Stunden und gänzlich unvorbereitet. Wir hatten die Stadt durch das Holstentor betreten, waren am Buddenbrockhaus und am Rathaus, ich kann mich noch an eine ziemlich häßliche Straße erinnern, die (aus Richtung vom Holstentor) hinter oder vor der Marienkirche links abbiegt, da haben wir genau nicht die Schokoladenseiten von HL gesehen. Wir sind dann (aus Richtung vom Holstentor) noch rechts hinunter gelaufen, da war ich dann nach den ersten Eindrücken überrascht, dass es in HL doch sehr schöne Ecken gibt. Blamabel. Bis zum Burgtor bin ich längst nicht gekommen. So habe ich dann die Stadt nicht übermäßig begeistert verlassen. Dass mein Eindruck nicht der richtige war, dämmerte mir durch einige Beiträge hier im Forum schon eher. Aber vermutlich wird es vielen Leuten so gehen, dass sie sich die Ecke Holstentor/Rathaus ansehen und die deutlich schöneren Ecken der Stadt verpassen.

  • Vielen Dank für die wunderschöne Galerie.


    Es wird auf der einen Seite die Pracht der alten Diva deutlich, aber auch die Tristesse die heutzutage in der Stadt herrscht, die ich bei meinem Besuch im letzten Jahr empfunden habe.


    Es bleibt zu hoffen, dass die Lübecker zu sich finden und das Stadtbild lieben lernen, das auf sie überkommen ist. Ferner bleibt vor allem zu hoffen, dass sich die wirtschaftliche Lage der Stadt wesentlich verbessert, um so die notwendigen Reparaturen im Stadtbild vornehmen zu können. .... und die Raupe am Marktplatz muss weg und das Umfeld von St Marien bis St Petrie entscheidend d.h kleinteilig und giebelständig verbessert werden.

  • Der Vergleich mit Würzburg passt nicht schlecht, c' est tout à dire.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Erstmal danke für die vielen tollen Lübeck-Fotos. Bei der Qualität werde ich glatt neidisch, ich brauche unbedingt mal eine bessere Kamera.


    Obwohl ich von dem, was sich an historischer Bausubstanz in Lübeck erhalten hat, schier begeistert war (hab ja im Juni / Juli wegen einer Ausgrabung mal sechs Wochen dort gewohnt), war ich doch umso schockierter von der Wiederaufbauarchitektur, die zwar für sich genommen größtenteils ganz in Ordnung ist (von C & A, Karstadt sports und einigen Bauten an der Königsstraße abgesehen), aber eben einen völligen Bruch mit dem darstellt, was vorher dort stand. Noch mehr schockiert mich jedoch das, was dort in den letzten Jahren vielfach entstanden ist. Nachdem es in den 80ern / 90ern reichlich Neubauten und Kriegslücken-Schließungen in einem angepassten postmodernen Stil auf den historischen Parzellen gab, hat man mit dem Haerder-Center und dem Klotz an der Ecke Beckergrube / Breite Straße sowie dem, was da zurzeit an der Ecke Beckergrube / Ellerbrook gebaut wird, wieder einen Schritt zurück gemacht, da diese Bauten allesamt überdimensioniert und ohne große gestalterische Qualität oder gar Anpassung an die Umgebung errichtet worden sind. Soweit ich weiß gehören die kriegszerstörten Bereiche zwar nicht zum Weltkulturerbe, aber dennoch wäre da dringlichst eine Gestaltungssatzung für die gesamte Altstadtinsel vonnöten. Vor allem auch, weil Lübeck im Gegensatz zu eher beschaulichen Altstadt-Ensembles wie Goslar oder Quedlinburg nun mal eine Großstadt und der Investorendruck entsprechend hoch ist. Ich hoffe nur, dass die Neubebauung des Gründungsviertels in ein paar Jahren anspruchsvoller und altstadtgerechter wird. Sonst hätte man die völlig deplatziert wirkenden 50er-Jahre-Berufsschulen auch stehen lassen können.

  • Quote from "Der Herzog"

    Vielen Dank für die wunderschöne Galerie.


    Es wird auf der einen Seite die Pracht der alten Diva deutlich, aber auch die Tristesse die heutzutage in der Stadt herrscht, die ich bei meinem Besuch im letzten Jahr empfunden habe.


    Ich wurde dass wiedersprechen. Die erhaltene Teilen von Lubeck hat keine Tristesse sondern sind oft extrem liebevoll hergerichtet. Besonders die Gangen sind wunderbar und geschmackvoll renoviert.