Dresden, Altstadt - Quartier VII/1 - Baywobau/CTR

  • Bert, kann man schon absehen in wie weit der Kulturpalast von diesem Quartier verdeckt wird wenn man unter dem Durchgang von Dresdener Schloss und Taschenbergpalais kommend die Innenstadt betritt? Wäre schön, wenn das unschöne Ungetüm komplett dem Blick entgeht und man unbehelligt davon zum Neumarkt gelangt.

    Wenn du auf deinem Weg stur geradeaus schaust, wirst du den Kulturpalast nicht sehen können. Wenn du den Blick aber auch mal nach rechts schweifen lässt, ergeben sich noch vereinzelte Möglichkeiten: vom Platz vor dem Südflügel des Schlosses aus und später durch die Schössergasse sowie die Galeriestraße. Die neuen Bauten von Q VII/1 nehmen die historische Bauflucht der Schloßstraße auf. Der Kulturpalast steht auch an der Schloßstraße, aber etwas zurückgesetzt. Er ist übrigens kein "Ungetüm". 103 m lang, 72 m breit und circa 20 m hoch, also gar nicht mal so groß. Mir gefällt der Kulti. Er bietet einen ausgezeichneten Konzertsaal und schöne Foyers. Besonders bei abendlicher Beleuchtung macht die Schaufassade zum Altmarkt was her. Der Kulturpalast ist ein Hauptwerk der Ostmoderne und steht unter Denkmalschutz. Ein kulturhistorisch interessierter Besucher Dresdens sollte eigentlich nicht die Augen vor ihm verschließen.

  • Hallo,


    also für das QVII.1 gibt es besseres als dieses Streetview, schon völlig vergessen?


    Wer wissen will, wieviel man vom Kulti mit wiederaufgebautem QVII.1 sehen kann, der kann nur hier schauen und sonst nirgendwo: Arstempano - Panorundgang 2030. Klicken müsst Ihr schon, Bilder werde ich vorläufig keine mehr in Foren einstellen.

    Ist überhaupt registriert worden, dass es die Potsdamer Seite von uns nicht mehr gibt? Nun gut - die wird es bald unter neuer Flagge (nicht mehr von mir) wieder geben.

    Gruß Andreas

  • Um zu wissen, wie viel vom Kulti noch zu sehen sein wird, braucht man weder Streetview noch Arstempano. Ein bisschen Ortskenntnis reicht aus. Die Straßenverläufe sind ja alle vorhanden und das aktuelle Baufeld ist deutlich zu erkennen. Durch Fotos und Erläuterungen wird das Wissen mit anderen geteilt. Gerade auch in diesem Strang haben wir tolles Bildmaterial. Zurückblättern lohnt sich bis mindestens Seite 5. Dort gibt es auch Visualisierungen, die, soweit ich das sehe, etwas von Arstempano abweichen.


    Beim Betrachten des Panoramarundgangs 2030 ist mir wieder bewusst geworden, wie stark sich die Gegend um den Neumarkt in den letzten Jahren entwickelt hat. Wo die Visualisierung mit Platzhaltern arbeitet (namentlich im Bereich Galeriestraße, Rosmaringasse) sind die Häuser längst fertiggebaut und bezogen. An anderen Stellen, wo für Arstempano Architekturentwürfe herangezogen werden konnten, sehen wir heute die weitgehend realisierte Umsetzung. Man schaue sich mal Q VI mit Blobelhaus und Elimeyer an, wo doch einiges heute gegenüber der Visualisierung anders aussieht. Q VII/1 und Q III zwischen Rampischer und Landhausstraße sind die letzten laufenden Bauprojekte. Vielleicht klappt es bis 2030 auch noch mit dem Hotel Stadt Rom.


    Insgesamt bin ich der Meinung, dass für die Übergänge zwischen den Neumarktquartieren und der Bebauung an der Wilsdruffer Straße gute Lösungen gefunden wurden. Eine Stadt besteht eben aus verschiedenen Teilräumen und Zeitschichten. Auch der Kulturpalast gewinnt durch die Umbauung seiner Rückseite.


    Lieber Andreas, vielen Dank für deine Visualisierungen und Panoramen! Vieles, was du für andere erstmals in Farbe sichtbar gemacht hast, ist inzwischen Realität. Ich denke, da auch an einige Räume im Residenzschloss. Wenn deine Visus heute zum Teil "alt" aussehen, weil wir die betreffenden Orte in echt erleben können, ist das ein schöner Erfolg.

  • [...]

    Ist überhaupt registriert worden, dass es die Potsdamer Seite von uns nicht mehr gibt? Nun gut - die wird es bald unter neuer Flagge (nicht mehr von mir) wieder geben.

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    Vor einigen Tagen habe ich sie noch gesucht, weil ich mir noch einmal das Modell der rekonstruierten Garnisonkirche ansehen wollte - dann weiß ich jetzt auch, wieso ich sie nicht gefunden habe ;)


    Rastrelli Ich kann deine Äußerungen zum "Kulturpalast" nur schwer nachvollziehen. Für mich gibt es kaum ein besseres Beispiel, wie Nachkriegsarchitektur ohne Sensibilität für den Ort einer (wenn auch zerstörten) Altstadt, oder die Stadtstrukturen allgemein einfach irgendwo hingeklotzt wurde. In der Nähe zum Schloss, die Fassade zum Altmarkt hin, den man, so wie ich das aus den Bildern interpretiere, schon zu DDR-Zeiten wieder angelegt und mit Gebäuden umgeben hat - das hat mit gelungener Stadtbildgestaltung nicht das Geringste zu tun.

    Dann das Gebäude selber - was soll dadran toll sein? Wenn man Fan moderner Architektur und riesigen, gleichförmigen Glas-Kästen ist - bitteschön. Aber wenn man die Qualität historischer Architektur zu schätzen gelernt hat, wie kann man dann noch irgendetwas an diesem Gebäude finden, das isoliert, wie ein Fremdkörper, irgendwo in der Stadt steht und einfach nur ein viereckiger Glaskasten auf Stelzen ist? Ich spreche jetzt von der Wirkung auf das Stadtbild, nicht vom Inneren.

    Auf dem Gebiet der ursprünglichen West-BRD würden Leute hier aus dem Forum sagen "hässlicher Nachkriegsschrott, weg damit", auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist es plötzlich ein "schützenswerter Vertreter der Ost-Moderne". Ich verstehe das nicht.


    Von daher ist es meiner Ansicht nach sehr zu begrüßen, wenn das Ding nun endgültig mit Gebäuden vom Neumarkt-Areal abgeriegelt wird und man auch vom Schloss aus nur noch durch eine schmale Lücke mit dem Anblick belästigt wird.

    Vielleicht wird man sich angesichts des fantastischen Neumarktareals bei der nächsten Sanierung in 50 Jahren ja erneut die Frage stellen, ob es dieses Gebäude wirklich braucht - und wenn man es wirklich erhalten möchte, kann man es ja vielleicht abbauen und außerhalb der Altstadt wieder irgendwo wieder hinstellen.

  • Sehr geehrter Centralbahnhof,
    dass Sie manches nicht verstehen, wie Sie selbst darstellen, möchte ich gern versuchen zu heilen.


    Es ist wahr, dass der Kulturpalast - aus heutiger Sicht, mit der Brille der 2000-er eine städtebauliche Sünde ist. Aber man weite doch bitte den Blick für historische Zusammenhänge, die hier - etwas vereinfacht und plakativ in Erinnerung gerufen werden sollen:


    1.

    Die Altstadt war komplett zerstört, verbrannt am 13.02. 1945 vorher vom Krieg noch nahezu unberührt.

    https://de.wikipedia.org/wiki/…Blick_vom_Rathausturm.jpg


    2.

    Da man in der DDR kein Privateigentum zuließ, war ein kleinteiliger Aufbau wie in der "ursprünglichen West-BRD" (man vergleiche dazu beispielsweise die zahlreichen 50-er Jahre "Altstadthäuser" in Köln, die übrigens auch zu einem Großteile denkmalgeschützt sind) unmöglich.

    Nach 10 Jahren des ruinösen "Stillstandes" war in Dresden um 1955 fast alles planiert worden. 1961 sah es so aus.
    https://www.researchgate.net/f…bibliothek_fig5_263417986

    https://oldthing.de/AK-Ansicht…usturm-Dresden-0032162401


    3.

    Bis Mitte der1980-er Jahre gab es Bestrebungen in Ost-Berlin, das Residenzschloss und Taschenberg-Palais in Dresden abzureißen. Denkmalpfleger, TU Dresden und die "bildungsbürgerliche Gesellschaft" Dresdens haben "ihre" Ruinen durch Tricks und Kniffe über die Zeit gerettet.
    Die Dresdener Sophienkirche war schon 1962/63 ausradiert worden, als Walter Ulbricht (auch) in Dresden, wie in vielen sozialistischen Bezirksstädten durch den Abriss von kulturell bedeutenden - aber nicht ins Weltbild passenden - Ruinen den Sozialismus "siegen lassen wollte" (Residenz-Schloss Berlin 1950, Stadt-Schloss Potsdam 1960, Pauliner-Kirche Leipzig 1968).

    Intolerante, geschichtsvergessene Machthaber haben damals im Osten Kultur beseitigt und Gebäude im Sinne des Sozialismus als "Zeichen der neuen Zeit" errichten lassen.


    4.

    Der Kulturpalast entstand in einer Zeit, in der die Regierenden eine sozialistische, autogerechte und für Massendemos taugliche Innenstadt bauen und mit ihm ein Zeichen setzen wollten.
    Bemerkenswert dabei ist, dass man sich mit dem Kulturpalast vom durch stalinistisch-russische Einflüsse geprägten "Zuckerbäckerstil" bzw. "Sozialistischen Klassizismus" (noch besser finde ich den Begriff "Architektur im Sinne der nationalen Tradition", denn die Dresdener Altmarktbauten in diesem Stil sind ja eher "Barock" als "Klassizistisch") löste und architektonisch zur internationalen Moderne Anschluss fand. Man kann es mögen oder nicht. Ich mag es nicht besonders.
    Doch es ist unsere Geschichte und nicht nur "hässlicher Nachkriegsschrott".


    Man setzte den Kulturpalast nun einfach irgendwie auf eine FREIE Fläche, denn nach dem Komplettabriss aller Ruinen (bis auf, Schloss, Taschenbergpalais, Stallhof und Johanneum, Frauenkirche) gab es im Umfeld keine relevanten Strukturen mehr.
    (Wenn ich zu Hause tapeziere, arbeite ich auch nicht um das Bohrloch vom alten Hängeschrank drum rum, wenn ich gestalterisch nach der Renovierung etwas ganz anderes will. Insofern kann ich die Werdung des Kulturpalastes auf einer leeren Fläche verstehen, auch wenn ich die Geschichtsvergessenheit im Zusammenhang seiner Entstehung und seine städtebauliche Disharmonie sehr bedauerlich finde.

    Man drehte seine Laderampe - seinen "Hintern" - den historischen Resten zu, die man ja vermutlich sowieso beseitigen wollte bzw. wegen finanzieller Impotenz eigentlich musste.


    5.

    Im Übrigen ist natürlich der Abriss von bedeutender Bausubstanz kein Ostdeutsches oder kommunistisches Phänomen (Braunschweiger Residenzschloss 1960), war aber auf der "falschen Seite" der deutschen Nachkriegsgeschichte unbestritten weiter verbreitet, für hochrangige Ruinen.

    Dass man im Westen im Zuge der Wirtschaftswunder-Modernisierungen gleichfalls unzählige wertvolle historische Bausubstanz im Privateigentum vernichtete, sei nur nebenbei als Denkanstoß erwähnt.

    ---------


    6.

    Nun hat sich mit einem dramatischen Umbruch 1989 / 90 für die Menschen auf dem Gebiet der "ursprünglichen Ost-DDR" - um in Centralbahnhofs Duktus zu bleiben - alles komplett verändert. Es gibt Menschen, die sich aufgrund gebrochener Biographien, westdeutscher Übermacht in allen Führungsebenen etc. pp. als Deutsche 2. Klasse fühlen. Gerade diesen Bevölkerungsgruppen wäre ein Abriss des Kulturpalastes als "Symbol" ihrer eigenen "selbst durchlebten" Geschichte nicht zu vermitteln gewesen.


    7.

    Auch haben die Bewohner und der von diesen gewählte Stadtrat in Dresden die Toleranz entwickelt, selbst unliebsame Bauten als Zeugen der Geschichte zu erhalten und nicht in das bereits im Sozialismus praktizierte Muster der Geschichtsvergessenheit erneut zu verfallen.

    Sicher sind Ihnen die jahrelang lähmenden Diskussionen über Erhalt oder Abriss entgangen, da ja der deutschlandweite Feuilleton - geprägt durch die Medienzentren in Westdeutschland - "Nebenschauplätze" wie Dresden in solchen unbedeutenden Fragen wenig auf dem Schirm hat.


    8.

    Ich finde den Kulturpalast außen nicht wirklich schön. Aber er ist eben tatsächlich eine der wenigen erhaltenswerten DDR-Bauschöpfungen. Zu 95% haben wir Plattenbauten aus dieser Zeit. Und die bedeutendsten Schöpfungen sind in Sachsen u.a.
    - der Kulturpalast und Fernsehturm in Dresden,

    - die Chemnitzer Stadthalle und

    - Oper und Gewandhaus in Leipzig.*

    Ich meine -genau wie Rastrelli, dass die städtebaulich katastrophalen Rückseiten des Kulturpalastes durch die "Verbauung" mit den rekonstruierten Stadtquartieren gut "entschärft" wurden . Die zu errichtende Schallschleuse an der Rückseite wird die Situation aus meiner Sicht weiter verbessern. Dass man den Kulturpalast von hinten nicht mehr sehen muss, ist auch für mich ein Gewinn. Trotzdem möchte ich ihn nicht missen.

    Die Nutzung des Gebäudes ist nach dem Umbau vorbildlich und gestalterisch ist der Kulturpalast innen nun "unglaublich" gut gelungen.

    Die Freiflächen Richtung Altmarkt sind hoch attraktiv geworden.


    9.

    Nun erlauben Sie mir die polemische Frage, warum Sie - aus dem Gebiet der ehemaligen BRD, scheinbar Köln - mit einem doch sonst für IHRE Region immer besonders hervorgekehrten toleranten Weltbild es nicht schaffen zu akzeptieren, dass manche Menschen wie Rastrelli (oder ich) sowohl etwas modernes stimmig finden können und andererseits trotzdem für Rekos sind.
    Geht heute wirlich nur noch schwarz oder weiß, oder darf es auch irgendwas dazwischen sein?
    Ich hoffe doch, man braucht im toleranten Köln keine Nachhilfe aus Dresden ;-)


    10.

    Nebenbei frage ich mich, warum man in Köln gerade dabei ist, ein Gebäude - hier im Forum vermutlich genau so ungeliebt wie der Dresdener Kulturpalast - für fast 1 Milliarde Euro zu erneuern (und damit kostentechnisch an die Hamburger Elbphilharmonie heran zu reichen).

    https://de.wikipedia.org/wiki/Oper_Köln

    Wir haben hier nur 100 Millionen für das kulturelle Erbe der DDR "verschwendet".



    * Leider versteigt man sich dazu, in Dresden auch Robotron-Kantinen, Plattenbauten am Neustädter Markt oder Freiflächen an Theaterwerkstätten als schützenswert bis hin zu denkmalwürdig zu erklären.

    Und da hört für mich dann das Verständnis auf.

    Auch hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich mal eine Lanze für den Kulturpalast treffe.

  • Die Bilder aus dem Kriegszerstörten Dresden und dem planierten Nachkriegszustand kommen mir leider sehr bekannt vor - da hat Köln nicht anders ausgesehen. Die generelle Enteignungen von Grundstückseigentümern (hat es in Westdeutschland meines Wissens nach auch gegeben, aber mit deutlich größeren Hürden) ist natürlich ein wichtiger Aspekt, warum Dresden, gerade außerhalb des Neumarktareals so aussieht wie es aussieht. Ich würde ja sagen, beides hat Vor- und Nachteile. Im Köln von heute müsste man nach und nach die Eigentümer der einzelnen Grundstücke dazu bringen, ihr Haus abzureißen und eine Rekonstruktion dort hinzubauen, dafür gibt es an vielen Stellen noch die alten Grundstücke und Straßenführungen. In Dresden sind die, so wie ich das sehe, an vielen Stellen eben nicht mehr vorhanden, das macht es aber vielleicht auch einfacher, die Platten abzureißen, alles nochmal zu planieren und in einem Abwasch neu zu bauen. Hier kommt ja auch das Neumarkt-Areal ins Spiel, was in Köln so niemals möglich gewesen wäre, weil die gesamte Innenstadt relativ schnell wieder dicht bebaut wurde.

    Aber es geht ja eigentlich um den Kulturpalast, der, eben irgendwo auf eine freie Fläche gesetzt wurde, allerdings, wie Sie schreiben, im Gefüge einer sozialistischen modernen, autogerechten Stadt. Das selbe sozialistische Regime war für zahlreiche, klar politisch-kulturell motivierte Abrisse wertvollster Kulturdenkmäler verantwortlich - Sie erwähnen sie - und wollte sich offenbar auch in Dresden zu schaffen machen, was die Dresdener offenbar zum Glück verhindern konnten.

    Was ich mich nur frage ist, wieso man sich auf dem Gebiet der ehemaligen DDR trotzdem so mit den von diesem kulturverbrecherischem, sozialistisch diktatorischem, aus dem Ausland gesteuerten Regime errichteten Bauten identifiziert. Anstatt sich auf die Bauten zurück zu besinnen, die jahrhundertelang das Bild der eigenen Stadt geprägt haben (Stadtschloss Berlin, Stadtschloss, Alter Markt und Garnisonkirche Potsdam, oder eben hier der Altmarkt Dresden im Herzen der Innenstadt), klammert man sich an die vom sozialistischen Regime errichteten Bauten, wie dem unsäglichen Palast der Republik, der Fachhochschule und dem Rechenzentrum in Potsdam oder dem Kulturpalast in Dresden.

    Anstatt die Bauten der Kulturverbrecher, die zudem allesamt eben auch nicht wirklich schön aussehen, zusammen mit der sozialistischen Diktatur einzureißen, verklärt man diese Bauten mehr zum unverzichtbar gewordenem Bestandteil der Identität seiner Stadt, als man die ursprünglichen, eigentlich unverzichtbaren Bestandteile der Stadt als solche überhaupt wahrnimmt. Stattdessen hat man den Eindruck, dass die Wiedererrichtung dieser Gebäude wie in Berlin oder Potsdam als Projekte der eingewanderten Westdeutschen zur Erniedrigung der Einheimischen wahrgenommen werden. Dass in Wirklichkeit die Identität der eigenen Stadt zurückkehrt, will man gar nicht wahrhaben.

    Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass viele Ostdeutsche nach der Wende enttäuscht waren, wie die Dinge gelaufen sind. Ich denke auch, dass sich das zum einen Teil nicht verhindern lässt, weil der grundlegende Wechsel des Wirtschaftssystems nach Jahrzehntes des Niedergangs nicht ohne Brüche und Enttäuschungen funktionieren kann, auf der anderen Seite hätte es aber sicher auch die Chance gegeben, den Prozess klüger und weniger Konfliktbehaftet zu gestalten.

    Das alles ändert aber nichts dadran, dass diese Gebäude von einer Diktatur errichtet wurden, die man sogar selbst zu Fall gebracht hat. Dass man dies gegenüber den eigentlich jahrhundertealten vorhandenen Bauten bevorzugt und verteidigt, dafür fallen mir eben zwei Erklärungen ein:

    Erstens, diejenigen, die diese Positionen vertreten, sind Altkommunisten, die Teil des Systems waren, davon profitiert haben und über dessen Niedergang immer noch enttäuscht sind, beziehungsweise die Politik von damals aktiv weiter verfolgen. Hier sind sicherlich die Schreihälse aus Potsdam ein Beispiel, über die man in den Potsdamer Themen ja fast wöchentlich zu lesen bekommt.

    Zweitens, die Indoktrination der sozialistischen Diktatur hat tatsächlich funktioniert, auch bei solchen Menschen, die heute keine kommunistischen Ideen mehr unterstützen, sodass man von der eigenen Geschichte entwurzelt wurde (dementsprechend alte Gebäude ablehnt) und gleichzeitig die vermeintlichen eigenen Errungenschaften als viel wertvoller ansieht und diese außerdem gegen einen imaginären Klassenfeind verteidigen muss. Wie gesagt, das wäre mehr so eine unterschwellige Indoktrination des Normalbürgers.


    Keine dieser beiden Analysen würde ich allerdings meinen werten Forumskollegen unterstellen wollen, deswegen habe ich mein Unverständnis hier nochmals zum Ausdruck gebracht. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mit den Wendeerfahrungen persönlich nie zu tun hatte - zum einen, weil ich erst nach der Wiedervereinigung geboren wurde, zum anderen, weil ich in den bisherigen Stationen meines Lebens fast kaum Gelegenheit hatte, Menschen aus der ehemaligen DDR kennenzulernen. Köln und die Eifel liegen doch auch sehr weit im Westen von Deutschland. Von daher mögen tatsächlich die gekränkten Gefühle eine größere Rolle spielen, als ich mir das vorstellen kann.


    Ob ich nun besonders tolerant bin, mögen andere beurteilen. Ich könnte an der Stelle darauf verweisen, dass ich als Moderator hier im Forum bisher meines Erachtens nicht durch restriktive Maßnahmen oder Löschwellen (wie das bisweilen bei Vorgängern der Fall gewesen sein mag) aufgefallen bin. Was andere Themenfelder angeht, mag das anders sein.

    Wo ich jedenfalls relativ wenig Toleranz habe, ist bei hässlicher Architektur, weswegen ich ja auch für den Verein aktiv geworden bin. Hier mag man mir meine Intoleranz vorwerfen, aber ich bin tatsächlich der Meinung, dass eine schöne, lebenswerte Umwelt vorgeht vor den hässlichen Monströsitäten, die in in Folge der Nachkriegszeit oder irgendwelcher Diktaturen errichtet wurden und dazu stehe ich auch. Ich brauche keine Brüche, oder brutalistischen Klötze, bloß weil irgendwann in der Vergangenheit mal etwas schief gegangen ist. Die Brüche und Klötze kann ich mir gerne in Dokumentationen und Bildbänden ansehen, aber ich muss sie nicht jeden Tag vor Augen haben.


    Kommen wir zu guter Letzte zur Kölner Oper: Ich stimme Ihnen völlig zu, dass dieses Projekt ein einziges Desaster ist. Was den Berlinern ihr Flughafen ist, ist den Kölnern ihre Oper. Dass dieses Gebäude nach dem Krieg auf Bestreben einer Einzelperson errichtet wurde und aufgrund dessen die nur vergleichweise gering beschädigte, und teilweise schon wieder instand gesetzte alte Oper abgerissen wurde, macht die Sache noch viel schlimmer. Hier kann man fast den Bogen zurück zu Ulbricht und seinen Abrissen schlagen - auch wenn die Anfang des 20. Jahrhunderts errichtete Oper natürlich bei Weitem nicht die Bedeutung der im Osten zerstörten Bauten hatte, so ist sie doch auch ein Beispiel, dass man auch im Westen ohne Not abgerissen hat. An deren Stelle steht nun übrigens ein hässlicher Riesenklotz, und weil das so schön passt, wird direkt gegenüber aktuell der nächste Riesenklotz hochgezogen. Um es kurz zu machen - ich bin absolut dafür, den Riesenklotz abzureißen (den neuen am Besten gleich mit), die aktuelle Desaster-Oper, die übrigens von außen auch ein hässliches Monstrum ist, ebenfalls abzureißen und die alte Oper an ihrem alten Standort wieder hinzubauen. Und ich würde keinem einzigen der aktuell vorhandenen Gebäude auch nur eine Träne nachweinen oder sie gar als Teil der Kölner Identität begreifen.


    So, und als Moderator muss ich natürlich anmerken, dass diese Diskussion eigentlich nichts mehr im Baywobau-Thread zu suchen hat und bei Fortsetzung verschoben wird ;)

  • Sehr geehrter Centralbahnhof,

    ich kann Ihren Ausführungen eigentlich nur zustimmen.


    Als Randnotiz möchte ich nur noch anregen, dass man zwischen der Fachhochschule und dem Rechenzentrum in Potsdam einerseits oder dem Kulturpalast in Dresden (oder der Robotron-Kantine) andererseits in Qualität und Bedeutung eben doch deutliche Unterschiede sehen sollte.
    Und das begründet eben auch Denkmal- (Kulturpalast) oder Nichtdenkmal-Status (die anderen 3).

    Einfach mal vorbei kommen und sich das ganze in Natura anschauen. Man muss ihn ja nicht schön finden. Aber Qualität und Bedeutung erschließen sich dem aufmerksamen Betrachter dann doch.

    Und, ja Sie haben es korrekt erkannt: Gebäude wie der Dresdener Kulturpalast oder die Anbauten an der Semperoper SIND zum unverzichtbar gewordenem Bestandteil der Identität ihrer Stadt geworden.

    Und man wird die letzten 75 Jahre Geschichte nicht beseitigen können, so sehr man es sich auch wünscht.


    ----


    Ein weiterer Denkanstoß:

    Vermutlich wird die Wiedererrichtung von Gebäuden v.a. in Berlin oder Potsdam von großen Teilen der Bevölkerung als Projekte der eingewanderten Westdeutschen zur Erniedrigung der "Einheimischen" wahrgenommen. Weil sich dort die "Ostdeutschen" tatsächlich durch die bauliche Entwicklung und den Immobilienmarkt in ihrer eigenen Stadt besonders - und stärker als in Jena, Leipzig oder Dresden - verdrängt fühlen und wohl auch tatsächlich werden (Berliner Vorstadt in P, Prenzlauer Berg - Friedrichshain etc.)

    "Dass man in Wirklichkeit die Identität der eigenen Stadt zurückkehren lässt, will man gar nicht wahrhaben." Sehe ich auch so. Wenn man merkt, dass man verdrängt wird und unter die Räder kommt, fängt man an sich zu wehren. Auch in Ersatz-Kämpfen gegen Rekos. In soweit verstehe ich diese Reaktionen der "Eingeborenen" auch wenn ich Sie für komplett falsch halte.


    Noch eine Frage:

    Würden Sie auch für die Schirn in Frankfurt einen Abriss ernsthaft vorschlagen, und wie würde man DORT einem solchen Vorschlag entgegentreten?

  • Ich glaube der Schirn wurde in FFM kaum jemand nachtrauern. Zumindest nicht dem Gebäude, welches mit etwas Phantasie aussieht, wie eine geladene Knarre......

  • Ich denke, dass es derzeit in Frankfurt nicht vermittelbar wäre, die Schirn Kunsthalle abzureißen. Das Gebäude ist sehr beliebt und wird von vielen Leuten als gute Architektur wahrgenommen. Etwas anderes wäre es, wenn sie so marode wäre wie die dortigen Städtischen Bühnen. Dann müsste man sie abreißen, und ich denke, dass es dann auch keine großen Einsprüche gäbe. Nicht aber ohne Not.


    Köln bräuchte nicht abzureißen, um ein Neumarkt-Projekt durchzuziehen. Köln hat ja einen existenten Altstadt-Bereich.


    Zu Dresden fällt mir eine Episode der Zeit kurz vor dem Wiederaufbau der Frauenkirche ein. Ein junger Dresdner äußerte sich abfällig gegen den Rekonstruktionsplan. Ich antwortete ihm, dass doch die Frauenkirche das Symbol des alten Dresden sei. Er antwortete, nein, das sei schon der Zwinger. Diese Kirche sei überflüssig.


    Ich will sagen, dass diese Leute ohne diese historischen Gebäude aufgewachsen sind. Sie hatten keine Beziehung mehr dazu. Für sie veränderte sich nun plötzlich von außen ihre Lebenswelt, die Welt ihrer Kindheit und Jugend. Das wurde als eine Art Bedrohung wahrgenommen. Deshalb womöglich auch das Festhalten an einigen Gebäuden der Ost-Moderne. Bei anderen (vor allem "Wessis") mögen noch ideologische Gründe eine Rolle spielen. Die DDR-Moderne als Symbole der sozialistischen Vision früherer Jahrzehnte, die nun von konservativ-"reaktionären" Rekonstruierern und/oder kapitalistischen Gentrifizierern attackiert werde. So ähnlich mag das in den Köpfen herumspuken.

  • So endlich mal zurück zum eigentlichen Thema.

    Dank gut beleuchteter Baustelle Bilder von gestern Abend.


    Die Schössergasse hat nun auch die erste Wand

    https://abload.de/image.php?img=img_3386q3k28.jpg


    Blick in die Sporergasse, das ist übrigens die einzigste Stelle am Neumarkt, wo man die frühere Enge richtig erleben kann, da sich hier zwei Gassen kreuzen.

    https://abload.de/image.php?img=img_3387zuk54.jpg


    Und abschließend noch einmal von der Schloßstraße

    https://abload.de/image.php?img=img_33886uk97.jpg

    Wenn nicht anders angegeben, sind alle Bilder von mir.

  • Bilder vom gestrigen Neumarkt-Rundgang.

    Ich wünsche allen einen schönen und nicht zu verregneten Sonntag. :smile:


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    Eine Visualisierung der Ecke Sporer-/Schössergasse mit dem Cäsarschen Haus

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    Mir ist ein bisschen schleierhaft, wie man in diese enge Bebauung noch einen Arkadenhof hineinzimmern will...:blink:

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  • Bilder vom heutigen Rundgang. Man ist jetzt schon beim 1. Obergeschoss... :smile:


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    Blick in die Schössergasse, man sieht hier rechts die Aussparung für den künftigen Erker am "Fürstlichen Haus".


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    Allen einen schönen Sonntag.