Tausenden Kirchen droht der Abriss

  • Anbei ein paar Bilder der vergangenen Tage vom Abriss der Kirche:


    Der Altar 2016



    Der Altar 2021






    Alle Bilder von mir, September / Oktober 2021.


    Die Glocken sind bei einer Spezialfirma eingelagert. Die Orgel hat inzwischen ein neues Zuhause gefunden. Und alle weiteren Inventar - Stücke sind innerhalb der Kirchengemeinde verteilt worden.


    Wie schon im Bericht oben geschrieben ist der Kirchenbau ansich kein Verlust. Es ist nur traurig, dass ein weiterer Ort der christlichen Kirche in Deutschland verschwunden ist. Mehr möchte ich dazu an dieser Stelle nicht sagen oder schreiben.


    Punkt!

  • Die Frage muss aber erlaubt sein, was man mit den ganzen (fast) ungenutzten Kirchen sonst machen soll? Die Kirchen haben einen Doppelschlag zu verdauen, 1. den demografischen Wandel, also immer mehr alte Menschen und eine besonders auf dem Land schrumpfende Bevölkerung und 2. eine zunehmende Säkularisierung, die mit unheimlicher Geschwindigkeit voranschreitet.


    Ich bin Jahrgang 1975, und entsprechend war es Anfang der 90er Jahre der Regelfall, dass in meiner evangelischen Heimat mehr oder minder alle konfirmiert wurden, aus meiner Klasse (die bereits gymnasial war und in einer Universitätsstadt, also sicherlich nicht besonders traditionell) wurden bestimmt 15 Jugendliche konfirmiert, der Rest war (wie ich) katholisch, wenige bereits damals ausgetreten.


    Heute ist mein Sohn eines von 5 Kindern in seiner Klasse, der zum Konfirmandenunterricht geht. Der Regelfall ist innert einer Generation zum Ausnahmefall geworden. Und bereits meine Generation war ja weitgehend säkularisiert, also Exerzitien hat da niemand mehr gemacht, aber die Tradition bestand noch.


    Also, eine ganz neutrale Frage: Was soll man sonst machen? Solange es diese 60er Dinger sind, geht es ja noch. Schlimm wird es, wenn es an die Dorf- und Stadtkirchen geht.

  • Die Kirchen sollten für alle Angebote machen.

    ohne Skandale, sympathisch, offen, vielfältige Nutzungen:

    als Raum für Konzertveranstaltungen /

    als Seniorentreffpunkt / als Hort /

    als Datingort / als Genussort für Baukunst /

    als Raum für Gottesdienste / Hochzeiten / Taufen / Andachten

    als Raum für Weihnachtsfeiern mit und ohne Gottesbezug /


    dann werden sie endlich richtig genutzt und im Herzen der Menschen sein - ob gläubig oder nicht

    jede Seite wird dadurch Achtung und Wertschätzung erfahren

  • Um die Kirche ist es nicht schade. Allerdings wohl um die Glasfenster, die man nicht ausgebaut hat.


    Ich bin kein Kirchenmitglied (mehr), insofern berührt mich der Verlust von Kirchen primär hinsichtlich baukünstlerischer Motive. Für baukünstlerisch wertvolle Kirchen sollten Neunutzungen nach den Vorschlägen "Goldsteins" gesucht werden. Zum Beispiel als Konzerthalle, als Bürgertreff/Vereinsheim usw.

    Die Frage muss aber erlaubt sein, was man mit den ganzen (fast) ungenutzten Kirchen sonst machen soll?

    Ich gebe für die baukünstlerisch weniger wertvollen Kirchen eine Antwort, mit der ich mir hier wohl nicht viele Freunde machen werde.


    Aber, es gibt ja auch wachsende religiöse Glaubensgemeinschaften in Deutschland. Diese benötigen Gebetsräume. Somit könnte man die Kirchen ihnen zur Umwidmung überlassen.


    Nun werden einige vielleicht wütend werden, aber ich sehe es aus zwei Aspekten.

    Erstens: Das Vitale verdrängt das Morsche. Somit ist es eine logische Konsequenz, dass die einen abtreten und die anderen antreten, also auch Räume und Räumlichkeiten übernehmen.

    Zweitens: Wenn sich die Anhänger der innerlich aufgegebenen und danach räumlich verdrängten Religion darüber beschweren, werden sie zu ihrem Glauben zurückfinden müssen. Nur durch die Erfahrung des schmerzlichen Verlusts ist wohl Entwicklung und möglichenfalls eine christliche Renaissance möglich.

    Ich beobachte das von der Seitenaus-Linie.

  • Das Vitale verdrängt das Morsche.

    So wahnsinnig vital ist die andere große Religionsgemeinschaft auch nicht.


    Die Entwicklung Richtung Säkularisierung läuft dort IMHO sogar in einem noch viel drastischeren Ausmaß ab, weil der Ausgangspunkt ein anderer ist. Die Einwanderer der 1. Generation, meist aus ländlich/kleinstädtischen Milieus, waren/sind noch einer tiefen Volksfrömmigkeit und überlieferten Traditionen verbunden - etwa wie es die Deutschen vor Beginn der Reformation waren. Die Mehrheit davon kommt dennoch innerhalb einer Generation, spätestens jedoch der 2., in der selben Gegenwart wie "wir" an.

    Eine Minderheit geht den Weg in die Gegenrichtung, igelt sich ein oder radikalisiert sich sogar, zieht dabei mediale Aufmerksamkeit auf sich. Und lässt vergessen, dass die typische deutsch-türkische Familie einen Alltag lebt, der sich kaum noch oder gar nicht mehr von dem der Biodeutschen unterscheidet. Man geht 2-3 mal im Jahr in die Moschee, die Tochter im Teenager-Alter knutscht bauchfrei auf dem Schulhof und der Sohn wird mit einem Joint erwischt. So ist das Leben.


    Ich bin angesichts dieser Entwicklung zwiegespalten. Ich komme selber aus einem aktiv-christlichen Elternhaus, bin mit Kinderbibel und täglichen gemeinsamen Abendgebet aufgewachsen. Aber irgendwann beginnt man mehr zu sehen und nachzudenken. Es gibt x-verschiedene Religionen mit ganz unterschiedlichem Vorstellungen, die unmöglich alle gleichzeitig wahr sein können. Warum sollte ausgerechnet die eigene "Recht haben", und alle anderen nicht? Wenn es eine übergeordnete allmächtige Instanz geben sollte, weshalb schaut diese unbeteiligt-gleichgültig jedwedem Elend zu?


    Was von der Kirche für mich geblieben ist, ist die Erinnerung an das innige Verhältnis, dass ich in meiner Kindheit zum Glauben hat. Es lässt sich perfekt nachfühlen im mystischen Halbdunkel eines mittelalterlichen Kirchenbaus. In der architektonischen Nüchternheit einer Nachkriegskirche empfinde ich hingegen einfach nur NICHTS.


    Solche Gebäude müssen deshalb ja nicht zwingend abgerissen werden. Manche würden vielleicht eine wunderschön großzügige KiTa oder einen Treffpunkt für ältere Menschen abgeben. Aber die Säkularisierung wird sich nicht stoppen oder zurückdrehen lassen, und wir müssen uns der Entwicklung stellen.

  • Die Kirchen

    als Raum für Hochzeiten / Taufen / Andachten / Weihnachtsfeiern mit und ohne Gottesbezug

    Die meisten Menschen hegen auch heute noch den Wunsch bei solchen Feierlichkeiten einen würdigen Ort aufsuchen zu können, eventuell mit besonderem Ritus den Anlass zu begehen. Wenn man dazu die wichtigsten Kirchen in den Zentren unserer Städte nutzen kann, wäre das eine würdigere Nutzung, als wenn man da irgendetwas rein baut und komplett umnutzt. Auch ist dieser hochrepräsentative Ort nichts, wo eine andere Religion dominieren sollte. Die Kirchenbauten bleiben nämlich ein Machtsymbol in den meisten Städten, das sollte nicht von einer im europäischen Kulturkreis nicht etablierten Religion alleinig vereinnahmt werden. Zumal auch weiterhin eine von anderen Nationalstaaten gesteuerte Glaubensausübung dort fest etabliert ist.

  • Säkularisierung läuft in allen Religionen ab. Zwangsläufig. Weil die Informiertheit und das Bildungsniveau steigen, Jahrtausende alte Schriften zu wenige oder falsche Antworten haben, weil der Lebensstil sich radikal wandelt. Auch in den ärmsten Staaten hat heute fast jeder ein Smartphone und Internet. Das ändert einfach alles. Alles was an Wachstum in Religionskreisen zu sehen ist sind mehr oder minder Rückzugsgefechte.


    Mit dieser Realität darf man sich erstmal anfreunden.


    Und damit zur Baukunst. Vor allem in Europa müsse wir uns da Gedanken machen. Wir haben einen solchen Reichtum an wertvollen Kathedralen und weiteren Dorf- und Stadtkirchen. Was sind wirklich geeignete Nutzungen, die möglichst viel bis alles original erhalten und zugleich den Unterhalt möglichst leicht gestalten? Man wird sie nicht alle einfach als Museen halten können. Es sei denn man führt eine Art Kulturerbe-Steuer ein, als Ersatz für die Kirchensteuer. Als Minimalstaat-Anhänger fänd ich das aber keine smarte Lösung.

  • Weil die Informiertheit und das Bildungsniveau steigen, Jahrtausende alte Schriften zu wenige oder falsche Antworten haben, weil der Lebensstil sich radikal wandelt.

    Da wiederum widerspreche ich bedingt. Ab einem gewissen Maß an Säkularisierung und Aufklärung, die sich im Alltag oft in der Sucht nach Ablenkung, Konsum, Flucht in Drogen äußern, wächst auch wieder das Bedürfnis nach Spiritualität bzw. Religiosität. Ob sich dieses in einer Hinwendung zu alten Buchreligionen äußert, ist eine andere Sache. Aber die säkular-aufgeklärte Welt gibt auch keine wirklichen Antworten. Da hilft alle "Informiertheit" nichts.

    - offtopic Ende -

  • Spiritualität und organisierte Religion sind zwei grundverschiedene paar Schuhe. Spiritualität nimmt in fortgeschrittenen Gesellschaften zu, Religion nimmt ab. Lässt sich auch wiederum anhand von Spiral Dynamics nachvollziehen.


    Wer Harari gelesen hat, kennt sicher auch seine These, dass angesichts des ultraschnellen technologischen Wandels das Bedürfnis nach Halt im Glauben zunehmen mag. Das spricht aber auch nicht wirklich für die großen Buchreligionen, die eben wie gesagt kaum brauchbare Ansätze für diesen radikalen Wandel aufzeigen. (Wiederum schon eher z.B. für den Buddhismus, Zen, Shinto)


    Und noch eine Mindset-Sache: Ich sagte zwar, dass die Buchreligionen kaum Antworten liefern. Wonach die Gesellschaft aber mE eigentlich suchen sollte, sind die richtigen Fragen.

  • Die Frage nach der Religion steht auf einem ganz anderen Blatt. Zur Zeit werden Minarette gebaut, während die Kirchen verfallen. Das Problem sind die enormen Unterhaltungskosten. Kirchendächer haben eine riesige Fläche. Wer soll das bezahlen. Dachstühle verfaulen und stürzen ein. Es bleiben oft nur die Umfassungswände stehen. Eine Restaurierung ist zwar prinzipiell möglich (Marienkirche Dessau) wenn ein Nutzungskonzept und eine günstige zentrale Lage in einer größeren Ortschaft besteht. Bei Dorfkirchen fehlt dies in der Regel.

  • wobei man sagen muss, dass die Deutschen Dorfkirchen im Gegensatz zu vielen anderen Ländern überwiegend in sehr guten Zustand sind. Auch weil man denkmalpflegerisch über Jahrzehnte einen starken Fokus darauf hatte.


    Zugleich denke ich, dass wir in den nächsten Jahren einige für solche Sanierungsaufgaben sehr hilfreiche Technologien in der Breite anwenden können, was viele dieser Bauten retten könnte. Ich denke dabei an Laserscans, 3D-Druck von Bauteilen, Bauroboter, Drohnen für komplexe Substanzerfassung, Online-Datenbanken die mit KI gefüttert werden wie man alte Bauten saniert, usw.

  • ^In der Aufzählung wurde die Translozierung zum Mars mittels Flugscheiben oder direkten Beamens vergessen. Dort könnte es in den wachsenden Kolonien auch Verwendung für die Dorfkirchen als elektronische Kommando-Zentralen geben.:zwinkern:


    Im Ernst: Bislang sehe ich noch keine flächendeckenden Einstürze von Kirchendächern. Zur Wahl steht aber bei abnehmendem Bedarf - wie bei den innerstädtischen Kaufhäusern - der Abriss oder das Finden einer neuen Nutzung. Ist letztere gefunden, sind Sanierungen/Instandsetzungen das kleinere Problem. Noch gibt es Bauarbeiter und Baustoffe. Es liegt also nicht am noch unausgereiften 3D-Druck, wenn Kirchen abgerissen werden, sondern an der mangelnden Idee zu einer Nachnutzung.

  • Translozierung zum Mars mittels Flugscheiben oder direkten Beamens vergessen

    Spar dir mal deine albernen, unkonstruktiven Querschüsse, danke.


    Und klar gehts am Ende immer um die Nutzung. Die Ironie ist doch oft genug, dass selbst im ländlichen Raum irgendwelche neuen Gemeindezentren, Bürgersäle, Veranstaltungshallen, Museen und was weiß ich was alles gebaut werden, während die Dorfkirche direkt daneben quasi ungenutzt rumsteht.

  • "erbse", ich kann angesichts Deiner hyperutopischen Zukunftseuphorie eben manchmal nicht an mich halten. Du darfst Dich rächen, indem Du irgendeinen Gedanken von mir demnächst mal als rückwärtsgewandt und zukunftsbremsend karikierst.:zwinkern:


    Hier mal ein Buchtipp für Dich (und das meine ich gar nicht böse; ich besitze das Buch selbst). Es zeigt Dir viele Utopien seit 1900. Halbwegs realisierte und solche, die vom Wind der Euphorie ins Nirwana geweht wurden. Als Anregung oder Erdung, ganz wie Du möchtest:

    Angela und Karlheinz Steinmüller: Visionen 1900 - 2000 - 2010.


    Ansonsten sind wir ja einer Meinung. Wenn Neubauten errichtet werden, sollte immer erst geschaut werden, ob leer stehende oder ungenutzte historische Bausubstanz nicht dafür umgenutzt werden kann.

  • Wir klären das hier gern einfach mal kurz.

    "Eine Utopie ist der Entwurf einer möglichen, zukünftigen, meist aber fiktiven Lebensform oder Gesellschaftsordnung, die nicht an zeitgenössische historisch-kulturelle Rahmenbedingungen gebunden ist."


    Eine Hyper-Utopie wäre demnach eine Steigerung, die noch ferner den heutigen Verhältnissen ist.


    Nun ist es aber so, dass die Technik die ich erwähnte bereits heute existiert und fortentwickelt wird. Sie kommt auch ganz konkret auf dem Bau zum Einsatz. Ich spreche also von breiterer Adaption existierender Technik. Das hat nix mit Utopie zu tun. Wenn du mehr Infos zu diesen Themen wünschst, es gibt zahllose Quellen dazu, die ich an anderer Stelle gern empfehlen kann.

  • Es gibt ja auch schon Flüge zum Mars (wenngleich bislang noch unbemannt). Also existierende Technik. Es gibt zum Beispiel Drohnen, Online-Datenbanken, 3D-Druck. Das hast Du Recht.


    Es stellt sich aber erst mal die Frage, ob diese Techniken auch flächendeckend für das hier diskutierte Anliegen Verwendung finden. Ob sie schlicht wirklich zur Lösung des aktuellen Problems notwendig sind oder einen spürbaren Nutzen erbringen. Auch der Thermomix ist eine existierende Technik. Was diese aber effektiv für die Architekturerhaltung bringt, wird sich zeigen.(*)


    Und zudem stellt sich die Frage, was erwähnte Techniken denn daran ändern, dass viele Kirchen eben zukünftig nicht mehr benötigt werden? Ohne Nutzungskonzept können die beste Drohne und ein KI-Computerprogramm keine Kirche retten.


    (*) Um ein Beispiel aus dem von mir erwähnten Buch zu nehmen. Die Technik des Baus von Hochwasserdämmen ist schon lange bekannt. Bislang aber fand sie keine Verwendung dafür, einen Damm an der Straße von Gibraltar zu bauen, um damit das Mittelmeer trocken zu legen und Siedlungsneuland zu gewinnen. Das ist eine der in dem Buch erwähnten Utopien, oder nenne es "Visionen".

  • Der Punkt mit der Technik ist doch nur einer von vielen. Ich meinte damit, dass der flächendeckende Erhalt von Baudenkmalen potenziell leichter und automatisierter vonstatten gehen kann, wenn weniger hochqualifizierte Arbeitskraft dafür benötigt wird (von Statikern über Denkmalpfleger, Historiker, Architekten bis Maurer, Zimmerer, Maler und Steinmetz).


    Und ich hatte hier ja nun schon oft genug Beispiele für Nachnutzungen verlinkt. Die Niederlande die mit der Säkularisierung noch weiter sind zeigen da spannende Ansätze.

  • ...


    Ansonsten sind wir ja einer Meinung. Wenn Neubauten errichtet werden, sollte immer erst geschaut werden, ob leer stehende oder ungenutzte historische Bausubstanz nicht dafür umgenutzt werden kann.

    Da gibt es leider das Problem Denkmalschutz. Im Raum nördlich von Halle gab es viele Kirchenruinen. Für einige von ihnen haben sich Retter gefunden, nachdem das Dach schon eingebrochen war. Hätte man rechtzeitig eine Behelfsdeckung erlaubt, wäre es nicht so weit gekommen.