Bremen - Innenstadt

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    • Lieber Villa1895 und lieber Josh430,

      in der Tat hat man an der Südseite der Ostertorstraße großflächig ‚tabula rasa’ gemacht und ein wesentlicher Profiteur davon war der monotone Kasten des Amtsgerichts, welcher sich ja noch mit seinem hohen Seitenflügel in die Komturstraße erstreckt, wo für ihn St. Elisabeth hat weichen müssen. Vor dem Hintergrund dieser Kahlschlagspolitik wirkt der postmoderne ‚Schwibbogen’ an der Einmündung der Straße ‚Marterburg’ mit dem aufgesetzten Schriftzug ‚Schnoor’ nur noch lächerlich.

      Abbildung 01
      Vergleich des Zustandes der Südseite der Ostertorstraße zwischen Marterburg und Dechanatstraße. Links vor 1914, rechts Gegenwart. Auch hier hat das Baugeschehen der letzten Jahrzehnte den einstigen Altstadtcharakter der Straße total negiert !



      Abbildung 02
      Südseite der Ostertorstraße auf einem vergrößerten Ausschnitt aus der Stadtkarte von 1938.



      Abbildung 03
      Blick von der Domsheide in Richtung Ostertorstraße. Die Häuser der Südseite zwischen Dechanatstraße und Komturstraße sind einigermaßen zu erkennen.



      Abbildung 04
      Ansicht der Südseite der Ostertorstraße von der Domsheide aus gesehen. Links erkennt man die erste Baustufe des Gerichtsgebäudes (heute Landgericht), welches noch nicht um den vom Ostturm überragten Anbau erweitert wurde, denn man kann noch ein hohes Giebelhaus an der späterer Stelle des Letzteren erkennen. Den Endpunkt der Sichtachse bildet die westliche Seitenfront der Kunsthalle, die schon in den Wallanlagen gelegen ist. Das Restaurant ‚Kaiserkrone’ (Nr. 35) ist auf der rechten Straßenseite (als mittleres der drei hohen Giebelhauser [das vierte zur Rechten ist ja deutlich niedriger], mit seinen glatten Giebelkanten) gut sichtbar. Ganz rechts am Bildrand ragt das mächtige Kaiserliche Postamt - die heutige Hauptpost (bzw. das Oberstufengebäude der katholischen St. Johannis-Schule [!]) - mit seiner von Kandelabern flankierten Freitreppe empor.



      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Pagentorn ()

    • Rendite, Rendite, Rendite!

      Es ist doch so, dass wohl kaum mehr ein Gebäude, welches den Eigentümer durch Kauf wechselt, bleiben wird, wie es mal war.
      Zu hoch ist der Kaufpreis, als dass man sich als Kaufmann nicht genötigt sähe, ein zwei Etagen aufzustocken oder gar in Gänze neu zu bauen, um die Immobilie besser "verwerten" zu können.

      Und nur wenn der Denkmalschutz seine Hand über ein Gebäude ausgebreitet hat, KANN sich etwas altes erhalten. Leider ist auch der Denkmalschutz keine Bestandsgarantie und zu biegsam ist der Denkmalschutz im Wind und zu willkürlich seine Bewertung von Gebäuden.

      Gilt der Denkmalschutz, dann ist dieser aber zu isoliert und schafft teilweise bedauerliche und lächerliche Denkmalsinseln. Siehe das Gewerbehaus, den "Knurrhahn", Suding & Soeken...oder auch die Sparkasse am Brill...

      Leider sind die geschlossenen Denkmalbereich in Bremen heute darum räumlich oft unverbunden und im Einzelnen zu klein.
    • Die hier von Pagentorn eingestellten Bilder des Renaissancegebäudes Ostertorstraße 35 machen mich nur noch fassungslos. Ich bin ja schon einiges gewohnt, habe selbst mit den Strängen Abrißstadt..... dazu beigetragen, mehr Licht ins Dunkel zu bringen, aber irgendwann scheint der Punkt zu kommen, wo man es kaum noch aushält. Bei mir entsteht der Eindruck, dass Bremen wohl - neben Stuttgart - die Hauptstadt der Bewegung war. Die Hauptstadt der Zweiten Zerstörung durch die Moderne. Wie ist das nur möglich gewesen (und es setzt sich ja bis heute fort, wie man an vielen Abrissen in letzter Zeit im Stadtteil Schwachhausen erkennen kann). Wie kann man ein Gebäude aus der Renaissance abreißen, hätte nicht der hier schon häufiger thematisierte Karl Dillschneider (oder seine Vorgänger), der zur Zeit des Abrisses wohl der dafür verantwortliche Baudenkmalpfleger war, hier seinen Job machen müssen? Kopfschüttelnd verlasse ich diese Seite und wundere mich schon im voraus, was noch so an "Hämmern" hier auftaucht. Und dann weigern sich einige, hier von Schuld (Strang: Die Ursachen der Abrißwut) zu sprechen: Die Schuld der Politik, der modernen Stadtplaner und der Baudenkmalpflege.
    • findorffer schrieb:

      Bei mir entsteht der Eindruck, dass Bremen wohl - neben Stuttgart - die Hauptstadt der Bewegung war. Die Hauptstadt der Zweiten Zerstörung durch die Moderne.
      Das sehe ich nicht ganz so. Bei mehreren Besuchen in Bremen in den letzten 3 Jahren hatte ich den Eindruck, dass zumindest in der Innenstadt deutlich mehr historische Architektur vorhanden ist, als in meinem Geburtsort Stuttgart. Auch gerade bei den größeren Profanbauten. Insgesamt war mein Eindruck von Bremen durchaus positiv und der einer sehenswerten Stadt. Obschon ich weiß (nicht nur durch diesen Strang), dass es unglaublich viele Verluste noch bis in die späten Nachkriegsjahre gab, hat mir Bremen immer recht gut gefallen.
      "Mens agitat molem!" "Der Geist bewegt die Materie!"
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      Ich sehe Bremen auch ganz oben bei der Nachkriegszerstörung. Es hatte den Krieg -wie schon vielfach dokumentiert- recht gut überstanden, v.a. angesichts seiner geografischen Lage. Bis auf wenige Traditionsinseln alles weg, letztlich ist an der Innenstadt wenig anders als an denjenigen Frankfurts (vor dem DomRömer Projekt) oder Hannovers, mit Stuttgart ist die Situation imho überhaupt nicht zu vergleichen, da wie dokumentiert hier viel mehr abgerissen wurde.

      Im Stadtbild ist es am Ende bei den NRW-Städten, nur durch das relative Glück im Krieg dann eben doch nicht ganz Essen oder Gelsenkirchen geworden, sondern vielleicht eher Düsseldorf. Selbst in den früher extrem schönen Vorstädten ist das meiste zerstört worden und wird weiter zerstört.

      Das hier:




      spiegelt die Realität -völlig unabhängig vom Krieg und Nachkriegsabrissen- in Bremens Vorstädten leider wesentlich besser wieder als in meinen bisweilen recht selektiven Fotostrecken. Letztlich hat Bremen sich mit großem Erfolg seiner Identität beraubt.

      Stuttgart hingegen ist mir von meinen Besuchen als sehr gepflegte und in den Altbauquartieren sehr edle Stadt in Erinnerung, mit dem runtergekommenen, verwahrlosten öffentlichen Raum und ebensolchen Häusern wie in Bremen gar nicht zu vergleichen. Gerade neulich war wieder eine Fotostrecke von zwei auswärtigen Volontären im Weserkurier, und wieder fiel der Vergleich zu den 80er Jahren durch diese Leute mit ihrem Blick von außen auf die Stadt. Die Bremer haben sich so mit diesem Steckenbleiben arrangiert, dass sie es gar nicht mehr merken, dabei habe ich völlig unabhängig von mehreren Menschen dieselben Gedanken gehört, ein Freund aus Berlin sagte vom "Viertel" im Jahr 2017, so stelle er sich Kreuzberg in den 80ern vor, auch ich selbst habe Bremen als eine Zeitreise empfunden, als ich Mitte der 2000er Jahre hierherkam. Mittlerweile merkt man das nicht mehr so, wird betriebsblind, aber die ganze Stadt verkörpert einen Investitionsstau wie sonst vielleicht nur Herne und Gelsenkirchen.

      Solange aber in Bremen diese bräsige Selbstzufriedenheit sitzt, die ich sonst nur von Städten wie Köln kenne (habe ich auch schon vor Jahren in einem dieser Stränge geschrieben), solange wird sich an diesem Zustand nichts ändern. Nirgends in Deutschland weicht die Fremdwahrnehmung so sehr von der Eigenwahrnehmung ab wie hier, ein bisschen Marktplatz, Schnoor, Böttcherstraße, die Touristenbusse mit den Umlandrentnern kommen ja, hoffentlich werden sie nicht bestohlen, reicht doch, wie in einer lokalen Bierwerbung. Ein seltsamer, fast trotziger Stolz auf die Unzulänglichkeiten und Zumutungen dieser Stadt, rührend fast in ihren guten Momenten. Auch ich lasse mich gelegentlich von dieser "reicht doch"-Stimmung anstecken, wie man in meinen bisweilen sehr positiv gefärbten Stadtteilgalerien sehen kann, aber solche Stränge wie dieser helfen einem doch, der Realität ins Auge zu sehen.

      Bremen ist vielleicht noch 10% seines alten Selbst, und zwei zudem noch verhunzte Traditionsinseln ändern daran leider gar nichts.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Heinzer ()

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      Ich bin ja häufiger - mal so 10 - 15 Minuten - auf dem Bremer Marktpaltz und lasse das Touristengeschehen auf mich einwirken. Und oft schon hörte ich die Touristen sagen: So, das war jetzt der Marktplatz, jetzt kommt noch die Böttgerstraße und der Schnoor - und das war´s dann schon.
      Ich glaube, die Situation vor dem Krieg war da wohl anders - da brauchte man bestimmt drei Tage, um die Bremer Sehenswürdigkeiten wahrzunehmen.
      Wir sprechen hier ja auch nur über die Abrisse der Innenstadt und deren daran anschließenden Stadtteile, also etwa 10 % der Gesamtstadt. Über die Abrisse in den anderen Stadtteilen ist hier ja noch gar nicht berichtet worden. Allein der Bremer Norden, also Lesum, St. Magnus, Vegesack, Blumenthal, Rönnebeck usw. hatte viele historische Gebäude verloren und stand bisher nicht im Fokus. Dazu kommt der gesammte Bremer Westen und die vielen Verluste im bürgerlich-ländlichen Stadtteil Oberneuland, Horn-Lehe und und und.........Ich spreche hier von schlossähnlichen Villen, die dem Straßenbau weichen mussten oder der Verwertung durch Immobilienmakler.

      Würde das alles hier aufgezeigt werden, könnten es einige nicht aushalten und würden sich zur therapeutischen Behandlung anmelden.
    • Neu

      findorffer,

      die "Baedeker" des frühen 20. Jahrhundert rieten dem interessierten Bremen-Besucher 5 Tage für eine allumfassende Stadtbesichtigung einzuplanen.

      Heute, im Jahre 2019, reichen dafür Stunden.
      Die Tourismus-Branche in der Stadt - und damit neben Hotelketten auch Shops und Gastronomie - kann sich glücklich schätzen, wenn aus den Stunden immerhin eine Übernachtung wird.

      Ich denke, diese einfachen Zahlenbeispiele stehen explizit für die Begriffe Vergangenheit und Gegenwart der Freien Hansestadt Bremen.


      Ich brauche hier nicht wirklich aufzuzählen, was der alte "Baedeker" an Bremen besonders hervorhob: Die Pracht an historischer Bausubtanz, die "sehbare" Reichhaltigkeit, die erlebbare Geschichte, den fassbaren Reichtum und Stolz einer Stadt des ehemaligen Hanse-Bundes.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Jakku Scum ()

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      Auch da noch eine Anekdote von meinem ersten Bremen-Besuch Mitte der Neunziger, als ich einen Freund besuchte, der hier Zivildienst leistete. Er wohnte irgendwo draußen, würde schätzen Borgfeld (?) oder so, weiß ich nicht mehr genau. Stadt zeigen stand auf dem Programm, wir fuhren mit der Straßenbahn in die Stadt und ich weiß noch, dass ich dachte, mein Gott, wie hässlich, irgendwann stiegen wir aus, und als wir am Marktplatz um die Ecke bogen kann ich mich noch sehr an diesen, sagen wir "Schreck" erinnern, dass das irgendwie überhaupt nicht passt, viel zu schön ist, eben eine echte "Insel" inmitten des Grauens ist. Dieses Gefühl, welches natürlich sehr ehrlich und unverfälscht meinem ersten Eindruck entspricht, ist noch sehr präsent, auch wenn ich es nicht mehr nachvollziehen kann, weil ich abgestumpft bin für die ganzen Abscheulichkeiten, man beginnt, sich einzureden, dass die frühen Nachkriegsgebäude ja doch ganz ordentlich sind oder dass ein bisschen Klinker immer passt etc., der Domshof ja gar nicht so schlimm, die Sögestraße ganz nett etc.

      Dabei muss man einfach ganz klar konstatieren, dass ein Großteil von Bremens Zentrum zum schlimmsten gehört, was die 50er bis 90er Jahre In Deutschland so produziert haben. Und dazu eben noch maximal runtergekommen. Hier werden eben immer noch glücklich Plastikfenster eingebaut, mit Sprossen in Aspik und weißen Plastiklandhaustüren, außenliegenden Rollädenkästen etc., geschmacklich ebenfalls 80er Jahre, wie vieles in der Stadt. Und genau so war auch mein erster Eindruck. Jede Chance auf eine nachhaltige Wende wird durch eine klebrige Selbstzufriedenheit und Ignoranz wieder zunichte gemacht, ganze Generationen an Menschen, die etwas ändern wollten, wie die Gruppierung um Carsten Meyer und den findorffer in den 90ern wurden hier zerschlissen, ohne, dass sich etwas geändert hätte. Nach einem Schritt nach vorne (von denen es natürlich auch welche gibt, zeige ich ja auch immer ganz brav) folgen hier zwangsläufig zwei zurück, so dass man die Resignation und auch den Negativismus der Menschen, die sich hier aufgerieben haben, gut verstehen kann.

      Mein Kumpel ist dann auch sehr schnell aus Bremen geflohen, nachdem er mir brennende Mülltonnen in Osterholz-Tenever gezeigt hatte und am helllichten Tage in eine Schießerei am Sielwalleck geraten ist. Ich wollte hier entsprechend nie hin und -ironisch, wie das Leben so spielt- bin ich dann fast 10 Jahre später aus ganz anderen Gründen doch wieder hier gelandet und klebengeblieben. So ist das Leben!
    • Neu

      Ein schöner Farbfilm vom noch ehrwürdigen, unzerstörten Bremen:











      Alle Filmausschnitte von Agentur Karl Höffkes


      Und nun natürlich der eigentliche Link zum Film (ab Minute 10:03:45):

      archiv-akh.de/filme?utf-8=%E2%9C%93&q=farbe#248
      "Man kann einen gesellschaftlichen Diskurs darüber haben, was Meinungsfreiheit darf. Oder man hat Meinungsfreiheit!"

      Meinungsfreiheit bedeutet aber mehr als nur das Recht auf eine eigene Meinung. Es bedeutet auch, nach den eigenen Ansichten leben und handeln zu dürfen.
    • Neu

      Lieber Exilwiener,

      diese Farbfilmaufnahmen sind eine gute Ergänzung zu den Sorger-Farb-Dias von September 1939 !

      Auf dem von Ihnen hochgeladenen 'Standbild' der Domsheide kann man sehr schön erkennen, um wie viel freundlicher das Gerichtsgebäude (das heutige Landgericht) mit seinem patinierten Kupferdach wirkte. Das Letztere fiel ja der Buntmetallsammlung während des Krieges zum Opfer. Das an seiner Stelle installierte Dach aus Dunklen Schindeln, besteht - sicherlich öfters ausgebessert bzw. erneuert - bis heute und macht aus dem 'Justiz-Palast' einen düster dräuenden Kasten !

      Was die Dachzone angeht sind insofern das Bremer Gerichtshaus und der Berliner Dom Leidensgenossen...
    • Neu

      Heinzer schrieb:

      Auch da noch eine Anekdote von meinem ersten Bremen-Besuch Mitte der Neunziger, als ich einen Freund besuchte, der hier Zivildienst leistete. Er wohnte irgendwo draußen, würde schätzen Borgfeld (?) oder so, weiß ich nicht mehr genau. Stadt zeigen stand auf dem Programm, wir fuhren mit der Straßenbahn in die Stadt und ich weiß noch, dass ich dachte, mein Gott, wie hässlich, irgendwann stiegen wir aus, und als wir am Marktplatz um die Ecke bogen kann ich mich noch sehr an diesen, sagen wir "Schreck" erinnern, dass das irgendwie überhaupt nicht passt, viel zu schön ist, eben eine echte "Insel" inmitten des Grauens ist. Dieses Gefühl, welches natürlich sehr ehrlich und unverfälscht meinem ersten Eindruck entspricht, ist noch sehr präsent, auch wenn ich es nicht mehr nachvollziehen kann, weil ich abgestumpft bin für die ganzen Abscheulichkeiten, man beginnt, sich einzureden, dass die frühen Nachkriegsgebäude ja doch ganz ordentlich sind oder dass ein bisschen Klinker immer passt etc., der Domshof ja gar nicht so schlimm, die Sögestraße ganz nett etc.
      Ich bin ein wenig irritiert. Die Straßenbahn von Borgfeld gibt es doch erst seit 2002. Ich glaube, die Endstation war zu der Zeit irgendwo bei der Horner Mühle. Und wenn man dort einsteigt, dann ist die "Einflugschneise" von der Horner Kirche bis - sagen wir - Parkstraße, bestimmt gut drei Kilometer, ästhetisch recht ansprechend. Klar, auch hier wurde und wird dem Stadtbild Gewalt angetan, man denke nur an den noch ausstehenden Abriss der "Medien Villa" bzgl. dem ich mich mit dem Beirat auch ein wenig angelegt hatte, warum man hier nicht rechtliche Konstrukte zum Schutz gewählt hatte (bin promovierter Winkeladvokat und habe natürlich leicht reden). Aber wenn gerade diese Passage "hässlich", gar ein "Grauen" ist, dann steht das recht konträr zu dem, was in diesem Forum als gelungener Städtebau bezeichnet wird.

      An dieser Stelle eine kleine Anekdote meinerseits: Meine bessere Hälfte hat viel Besuch von auswärts; mir, als überzeugtem Eremiten, obliegt es dann leider eine kleine Stadtführung zu organisieren. Zumeist beginnt diese in der Innenstadt: Schnoor, Böttcherstraße, Schlachte, Marktplatz - der ganze Kram. Im Slalom geht es dann durch die RyanAir Tagestouristen und wenn ich meine Connections zum Rathaus aktiviere, dann gerne auch mit einer kleinen abschließenden Führung durch eben jenes (immer wieder schön!). Den Westteil der "Altstadt" anzusteuern ist sinnlos: hier steht nur noch das Gewerbehaus - ohne die Ansgariikirche ist dieser Teil der Stadt verloren.

      Wenn der Besuch nicht vollkommen verfettet ist - passiert leider immer seltener - gehen wir dann gerne die 3-4 Kilometer mitunter im Zickzack vom Marktplatz aus über Domsheide, Ostertor, Fesenfeld bis in die Gete (etwa Bereich Elsasser Straße, wo sich meine Klause befindet). Mitunter streue ich auch die Wallanlagen ein. Ich achte hier schon darauf, die schönen Seitenstraßen zu gehen, lasse aber "Problemzonen" wie die Sielwallkreuzung (für mich spielt hier das Leben) nicht aus - auch genügend Bausünden finden sich auf dem Weg. Das Sparkassengebäude zersetzt mir gerne die Großhirnrinde. Ich kann diesen Zeitgeist nicht akzeptieren. Jedenfalls läuft es dann meist so ab, dass der Besuch mit der Zeit ein wenig stiller wird, die Umgebung ganz anders aufnimmt und wir anfangen, über die Architektur zu reden. Gerade neulich meinte ein Pärchen aus Darmstadt, als wir durch eine der klassischen Altbremer-Haus-Straßen tingelten versunken: "Sowas haben wir bei uns gar nicht mehr." Am meisten kommen diese Straßen zur Geltung, wenn es ein lauwarmer Sommertag ist, und die Bewohner mit einem Tee auf dem Hochparterre verweilen und man ganz zwangslos ins Gespräch kommt. Dann kann man in guter bremischer Manier auch manche Verballhornung eines Altbremer-Hauses ausblenden, ich nehme mich da nicht aus.

      Generell eine weitgehende Zerstörung der Vorstädte zu konstatieren, halte ich aber für übertrieben, auch wenn der Verlust immens ist. Meines Erachtens sind gerade diese zahlreichen Altbremer-Haus-Straßen, die die Stadt mitunter recht holländisch erscheinen lassen (vor allem rechts der Weser etwa: Gete, Bürgerparkviertel, Teile Findorrfs, Barkhof, Ostertor, Fesenfeld, Peterswerder, Harzviertel), ein wesentliches Erbe dieser Stadt und nach der Zerstörung der Altstadt vielleicht der prägende Teil. Damit will ich die massiven und zahlreichen Nachkriegszerstörungen auch in diesem Bereich nicht kleinreden; was findorffer und Pagentorn hier in ihren wertvollen Beiträgen an Abbrüchen etwa an der Parkallee dokumentieren, macht mich zunächst sprachlos und schließlich wütend. Was hier geschehen ist, muss in die Köpfe der Menschen rein, damit der Schutz der noch intakten Viertel nicht der Rendite geopfert wird, wie es etwa mit dem Abriss eines Altbremer-Hauses in der Graf-Moltke-Straße der Fall war - auch hier wurde die Erhaltungssatzung erst erlassen, als es für das Haus zu spät war. Vielleicht findet dann auch endlich ein Umdenken statt und wir schaffen es, einige wichtige Rekos anzustoßen. Darum halte ich es auch für immens wichtig, diese Themen (früheres Stadtbild, Abrisse etc.) in der breiten Öffentlichkeit zu platzieren: in der Lokalpresse finden sich heute meine Meinung nach weit mehr Leserbriefe und Artikel hierzu als früher, so zumindest mein Eindruck.

      Ich habe noch abschließend ein kleines Anliegen. Weiter oben wurde das Buch "Mehr als nur Fassaden" von Carsten Meyer angesprochen, das ich sehr schätze. Weiss jemand mehr zur Rechtesituation oder kennt gar den Autor? Meines Erachtens wäre hier eine Neuauflage sehr zielführend, vom Verlag habe ich allerdings noch keine Rückmeldung erhalten.

      P.S. Noch eine weitere Frage meinerseits, die mir erst nachträglich eingefallen ist: Hie und da liest man in einigen Themensträngen davon, dass irgendetwas im Gange ist. Sei es ein Verein, eine Homepage oder sonst etwas. Aber wirklich Konkretes hört man hierzu nicht, es bleibt ein wenig nebulös. Ich kann verstehen, dass man sich erst einmal organisieren möchte, bevor man an die Öffentlichkeit tritt, ich glaube aber, dass einige im Forum sich gerne beteiligen würden. Hier nehme ich mich nicht aus. Gerne kann ich auch meine Expertise (Recht und Informatik) einbringen - pro bono versteht sich. Aber an wen wendet man sich am Besten?
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      Wut ist auch mein vorherrschendes Gefühl gewesen, als ich die obigen Beiträge geschrieben habe, der verbale Rundumschlag war aber sicherlich unangemessen. Trotzdem entspricht die geäußerte Anekdote der Wahrheit, es kann allerdings sein, dass wir mit dem Auto in die Stadt gefahren sind, was vielleicht den Fehler mit der nicht verlängerten Linie 4 erklärt. Erinnere mich als Freund des Niederdeutschen noch an die Slogans auf den damals gerade erst eingeführten neuen Niederflurbahnen "Eten, supen, pupen, dat mok buten", auch wenn dieser Wunsch wohl bis heute nicht erhört wurde.

      Wir standen irgendwann am Bahnhofsplatz, mein Kumpel ritt auch sehr auf der Hochstraße rum, vielleicht war die Führung auch ein wenig durch seine insgesamt sehr gemischten Erfahrungen hier geprägt. Später wohnte er dann noch in einer WG am Ostertorsteinweg, das war glaub ich ganz nett. Trotzdem kann ich mich nur auf diese Erinnerung einer hässlichen Stadt mit schönem Marktplatz berufen, das war eben mein Eindruck, wie gesagt möglicherweise beeinflusst von der Motivauswahl des Freundes, der mir auch Tenever gezeigt hatte, wo die Essensauslieferungen von Essen auf Rädern (er war ja Zivi) damals eingestellt wurden, weil die Essen immer aus den Autos geklaut wurden, wenn sich der Zivi über die vollgepinkelten Gänge zu den Wohnungen vorarbeitete. Hat er mir auch alles gezeigt, wie gesagt inkl. brennender Mülleimer in diesen unterirdischen Versorgungsstraßen unter dem fürchterlichen Komplex.

      Sicherlich kein ganz fairer Blick auf die Stadt, wobei ich abgesehen von der rhetorischen Übertreibung zum meisten Gesagten weiterhin stehe. Erst heute ist mir eine ganz frische Sanierung eines prachtvollen Bremer Hauses an der Bismarckstraße aufgefallen, in dem der Eigentümer doch tatsächlich eine asymmetrische Fensteraufteilung gewählt hat, alles nagelneu, wohlgemerkt. Es wird hier weiterhin in einem Ausmaß dilettiert bei Altbausanierungen, das mir den Atem verschlägt. Ich werde in den nächsten Tagen mal ein Foto machen, es ist tatsächlich kaum zu glauben, dass so etwas irgendwo sonst passieren kann, außer vielleicht der einen oder anderen Ruhrstadt.

      Zu Deinen Betrachtungen in Bezug auf die warme Jahreszeit in von Bremer Häusern gesäumten Straßen vollste Zustimmung. Das kommt hier naturgemäß immer etwas kurz, dieses extrem spezielle Lebensgefühl mit dem Leben zur Straße in diesen Gegenden. Käffchen auf der Treppe, Kinder auf der Straße, abends kommen ein paar Nachbarn zum Bier dazu - das gibt's so in keiner anderen Großstadt und auch nicht in Kleinstädten, wo sich die meisten hinter ihren Häusern sichtgeschützt aufhalten. Eine extrem menschliche Architektur, schon immer gewesen, quer durch alle Stadtteile und soziologischen Schichten. Auch diese perfekte Trennung von öffentlichem (Straße), halböffentlichem (Vorgarten, Treppe, Wintergarten) und privatem Bereich (auch Thema bei Carsten Meyer) ist einfach göttlich, sowas wird heute einfach nicht mehr gebaut. Ein düsterer Eingang, der "Vorgarten" nurmehr Mülltonnenabstellplatz oder Garageneinfahrt, das war's, auch das macht menschliche Architektur natürlich aus.

      Ich bin auch schon seit Jahren auf der Suche von weiteren Spuren von Carsten Meyer, aber er ist unauffindbar und das Buch 1997 eben ganz kurz vor verbreiteten Internet- oder Emailadressen veröffentlicht worden. Aber der findorffer kennt den Mann noch persönlich, wenngleich auch er keinen Kontakt mehr hat. Eine Neuauflage mit etwas aktuellerer Gestaltung und neuen Beispielen wäre sicherlich richtig wichtig, so etwas ähnliches habe ich ja hier am Anfang mal versucht....

      Freuen würde ich auf jeden Fall, wenn Du Kontakt zu Pagentorn aufnähmest, wir brauchen jeden Mann (und jede Frau natürlich auch).
    • Neu

      Ich liebe diese Anekdoten, die von Heinzer und MAK hier eingestellt wurden. Anekdoten sind ein legitimes Mittel, um subjektive Stadt- und Architekturerfahrungen wiederzugeben. Das Subjektive ist zwar eine Einzelerfahrung, aber über die Summe der ähnlichen Inhalte wird sie zur Intersubjektivität und bekommt damit eine in Richtung Objektivität schreitende Tendenz (gleichwohl sie nicht objektiv ist). Damit wird sie zum großen Gegenspieler der Theoretiker der Moderne in der Architektur, denn diese wollten ja den neuen Menschen erschaffen und da sind subjektive, mit Gefühlen über den ästhetischen Eindruck gespickte Anekdoten Störfaktoren der neuen, anzustrebenen Wirklichkeit.

      So will auch ich mich jetzt mit einer Anekdote einbringen, die aber in eine etwas andere Richtung geht als die der beiden Foristen hier.

      Es mag 20 Jahre her sein, da war im Architektenhaus im Stefaniviertel abends ein kleiner Vortrag zur Stadtplanung mit anschließender Diskussion resp. Fragestellungen. Anwesend waren vielleicht 10 bis 15 Personen einschließlich meiner Wenigkeit. Auffallend in der ersten Reihe (!) ein Herr mit maisfarbenen, gestreiften Jacket, grauer Hose, weißem Hemd und einer recht auffälligen Fliege zwischen seinem Hemdskragen unterhalb des Kinns. Es war entweder ein Architekt in der damals typischen Berufskleidung oder aber ein hohes Tier beim Bausenator, jedenfalls jemand aus dem Fach. Nun stand während der Diskusison ein untersetzter Mann von seinem Stuhl auf, etwa über 70 Jahre alt und beklagte, dass die einst so schönen Häuser an der Schla chte (also direkt an der Weser) fast alle verschwunden seinen, ein Teil davon abgerissen, viele hätten nur Teilschäden gehabt, unser einst so schönes Bremen sei durch die neue Bebauung nicht schöner geworden man hätte alles wieder aufbauen müssen. Der Mann, man merkte es an der Sprache und an der Kleidung, kam aus einfachen Verhältnissen, schon meine Wiedergabe seiner Worte ist umfangreicher, als er gesprochen hat. Aber ich fand damals, er hatte recht.

      Dann kam der Herr im karrierten Jacket. Er drehte sich um und zischte diesen armen Erdenbürger dermaßen an, dass der sich gleich eingeschüchtert auf seinen Stuhl setzte. "Seien sie still" und "was reden sie für einen Unsinn". Einschüchternd auch das non-verbale Gebahren. Alle waren irgendwie betroffen und schwiegen - ich auch - angesichts des im Ganzen Autorität austrahlenden Gehabes. KEINE WIDERREDE stand in jedem Knopfloch seines Jackets.

      Mir tat noch tagelang später der "einfache Herr" leid, ich stimmte ja mit ihm vollkommen überein und ich ärgerte mich damals, dass ich nicht in der Lage war, diesem meisfarbenen Jacket etwas entgegenzuhalten. Ich war damals wohl ein ANEK-TOTER, hatte aber meine erste Erfahrung mit der (bereits mal vom Landskonservator in Spiel gebrachten) Arroganz von Architekten/Baubehördenleidern/Modernisten gemacht. Die Sache hallt bis heute bei mir nach und hat mich nachhaltig mißtrauisch gegenüber den angesprochenen Vertretern dieser Berufsgruppen gemacht.
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      Kaiser-Wilhelm-Denkmal



      Das 1893 in Gegenwart seines Enkels eingeweihte Denkmal Kaiser-Wilhelms I. auf dem Areal der ehemaligen Alten Börse am Liebrauenkirchhof, war eines der reichsweit allerersten Denkmäler, welche dem Monarchen gesetzt wurden. Die Reiterfigur selber wurde von Robert Bärwald entworfen und bei Gladenbeck gegossen (ebenso die Allegorien am Sockel). Der Sockel mit seinen Allegorien hingegen war von Johann Georg Poppe gestaltet worden . Im Zweiten Weltkrieg wurden zunächst die Allegorien demontiert, sodaß das Reiterstandbild selber noch eine Gnadenfrist erhielt. Im Mai 1942 wurde es dann aber ebenfalls abgebaut und letztlich eingeschmolzen. Der Sockel wurde erst nach dem Krieg entfernt. Zeitweise wurde sogar überlegt, diesen mit einer neuen Skulptur (mutmaßlich die Stadtmusikanten zeigend) zu schmücken und somit am Ort zu belassen. Da diese Pläne nicht realisiert wurden, ist die Fläche des Denkmals gegenwärtig leer.

      Grundsteinlegung 1890 durch Kaiser Wilhelm II.



      Enthüllung des Denkmals 1893 durch Kaiser Wilhelm II.



      Gang um das Denkmal und durch die Zeiten.















      Der zugunsten der Buntmetallsammlung entdekorierte Sockel.



      Die Schatten der entfernten Allegorien sind deutlich zu erkennen.



      Vorschlag einer neuen Nutzung für den leeren Sockel in der Nachkriegszeit (mutmaßlich Stadtmusikanten-Denkmal).



      Der Platz nach Entfernung des Sockels. Die Verkaufsbude in der Mitte ist nicht mit dem ehemaligen Sockel zu verwechseln !